6. Am Kaugummiautomat

Ich stehe auf. Der Himmel ist nicht mehr blau, er ist bewölkt. Ich laufe die Nebenstraße weiter hinauf. Das Hallenschwimmbad ist geöffnet. Durch die Glasscheibe sehe ich viele Schwimmer im Becken. Den Bademeister erkenne ich wieder. Langsam läuft er am Beckenrand auf und ab.

Ich gehe einige Schritte weiter zu meiner alten Schule. Mein altes Klassenzimmer liegt im Erdgeschoss. Weil heute Samstag ist, ist kein Unterricht. Das Schuljahr ist bald vorbei. Ob meine alte Klasse dann eine andere Lehrerin bekommt?

Meine Lehrerin war sehr nett. Sie war freundlicher als der Lehrer in der Dorfschule. Obwohl sie immer viel zu Schreiben aufgegeben hatte. In der Ecke stehen oder Ohrfeigen gab es bei ihr nicht. Wenn wir ihr zu laut gewesen waren, schickte sie trotzdem keinen vor die Türe hinaus. Manchmal spielte die Lehrerin auf der Gitarre. Sie sang Lieder mit uns. Sie kannte viele Lieder. Einige von den Liedern kannte ich sehr gut. Die hatten wir früher im Kinderheim oft gesungen.

Das „Stillsitzen“ jeden Tag nach der letzten Stunde war nicht schlimm. Manchmal war es gar kein richtiges „Stillsitzen“, weil einige aus der Klasse trotzdem laut waren. Wir durften deshalb trotzdem nach Hause gehen. Niemand musste länger bleiben und in der Ecke stehen.

Jetzt laufe ich um mein altes Schulhaus herum. Ich gehe dicht an ein Fenster heran. Ich werfe einen Blick in mein altes Klassenzimmer. Die Bänke stehen noch genauso da, wie früher. Alle Stühle stehen auf den Tischen. Sicherlich besetzt meinen Platz jetzt ein anderes Kind. Ich war in der vorletzten Reihe gesessen. Das Klassenzimmer sieht unverändert aus. Auf der grünen Tafel steht etwas geschrieben. Ich stehe zu weit weg, ich kann’s nicht lesen. An der Wand hängen Bilder aus dem Malunterricht. Meine Bilder hatte ich damals in der Schule vergessen. Aber an der Wand kann ich sie jetzt nicht mehr finden. Wahrscheinlich wurden sie inzwischen weggeworfen.

Ich gehe weiter. Das Tor am Schulhof ist verschlossen. Der Schulhof wäre eine Abkürzung. Die Nebenstraße führt leicht bergab. Sie führt durch eine kleine Unterführung. Im Moment habe ich keine Angst. Ich fürchte nicht, dass der Vater um die nächste Straßenecke kommen könnte. Ich fühle mich sicher. Ich kenne die Straßen.

Bevor die Stiefmutter den Vater geheiratet hatte, war sie mit einem anderen Mann verheiratet gewesen. Der Mann war verstorben. Ich weiß das deshalb, weil die Stiefmutter, wegen des Todes ihres Mannes Geld geerbt hatte. Eines Tages waren beide, Stiefmutter und Vater, mit einem Stapel Geldscheinen nach Hause in die kleine Wohnung gekommen. Ich glaube, es war viel Geld gewesen. Kurz vor unserem Umzug in das Dorf, kauften sie davon neue Möbel. Nachdem wir in das Dorf gezogen waren, war das Geld bereits ausgegeben. Stiefmutter und Vater mussten sparen.

Im Dorf hatte es kein Taschengeld mehr für uns gegeben. Mein letztes Eis und mein letztes Comicheftchen hatte ich mir damals hier im Ort gekauft. Seit dem Umzug hatte ich nur noch einmal Geld. Es waren die fünfzig Pfennige gewesen, die wir in den Kaugummiautomaten vor Frau Maiers Laden gesteckt hatten. Das Fünfzigpfennigstück hatte ich auf der Dorfstraße gefunden.

Geld ist sehr wichtig. Heute habe ich kein Geld dabei. Obwohl es gut wäre, wenn ich etwas hätte. Jetzt würde ich mir etwas zu Essen kaufen. Wer kein Geld hat, kann auch nichts essen.

Früher, im Kinderheim, hatte es jeden Samstag zwei Mark fünfzig Taschengeld gegeben. Davon durfte ich kaufen, was ich wollte. Wir liefen Samstagvormittags im Gebirgsort herum und kauften von unserem Taschengeld ein. Vor der Taschengeldausgabe waren wir immer im Hallenbad gewesen. Weil ich nach dem Schwimmen großen Hunger hatte, kaufte ich mir oft nicht nur Süßigkeiten sondern auch Brot, Wurst oder Käse. Im Kinderheim gab es jeden Samstag nur eine Suppe zum Mittagessen.

Wenn ich jetzt zwei Mark fünfzig hätte, würde ich mir auch ein Brot kaufen. Jetzt laufe ich wieder schneller, bei der Oma gibt es bestimmt etwas Gutes zu Essen. Sicherlich weiß der Vater, dass ich versuche zur Oma zu laufen. Wo sollte ich sonst hin gehen? Ich kenne niemand anderen, zu dem ich flüchten könnte. Die Oma hat uns Kinder sehr gern, das hatte ich damals gemerkt, als wir sie besucht hatten. Ich glaube, sie mag alle Kinder gerne, sonst würden nicht so viele bei ihr wohnen. Sie sorgt gut für die Kinder, die bei ihr leben. Vor der Oma und dem Opa habe ich keine Angst. Sie werden mich nicht schlagen. Deshalb möchte ich ja auch zu ihnen gehen.

