5. Busfahrt auf den Berg

Das Haus der Eltern liegt auf halber Höhe eines kleinen Berges. Das Haus hatte ich täglich um zehn Minuten vor sieben Uhr morgens verlassen. Im Eilschritt lief ich zunächst auf einem schmalen Trampelpfad hinunter durch ein kurzes Waldstück hinter dem Haus. Dann ging es auf der Pflasterstraße weiter bis zu einer abkürzenden Schotterpiste, die hinunter zu den Bahngleisen ins Tal führt. Eine alte Holzbrücke quert die Bahngleise. Laut trampelnd und tief atmend war ich täglich morgens über die dicken Holzbohlen gerannt. Meist war die Zeit sehr knapp gewesen, meine Eile war deshalb immer berechtigt. Am Ende der Holzbrücke geht es durch ein riesiges altes Gemäuer über mehrere Windungen führt eine große, finstere Steintreppe hinunter. In diesem Gemäuer war es stets kühl und es stank fürchterlich nach Urin. Am Ende dieser finsteren, kalten Treppe erreicht man den Bahnhofsvorplatz. Auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof erwartete mich täglich der überfüllte Schulbus.

Pünktlich um eine Minute vor sieben Uhr war ich beinahe jeden Morgen auf dem Parkplatz hinter dem Busbahnhof in den vollbesetzten Schulbus gestiegen. Vier Jahre lang hatte ich die Schule auf dem Berg besucht. Nicht ein einziges Mal habe ich die Abfahrt des Busses versäumt.

Nachdem ich in den Bus eingestiegen war, hatte ich jeden Morgen aus den Lautsprechern über den Sitzreihen des Reisebusses die ausklingende Erkennungsmelodie einer Radiosendung des bayerischen Rundfunks gehört. Meine Schultasche in den Händen arbeitete ich mich durch den vollen Mittelgang des Busses. Täglich presste ich die Schultasche dicht an meinen Körper und zwängte mich zwischen den vielen Schülern hindurch, die den Mittelgang verstopften. Meist fand ich im hinteren Teil des Vehikels einen Stehplatz. Die vorderen Stehplätze waren bei den Mitschülern beliebt, weil der Bus dort weniger schaukelte. Der Fahrer warf täglich genau dann den Motor an, wenn die Erkennungsmelodie aus dem Radio beendet war. Dann ertönte ein viermaliges Piepsen gefolgt von einem Gongschlag aus dem Radio. Den Gongschlag hörte ich verzerrt. In dieser Sekunde betätigte der Busfahrer den Zündschlüssel. Deshalb fehlte dem Radio eine Sekunde lang der Strom. Der Nachrichtensprecher sagte, dass es nun sieben Uhr ist, dann nannte er das Datum und den Wochentag und gab bekannt, dass nun Nachrichten folgen. Der Busfahrer lenkte den Bus vom Parkplatz auf die breite Straße, die parallel zu einem breiten Fluss verläuft und das Tal wie ein Strich aus Teer durchzieht. Jetzt war es soweit, die Schultasche auf den Fußboden des Mittelganges hinunter gleiten zu lassen. Während der rasanten Fahrt vom Parkplatz auf die breite Straße und der dann sofort folgenden Beschleunigung war es wichtig, beide Hände an der Gepäckablage über den Sitzplätzen zu haben, denn mehrere Ampeln auf der Straße durch das Tal passierte der Fahrer täglich bei Gelb. Hin und wieder entschloss er sich abrupt zu bremsen. Dann war ein sicherer Halt an der Gepäckablage unbedingt notwendig. Der Busfahrer war jeden Morgen schwungvoll durch das langgestreckte Tal gefahren. Er benutzte das leichte Gefälle an der Abfahrt des Parkplatzes als Beschleunigungsstrecke. So erreichte er täglich auf der Hauptstraße zwischen den Bahngleisen und dem breiten Gebirgsfluss ein beträchtliches Fahrttempo. Nach Möglichkeit versuchte ich mich an einem der Sitze anzulehnen. Das war nicht immer möglich gewesen, denn der Bus war häufig so überfüllt, dass die beliebten Stehplätze auf denen man sich anlehnen konnte, bereits besetzt waren. Noch während der fünfminütigen Radionachrichten bog der Bus in die steile Bergstraße nach rechts ab. Auf einer kurzen Brücke über welche die Straße den eiskalten Gebirgsfluss quert, legte der Busfahrer einen tieferen Gang ein. Von dieser Brücke aus musste der Motor richtig arbeiten. Tosend ging es eine sehr steile, kurvige Bergstraße hinauf. Gleich nach der Brücke ging es in eine enge Kurve, ihr folgte ein sehr steiles gerades Stück. Der Busfahrer schaltete noch einen Gang herunter um die Steigung zu bezwingen.

