5. Unser Versteck

Von der Dorfschule laufe ich jetzt schnell weiter. Aber schon nach wenigen Schritten bleibe ich wieder stehen. Ich sehe hinüber zu unserem Versteck. Es liegt hinter dem alten Gemäuer. Es ist eine alte Scheune. Sie liegt zwischen dem stillgelegten Freibad und dem Schulhaus. Vielleicht werde ich mich nie mehr dort oben auf dem morschen Dachboden, zwischen einem Haufen alter Bretter und vergessenen Strohballen verstecken. Langsam gehe ich weiter, fast normal gehe ich, gemächlich. Doch ich kann nicht munter pfeifen. Ich mache hier keinen Spaziergang. Ich sehe über die Backsteinmauer zur verlassenen Scheune. Gerne würde ich mich da oben hineinlegen und noch etwas schlafen. Nach der kurzen Anstrengung die Dorfstraße hinauf, bin ich jetzt sehr müde.

Die Scheune ist ein Platz den ich vermissen werde. Um die Scheune hatten wir Geschwister viel gespielt. Vor der Scheune hatten wir uns nachmittags oft mit anderen Kindern aus dem Dorf getroffen. Oben in der Scheune hatten wir uns vor der lärmenden Stiefmutter versteckt, wenn wir es mussten. Das mussten wir oft. Unser Versteck in der Scheune hatten wir vor der Stiefmutter geheim gehalten. Weil sie das Versteck nicht gekannt hatte, fühlten wir uns dort vor ihr sicher. Da hatten wir unsere gestohlenen Kaugummis gelagert, weil sie Zuhause zu schnell entdeckt worden wären.

Zuhause gibt es keinen Platz, den die Stiefmutter oder der Vater nicht regelmäßig durchstöbern. Misstrauisch durchsucht die Stiefmutter alle Schränke im Kinderzimmer, sie sucht unter unseren Matratzen. Was sie dort sucht, weiß ich nicht. Ihr traut keines meiner Geschwister, auch ich misstraue ihr. Deshalb ist es viel zu gefährlich Kaugummis in den Hosentaschen zu lassen. Die Stiefmutter würde sie sicherlich finden. Sie würde uns nicht einmal fragen, ob sie gestohlen sind. Stattdessen schlägt sie sofort zu. Wir bekommen kein Taschengeld, deshalb können wir nichts kaufen und deshalb ist klar, dass Kaugummis in unseren Hosentaschen gestohlen sein müssen.

Oben in der hohen Scheune hatte ich mit Christian zusammen meine ersten Zigaretten geraucht. Auch die waren gestohlen. Wo Christian sie gestohlen hatte, weiß ich nicht. Wenn wir nachmittags geraucht hatten, durfte die Stiefmutter davon niemals erfahren. Für uns hätte das eine unvorstellbare Katastrophe bedeutet. Trotzdem waren wir oft in unserem Versteck gewesen um dort zu rauchen. Wegen des Geruchs in unseren Mündern hatten wir auch die gestohlenen Kaugummis gebraucht.

Von der Scheune aus hatten wir beinahe jeden Nachmittag unser Schulhaus genau beobachtet. Dabei rauchten wir die Zigaretten. Unser Blick war täglich von da oben hinüber gewandert, über die große Wiese und den Schulhof, bis hinein in die helle Turnhalle. Dort übte nachmittags eine Kindertheatergruppe. Ich hatte keine Lust mitzuspielen. Die Nachmittage verbrachte ich lieber in der Scheune. Ich brauchte die paar wenigen Stunden. Ich brauchte die kurze Zeit und die Ruhe um unbeobachtet von der Stiefmutter zu sein.

Von der Scheune aus hatten wir auch die Bibelgruppe oft beobachtet. Nachmittags um drei Uhr hatte sie sich immer getroffen. Singende Kinder im Stuhlkreis waren in einem großen, hellen Klassenzimmer mit hohen Fenstern versammelt. Zwei Gruppenleiter hatten mit ihnen gesungen und gespielt. Nur einmal hatten Matthias und ich dort mitgesungen, es war in den ersten Wochen nachdem wir in das Dorf gezogen waren.

Wir hatten die Stiefmutter erst zwei Monate zuvor kennen gelernt und wir hatten ihr noch ein wenig vertraut. Deshalb hatten wir abends einfach von der spielenden Kindergruppe erzählt. Wir waren begeistert gewesen von den Kindern, die wir im Stuhlkreis kennen gelernt hatten. Die Gruppenleiter, das Spielen und das Singen im Kreis hatte uns Spaß gemacht.

