6. Auf dem Berg

Im Ort und auf den umliegenden Bergen war ich stets sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Das Fahrrad hatten mir die Eltern gleich zu meinem ersten Geburtstag, nachdem ich zu ihnen gekommen war, geschenkt. Es war ein rotes Herrenfahrrad, Felgengröße 28 mit einer Dreigangschaltung. Nie zuvor hatte ich so ein gutes Fahrrad besessen. Von diesem tollen Geburtstagsgeschenk war ich restlos begeistert. Ich nutzte das Fahrrad beinahe täglich und bei jedem Wetter. Ich pflegte das Fahrrad besser als mich selbst. Ich wienerte oft daran herum und reparierte jeden Schaden sofort. Die Dreigangschaltung an dem Fahrrad war für mich ein großer Luxus. Mit ihr bezwang ich beinahe jede Steigung. Nahezu alle Bergstraßen der näheren Umgebung hatte ich mit dem Rad in den vergangenen Jahren mindestens einmal bezwungen. Auch zur Buswendeschleife auf den Berg hinauf zur Schule war ich oft gefahren.

Den Waldweg, den ich jetzt in Richtung meiner ehemaligen Schule entlang laufe, war ich schon oft mit dem Fahrrad gefahren. Bei meinen Fahrradtouren durch die Umgebung hatte ich mir meist wenig befahrene Nebenstrecken gesucht. Die Eltern fanden es gut, dass ich nachmittags nach den Hausaufgaben und an Wochenenden viel mit dem Fahrrad in der Umgebung unterwegs war. Ich glaube, sie dachten dabei vor allem daran, dass ein junger Mensch wie ich sich sportlich betätigen sollte, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

Als ich eines Tages allerdings den Wunsch hatte, in den Ferien alleine eine Fahrradtour hinüber in das nahegelegene Nachbarland zu machen und im Zelt auf einem Zeltplatz zu übernachten, waren die Eltern nicht mehr so begeistert gewesen. Ich war damals sechzehn Jahre alt geworden und meiner Meinung nach, vernünftig genug, um für eine Woche auf Fahrradtour zu gehen. Von meinem Taschengeld hatte ich Landkarten besorgt, zum Geburtstag hatte ich Fahrradtaschen von den Eltern geschenkt bekommen.

Die Mutter hatte gesagt, dass ich einen Brief an meinen Vormund, dessen Adresse sie mir gab, schreiben sollte. Wenn der meinem Vorhaben zustimmen würde, hätte ich kein Problem. Dann könnte ich gerne in den Ferien mit dem Fahrrad losfahren. Den Vormund, der sich weit vom Gebirgsort entfernt aufgehalten hatte, kannte ich von seltenen Besuchen in früheren Jahren. Auf meinen Brief antwortete der prompt. Er wollte wissen, ob ich einen Fahrradführerschein hätte und ob ich die Verkehrsregeln vernünftig einhalten würde. Den Fahrradschein hatte ich vor Jahren in der Schule erworben. In meinem Antwortbrief schrieb ich selbstbewusst über langjährige Fahrradpraxis zu verfügen. Das und die Kopie meines Fahrradführerscheins hatten den Vormund überzeugt. Er stimmte zu. So war ich während der Ferien mit meinem Fahrrad und meinem winzigen Zelt, das ich von den Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, im nahen Nachbarland unterwegs. Den Eltern hatte ich während dieser Ferienunternehmung keinerlei Ärger gemacht. Die Tour war vollkommen reibungslos ohne Vorkommnisse verlaufen. Während der Ferien war ich aufgeräumt gewesen. Ich denke jetzt, während ich den Waldweg am Berghang entlang laufe, dass ich damals eigentlich gezeigt hatte, dass die Eltern sich auf mich verlassen können und ich keinen Mist bauen würde, wenn sie mich laufen ließen.

Die Eltern hatten mich damals durch ihr Verhalten unterstützt. Nachdem der Vormund zugestimmt hatte und damit quasi die Verantwortung für mein Vorhaben übernommen hatte, beschenkten mich die Eltern am Geburtstag mit Fahrradzubehör und Zelt. Ich glaube für die Eltern war der formelle Akt, dass die Verantwortung beim Vormund und nicht bei ihnen lag sehr wichtig. Durch diese Regelung entfiel jeglicher Streit. Die Frage, ob es angemessen war, als Sechzehnjähriger eine selbständige Radtour zu machen wurde zuhause nicht weiter diskutiert oder angezweifelt. Weil der Vormund zugestimmt hatte durfte ich fahren. Ich glaube nicht, dass die Eltern sich durch diese Entscheidung des Vormunds bevormundet fühlten. Sie wirkten wegen dieser Entscheidung nicht verärgert, sondern sie wirkten entlastet. Die Verantwortung lag beim Vormund, nicht bei ihnen. Das war den Eltern wichtig. Ob es fragwürdig war, dass ein mehrere hundert Kilometer entfernter Vormund diese Verantwortung übernahm, war für die Eltern kein Thema. Der Vormund hatte die Verantwortung schwarz auf weiß übernommen. Das verhinderte einen Streit zwischen den Eltern und mir.

Auf der Strecke durch den Wald erreiche ich nun einen lichten Fleck mit Aussichtspunkt. Wanderer mit Stöcken und festem Schuhwerk stehen am Holzgeländer, sie blicken Richtung Tal hinunter und sie fotografieren die Bergketten ringsum. Im Vorbeigehen werfe ich einen flüchtigen Blick hinunter ins Tal. Keine Wolke, kein Nebel trübt heute den Blick hinunter. Klare Sicht auf die Berge auf der andern Seite des Tals, so wie ich sie im Sommer aus dem Schulbus täglich sah.