Der Linienbusfahrer kommt nun endlich mit dem Wechselgeld aus der Bahnhofshalle. Sein mürrischer Blick verrät Ärger. Die verspätete Abfahrt hat für andere Fahrgäste Vorteile. Ein älterer Herr und eine ältere Dame haben sich neben den beiden auf das Wechselgeld Wartenden eingefunden. Die Nachzügler haben Glück, denn sie müssen nicht auf den nächsten Bus warten, der erst in zwei Stunden fährt. Die Nachzügler halten das Fahrtgeld passend bereit. Schnell nimmt der grimmig dreinblickende Fahrer denen ihr Geld ab. Noch bevor die älteren Herrschaften ihren Platz erreicht haben, heult auch schon der Motor auf. Und, als gäbe es jetzt keine Sekunde Zeit mehr zu verlieren, rauscht der Bus in steilem Winkel aus seiner Parklücke heraus. Der Fahrer gibt kräftig Gas. Er brummt auf die rote Ampel an der Ausfahrt des Bahnhofs zu. Weil die rote Ampel nicht grün werden will, steigt er kräftig in die Eisen. Das quietscht schrill, laut und hoch, so dass ich ein Pfeifen höre. Jetzt finden die älteren Herrschaften gezwungener Maßen Platz. Sie lassen sich auf die nächstgelegenen Sitzbank fallen. Der Mann, der seine Begleiterin am Oberarm gepackt hat um sie zu sich auf die dunkelbraune Doppelsitzbank zu ziehen, ich glaube um sie so vor einem Sturz zu bewahren, ruft in Richtung des Fahrers: “Muss denn das sein?“ Mehr Aufbegehren gegen dieses unnötige Anfahren höre ich nicht. Der Fahrer reagiert darauf nicht. Vielleicht hält er sein unbeherrschtes Anfahren für berechtigt. Vielleicht beschweren sich die alte Dame und der Herr nicht stärker über den beinahe erlittenen Sturz, weil sie dankbar sind, überhaupt mit diesem Bus fahren zu dürfen.

Ich hätte froh und dankbar sein sollen, bei den Eltern leben zu dürfen. Anstatt meinen Dank dafür zu zeigen habe ich dort so gelebt, wie ich bin. Ich habe mich misstrauisch, manchmal sogar unzufrieden gezeigt. Wo Dankbarkeit angebracht gewesen wäre zeigte ich nichts in diese Richtung. Ich habe mir herausgenommen was mir nicht zusteht. Genauso wie diese älteren Herrschaften froh sein können überhaupt noch mit diesem Bus mitfahren zu können, hätte ich froh und dankbar sein können, überhaupt eine Familie gefunden zu haben. Diese Gedanken kommen mir jetzt. Die heutige viel zu späte Einsicht ist vielleicht Grund genug dafür, dass ich ab heute nichts mehr bei den Eltern zu suchen habe. Die Chance des Findens, die Zeit des Suchens, die einmalige Gelegenheit, die mir bei den Eltern geboten wurde ist heute abgelaufen. Fünf Jahre hatten sie mir Zeit gegeben und ihre Angebote unterbreitet. Ich hatte nicht begonnen anzunehmen, was sie mir geboten hatten. Ich hätte gar nicht suchen müssen, sondern ich hätte nur das Angebot annehmen müssen. Warum konnte ich nicht annehmen, was mir jahrelang geduldig, freundlich, gut gemeint angeboten wurde?

Die heutige Fahrt im Linienbus empfinde ich trotz des launischen Busfahrers viel angenehmer, als es jede Busfahrt im Schulbus auf den Berg in den vergangenen Jahren gewesen war. Grund ist der Sitzplatz auf dem ich jetzt die kurvige Bergstraße sitzend hinaufgefahren werde und die Ruhe, die unter den Fahrgästen herrscht.

