6. Aus dem Dorf

Ich löse meinen Blick von der alten Scheune. Ich tue es ungern, aber es muss sein. Ich muss weiter fort von hier. Meine Schritte höre ich. Sie werden schneller. Die Schuhe sind immer noch nicht gebunden. Ich höre die offenen Schuhbänder, sie klackern wieder.

Rechts kommt jetzt schon die Raiffeisensparkasse. Gegenüber liegt das Haus, in dem Peter wohnt. Peter ist ein Spielkamerad. Seine Eltern sind Bauern. Sie stellen eigenen Apfelsaft her, den sie uns anbieten, wenn wir Peter besuchen. Rund um die Scheune und im Garten von Peter hatten wir oft getobt, wir spielten Fangen und Verstecken. Viele Nachmittage hatten wir bei Peter verbracht. Zu seinem Geburtstag hatte er von seinen Eltern ein richtiges Indianerzelt geschenkt bekommen. Beim Cowboy-und-Indianerspiel hatten wir viel Spaß mit Peter.

Für uns ist Peter ein toller Spielkamerad. Er hat Spielsachen, von denen wir nur träumen. Seine Eltern freuen sich, wenn meine Geschwister und ich zu Besuch kommen. Die Stiefmutter und der Vater wissen davon nichts. Zu Hause erzählen wir fast nichts mehr. Sicherlich würden sie uns unseren Freund Peter verbieten, genauso wie die Bibelgruppe.

Ich glaube, Peter geht es gut. Sein Vater arbeitet auch sehr viel und sehr lange, jeden Tag. Aber er schreit nicht so viel und schlägt nicht so wie meiner. Ich glaube, er spricht viel mit Peter. Einmal hatte ich sie miteinander reden hören. Das Wetter war sehr schlecht und Peters Vater war deshalb schon früh von der Feldarbeit nach Hause gekommen. Peters Vater hatte gesagt: „Hallo Peter! War’s schön heute in der Schule?“ Ich hatte meine Jacke übergezogen und war schon durch die Haustür hinaus, als ich Peters Vater noch fragen hörte: „Wie wär’s, wenn wir nachher eine Runde Karten spielen?“ Peter hatte gelacht und etwas geantwortet, das ich nicht mehr verstand, weil die Haustür bereits zugefallen war.

Solche Worte spricht mein Vater abends nicht. Er spricht mit der Stiefmutter. Sie erzählt ihm alles. Sie erzählt dem Vater, was wir Geschwister tagsüber wieder alles schlecht gemacht hatten. Sie erzählt dem Vater abends immer so schlechte Sachen von uns, dass der Vater mit einem oder zweien von uns ins Kinderzimmer geht, dort seinen Gürtel aus der Hose löst und auf uns einschlägt.

Endlich verlasse ich jetzt unser Dorf. Die Glocke der Dorfkirche schlägt einmal. Es ist also Viertel nach fünf Uhr. Die Dorfstraße verläuft nun in einem weiten Bogen nach links. Sie führt leicht bergab und stößt in Sichtweite auf die breite Landstraße. Die führt auf einen kleinen Hügel und durch einen Wald. Da muss ich so schnell wie möglich hin, denn dort kann ich die Landstraße wieder verlassen. Es gibt einen schmalen Waldweg, der nach rechts abgeht. Auf ihm sind Autos verboten, der Vater darf dort mit seinem Käfer nicht fahren.

Auf der Landstraße kann jederzeit ein Auto vorbeikommen. Wenn mich da ein Autofahrer sieht um diese Uhrzeit, ich glaube, das könnte sehr gefährlich für mich werden. Ich glaube, ein Erwachsener hinter einem Lenkrad, um diese frühe Tageszeit auf der Landstraße, würde wegen mir anhalten. Es müsste nicht einmal der Vater sein. Ein Zehnjähriger hat um diese Zeit nichts auf der Landstraße zu suchen, zumindest nicht allein, wie ich es bin. Das könnte das Ende sein.

Weil ich weiß, dass ich etwas tue, das Erwachsene deshalb aufmerksam macht, weil es verboten ist, fange ich schon wieder an zu zittern. Deshalb renne ich jetzt. Jetzt ist es mir egal, denn die Häuser des Dorfes liegen hinter mir. Bauernhäuser durch deren Fenster ich vielleicht beobachtet werde, sehe ich jetzt nicht mehr. Links und rechts sehe ich Wiesen, Bäume und Felder. Meine Schuhbänder schlagen ganz wild gegen meine Hose und die Schuhe. Ich achte jetzt sehr darauf, denn ich will nicht stolpern.

Das Ortsendeschild liegt hinter mir. Es muss hinter mir liegen, ich muss es wegen meiner offenen Schuhbänder übersehen haben. Jetzt ist es vorbei mit meinem Dorf. Vielleicht komme ich nicht wieder zurück. Vielleicht sehe ich unser altes Bauernhaus mit den schiefen Wänden nie wieder. Das ist unvorstellbar.