Der Schulbus war täglich nur wenige Meter oberhalb des Wanderweges auf der breit ausgebauten Ringstraße entlanggedonnert. In einiger Entfernung von dem Aussichtsplatz bleibe ich an einer hohen Fichte stehen. Ringsum ist es ruhig. Kein Fahrzeug nähert sich auf der oben liegenden Ringstraße, keine Wanderer kommen mir auf dem Spazierweg entgegen. Meinen Blick richte ich hinunter ins Tal. Dort unten erkenne ich den Gebirgsort, den ich bis heute meine Heimat nenne. Ich suche am Ortsrand, dicht unterhalb eines vergleichsweise niedrigeren Berges, nach dem Haus der Eltern. Mit einem Fernglas wäre das Haus der Eltern heute sehr einfach zu finden. Die Sicht ist sehr klar. Auch ohne Fernglas glaube ich das Elternhaus jetzt gesichtet zu haben. Es ist ein winzig kleiner Punkt, den ich zwischen grünen Wiesen und Wald am Ortsrand ausfindig mache. Vor dem winzigen Punkt erkenne ich einen geraden Strich. Das ist die Straße am Berg vor dem Haus der Eltern.

Obwohl der Ort klein und überschaubar ist, obwohl das Haus der Eltern und die kleine Straße vor dem Haus noch aus kilometerweiter Entfernung gut zu finden sind, obwohl in diesem Ort und über den Ortsrand hinaus alles sehr übersichtlich ist, konnten die Eltern mich nicht einfach laufen lassen. Die Eltern hatten stets Kontrolle über die Wege gehabt, auf denen ich unterwegs war. Sie pflegen wegen ihres Geschäftes im Ortskern beste Kontakte zu sehr vielen Bewohnern im Ort und in den kleineren Orten rings herum. Ich bin sicher, die Eltern hätten umgehend Meldung erhalten, wenn ich von einem Bewohner im Ort auf Abwegen beobachtet worden wäre. Trotzdem blieb stets mein Gefühl, dass die Eltern nie sicher gewesen waren, ob ich nicht Unsinn anrichte, der ihrem Ansehen als Geschäftsleute schaden könnte. Ich glaube, die Eltern hatten ein Höchstmaß an Verantwortung für mich übernommen. Ich glaube, die Eltern fürchteten, dass bereits minimale Zweifel an ihrer Verantwortlichkeit ausgereicht hätten, um ihrem Ansehen im Ort als erfolgreiche Geschäftsleute schwer zu schaden.

Eigentlich hatten die Eltern immer gewusst wo ich mich gerade aufhalte. Die Geschäftsleute im Ort haben täglich Kontakt zu den Bewohnern des Ortes. Täglich überblicken sie, was auf der Straße vor ihren Läden geschieht. Täglich tauschen sich Geschäftsleute und Kunden miteinander aus. Die Geschäftsleute im Ort wissen am besten, wer gerade wo unterwegs ist. Wenn ich also im Ort irgendwo unterwegs gewesen war, war für die Eltern eigentlich immer klar gewesen, wo ich mich gerade aufhalte oder wohin ich als nächstes gehen würde.

Ich stehe am Waldweg auf dem hohen Berg neben der Fichte und überblicke das gesamte Tal. Unten, direkt vor, mir sehe ich den Ortskern. Links davon sehe ich einige Ansiedlungen. Es sind kleine Gemeinden, die ich alle kenne. Rechts vom Ortskern sehe ich andere kleine Gemeinden. Die gesamte Umgebung dieses Ortes, so finde ich, ist eigentlich sehr übersichtlich. Jetzt, wo ich das alles noch einmal vor mir sehe, wird mir klar, dass meine Eltern in den vergangenen Jahren keinen Grund hatten, mich nicht einfach gehen zu lassen. Weil die Eltern, wegen ihres Geschäftes sehr viele Kontakte haben, hätten sie, selbst wenn ich einmal verloren gegangen wäre binnen weniger Minuten per Telefon herausgefunden, wo ich mich gerade aufhalte.

Langsam gehe ich auf dem Höhenweg weiter. Hatten die Eltern ihre Verantwortung für mich zu ernst genommen? Vielleicht hatten die Eltern berechtigte Angst davor, dass ich Mist baue. Rechts neben dem Höhenweg sehe ich jetzt einen Bussard. Er fliegt parallel zum Höhenweg. Jetzt bleibt er in der Luft vor mir stehen. Vielleicht hat er unten Beute erspäht, die er gleich ergreifen wird. Mich im Ort oder der Umgebung zu finden wäre sicherlich keine schwierige Jägeraufgabe gewesen. Ich glaube nicht, dass eine besondere Spürnase oder gar Bussard- oder Adleraugen notwendig gewesen wären, mich an jedem beliebigen Tag der vergangenen fünf Jahre aufzuspüren. Jetzt stürzt der Bussard im Steilflug direkt vor meinen Augen vom Himmel herab. Kurz verschwindet er hinter den nahen Bäumen am steilen Hang unterhalb meines Weges. Nur Sekunden bleibt er verschwunden. Wild flügelschlagend peitscht er jetzt aus den Baumkronen unter dem Höhenwanderweg auf. In seinen Krallen hält er etwas, das ich nicht erkennen kann. Wahrscheinlich hat er einen guten Fang gemacht. Mit seiner Beute zwischen den Krallen verschwindet er aus meinem Blickfeld in rechter Richtung hinauf auf den Berg.

Ich glaube, die Eltern und ich, wir hätten uns viele unangenehme Zusammenstöße erspart, wenn den Eltern klar gewesen wäre, dass ich im Grunde in diesem Ort jederzeit von ihnen auffindbar gewesen war.