Im Schulbus hatte immer Lärm geherrscht. Es waren bayerische Stimmen von Schülern aus allen Jahrgangsstufen die während der Busfahrt an meine Ohren drängten. Ein wildes Durcheinander von lauten Gesprächsfetzen, Fragen nach nicht erledigten Hausaufgaben, Berichte über die Höhepunkte des gestrigen Abendprogramms im Fernsehen, Zankereien und dazu die seicht vor sich hin dudelnde Unterhaltungsmusik eines bayerischen Radiosenders. Müde stand ich täglich im Mittelgang zwischen den Sitzen. Meine Hände krallten sich an der Gepäckablage fest. So erwartete ich täglich das Ende der Busfahrt. Das rückte in dem Augenblick näher, wenn ich den blauen Himmel und unten im Tal die Wolkenmassen sehen konnte. Dann konnte die Fahrt nicht mehr lange dauern, denn dann hatte der Bus den Anstieg auf den Berg geschafft und die Höhenlage erreicht auf der die Schule auf dem Berg liegt.

Weil ich in der Schulklasse unten im Ort oft die Zielscheibe für Fußtritte, Faustschläge, Stolperfüße oder Spucke gewesen war, war ich sehr froh darüber gewesen, dass ich es wegen meiner besseren Leistungen geschafft hatte, die Schule auf dem Berg zu besuchen. Die Schüler der Bergschule kamen aus unterschiedlichen Orten der Umgebung. In meiner Klasse der Bergschule hatte ich glücklicher Weise niemanden getroffen, den ich von der Schule unten im Ort bereits kannte. In vielerlei Hinsicht war diese Schule deshalb für mich eine neue Chance gewesen. Sie war nicht nur die Chance einen höheren Abschluss zu erreichen, sondern auch Hass und Abneigung der Mitschüler gab es dort nicht mehr, weil die ganze Klasse aus neuen Schülern zusammengewürfelt worden war, die sich alle zuvor nicht gekannt hatten. Die neue Schule war für mich deshalb Chance und Herausforderung. Ich hatte es schon nach einem Jahr bei meinen neuen Eltern geschafft, die Aufnahmeprüfung in die neue Schule zu bestehen. Trotzdem war keineswegs sicher, dass ich auch die neue Schule bestehen würde. Erst die Mutter hatte durch ihre Hilfe und Unterstützung dafür gesorgt, dass mir das Bestehen dieser Schule möglich wurde. Unermüdlich hatte die Mutter sich jeden Nachmittag mit mir darangesetzt, meine Hausarbeiten zu kontrollieren und diejenigen Dinge mit mir zu lernen, die ich in den vergangenen langen Schuljahren versäumt hatte. Sie hatte mir beigebracht für die Schule zu lernen. Erst durch sie hatten mich die Botschaften erreicht, die von den Lehrern seit Jahren erfolglos an mich herangetragen worden waren. „Wer etwas erreichen will muss lernen und Lernen will gelernt sein.“ Das war die Einstellung der Mutter.

Beinahe täglich war mir, wegen der Busfahrt in die Schule schlecht geworden. Ich hatte versucht meine mulmigen Gefühle, dieses flaue Gefühl in der Magengegend zu kontrollieren. Das war wegen dem Geschaukel im Bus sehr schwer. In der Anfangszeit in der neuen Schule war es fast täglich vorgekommen, dass ich beim Betreten des Schulhauses sauer aufstoßen musste und mich auf der Toilette übergeben musste. Aber ich lernte schnell mich von diesen widrigen Umständen nach der kurvenreichen Busfahrt nicht zu lange behindern zu lassen.

