5. Wiesen, Felder und Hitze

Schnell laufe ich jetzt über die befahrene Straße. Der Feldweg geht auf der anderen Seite weiter. Ich renne ein Stück bis ich die Straße nicht mehr sehe und sie nur noch leise höre. Es ist die Landstraße in die Stadt. Meine Jacke trage ich unterm Arm, mir ist heiß. Ein Schwimmbad wäre jetzt schön. Seitdem wir bei der Stiefmutter und dem Vater wohnen, waren wir nie zum Baden gegangen. Auch das ist zu teuer.

Früher waren wir oft im Schwimmbad gewesen. Jeden Samstagvormittag waren wir ins Hallenbad, und im Sommer fast jedes Wochenende, ins Freibad gegangen. Das war toll. Obwohl es immer ein weiter Fußmarsch bis zum Freibad gewesen war. Das hatte mir nicht besonders gefallen. Aber dafür gab es als Belohnung dann ja das Freibad. Meist hatten wir den ganzen Tag dort verbracht. Wir vier Geschwister und alle anderen Kinder aus dem Kinderheim waren immer mit viel Spaß dabei gewesen. Das Freibad lag im Tal, in dem Oberbayerischen Gebirgsort, wo ich gewohnt hatte, bevor ich zur Stiefmutter und dem Vater gekommen war. Im Freibad tobten, schwammen und spielten wir. Es gab einen Kinderspielplatz und Tischtennisplatten.

Ich kann sehr gut schwimmen ich habe schon den „Freischwimmer“ und den „Fahrtenschwimmer“ gemacht. In einigen Jahren könnte ich sogar den „Rettungsschwimmer“ machen. Im Kinderheim wäre das sicher möglich. Hier beim Vater aber, geht das nicht. Wir sind ja nie im Schwimmbad. Im Kinderheim wohnen Kinder, die Mitglied im Schwimmverein sind. Da könnte auch ich mitmachen.

Mir ist nun endgültig zu heiß. Vielleicht weil ich gerade ans Schwimmbad denke. Ich bleibe stehen. Ich wische mit der Strickjacke über meine verschwitzte Stirn. Vor mir flimmert die Hitze über dem Feldweg. Es bläst kein Lüftchen. Weit und breit sehe ich keinen Baum am Wegrand, in dessen Schatten ich ein wenig ausruhen könnte.

Wieder mal ins Freibad gehen, das wär’s! Vor Jahren hatten wir in den Schulferien die Oma besucht. An einem heißen Tag gingen wir hier in der nahen Stadt in das Freibad. Wir vier Geschwister waren alleine unterwegs. Ohne Eltern, ohne Betreuer, ohne Erzieher. Vom Haus der Oma hatten wir sehr weit zu laufen, bis zum Freibad in der Stadt. Trotzdem war es ein toller Nachmittag. An dem Tag war es sicherlich genauso heiß gewesen, wie heute. Im Freibad schwammen wir und wir spielten Tischtennis. Es war fast genauso, wie im Freibad im Kinderheim. Nur das Wasser war nicht so schön. Es gab nur ein einziges Schwimmbecken. In dem war Chlorwasser. Nach dem Schwimmen brannten die Augen.

Im bayerischen Gebirgsort bei meinem Kinderheim, gibt es ein besonderes Freibad. Es gibt ein Becken mit Naturwasser. Das Wasser ist zwar sehr kalt, aber nach dem Schwimmen brennen deshalb die Augen nicht. Dort in dem Naturwasserbecken hatte es sogar Fische gegeben. Leider hatte ich vor denen oft Angst. Einmal berührte mich beim Schwimmen ein winziger Fisch. Ganz schnell schwamm ich zum Beckenrand und kletterte aus dem Wasser. Die winzigen Fische kannte ich, denn ich hatte sie schon oft durch meine Taucherbrille beobachtet. Trotzdem hatte ich Angst, mit ihnen in Berührung zu kommen. Das hatte ich den anderen Kindern im Kinderheim natürlich niemals erzählt. Stattdessen hatte ich damit angegeben, ein mutiger Fischjäger zu sein. Im Freibad hatten wir im Sommer jedes Wochenende Fischjagd gespielt. Wir taten so, als wären wir mit Harpunen und Messern bewaffnet. So sprangen wir ins Naturschwimmbecken. Wir jagten Haie. Auf unserem Rückweg, hinauf in unser Kinderheim, prahlten wir gegenseitig damit, wie viele hundert Haie jeder von uns im Freibad gefangen hatte.

Die Stadt kommt jetzt näher. Ich kann sie schon hören, es ist ein Rauschen aus der Ferne. Jetzt führt der Feldweg leicht bergan. Ich erreiche eine kleine Anhöhe. Um mich herum sehe ich abgemähte Wiesen. In einiger Entfernung erkenne ich einen Bauern auf seinem Traktor. Er fährt mit einer Heuwendemaschine über die gemähte Wiese.