Das zunehmende Misstrauen zwischen den Eltern und mir war immer wieder durch weiteres Fehlverhalten von mir aufs Neue begründet worden. Ich hatte die größte Schuld daran, dass das Misstrauen der Eltern gegen mich und meine Schandtaten nicht geringer geworden war. Immer wieder hatte ich gezeigt, dass es notwendig war, einen Menschen wie mich auf Schritt und Tritt mit einem vernünftigen Maß an Misstrauen zu beobachten, wenn nötig zu verfolgen und dem Fehlverhalten zu begegnen. Eine meiner vielfältigen Verfehlungen trug sich an einem Wochenende zu. Ich glaube ich war gerade fünfzehn Jahre alt geworden. An einem Samstagabend war ich an einem Bettuch aus meinem Zimmer aus dem ersten Stock hinunter geklettert. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte ich mich an dem Abend von den Eltern abgeseilt. In den Freizeiträumen unten in der Schule im Ort hatte an diesem Abend eine Musikgruppe gespielt. Die Musiker kannte ich alle von einer Jugendgruppe, in der ich Mitglied gewesen war. Den Eltern hatte ich von dem Konzert erzählt und ich hatte gehofft, dass ich bis Mitternacht dort bleiben könnte. Natürlich war es dumm von mir darauf zu hoffen, dass die Eltern mir für diese Musikveranstaltung bis zu so später Stunde die Erlaubnis geben würden. Solch eine Erlaubnis wäre nicht nur ein Vertrauensbeweis der Eltern gewesen. Mit ihr wäre auch verknüpft gewesen, dass die Eltern entgegen der gültigen Jugendschutzbestimmungen erlaubt hätten, dass ich mich bis mitten in die Nacht hinein dort aufhielt.

Die Eltern wussten, dass die Jugendlichen aus meiner Jugendgruppe alle vernünftige Menschen sind. Meine Eltern hatten die meisten Eltern der Jugendlichen gekannt, zu denen ich Kontakt pflegte. Die Musikveranstaltung fand in einem von der Gemeinde eröffneten Jugendhaus statt. Die Räume lagen im Schulhaus des Gebirgsortes, das den Eltern gut bekannt ist. Für die Eltern kam es aber trotzdem nicht in Frage ihre Einwilligung zu geben. Das Verantwortungsgefühl der Eltern für mich war groß gewesen. Es war ein Angriff gegen die Eltern, dass ich es gewagt hatte, darum anzufragen, dass die Eltern an diesem Abend ausnahmsweise die gültigen Jugendschutzbestimmungen außer Acht lassen. Vielleicht bestätigte allein diese Frage erneut, dass ein gehöriges Maß an Misstrauen und Überwachung meiner Wege berechtigt war. Die Eltern hatten es nicht erlaubt. Ich sollte um zehn Uhr abends zu Hause sein. Die Veranstaltung hatte aber bis zwölf Uhr gedauert. Meine Freunde waren gerade mitten in ihrem Spiel, als ich pünktlich, um zehn Uhr zu Hause angekommen war. Ich hatte keine Möglichkeit gesehen, mit den Eltern eine längere Uhrzeit auszuhandeln. Deshalb habe ich mich später an diesem Abend am Bettuch aus dem Fenster abgeseilt.

Im Ort hatte es damals nur sehr selten solche Veranstaltungen für Jugendliche gegeben. Der Genehmigung dieser Freizeiträume durch den Gemeinderat war ein langjähriger Kampf vorausgegangen. Meine Jugendgruppe war an diesem Kampf als Veranstalter beteiligt gewesen. Die Eltern hätten genau gewusst, wo ich mich bis zwölf Uhr aufhielt. Noch nie war es vorgekommen, dass über mich Beschwerden bei den Eltern eingingen. Fehlverhalten hatte ich immer nur zu Hause gezeigt.

Natürlich hatten die Eltern das verknotete Bettuch bemerkt und natürlich hatte es am nächsten Morgen großen Ärger gegeben. Mein Ausstieg aus dem Fenster war für die Mutter und den Vater ein unfassbarer Anschlag auf deren Vertrauen. In einem Brief an mich hatte die Mutter meinen nächtlichen Ausstieg aus dem Zimmerfenster und meinen Ausflug zu dem Musikkonzert, trotz des eindeutigen Verbotes, als tiefen Vertrauensbruch bezeichnet. Und in mir schon bekannter Weise hatte die Mutter unmissverständlich in ihrem Brief an mich dargelegt, dass mein Fehlverhalten einen nahezu unverzeihlichen Graben zwischen den Eltern und mir aufgerissen hat.

In mir weckte die Mutter mit solchen Briefen ein Schuldgefühl, dem ich nichts entgegen setzen konnte. Der Tatsache meiner Schuld waren keine Argumente entgegenzusetzen. Die Moral, welche aus den Briefen der Mutter sprach, war tief und sie wirkte auf mich wie ein naturgegebener, von nichts und niemandem anzuzweifelnder Richterspruch. Die Mutter war eine Instanz, welche stets die Wahrheit sprach. Werte und Moral, die mir die Mutter in ihren Briefen und ihren Worten vermittelte, hatten immer Gültigkeit. Die Moral, welche die Mutter mir eingeflößt hatte, sorgte dafür, dass mein Gewissen von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, am Ende von Tag zu Tag schlecht geworden war. Meine Art die Dinge zu sehen, meine Art zu den Eltern zu sprechen, meine Art mit dem gutgemeinten Hilfeangebot der Eltern umzugehen, meine Art bei den Eltern zu leben. All das machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich glaube diese – meine Art empfanden die Eltern als Angriff. Besonders schlecht war mein Gewissen, wenn ich einen Brief der Mutter auf meinem Schreibtisch vorfand. Dann hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil mir die Briefe der Mutter meist vorwarfen, dass ich die Unverfrorenheit besaß, mir nicht nur ein schönes Leben auf Kosten meiner selbstlosen Eltern in deren Haus zu erlauben, sondern neben dieser Tatsache legte ich in den Augen der Mutter auch noch eine unfassbar gemeine Art an den Tag, mit der ich mir erlaubte die hilfsbereite und selbstlose Erziehungsaufgabe welche die Eltern sich auferlegt hatten, zu erschweren, zu einer schier unmöglich zu bezwingenden Last zu machen, indem ich die Eltern etwa mit meinen egozentrischen Forderungen ärgerte solche Vergnügungsveranstaltungen besuchen zu wollen oder die Eltern in niederträchtigster Weise hintergangen habe indem ich das Haus auf solche Weise verlassen hatte.