Der Oma werde ich erzählen, was zu Hause passiert. Sie wird mich nicht wieder zurückschicken. Sie soll beim Jugendamt anrufen und fragen, ob ich bei ihr wohnen kann. Sie soll den Leuten im Jugendamt sagen, dass ich nicht wieder zur Stiefmutter und dem Vater zurück möchte. Sie soll sagen, dass ich sonst wieder weglaufen werde, weil die Stiefmutter und der Vater mich sicherlich wieder verprügeln werden. Sie soll erzählen, dass ich dort nicht mehr leben kann.

Die Oma wird das verstehen, sie wird mit dem Jugendamt telefonieren. Sie hätte Matthias und mir sicher auch beim letzten Mal geholfen, wenn wir es bis zu ihr geschafft hätten. Die Oma ist die einzige, die helfen kann. Die Oma weiß, dass ich unterwegs zu ihr bin. Wahrscheinlich hofft sie, dass ich bald komme. Vielleicht macht sie sich Sorgen, dass mir unterwegs etwas passiert. Deshalb beeile ich mich jetzt, dann braucht sie sich nicht so lange Sorgen zu machen.

Ich bin jetzt am Ortsrand, in einer Neubausiedlung. Die Häuser sind noch nicht verputzt, sie sind erst seit kurzer Zeit bewohnt, einige stehen noch leer. Damals hatte es in dieser Straße nur ein einziges, altes Haus gegeben. An dem Haus hing ein kleiner Kaugummiautomat. An einem sonnigen Tag waren wir Geschwister hier vorbeigekommen. Wir waren auf dem Weg zum Abenteuerspielplatz. Wir blieben an dem Kaugummiautomaten stehen. Wir hatten kein Geld dabei. Christian tat so, als hätte er ein zehn Pfennigstück. Das zehn Pfennigstück, das er nicht hatte, warf er in den Schlitz. Er drehte am Hebel. Plötzlich öffnete sich der silberne Deckel, unten am Automaten. Ein roter Kaugummi rollte heraus. Er plumpste auf die Straße und verschwand sofort im Gully am Straßenrand. Christian hatte seine Hand nicht unter den Automaten gehalten. Weder er, noch wir, rechneten damit, dass ein Kaugummi herausrollt. Er versuchte das Spielchen ein zweites Mal. Diesmal hielt er seine Hand unter den Auswurf. Er tat nicht mehr so, als werfe er Geld ein, sondern, er drehte sofort. Wieder kam ein Kaugummi heraus, ein blauer. Da war unsere Freude groß! Christian drehte weiter. Viele bunte Kaugummis rollten aus dem Silberschlitz.

Rund um das alte Haus befanden sich damals viele Baustellen. Die Bauarbeiter hatten uns nicht beachtet. Die Kneipe in dem alten Haus hatte geschlossen. Kein Wagen parkte vor der Tür. Auch die Straße war menschenleer gewesen. Also drehte Christian weiter am Hebel. Abwechselnd hielten wir unsere Jackentaschen auf. Die Kaugummis rollten direkt hinein. Auch die Hosentaschen stopften wir voll. Nachdem wir den Automaten zur Hälfte geleert hatten, gingen wir weiter Richtung Spielplatz.

So viele Kaugummis an einem Tag, hatte ich noch nie gegessen. Am Abend tat mir der Mund weh. Auf dem Rückweg vom Spielplatz, drehten wir nicht mehr am Hebel. Die Kneipenbesitzer waren eingetroffen. Ein Mann stand am Automaten und montierte mit einem Schraubenzieher daran herum. Mit argwöhnischem Blick verfolgte er uns vier Geschwister. Wir waren auf der anderen Straßenseite vorbeigelaufen.

Weil wir die vielen Kaugummis natürlich nicht mit nach Hause bringen konnten, hatten wir uns frühzeitig auf den Heimweg gemacht. Wir waren genau den Weg zurückgelaufen, den ich gerade hinter mir habe. Wir liefen vorbei an der Schule, dem Hallenbad bis hinunter zum Sportplatz. Dort gruben wir, neben einem Baum, ein kleines Loch. Jeder legte seine Kaugummis hinein. Am Wasserhahn, beim Sportplatz, spülten wir unsere Münder. Die Stiefmutter durfte nicht riechen, dass wir etwas gegessen hatten. Tatsächlich hatte sie abends nichts bemerkt.

Nachts regnete es. Erst Tage später gingen wir zum Kaugummiversteck. Das Loch gruben wir wieder auf. Der Regen hatte sie alle kaputt gemacht. Über unsere Dummheit hatten wir uns geärgert. Trotzdem war der Tag als wir hier in der Straße den Kaugummiautomaten halb geleert hatten ein großer Glückstag gewesen, vor allem weil die Stiefmutter das am Abend nicht gemerkt hatte. Bei unserem nächsten Spaziergang zum Spielplatz war der Automat abmontiert. Heute ist das ganze Haus verschwunden.