6. Sicht auf die Stadt

Jetzt sehe ich die Stadt vor mir. Ich stehe auf einem Hügel. In welche Richtung geht es von dieser Stadt in den kleinen Ort zur Oma? In der Stadt muss ich eine bestimmte Straßenkreuzung suchen, von der es zur Oma geht. Auf dieser Kreuzung steht ein Schild mit dem Namen des Ortes, in dem die Oma wohnt.

Die Oma ist gar nicht meine richtige Oma. Aber das macht mir nichts aus. Sie hatte sich jahrelang, damals als wir noch im Kinderheim lebten, um meine Geschwister und mich gekümmert. In den Schulferien hatten wir sie oft besucht, und häufig hatte sie davon gesprochen, dass wir das Kinderheim vielleicht eines Tages wieder verlassen dürfen. Die Oma glaubte, dass wir ein viel schöneres Leben hätten, wenn wir hier beim Vater wohnten. Sie hatte auch daran gedacht, dass wir sie vom Vater aus viel öfter besuchen könnten, als von dem weit entfernten Kinderheim.

Weil sie glaubte, dass wir es beim Vater besser hätten und auch der Vater uns schon lange aus dem Kinderheim holen wollte, hatte sie ihn jahrelang dabei unterstützt. Ich glaube, die Oma hätte das nicht getan, wenn sie damals geahnt hätte, dass der Vater zu uns Kindern so ist, wie er ist. Die Oma konnte das unmöglich ahnen, denn wir hatten ja im Kinderheim und nicht beim Vater gelebt. Wenn wir zu Besuch gekommen waren, wohnten wir bei ihr und nicht beim Vater, weil dessen Wohnung zu klein gewesen war.

Im Haus von Oma ist viel Platz für Kinder und es ist wirklich schön. Bei ihr wohnen viele Kinder. Sie hat einen großen Garten, in dem ein alter Wohnwagen steht. Im Garten spielen die Kinder Versteckspiele und Fangen. Bei ihr ist immer was los. Auch Opa ist sehr nett. Beide mögen mich und meine Geschwister sehr gern. Oma und Opa hatten sich sehr gefreut, als wir endlich zu unserem Vater ziehen durften und nicht mehr im Kinderheim leben mussten.

Letztes Jahr, am Tag als uns der Vater aus dem Kinderheim abgeholt hatte, fuhren wir im weißen Käfer mit dem Vater zuerst zur Oma. Danach waren wir in das Haus der Stiefmutter und des Vaters gefahren. Seit diesem Tag hatte ich die Oma nie wieder gesehen.

Im Ort unterhalb des Hauses, in dem die Oma wohnt, hatten wir Anfang letzten Jahres einige Wochen mit der Stiefmutter und dem Vater in einer kleinen Wohnung gewohnt. Es war die Wohnung des Vaters. Er hatte sie jahrelang allein bewohnt, als wir Kinder noch im Kinderheim lebten. Diese Wohnung war zu klein für die Familie, deshalb hatte der Vater das alte Haus im Dorf gemietet.

Obwohl wir im Ort nur kurz gewohnt hatten, erinnere ich mich noch gut an die kleine Wohnung und an die Umgebung. Unweit der kleinen Wohnung liegt der Fußballplatz. Da hatten wir Geschwister täglich gespielt. Da hatten wir schnell andere Kinder kennen gelernt. Und es gibt da, gleich um die Ecke, eine kleine Eisdiele.

Jetzt, wo ich daran denke fällt mir ein, dass wir im vergangenen Jahr, als wir kurz in dem Ort beim Vater und der Stiefmutter lebten, noch Taschengeld bekommen hatten. Von diesem Geld hatte ich manchmal Eis in der Eisdiele gekauft. Aus den roten Automaten, von denen es in dem Ort beinahe an jeder Ecke einen gibt, kaufte ich von meinem Taschengeld Kaugummis. Ich glaube, damals hatten die Stiefmutter und der Vater noch nicht solch große Geldsorgen, wie später im Dorf.

Auch meine alte Schule liegt ganz in der Nähe der kleinen Wohnung. Zu Fuß hatte ich sie in wenigen Minuten erreicht. In diesem Ort gibt es auch ein Hallenbad, es liegt gleich neben der Schule. Im Sportunterricht hatten wir es oft besucht. Klassenkameraden und Lehrer hatten es ganz toll gefunden, dass ich so gut schwimmen kann. Das hatte ich gar nicht gekannt. Für mich ist es normal, gut schwimmen zu können. Im Kinderheim hatten alle Kinder gut schwimmen gelernt, denn wir waren sehr oft im Schwimmbad gewesen. Mein gutes Schwimmen war im Kinderheim nichts Besonderes.

Um zur Oma zu gelangen, muss ich diesen Ort finden. Er liegt einige Kilometer von der Stadt entfernt. Ich muss diesen Ort durchqueren. Zur Oma geht es einen steilen Berg hinter dem Ort hinauf.