Wöchentlich hatte ich im Ort eine Jugendgruppe besucht. Dort hatte ich in den vergangenen Jahren die meisten Kontakte geknüpft. Vertrauen zu anderen Menschen, das ich bei den Eltern und in der Schule nicht gefunden hatte, fand ich in der Jugendgruppe. Vielleicht hatte das in der Gruppe funktioniert, weil dort niemand versucht hatte Verantwortung für mich zu übernehmen, oder mich in eine bestimmte Rolle zu zwängen. In der Gruppe hatte ich das Gefühl willkommen zu sein ohne bestimmte Vorleistungen erbringen zu müssen. Mein schlechtes Gewissen, das mich im Kontakt mit den Eltern häufig geplagt hatte, entfiel in der Jugendgruppe.

Die Gruppe war für mich wichtig, auch weil wir uns in ihr oft wichtiger gefühlt und gemacht hatten, als es berechtigt gewesen wäre. Die Themen mit denen wir uns in der Gruppe befasst hatten und im Ort hin und wieder auf uns aufmerksam gemacht hatten, hatten mit unserem Leben in diesem Ort kaum etwas zu tun. So organisierten wir mehrfach Verkaufsstände von Waren aus der sogenannten Dritten Welt auf dem Marktplatz. Wir versuchten mit den Bewohnern im Ort über Themen wie „die Rolle multinationaler Konzerne auf dem Weltmarkt“, die geplante Stationierung von Mittelstreckenraketen oder die Lebensbedingungen von gefassten Terroristen in den Haftanstalten, zu diskutieren. Es waren die Themen, die Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger in der politischen Diskussion waren. Natürlich war meine Beteiligung daran eine riesige Provokation für die Eltern.

In der Jugendgruppe war ich auf Gleichaltrige und junge Erwachsene getroffen, die auf freiwilliger Basis Kontakt zu mir haben wollten. Dort habe ich Martina kennen gelernt, die mir heute Nachmittag ihren Wagen leihen will. Niemals würden mir die Eltern eines ihrer zwei Autos leihen, damit ich heute meinen spärlichen Besitz aus der Wohnung abtransportieren könnte. Das Vertrauen in mich fehlt. Nicht nur das Vertrauen in meine Fahrkünste, am heutigen ersten Tag als Führerscheinbesitzer. Ich glaube, in den Augen der Eltern fehlt mir das Recht dazu, meinen Auszug aus der elterlichen Wohnung heute mit einem ihrer Fahrzeuge zu machen. Das Konto der Verstöße gegen die elterliche Moral habe ich in den vergangenen Jahren, Monaten, Wochen und Tagen weit überzogen. Für mich gibt es keinen Kredit mehr bei den Eltern. Den Kredit, den die Eltern mir vor fünf Jahren gegeben hatten, als sie mich in ihr Haus aufnahmen, als sie uneigennützig und selbstlos gekommen waren, um ein dreizehnjähriges, freches, vorlautes, zappeliges, nervöses, armselig bekleidetes, mit miserabelsten Schulnoten daherkommendes, dummes Kind aus einem anonymen Kinderheim herauszuholen, diesen Kredit habe ich in nur fünf Jahren verspielt. Ich habe mich als undankbarer Mensch erwiesen.

Die Eltern hatten ein armseliges Würstchen aus den katastrophalen Verhältnissen eines unverantwortlich geführten Kinderheimes der siebziger Jahre befreit. Über Jahre hatten sie versucht mich in ihrem Hause zu lehren, wie ein normaler Mensch mit seinesgleichen und Erwachsenen zu sprechen hat. Sie hatten mich gelehrt, wie ein Schüler für die Schule zu lernen hat und sie lehrten mich, dass ein intelligenter Schüler nicht für die Schule, sondern für sein Leben zu lernen hat. Ich habe es ihnen nicht gedankt.

Selbst die Jugendgruppe und die Freundschaften, die sich daraus entwickelt hatten, habe ich den Eltern zu verdanken. Nur weil ich in ihrem Hause gelebt hatte, war es selbstverständlich gewesen, dass ich der Einladung eines jungen Jugendgruppenleiters folgen durfte. Keinen Menschen aus dem Kinderheim, welches vor den Eltern mein zu Hause gewesen war, habe ich in der Jugendgruppe wiedergetroffen. Auch dieses Geschenk der Eltern, die Erlaubnis, dass ich die Jugendgruppe besuchen darf, hatte ich angenommen, ohne dafür zu danken. Die Jugendgruppe war aus der Konfirmandengruppe entstanden. Gegen meine Konfirmation hatte ich aber Bedenken und Zweifel beim Pfarrer geäußert. Selbst damit hatte ich die streng gläubigen Eltern wieder einmal vor den Kopf gestoßen.