Weil ich in der Schule, wegen der täglichen Unterstützung der Mutter schnell meinen Weg gefunden hatte, gewann ich mehr und mehr an Sicherheit. Deshalb begannen sich Veränderungen einzustellen, die ich niemals erwartet hatte. Den Unterrichtsstoff hatte ich meist sehr schnell verstanden. Deshalb war ich im Unterrichtsgeschehen für die Lehrer zu einem Ansprechpartner in der Klasse geworden. Auch für die Mitschüler entwickelte ich mich zu einem Ansprechpartner, der während der Busfahrt und in den Schulpausen zu bestimmten Dingen befragt wurde. Mein erlerntes Wissen war zunehmend gefragt. So war es gekommen, dass sich Kontakte zu Gleichaltrigen ganz anders entwickelten als zuvor. In der Schule entwickelte ich mich zu einem aufmerksamen, guten aber kritischen Schüler. Ich glaube, die Mitschüler und viele Lehrer hatten das schnell gemerkt. Deshalb entstand das Gefühl, dass die mich ernst nehmen. Außerhalb des Elternhauses fühlte ich mich ernst genommen.

Weil die Eltern mich als unterstützungsbedürftigen Knaben aufgenommen hatten, der extrem schlechte Schulzeugnisse vorzuweisen hatte, war es ihnen sehr schwer gefallen, die Veränderungen, die sie an mir ausgelöst hatten auch wahrzunehmen. Ich glaube, weil es für die Eltern so schwer gewesen war, meine Veränderungen anzunehmen, hatte zu Hause der harte Kampf zwischen ihnen und mir begonnen. Es war der normale Kampf um die Ablösung von meinem neuen Zuhause gewesen. Dass es sich um einen normalen Kampf handelte und, dass dieser nicht ungewöhnlich war, konnten weder ich noch die neuen Eltern denken und wissen. Ich glaube, weil dieser Kampf für alle beteiligten in der Familie damals neu und unbekannt war, weil keiner darauf eingestellt war und weil keiner von uns diesen Kampf aufgrund eigener Erfahrung bereits gekannt hatte, war er im Laufe der Zeit beinahe zu einer Existenzbedrohung für die Eltern, vor allem für die Mutter geworden.

Ich konnte damals nicht so denken wie jetzt, auch die Eltern konnten das nicht. Auch heute, an meinem letzten Geburtstag bei den Eltern kann ich noch nicht wirklich so denken und die Eltern können das auch noch nicht.

Zu kurz ist die Zeit bei den Eltern vorbei, es sind erst Stunden. Heute beginnt eine neue Zeit. Heute beginnt die Zeit, in der die Zeit bei den Eltern vorbei ist. Diese Zeit wird täglich mehr. Wahrscheinlich braucht es Jahre, um das was gestern gewesen war, anders, klarer weil mit größerem Abstand von den nahe zurückliegenden Geschehnissen und deshalb vielleicht deutlicher sehen zu können. Vielleicht braucht diese heute beginnende neue Zeit noch sehr viele Gedanken in meinem Kopf um zu lichten, was ich heute nicht wirklich erkennen oder gar schon richtig deutlich und klar sehen kann. Es sind die Verletzungen, die ich den Eltern vor allem der Mutter mit meiner Art, die sie häufig „unverschämt“ genannt hatte, zugefügt habe. Es war meine Art, wie ich diesen Kampf geführt habe. Verletzend für die Mutter, niederschmetternd für den Vater. Meine Art diesen Kampf zu führen hat mich dot hin geführt, wo ich heute bin. Die Art, meine Art war falsch. Bei den Eltern war es der normale Kampf, den zu führen jeder Mensch einmal in seinem Leben als Aufgabe vor sich hat, wenn er, wie ich endlich Eltern gefunden hat oder wenn er seine Eltern aufgrund glücklicher Umstände nicht verloren hat und deshalb bei ihnen aufwächst. Meine Chance das zu erkennen beginnt heute, sie braucht Zeit.

Mein größtes Lebensglück war es gewesen, diese neuen Eltern zu finden. Bei ihnen war es mir möglich geworden Familie zu erleben. Wie schwer es ist, als Familie zusammen zu leben hatte ich zuvor nicht geahnt, auch die neuen Eltern hatten das nicht gewusst, da bin ich sicher. Um mich zu entwickeln, musste ich die neuen Eltern, die endlich für mich gefunden waren, sehr schnell wieder loslassen, denn ich war bereits so alt gewesen, dass es notwendig für mein Leben war, mich nicht zu stark an die neuen Eltern zu binden. Ich musste bei den neuen Eltern zu mir selbst finden. Ich musste lernen zu lernen. Ich konnte erkennen, dass ich bereits wusste, was richtig und was falsch ist, was gut und was böse ist, das mussten die neuen Eltern mir nicht mehr beibringen.

