5. Vaterrolle

Wegzulaufen ist vielleicht feige. Ich kann nicht geschlagen werden. Die Stiefmutter und der Vater sind nicht hier. Sie wissen nicht, wo ich bin. Ich habe die Geschwister alleine mit der Stiefmutter und dem Vater zurückgelassen. Ich konnte nichts anderes tun, ich musste alleine gehen. Seit Mark geflohen war, wurde es noch schlimmer zu Hause. Täglich wurde es schlechter. Es gab immer mehr Schläge. Ich konnte das nicht länger ertragen.

Was ist das für ein Fluchtplan, der mich heute zur Oma treibt? Konnte ich es bis hier her nur schaffen, weil ich eiskalt plante? Bis jetzt habe ich nur an mich selbst gedacht. Ich dachte nur daran, dass ich weg will. Ich dachte nicht an meine Geschwister. Ich sitze hier in Ruhe. Sie wurden heute Morgen schon geschlagen, wegen meiner Flucht.

Ich bin froh, dass ich jetzt nicht von der Stiefmutter oder dem Vater geschlagen werden kann. Es ist beinahe so, wie bei den Hausaufgaben am Esstisch. Es sind andere da, die geschlagen werden. Ich werde verschont.

Ist das feige? Ich liefere meine Brüder der Stiefmutter und dem Vater aus. Sie werden jetzt nur deshalb geschlagen, weil ich gegangen bin. Wäre ich heute Morgen nicht abgehauen, hätten sie heute vielleicht einen ruhigen Samstag. Wegen mir haben sie jetzt sicherlich keine Ruhe. Ich sitze hier in der Sonne und habe Ruhe. Ich freue mich, weil ich so einen schönen, ruhigen Tag erlebe.

Ich sitze hier in Ruhe, obwohl ich genau weiß, dass andere dafür leiden müssen. Ist das eiskalt? Matthias und Christian sind schließlich meine Brüder! Gut, wir streiten uns manchmal, das ist normal. Aber schlimm ist, dass wir nicht mehr zusammenhalten, wenn es Prügel gibt. Die Stiefmutter und der Vater haben das geschafft. Ich weiß, warum ich beide so hasse. Es geht nicht anders.

Was ist in dem Jahr mit dem Vater passiert? Ich hatte ihn, damals im Kinderheim, doch anders gekannt. Plötzlich schlägt er uns. Damals hatte er gesagt, dass er uns aus dem Kinderheim herausholen möchte, weil er in einer richtigen, schönen Familie mit uns leben möchte. Warum hatte er das gesagt, und warum tut er das heute nicht?

Ich weiß nicht, ob der Vater plötzlich von selbst so schlecht zu uns sein wollte. Einmal, es war damals im Kinderheim, hatte ich einen kleinen Jungen verprügelt, der viel jünger war als ich. Eigentlich wollte ich ihn gar nicht verprügeln! Im Gegenteil ich hatte ihn sogar sehr gern. Er hatte von meinem Radio die Antenne abgebrochen. Sicherlich tat er es versehentlich. Ich war sehr wütend auf ihn. Die anderen Kinder im Zimmer rieten mir: „Lass dir das von dem frechen Kerl bloß nicht gefallen!“ Ich wusste, dass der Junge sonst immer ganz nett gewesen war. Ich hatte mich prima mit ihm verstanden. Er hatte noch nie etwas von meinen Sachen kaputt gemacht. Trotzdem schlug ich ihm ins Gesicht. Ich schlug zweimal zu, so fest ich konnte, weil ich ziemlich schwach bin. Der Kleine fiel um. Er blutete aus der Nase. Ich sah, dass ich ihn umgehauen hatte. Er fing zu heulen an. Das hatte mir gleich sehr Leid getan. In diesem Moment wusste ich genau, dass ich das so nicht wollte. Trotzdem hatte ich es getan. Heute glaube ich, ich hatte es getan, weil die anderen Kinder gesagt hatten, ich sollte mir das von dem frechen Kerl nicht gefallen lassen. Nach meinen Schlägen stand ich da. Ich hätte den Jungen gerne vom Fußboden aufgehoben. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass es mir Leid tut und dass ich das nicht wollte. Ich hätte mir auch von ihm ins Gesicht schlagen lassen, damit das, was ich getan hatte, wieder gut wird. Das ging nicht. Ich stand da und konnte nichts tun. Am liebsten hätte ich mich wieder mit dem Jungen vertragen. Er hätte von mir etwas geschenkt haben können. Er hätte sich etwas aussuchen dürfen. Ich hätte ihm sogar mein Radio geschenkt, damit wir wieder Freunde sind. Aber es ging nicht. Ich musste die Rolle weiterspielen. Ich musste das tun, wovon ich wusste, dass es schlecht war. Ich hatte etwas getan, das ich überhaupt nicht tun wollte.

