7. Hinunter zur Stadt

Der Feldweg endet in einem schmalen Trampelpfad. Ihn steige ich jetzt hinunter. Er führt auf die Stadt zu. Da unten sehe ich einen großen, lang gezogenen Hügel. Es ist hoch aufgeschütteter Schotter. Dahinter erkenne ich eine Baustelle für eine neue Eisenbahnanlage. Ich sehe nagelneue Gleise. Es fahren noch keine Züge auf diesen Gleisen. Heute ist Samstag, deshalb ist auf der Baustelle alles ruhig.

Ich muss diese Gleise überqueren. Hinter ihnen beginnt die Stadt. Ich glaube, dass es schwer wird, die Straße zur Oma zu finden. Die Stadt sieht unübersichtlich aus. Vom Trampelpfad aus sehe ich viele Straßen.

Jetzt erreiche ich das Ende des Trampelpfades. Ich stehe vor dem langen Schotterhügel. Ich steige langsam hinauf. Oben setze ich mich auf die Steine. Ich suche ein Plätzchen, von dem aus ich nicht gesehen werde. Ich muss noch eine Zeitlang warten, bis ich in die Stadt hineinlaufe. Bestimmt ist der Vater dort unterwegs und sucht mich.

Von dem Schotterhügel aus kann ich alles sehr gut sehen. Ich glaube hier wird mich so schnell niemand entdecken. Auf der ruhigen Baustelle stehen Kräne und Maschinen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise sehe ich eine Neubausiedlung. Die Straße ist noch nicht geteert. Ich sehe Staubwolken von fahrenden Autos.

Da drüben wohnen Familien. Ich sehe sie in ihren Gärten. Ich höre einen Rasenmäher. Heute arbeiten die meisten Familien in ihren Gärten. Heute werden die Gehsteige sauber gekehrt.

So ist es samstags bei der Stiefmutter und dem Vater. In unserem Garten im Dorf gibt es immer viel Arbeit. Kurz nachdem wir eingezogen waren, war der Garten noch verwildert. Gebüsch und Wiese wucherten über den Zaun. Das Gras stand meterhoch. Das Haus muss längere Zeit unbewohnt gewesen sein, deshalb blieb auch der Garten lange unbearbeitet.

Ich hatte nichts dagegen, dass es im Garten so wild aussah. Darüber regten wir Geschwister uns niemals auf. Die Stiefmutter hatte sich sehr darüber aufgeregt. Anfangs hatte ihr der Garten überhaupt nicht gefallen. Er war ihr viel zu verwildert und unordentlich. Deshalb hatte sie uns täglich hinunter geschickt, um Unkraut zu jäten. Später, nachdem wir das Gröbste beseitigt hatten, schickte sie uns nur noch am Wochenende in den Garten.

Das Unkraut hatte sie damals sehr geärgert. Es wucherte überall hervor. Es ärgerte sie, dass es auch zwischen ihren Tulpen und Geranien wucherte. Aber besonders hatte sie sich immer darüber aufgeregt, dass es auch zwischen den Steinplatten des Gartenweges wucherte. Schlimm für die Stiefmutter war auch das Unkraut, das unter der Treppenstufe vor der Haustür hervorsprießte.

Das alles musste säuberlich weggerissen werden. Die Stiefmutter hatte dieses Unkraut immer ganz schlecht gefunden. Es gehört nicht in ihr Bild, ihres Gartens, vor dessen Gartentürchen ein sauber gefegter Gehsteig liegt. Die Stiefmutter hatte dieses unordentliche Unkraut, diesen Schmutz im Bild unseres friedlichen Hauses mit seinem gefegten Gehsteig und dem sauberen Gartenweg nicht ertragen. Sie hatte uns gesagt, alles Unkraut müsse vernichtet werden, alles im Garten müsse sauber und ordentlich aussehen. Unkraut sehe unordentlich aus.

Unkraut im Garten und Schmutz auf dem Gehsteig hatten für die Stiefmutter etwas Anrüchiges. Ich glaube der Stiefmutter war es vor allem wichtig gewesen, dass unsere Nachbarn und die Dorfbewohner einen sauberen Garten vor unserem Haus sahen. Vielleicht musste der Garten wegen der Nachbarn sauber sein.