Zum Glück, so kann ich das heute schon sagen, gab es viele Dinge, die ich nicht erst bei den neuen Eltern lernen musste. Denn es wäre unmöglich gewesen, neben den vielen grundlegenden Dingen, den vielen Wissenslücken in der Schule, die es bei mir zu schließen gab, auch noch das alltägliche menschlich sein lernen zu müssen. Ich hatte bereits ein ausgeprägtes Denken über wichtige Fragen in meinem Kopf in das Haus zu den neuen Eltern mitgebracht. Schon vor den neuen Eltern hatte ich gelernt, im Alltäglichen zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu unterscheiden, den Besitz anderer zu respektieren, die Lehrer in der Schule ernst zu nehmen und zu respektieren, Erwachsenen gegenüber respektvoll zu sein und deren Anweisungen zu befolgen. Trotzdem hatte ich eine eigene Meinung entwickelt. Diese war meist nicht die gleiche, wie die Meinung, die ich von Erwachsenen zu hören bekam. Insbesondere die Meinung der Eltern hatte ich sehr selten geteilt. Trotzdem hatte ich immer Respekt gegenüber Erwachsenen. Aber es reichte mir nicht aus, Respekt zu haben, ich gebe zu, dass mir das nicht gereicht hatte. Ich wollte, dass auch meine Meinung ernst genommen wird. Ich wollte provozieren und gleichzeitig ernst genommen werden und mit Erwachsenen diskutieren und von ihnen lernen. All das konnte bei den Eltern nicht so gut funktionieren, wie es gegenüber den Lehrern in der neuen Schule auf dem Berg funktioniert hatte. Die neuen Eltern waren anders, sie waren meine neue Familie.

Hier könnte eines der hauptsächlichen Probleme zwischen den Eltern und mir entstanden sein. Es war nicht die konträre Meinung, die ich meist den Eltern gegenüber eingenommen hatte, sondern, vielleicht war das Hauptproblem, dass die Eltern nicht wahrgenommen hatten, dass ich mich grundsätzlich „in die richtige Richtung“ entwickelte. Die Eltern nahmen meine Entwicklung nur einseitig wahr, sie hatten meine vielen Versäumnisse in der Schule gesehen und begannen zu retten, was noch zu retten möglich war. Dass ich aber eindeutig nicht in der Gefahr war, mich zu einem Lügner, einem Dieb, oder einem gewalttätigen Menschen zu entwickeln, ich glaube, das erkannten die Eltern nicht. Im Verhalten der Eltern mir gegenüber erkannte ich stets eine gehörige Portion Misstrauen. Deshalb fühlte ich mich von den Eltern auf Schritt und Tritt in dem winzigen Ort und der Umgebung verfolgt. Stets wollten die Eltern wissen, wohin ich gerade unterwegs war, mit wem ich mich wo verabredete. Die Eltern hatten ein großes Interesse an Kontrolle, denn sie ahnten nicht, dass ich grundsätzlich ein vernünftiger Mensch war, der niemals solchen Mist bauen würde, dass den Eltern oder andern Menschen ernsthaft Schaden entstehen würde. Die Eltern waren in Sorge um mich und um sich selbst. Der alltäglich Kampf um die Ablösung aus der Obhut der Eltern hatte bereits eingesetzt, als die Eltern noch sehr besorgt um meine Entwicklung gewesen waren und keines Wegs überzeugt waren, dass ich begonnen hatte einen guten Weg einzuschlagen. Ich glaube, bis heute haben sie nicht wahrgenommen, dass ich einen einigermaßen vernünftigen Weg einschlagen werde. Ich lebte in einer Familie, ich lebte bis heute in ihrer Familie.