Martina hat offenbar Vertrauen zu mir. Für sie ist es selbstverständlich, dass ich den kleinen Wagen heute leihen darf um meinen mickrigen Besitz damit abzutransportieren. Martina hat mich nicht gefragt, warum ich nicht einen Wagen meiner Eltern benutze. Die Eltern haben ein viel größeres Fahrzeug. Statt das auszuleihen, werde ich all meine Sachen in den winzigen Peugeot von Martina zwängen. Martina hat Vertrauen. Sie weiß genau, dass sie von mir ihren Wagen unbeschädigt und pünktlich zurückbekommen wird. In der Jugendgruppe war ich auf Gleichaltrige getroffen, denen die Moral und die Maßstäbe, welche die Mutter mir täglich vermittelte, offenkundig egal waren. In der Jugendgruppe waren wir uns alle unheimlich wichtig vorgekommen. Dort haben wir uns mit Dingen beschäftigt, die uns im Grunde egal hätten sein können. Alles, was wir dort besprachen und machten hätte uns egal sein können: Der sogenannten „Dritte-Welt-Verkaufsstand“, den wir in der Fußgängerzone im Ort veranstalteten. Die Filmabende und Diskussionen zum Thema Rechtsradikalismus in Deutschland. Die Diskussionen über die Atomenergie. All das war uns wichtig. Sicherlich nicht nur der Sache wegen, sondern auch, weil sich jeder Einzelne aus der Jugendgruppe wichtig fühlte, weil man sich mit diesen Themen und Veranstaltungen wichtig machen konnte. Das stärkte unser Selbstbewusstsein. In der Jugendgruppe waren wir mit etwas Sinnvollem beschäftigt. Das hatten die Eltern freilich anders gesehen. Für sie schien von der Jugendgruppe eher Gefahr auszugehen. Was dort stattfand war für die Eltern zu viel Politik. In ihren Augen sollte die Kirche nicht solche kritischen Themen behandeln. Vor allem sollte das nicht in einer kirchlichen Jugendgruppe geschehen. Die Jugend ist doch viel zu leicht zu beeinflussen. Die Jugend ist doch viel zu unreif für diese Themen. Die Jugend hat doch kein Recht kritische Äußerungen zu tun oder gar Ansprüche zu stellen. Die Jugend weiß doch gar nicht, wie hart die Erwachsenengeneration gearbeitet hat, bis die heutigen Lebensgrundlagen erschaffen waren. Die Jugend sollte in der kirchlichen Jugendgruppe nicht zu diskutieren lernen. Sondern sie sollte die Bibel lesen. Die Jugend sollte beten und zu glauben lernen. Das ist Aufgabe einer kirchlichen Jugendgruppe. Die Jugend sollte sich nicht einmischen in etwas, das sie nicht beurteilen kann. Wer gegen Atomenergie ist, darf nicht mit einem Auto fahren. Er darf nicht das Licht einschalten. Er darf nicht fernsehen oder Radio hören. Er darf nicht hier leben. Die kirchliche Jugendgruppe war ein Frontalangriff gegen die Eltern. Was ich dort lernte und tat, empfanden die Eltern als Anschlag und Provokation gegen ihren Lebensalltag, gegen ihre Werte, gegen ihre Einstellung, gegen ihre Moral, gegen alles was sie lebten, gegen sich. Ich war jede Woche mindestens einen Abend und am Wochenende einen Tag lang mit der Jugendgruppe aktiv. Die Jugendgruppe war zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Sie hat sozusagen meinen geistigen Horizont um ein großes Stück erweitert. In ihr war ich auf Menschen getroffen, welche die Welt anders sahen, als die Eltern, als die Lehrer oder die Mitschüler.

Dort war ich auf Leute, wie Walter getroffen. Walter rennt mit Fotoapparat und Filmkamera herum, weil er Journalist werden will. Im Moment ist es sein größter Wunsch einen Artikel in der örtlichen Tageszeitung zu veröffentlichen. Welches Thema er dort abhandeln will, weiß Walter noch nicht. Er ist da sehr flexibel. Er könnte über den Besuch von Franz Josef Strauß im Bierzelt auf dem Volksfest im Gebirgsort genauso schreiben, wie er eine Kritik über die Aufführung der Laien-Theatergruppe des Gymnasiums oder einen Bericht über die erste und möglicher Weise letzte Musikveranstaltung im Jugendkeller unterhalb der Schule verfassen würde. Leider hat ihn die örtliche Tageszeitung bisher zu nichts dergleichen beauftragt. Seine unverlangt eingesandten Artikel hat Walter alle zurückbekommen, ohne Veröffentlichung. Das neuste Projekt von Walter ist es, einen Film zu drehen. Er will einen Dokumentarfilm über die Aktivitäten und das Engagement der Jugend im Gebirgsort machen. In dem Film will er zeigen, wie wichtig die „Sozialisation der Jugend“ ist. Er spricht gerne davon, dass die Jugend die Zukunft sei. Er liebt es entgegen zu setzen, dass wir es sind, die später die Renten zu bezahlen hätten, wenn er ältere Erwachsene gegen die nutzlose Jugend wettern hört, die im Wesentlichen aus kiffenden “Gammlern“ bestünde. Bei zahllosen Diskussionen auf dem Marktplatz an unserem Verkaufsstand für Waren aus sogenanntem fairen Handel hatte sich Walter oft in engagierte Debatten mit Erwachsenen verstrickt. Er ist redegewandt und hat immer schlagfertige Argumente. Die Jugend sei nicht faul und dumm, wie es gerne platt behauptet wird. Sondern sie ist der Kern der Demokratie in der Zukunft dieses Landes. Wer heute behaupte, so hörte ich Walter erst letzten Samstag am Verkaufsstand reden, die Jugend, das seien alles RAF – Sympathisanten, der riskiert, dass die RAF die Jugend zunehmend unterwandert. Diese Behauptung, so plärrte Walter einem aufgebrachten alten Mann ins Ohr, der zuvor unseren Verkaufsstand als „linke RAF-gesteuerten Propaganda“ abgetan hatte, sei nichts anderes, als dumpfer Populismus, der nicht ernst genommen werden kann aber leider zunehmend in unserem geliebten, konservativen Heimatland um sich greife.

Walter hat schon einen Film gedreht. Es war ein Kriminalfilm, den er mit einigen Jugendlichen im Gebirgsort abdrehte und eines Abends im Jugendkeller mit erstaunlichem Erfolg uraufführte. Jetzt hofft er darauf, dass seine Bekanntheit, die er durch den ersten Film im Ort erreichen konnte auch Publikum für seinen Dokumentarfilm bringen wird. Walter vertritt folgende These: „Man muss die Leute zuerst mit billigem Unterhaltungsschrott ködern, und auf diesem Wege ihr Interesse für ernsthafte Themen wecken.“ Am Abend der Uraufführung seines Krimis hat er deshalb mächtig die Werbetrommel für seinen neuen Dokumentarfilm gerührt. Er hatte sogar einen Termin für die Uraufführung seiner Dokumentation bekannt gegeben. Von dem Film hat er aber noch keinen Millimeter abgedreht. Walter ist ein Macher, der Charisma und Überzeugungskraft hat.