Ich glaube, die Stiefmutter und der Vater hatten das nicht recht verstanden. Warum sonst hätten wir nicht mehr hingehen dürfen, wo es uns so gut gefallen hatte, wo wir Spaß hatten, wo wir Kinder aus unserem neuen Dorf kennen gelernt hatten? Das kann nicht der Grund gewesen sein, warum uns die Stiefmutter diese Gruppe einfach verboten hatte. Die Stiefmutter hatte keinen Grund genannt, auch der Vater nicht. Warum wir nicht wieder dort hin gehen durften, verstehe ich heute immer noch nicht. Zuhause hatten wir nie mehr über diese Gruppe gesprochen.

Ich fand das nicht so schlimm, denn ich hatte ja unser Versteck in der Scheune gefunden. Ich gewöhnte mich schnell an diesen Platz. Oft hatte ich mich dort auch alleine aufgehalten, wenn Christian im Konfirmandenunterricht war. In der Scheune hatte ich Zeit zu beobachten, was rund um die Dorfschule geschah.

Das Wichtigere aber war, dass ich in ihr die Ruhe gefunden hatte, um nachzudenken. Im Versteck in der Scheune hatte ich zum ersten Mal gespürt, dass ich die Aufgabe hatte, über mein Kinderleben nachzudenken. Ich hatte da oben zwischen den alten Strohballen die Ruhe gefunden, Gedanken zuzulassen, die im Laufe der Monate von selbst gekommen waren. Die sagten mir, dass etwas geschehen müsse. Dort oben zwischen den Strohballen hatte ich begonnen, den Fluchtplan des heutigen Tages zu schmieden.

Der Gedanke an die heutige Flucht war nicht sofort da gewesen. Der Gedanke war sehr langsam entstanden, er entwickelte sich über viele Tage, Wochen, Monate.

Wie war der Nachmittag in der alten Scheune gewesen, woran hatte ich an diesem Nachmittag gedacht, damit der Fluchtplan im meinem Kopf langsam in Gang kommen konnte? Wie kam die Idee langsam in meinen Kopf hinein, dass ich heute das Haus von Vater und Stiefmutter verlassen würde?

An diesem Nachmittag sitze ich oben in der Scheune auf einem alten Holzbrett, das rechts und links auf zwei Strohballen lagert. Ich sitze angelehnt an einer Bretterwand. Es ist November. In der Scheune ist es eisig kalt. Ich friere noch nicht, denn ich sitze noch nicht lange dort. Unten sehe ich das alte Schwimmbecken. Obwohl es so eisig kalt ist, denke ich daran, wie schön es wäre, in dieser Scheune zu wohnen.

Das alte Freibad vor der Scheune ist zugefroren. Ich könnte, wenn ich hier wohnte, jeden Tag darauf Schlittschuhlaufen. Wenn ich Schlittschuhe hätte, wäre das die Gelegenheit, um das Eislaufen so gut zu lernen, wie es die Kinder in meiner alten Schule beherrscht hatten. Ich könnte jeden Tag so lange üben, wie ich dazu Lust hätte. Es würden keine Kinder am Rand stehen, die sich lustig machten, wenn ich mal stürzte. Es wäre eine tolle Sache, denn hier könnte ich das Schlittschuhlaufen so gut lernen, dass ich in dem Eisstadion, in dem oberbayerischen Gebirgsort, wo meine alte Schule liegt, wieder auftauchen könnte. Dann könnte ich sogar in der Eishockeymannschaft mitspielen. Die übliche Show, die wir in dem Gebirgsort auf dem Eisplatz wegen der Mädchen abgezogen hatten, könnte ich mir hier, vor meiner Scheune, sparen weil ja keine Mädchen da wären. Hier könnte ich in Ruhe so lange das Eislaufen üben, bis ich so gut Eislaufen kann, dass ich den Mädchen überhaupt nichts mehr vorzumachen brauchte. Die würden schon von selbst sehen, dass ich auch so ein toller Schlittschuhläufer geworden bin, wie die anderen Kinder in meiner alten Schulklasse.

Ich glaube, so hatte es begonnen, mit meinen Gedanken in der Scheune. Jeden Tag war etwas mehr dazugekommen. Mein Denken entfernte sich so mit jedem Tag ein Stück mehr von diesem Dorf.

Vater und Stiefmutter erlauben mir nicht, Schlittschuh zu laufen. Das gibt es bei denen nicht. Das Geld dafür fehlt. Schlittschuhe kosten zu viel. Jeden Tag arbeitet der Vater zwar lange in der Fabrik, aber ich glaube, trotz seiner schweren Fabrikarbeit, verdient er fast nichts. Es reicht gerade für Essen, Trinken, Kleidung und unser altes Haus. Ich glaube, wir vier Kinder sind zu teuer für das wenige Geld, das der Vater in der Fabrik verdient. Die Stiefmutter hat kein Geld. Sie verdient nichts. Sie ist jeden Tag zu Hause.