Ich glaube, das ist ein guter Job. So einen Traktor zu fahren macht sicherlich viel Spaß. Das Heu braucht der Bauer bestimmt als Futter für seine Pferde im Winter. So kenne ich das aus dem Kinderheim im Gebirgsort. Vielleicht hat dieser Bauer hier, den ich gerade vor mir auf seinem tuckernden Traktor sehe, auch so ein Pony, wie es der Heimleiter in dem Schuppen neben unserem Kinderheim gehalten hatte.

Im Kinderheim war ich nur ein einziges Mal auf dem Pony gesessen. Auf dem Rücken des Ponys hielt ich mich nicht einmal eine Minute. Es war der Pfingstsonntag im vergangenen Jahr gewesen. Der Sonntag war warm und trocken, ein erster richtiger Frühlingstag. Wegen des schönen Wetters hatte das ganze Kinderheim einen Pfingstausflug hinunter ins Tal gemacht. Das Pony war dabei. Wir waren auf schmalen Feldwegen hinunter in den Ort gewandert. Auf der anderen Seite des Tals stiegen wir auf einen kleinen Berg hinauf. Unterwegs durfte immer ein Kind auf dem Pony sitzen. Ich war nicht der einzige gewesen, der sofort herunterfiel. Das Pony hatte keinen Sattel um sich daran festzuhalten. Es lag nur eine dicke Decke auf dem Rücken des Tieres. Ich versuchte mich an seiner Mähne und dem Halfter festzuhalten. Dabei versuchte ich, dem Pferd nicht weh zu tun. Mit einem kräftigen Sprung hatte ich mich auf den runden Rücken des Ponys hinaufgeschwungen. Auf dem Rücken des Pferdes versuchte ich, nach der Mähne zu greifen und Halt zu finden. Doch mein Schwung war zu heftig gewesen, so dass ich sofort auf der anderen Seite hinunter stürzte.

Auch in der Nähe unseres Dorfes gibt es einen Bauern, der ein Pony hat. Dessen Hof hatte ich manchmal zusammen mit Matthias besucht. Das Tier hatten wir auf der Koppel beobachtet. Es war mir viel kleiner vorgekommen, als das Pony vom Pfingstsonntag im Kinderheim. Vielleicht bin ich im vergangenen Jahr so viel gewachsen. Den Bauern in der Nähe unseres Dorfes hatten wir nie gefragt, ob wir auf seinem Pony einmal reiten dürften. Seit ich am Pfingstsonntag von dem Pony gestürzt war, hatte ich keine Lust mehr, auf Pferden zu reiten.

Jetzt fährt der Bauer mit seiner Heuwendemaschine ganz dicht an mir vorbei. Ich rieche das frische Heu. Es ist der Geruch, der mich an mein Kinderheim im Gebirgsort erinnert. Im Sommer hatten wir regelmäßig das trocknende Gras auf der steilen Wiese hinter dem Haus gewendet. Wenn das Heu oft genug gewendet war, wenn es grau und trocken geworden war, hatten wir es mit riesigen hölzernen Rechen zu großen Haufen zusammengeschoben. Weil das Kinderheim mitten im Gebirge liegt, ist die große Wiese hinter dem Haus sehr steil. Ein Traktor, wie ich ihn hier neben dem Feldweg gerade sehe, könnte dort gar nicht fahren. Er würde die Wiese hinunterstürzen. Deshalb hatten wir Kinder das Heu per Hand zu wenden und hinunter in den Ponyschuppen zu schaffen. Mit Hilfe von großen grauen Decken zogen wir das Heu vom steilen Hügel. Es war jeden Sommer sehr viel Heu. Genug für das kleine Pony, den Winter über zu fressen zu haben. Mit einer Heuwendemaschine, wie sie der Bauer hier über die Wiese zieht, hätten wir uns viele Tage an Arbeit gespart.

Manchmal mussten wir am Wochenende auf das Freibad verzichten. Wenn Regen gemeldet war und das Heu auf der Wiese schon schön trocken war, dann durfte kein Tag verloren gehen, um es in den Schuppen zu schaffen. Tagelanger Regen, den es in dem Gebirgsort oft gegeben hatte, hätte die Heuernte auf der Wiese vermodern lassen.

Das Heumachen auf der Wiese hinter dem Kinderheim, war ein Geschufte, auf das bald kein Kind mehr rechte Lust hatte. Ich erinnere mich, dass wir oft herumgemeckert hatten, wenn das Freibad wieder mal wegen des Heumachens ausfiel. Aber weil es zur Belohnung nach einem heißen Tag auf der Heuwiese immer eine kühle Flasche Limonade vom Heimleiter gegeben hatte, waren stets alle Kinder fleißig beim Heuwenden dabei.