In der Jugendgruppe war ich neben Walter auf Martin getroffen. Er liebt das Gitarrespiel. Er besitzt mehrere E-Gitarren und spielt in einer Band. Davon kann ich nur träumen. Martin ist ein politisch denkender Mensch. Sein Thema ist der Krieg. Er lädt regelmäßig zu Diaveranstaltungen ein. Seine Diavorträge prangern die Grausamkeit von Krieg an. Sie handeln von den Opfern des Vietnamkrieges. Martin schafft ein Bild von dem Grauen des Krieges, den keiner von uns kennt. Er schafft Bewusstsein dafür, das es überall auf der Welt nach wie vor Krieg gibt. Er schafft Meinungen gegen den Krieg, der vom Gebirgsort sehr weit entfernt zu sein scheint. Martin kämpft mit immer wieder neu zusammengestellten Bildern, mit seiner Musik und seinen Worten dafür, dass in den Köpfen der Menschen ein Bild vom Krieg und eine Einstellung gegen Krieg entstehen. In seinen Diavorträgen zeigt Martin das Töten. Es ist die alltägliche grausame Tätigkeit des Krieges. Er zeigt das Töten als Arbeit der Soldaten im Krieg. Dabei zeigt er deutlich das Grauen, das mit dieser Arbeit entsteht. Er zeigt den Jugendlichen im Ort, dass etwas unvorstellbares weltweit weiterhin geschieht: Das Töten in den Kriegen auf der Welt. Martin sagt, dass es wichtig ist, davon auch im Gebirgsort zu wissen, auch wenn uns das alles sehr weit entfernt zu seien scheint. Aber, so sagt Martin, das ist nicht so weit entfernt! Wir leben und profitieren von so manchem Krieg, sagt Martin.

Die Eltern hatten stets befürchtet, dass meine Kontakte in der Jugendgruppe, meiner Entwicklung im Gebirgsort schaden könnten. Tatsächlich ging es aber um deren Angst, dass ich Meinungen und Einstellungen übernehme. Genau das ist geschehen. Die Menschen in der Jugendgruppe haben mich beeinflusst. Der Einfluss der Eltern dagegen war geringer geworden. Ich habe mich von den Eltern abgelöst. Das ist ein normaler Vorgang. So hatten die Eltern das aber nicht gesehen. Meine Art mich abzulösen, war eine Provokation. Weil ich mit meinem Interesse an Themen und Mitarbeit in der Jugendgruppe und mit meinem Verhalten die Eltern provoziert hatte, war ein Bruch mit den Eltern unausweichlich geworden.

Der Kontakt zu den Menschen, die ich in der Jugendgruppe kennen gelernt hatte, wirkte auf mich wie ein Befreiungsschlag. Ich knüpfte und pflegte Kontakte, die außerhalb der Zwänge von Schule oder Familie lagen. Ich erkannte, dass es um mich herum Gleichaltrige und junge Erwachsene gibt, die Kontakt zu mir haben wollten. In diesen neuen Kontakten spürte ich kein Gefühl von Misstrauen, wie ich es bei den Eltern kennen gelernt hatte. Während der vergangenen zwei Jahre verbrachte ich sehr viel Freizeit mit den Freunden aus der Jugendgruppe. Was die Eltern nicht gesehen hatten: Das sind junge Leute, die in schulischer Hinsicht einen wesentlich geradlinigeren Weg als ich vorzuweisen haben. Die meisten besuchten das Gymnasium am Rande des Ortes.

Es gab in der Jugendgruppe neben mir nur einen Jugendlichen, der nicht das Gymnasium besuchte. Gemeinsam mit Jörg besuche ich während der ersten drei Schuljahre die gleiche Schulklasse. In der Schule wie in der Jugendgruppe ist Jörg ein sehr zurückhaltender Mensch. Mir war Jörg wegen seiner zurückhaltenden Art in der Schulklasse nie aufgefallen. Meine Aufmerksamkeit hatte ich damals vor allem auf die Abwehr von Angriffen der lauten und angriffslustigen Mitschüler gerichtet. Deshalb war mir nie aufgefallen, dass auch Mitschüler wie Jörg meine Schulklasse besucht hatten. In der Jugendgruppe traf ich wieder auf Jörg, den ich zuvor schlicht übersehen hatte. Meine Art der Gestaltung von Kontakten änderte ich wegen der Jugendgruppe. Früher waren mir Menschen wie Jörg „irgendwie über den Weg gelaufen“. Ich hatte Jörg ignoriert. Ich war mit anderem beschäftigt gewesen. Menschen wie Jörg konnte ich nicht wahrnehmen. Erst durch die Gruppe fand sich Gelegenheit Menschen, die mir jahrelang über den Weg gelaufen waren zu begegnen und kennen zu lernen.

Jörg hatte jahrelang in einer Diskothek des Ortes Musik aufgelegt. Ich glaube damals war es die einzige Diskothek gewesen, die es im Ort gegeben hatte. So kam es, dass ich mich mit zunehmender Regelmäßigkeit samstags in dieser Diskothek aufhielt, um dort mit Jörg zu plaudern. Auch andere Tage der Woche entwickelten sich wegen der Kontakte, die ich über die Jugendgruppe geknüpft hatte, zu regelmäßigen Terminen. So wurde ich nicht nur zu einem regelmäßigen Diskothekenbesucher. Walter und andere junge Leute aus der Gruppe versammelten sich jeden Donnerstagabend in einer Kneipe. Dort wurde genauso wie in der Jugendgruppe über Gott und die Welt debattiert. So oft es mir meine Taschengeldkasse möglich machte, war ich Donnerstagabends mit dabei.