Vielleicht geht es dem Vater heute, mit uns Kindern genauso. Warum sonst tut ein Mensch etwas, das er gar nicht will? Der Vater hatte es früher immer sehr gut mit uns gemeint. Seit wir zusammen leben, ist plötzlich alles anders geworden.

Der Vater kann mit uns nicht mehr reden wie früher, bevor er uns so geschlagen hatte. Es geht ihm wie mir, als ich den Jungen geschlagen hatte. Er muss das tun, wegen seiner Rolle.

Vielleicht hatte das alles begonnen, wegen des wenigen Geldes, das er verdient. Vielleicht wegen seiner anstrengenden Arbeit in der Fabrik. Den ganzen Tag lang schwer arbeiten, wenig Geld verdienen und dann abends die schreiende Stiefmutter und unsere schlechten Schulhefte! Nachdem der Vater deshalb das erstemal zugeschlagen hatte, kam er hinein in diese Rolle. Weil er begonnen hatte zu schlagen, konnte er nicht mehr versprechen, was er früher versprochen hatte. Er konnte überhaupt nicht mehr so mit uns reden, wie er es früher getan hatte. Wegen dieser Rolle konnte er nur noch herumschreien, wie die Stiefmutter. Vielleicht hatte der Vater wirklich geplant, anders mit uns zu reden, aber es geht nicht mehr.

Was soll ich jetzt machen? Soll ich wieder aufstehen und weitergehen, zur Oma? Oder soll ich jemanden auf der Straße nach Geld fragen, damit ich zu Hause anrufen kann und dem Vater das alles erklären kann, wie ich es sehe?

Es wäre schön, wenn ich dem Vater das alles einfach erklären könnte. Ich könnte ihm sagen, wie ich darüber denke. Er sagt mir dann, was er darüber denkt. Und er sagt auch, was an meinem Denken nicht stimmt. Es wäre toll, wenn das gehen würde, ohne dass der Vater wieder schlägt. Vielleicht stimmt das, was ich denke ja gar nicht. Vielleicht habe ich gar nicht Recht. Das macht aber gar nichts aus. Wir könnten ja darüber sprechen. Wir könnten so lange darüber reden, bis wir uns auf etwas einigen. Wir können auch in der Nacht noch weiter reden, ich werde nicht so schnell müde. Ich kann die Nacht lang aufbleiben und reden. Wenn der Vater mir alles genau erklärt, dann glaube ich es ihm sicher auch. Es muss ja nicht so sein, wie ich es mir denke. Der Vater denkt ja auch. Ich könnte mit dem Vater reden, wenn er Lust hätte.

Soll ich den Vater einfach anrufen? Was würde er am Telefon zu mir sagen? Will er mit mir darüber sprechen? Würde er die Stiefmutter zu Hause lassen und mit mir reden, ohne zu schlagen?

Ich traue mich nicht, den Vater anzurufen. Ich bin viel zu feige. Bestimmt würde die Stiefmutter mitkommen. Der Vater würde mich verprügeln, weil ich heute fortgelaufen bin. Auch wenn er am Telefon antwortet, dass er ohne die Stiefmutter kommt, ich könnte ihm das nicht glauben. Ich kann dem Vater nicht vertrauen. Er hat zuviel geschlagen. Ich würde ihm gerne glauben, aber es ist vorbei. Ich schaffe es nicht. Wegen meiner Angst vor dem Vater geht das nicht.