Manchmal hatte sie uns Kindern vorgeworfen, dass wir „nicht ganz sauber“ wären. Was sie damit meinte, hatte ich nie verstanden. Doch jetzt fällt mir ein, dass es vielleicht auch mit dem Garten zu tun hatte. Der saubere Garten sollte die Nachbarn und Dorfbewohner beruhigen. Niemand sollte denken, in unserer Familie sei etwas „nicht ganz sauber“ oder nicht in Ordnung. Ich glaube, die Stiefmutter hatte wirklich gedacht, das Unkraut wäre anrüchig. Vielleicht machte es ihr sogar Angst, weil es in ihren Augen so unordentlich ausgesehen hatte. Vielleicht wollte die Stiefmutter alles Unkraut weggerissen haben, weil sie Angst davor hatte, die Nachbarn könnten wegen eines ungepflegten Gartens auf uns aufmerksam werden. Vielleicht hatte sie Angst, dass dann die Nachbarn auf Vorgänge in unserem Haus aufmerksam werden. Die Nachbarn hätten vielleicht Rückschlüsse vom Garten vor unserem Haus auf mögliche Zustände in unserem Haus gezogen. Vielleicht hatte die Stiefmutter das mit dem penibel ordentlichen Garten, zu vermeiden gesucht.

Ob nun mit diesem sauberen Garten oder nicht, es fallen mir keine Anhaltspunkte dafür ein, dass bei uns zu Hause nicht alles so ist, wie es den normalen bürgerlichen Bedingungen irgendeiner anderen Familie dieses Dorfes entspricht. Tatsächlich glaube ich, dass es von den Nachbarn völlig falsch wäre, einem Irrglauben wegen unseres nicht ganz unkrautfreien Gartens zu verfallen. Nichts ist bei der Stiefmutter und dem Vater in unserem Haus „nicht sauber“. In unserem Haus ist alles sauber, weil alles von uns Geschwistern so gepflegt und gemacht wird, wie es die Stiefmutter befiehlt.

Jedem Befehl von ihr leisten wir Gehorsam. Zu Hause sind wir nicht aufmüpfig, wir sind nicht frech, wir sind nicht schmutzig und wir tun nichts, wenn es nicht befohlen wird. Wir unterbrechen Erwachsene nicht, wenn sie sprechen. Wir Kinder sprechen nur dann, wenn wir gefragt werden. Wir leben so, wie es die Erziehung von Stiefmutter und Vater fordert. Wir versuchen, uns genau so zu verhalten, wie sie es verlangen. Ich glaube, wir geben unser Bestes. Wir strengen uns an, den Forderungen von Stiefmutter und Vater gerecht zu werden. Wir sind absolut unterwürfig und folgsam.

Manchmal schaffen wir nicht alles, was verlangt wird. Zum Beispiel lernen wir das Schreiben in der Schule nicht so schnell und so gut, wie das in Deutschland vielleicht sein muss. Ein Grund für den Vater und die Stiefmutter, uns zu schlagen. Zu Hause tun wir alles, was Erwachsene verlangen. Zumindest versuchen wir es immer. Ich glaube, deshalb sind wir eine richtig gute normale Familie.

Es wäre wirklich ein Irrweg der Nachbarn, anderes zu denken. Was bei uns zu Hause los ist, ist alles völlig normal. Nichts widerspricht der Tradition der Nachbarsfamilien, des Dorfes oder dieses Landes.

Ich glaube, wir werden erzogen, wie die Stiefmutter und der Vater selbst erzogen wurden. Für uns gibt es keinerlei „Extrawürste“. Die Zügel werden aber auch nicht extrem fest angezogen. Die Zügel werden von der Stiefmutter und dem Vater in normaler, vielleicht „dorfüblicher“ Manier von Zucht und Ordnung gehalten. Ich glaube, es gibt keine außergewöhnlichen Abweichungen in unserem alten Haus im Dorf. Was zu Hause gilt, gilt ja auch in der Schule. Auch der Lehrer in der Dorfschule schlägt manchmal zu. Es ist nichts Besonderes. Wahrscheinlich ist das Schlagen des Vaters und der Stiefmutter völlig normal.

Das Unkraut im Garten und der Schmutz auf der Straße vor unserem Haus werden regelmäßig von uns restlos beseitigt. Die Nachbarn und das Dorf werden niemals auf unsere Familie aufmerksam werden. Meine Familie ist normal und unauffällig, wie jede andere Familie im Dorf. So gesehen, ist überhaupt kein Grund dafür erkennbar, warum ich jetzt hier auf diesem Schotterhügel sitze. Vielleicht gibt es keine vernünftige Begründung dafür, dass ich jetzt vor der Bahnbaustelle stehe und hinüber auf die große Stadt blicke. Ich glaube, das kann mit Vernunft nicht begründet werden. Vielleicht sehe ich das so, weil ich finde, dass, was täglich zu Hause geschieht, auch nicht vernünftig zu begründen ist.

Kein Nachbar im Dorf, vielleicht kein Mensch in diesem Land, der durch das kleine Dorf spaziert, könnte einen vernünftigen Grund für meinen heutigen Marsch zur Oma erkennen.

Trotzdem bin ich heute auf der Flucht.