Kneipenbesuche und Discobesuche. Das waren objektive Gründe für die Eltern, mich auf einem gefährlichen Weg zu sehen. Zigaretten und Alkohol waren die Stichworte. Ich glaube, die Eltern sahen mich auf Abwegen, weil sie über meine Vergangenheit im Kinderheim zu wenig gewusst hatten. Als ich der vorlaute Schreihals, im Alter von dreizehn Jahren zu den Eltern gekommen war, hatten sie es als ihren Auftrag begriffen, einen Menschen der bedroht war „abzurutschen“ vor dem Untergang zu bewahren. Sie begriffen es als ihre Aufgabe mich von gefährlichen Lastern fernzuhalten. Die Eltern hatten es geschafft, mich schulisch auf das richtige Gleis zu bringen. Aber die dadurch gewonnene „geistige Beweglichkeit“ hatte ich außerhalb der Schule nicht im Sinne der Eltern weiter entwickelt. Ich hatte begriffen, dass ich mich im Jammertal der Schule freischwimmen kann. Das bewerkstelligte ich mit meinen verbesserten Leistungen. Die angriffslustigen Mitschüler waren verschwunden, weil ich auf die nächsthöhere Schule wechseln konnte. Dort war ich anerkannt, weil ich Eltern hatte und weil ich Wissen erlernt hatte. Das gefiel den Eltern. Außerhalb hatte ich mich auch freigeschwommen. Aber ich hatte mich den falschen Leuten angeschlossen. Das gefiel den Eltern nicht.

Meine Verselbständigung und Loslösung von den Eltern vollzog sich nicht in zu schnellem Tempo. Als Kneipe und Disco für mich interessant wurden, war ich bereits siebzehn Jahre alt geworden. Trotz Kneipe und Disco, trotz Alkohol und lauter Musik, die dort reichlich angeboten wurden und für Ablenkung vom Alltag gesorgt hatten, standen für mich die Kontakte zu den Freunden, die ich dort traf im Vordergrund. Es war mir stets darum gegangen Freunde zu finden. Für mich war immer selbstverständlich gewesen, dass ich mich auf keinerlei ernsthafte Dummheiten einlasse. So war ich weder an Drogen noch an Alkoholexzessen interessiert. Kriminellen Machenschaften jeder Art war ich nicht zugänglich. Weil während der Jahre bei den Eltern und auch in den Jahren zuvor nie irgend etwas derartiges vorgefallen war, woran ich beteiligt gewesen war, und deshalb den Eltern nie etwas unangenehmes über mich mitgeteilt worden war, hatte ich gedacht, dass den Eltern klar sein müsste, dass ich weit davon entfernt bin, von dem Weg auf den sie mich gebracht hatten, abzurutschen.

Wegen der weltoffenen Jugendgruppe und der dann folgenden regelmäßigen Disco- und Kneipenbesuche, so sagte es mir mein Gefühl, hatten die Eltern in ihrer Situation berechtigte Sorge um mich. Letztendlich war das Recht der Eltern, von mir nicht auch noch belogen zu werden, wenn sie mich fragten wohin ich abends gehe, naturgemäß schon deshalb gegeben, weil die Eltern vor fünf Jahren das Risiko eingegangen waren, ein gestörtes, unverschämtes, schreiendes, freches Bürschchen aus dem Kinderheim heraus zu holen. Meine Gegenleistung wäre es gewesen, das Risiko der Eltern abzumildern. Ich hätte mich ihnen und ihren Vorstellung besser anzupassen gehabt. Das wäre es vielleicht gewesen. Ich hatte mich in eine Art Bringschuld begeben indem ich mich von den Eltern aus dem Kinderheim herausholen ließ. Ich stand in der Schuld gegenüber den Eltern. Meine Leistung diese Schuld zu begleichen hätten Anpassung und Zustimmung sein müssen. Stattdessen kamen von mir Herausforderung und Provokation. Zwischen den Eltern und mir gab es eine schwere Last. Die Last meiner Vergangenheit. Für die Eltern war ich sozusagen die Katze im Sack, die sie sich freiwillig eingehandelt hatten. Ich brachte den Eltern Belastung mit einem unbekannten Wesen, für das die Eltern Verantwortung übernommen hatten.

Die Eltern hatten jede Menge Grund gehabt, sich wegen meiner Entwicklung Sorgen zu machen. Während der vergangenen fünf Jahren bestand Gefahr, dass ich in der Öffentlichkeit auffalle: Einen kriminellen Weg einschlage, nachts alkoholisiert durch den Ort irre, mich an Diebstählen beteilige, bei Schlägereien mitmische und überhaupt: Andern Menschen schade. Für das Ansehen der Eltern eine Katastrophe. Zweifellos wäre es denkbar gewesen, dass ein frecher Lümmel wie ich es mit dreizehn Jahren gewesen war, permanent von der Polizei nach Hause gebracht wird, weil er jede Nacht aus dem Fenster seines Schlafzimmers steigt, um seine dubiosen Freunde aus seiner noch dubioseren Jugendgruppe aufzusuchen. Aus der Jugendgruppe, auch das wäre denkbar gewesen, wird der schwer gestörte Rotzlöffel, (inzwischen ist er übrigens siebzehn Jahre alt geworden aber offenbar keinen Millimeter gescheiter) jede Nacht (zugekifft mit Drogen und zugedröhnt von Alkohol) durch die Polizei herausgeholt. Den Rest der Nacht verbringt er in der Ausnüchterungszelle. Die ist inzwischen zu einer Art zweiter Heimat für ihn geworden. Die Eltern, auch das wäre denkbar gewesen, hatten sich daran zu gewöhnen, sich gegenüber den Bürgern und Kunden ihres Geschäftes zu rechtfertigen. Sie hatten diesen schweren Missgriff getan. Sie hatten einen echten Lausebengel in ihrem Haushalt aufgenommen. Ein richtig verzogenes, verlogenes, versoffenes und obendrein arrogantes Bürschchen. Deshalb, auch das wäre denkbar gewesen, verbrachten die Eltern seit fünf Jahren keinen ruhigen Tag mehr. Ständig riefen irgendwelche besorgten Bürger und Kunden an. Aber meist kam gleich die Polizei im Geschäft der Eltern vorbei. Das Kind war schon vor vielen Jahren im Kinderheim in den Brunnen gefallen. Da war nichts mehr zu machen. Versaut und frech war das Bürschchen. Es musste täglich von der Polizei zu Hause abgeliefert werden. Täglich gab es einen neuen Polizeibericht, der von einer neuen gemeinen Schandtat dieses jugendlichen Saukerls berichtete.

Das Geschäft der Eltern, auch das wäre denkbar gewesen, war vor fünf Jahren in riesiger Blüte und voller Pracht gestanden. Inzwischen ist es heruntergekommen, weil gemieden von den meisten Bürgern des Ortes. Schuld daran ist einzig die Tatsache, dass der missratene und obendrein gar nicht echte Sohn riesiges Unglück über die selbstlosen Eltern gebracht hatte. Im Ort ist er zu einem Inbegriff des Schreckens geworden. Fast jedem der (inzwischen ehemaligen) Kunden der Eltern hat der teuflische Knabe strafrelevanten Schaden zugefügt.

Auch das wäre denkbar: Mit dreizehn Jahren war ich ein auffälliger Jugendlicher gewesen. In der Schule habe ich auch bei den Eltern nichts dazu gelernt. Außerhalb der Schule habe ich nichts dazu gelernt. Bei den Eltern entwickelte ich mein auffälliges Verhalten weiter. Ich bedrohte andere, kleinere Jugendlichen und wurde selbst von größeren bedroht. Ich erpresste andere und wurde selbst erpresst. Ich begann zu stehlen um meine Schulden zu bezahlen. So war ich zu einem kriminellen Menschen geworden. So war ich polizeibekannt geworden. So war ich zum Schrecken des Ortes geworden. So habe ich in nur fünf kurzen Jahren ruiniert, was die Eltern mühsam aufgebaut hatten. Ihr Geschäft im Ort wurde von den Kunden gemieden. Der Konkurs stand bald bevor. Stattdessen besaß ich die Frechheit, mich regelmäßig an beinahe politischen Aktionen, wie dem sogenannten „Dritteweltwarenverkauf“ auf dem Marktplatz oder an einer Befragung von Passanten über deren Haltung zur geplanten Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland zu beteiligen. Das war eine riesige Provokation für die Eltern.

Ich glaube, keiner von den jungen Leuten im Ort, mit denen ich für die Eröffnung einer Jugendfreizeitstätte gekämpft hatte, oder gegen die Ausrichtung des Gebirgsortes als Olympiastandort demonstrierte, oder Filmvorführungen gegen Rassenhass und Rechtsradikalismus organisierte, war ein wirklich politisch denkender Mensch. Ich glaube wir haben durch derartige Aktionen zum Ausdruck gebracht, dass wir ganz normale Jugendliche sind. Wir haben, nach unseren Möglichkeiten, unsere Meinung kundgetan. Auch bei der hitzigsten Diskussion, die wir in den Räumen unserer Jugendgruppe zum Thema Atomenergie organisiert hatten, war mein Gefühl geblieben, dass jeder von uns in erster Linie daran interessiert war, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Anstatt grölend und alkoholisiert mit Bierflaschen durch den Touristenort zu wanken haben wir eben einen Verkaufsstand für Waren aus der sogenannten dritten Welt organisiert. Oder wir machten einen Filmabend mit anschließender Diskussionsrunde über die braune Vergangenheit. Sicherlich hatten wir mit den Themen, die wir in Veranstaltungen im Ort immer wieder mal anrührten für gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Aber genau das könnte auch heißen, dass wir ein Thema berührt haben, das in dem Ort nicht sichtbar aber trotzdem wichtig ist und durch uns sichtbar gemacht wurde. Wir waren weit davon entfernt, damit wirklich größeres Interesse auf uns zu ziehen. Im Grunde, so sagt mir schon heute mein Gefühl, hat es im Ort eine Ära von Wichtigtuern gegeben. Ein paar harmlose Jugendliche dieser Jugendgruppe hatten sich zusammengefunden. Die haben sich für bestimmte Dinge, darunter auch politisches engagiert. Ich glaube, diese Zeit ist bereits heute dabei zu Ende zu gehen. Viele meiner Freunde aus der Jugendgruppe haben sich wieder in ihre elterlichen Höhlen zurückgezogen. Einige sind, so wie auch ich es heute tue, aus dem Ort weggezogen. Wegen und mit unseren Veranstaltungen im Gebirgsort zeigten wir, dass wir harmlose, vielleicht sogar lächerliche Exoten waren. Von Touristen und Einheimischen wurden wir, wenn überhaupt, bestenfalls zur Kenntnis genommen. Inhalte unserer Veranstaltungen haben, wenn sie überhaupt angekommen sind, höchstens diejenigen erreicht, die ohnehin über das jeweilige Thema informiert waren.

Ich vermute jetzt sogar, dass es in der Jugendgruppe nie ernsthaft um die Themen gegangen war. Wichtig war das Gefühl gewesen ernst genommen zu werden. Was wir getan haben war für viele Erwachsene im Ort, nicht nur für meine Eltern, eine gewisse Provokation gewesen. Dieses zu erleben war wichtig. In der Jugendgruppe hatte ich das Gefühl, etwas Vernünftiges zu tun. Das provozierte die Erwachsenenwelt um mich herum, das erregte deren Aufmerksamkeit und provozierte Auseinandersetzung. Darum ging es. Es ging um Zeichen. Es ging darum Ernst genommen werden. Das war notwendig und gut.

Unser Verkaufsstand auf dem Marktplatz im Ort passte nicht in das Bild des Touristenortes. Er erinnerte in all dem Reichtum an die Armut in der Welt. Das musste doch mindestens ein schlechtes Gewissen bei den Touristen und Bewohnern auslösen. Wir ließen es nicht beim Verkauf der sogenannten „Dritteweltwaren“, sondern wir verteilten Informationsmaterial, das selbstverständlich eine politische Färbung aufwies. Gerne verwickelten wir die Menschen im Vorbeigehen in sogenannte politische Diskussionen. Dafür hatten wir Walter, unseren „Frontman“. Wir wollten etwas uns sinnvoll erscheinendes tun. Das haben wir erreicht.

Die Eltern fürchteten ich könnte in eine politisch ungünstige Richtung abrutschen. Ungünstig war die Richtung, weil es nicht die der Eltern gewesen war. Deren politische Einstellung wurde mir täglich klarer. Der Vater ist seit Jahren im Gemeinderat.