An den Nachmittagen mit der Mutter hatte ich mehr und mehr Widerwillen gespürt, gemeinsam mit ihr am Tisch zu sitzen und meine Hausaufgaben kontrollieren zu lassen. Auch das Abfragen von Vokabeln, die Übungen in Mathematik und Stenografie, das alles hatte mir wegen der Kontrolle und Unterstützung der Mutter bald gereicht. Ich war davon überzeugt, dass ich das alles nun selbst schaffen würde. Aber es war nicht einfach gewesen, das mit der Mutter zu besprechen. Weil die Mutter immer nachmittags dabei gewesen war und mit mir für die Schule gelernt hatte, war ich sicher, dass dieser normale Alltag nicht zu unterbrechen ist. Ich hatte nicht daran gedacht, die Mutter darauf anzusprechen, der Alltag war zu stark eingespielt gewesen, deshalb hatte ich mir das nicht zugetraut. Weil ich hilflos gewesen war, dieses Problem anzusprechen, war ich mit der Zeit wütend darüber geworden. Deshalb hatte ich irgendwann diese Unterstützung der Mutter als lästige Einmischung in meine Angelegenheiten empfunden.

An einem Nachmittag hatte mich der vereinbarte Termin mit der Mutter besonders geärgert. Deshalb hatte ich mir überlegt, einfach nicht da zu sein um mit ihr für die Schule zu lernen. Das Haus konnte ich nicht verlassen, denn sicherlich wäre mir die Mutter im Treppenhaus begegnet, oder sie hätte die Haustüre gehört und hätte mir dann vom Balkon aus zugerufen. Deshalb war ich in meinem Zimmer unters Bett gekrochen. Unter dem Bett hatte ich mich auf den Boden gepresst. Dort hatte ich gebannt auf meine Armbanduhr geschaut. Um drei Uhr hätte ich mich mit meinen Unterlagen im Wohnzimmer bei der Mutter einzufinden gehabt. Es war bereits einige Minuten nach drei Uhr gewesen. Um fünf Minuten nach drei hatte die Mutter mein Zimmer betreten. Ich presste mich auf den Fußboden unter meinem Bett und versuchte möglichst leise zu atmen. Im Zimmer war es absolut still gewesen. Die Mutter hatte die Tür hinter sich geschlossen und setzte sich an meinen Stuhl vor meinen Schreibtisch. Dort begann sie nicht meine offen daliegenden Hefte zu kontrollieren, sondern sie schrieb einen Brief an mich. Zehn Minuten später hatte sie das Zimmer wortlos wieder verlassen.

Ich glaube, die Mutter spürte schon lange, dass ich einen Widerwillen gegen die tägliche gemeinsame Lernzeit entwickelt hatte. Die Lernnachmittage waren immer unangenehmer geworden. Ich glaube nicht, dass ich während dieser täglichen Zusammenkünfte einen besonders glücklichen Eindruck gemacht hatte. Meine Ablehnung musste die Mutter lange schon gespürt haben. Mein unentschuldigtes Fernbleiben an diesem Nachmittag nannte sie in ihrem Brief „Undankbarkeit“ und „Unverschämtheit“. Die Mutter hatte geschrieben, dass sie sich von meinem Fernbleiben sehr verletzt fühlt. Von mir erwartet sie keine Dankbarkeit aber Aufrichtigkeit. Sie hat in ihrem Geschäft gemeinsam mit dem Vater sehr viel zu arbeiten, das wüsste ich doch. Deshalb ist es unverschämt, dass ich die teure Zeit die sie sich für mich nimmt einfach abschmettere, und ohne einen Ton zu sagen fernbleibe. Deshalb so schrieb sie, ist die Konsequenz von nun an, dass sie sich um meine schulischen Dinge nicht weiter kümmern werde.

Der Brief der Mutter hatte mich sehr getroffen. Ich hatte mich als undankbarer Ausbeuter ihrer teuren Zeit gefühlt. Aus dem Brief schloss ich, dass ich, derjenige der vom Geld der Mutter und des Vaters lebt, sich von ihnen unterstützen und helfen lässt, von ihnen Kleidung und Essen bekommt und sich materiell ausstatten lässt, die Unverfrorenheit besitze, die teure Zeit der Mutter zu vergeuden. Solches Verhalten, so verstand ich den Brief der Mutter, ist nicht zu entschuldigen. Deshalb hatte ich an dem Nachmittag ein sehr schlechtes Gewissen gehabt. Trotzdem war es mir nicht möglich gewesen, mit der Mutter darüber zu sprechen. Mit ihrem Brief in der Jackentasche hatte ich mich aus dem Haus geschlichen, um ihn im Wald noch einmal in Ruhe zu lesen. Abends hatte ich mich kaum getraut, mich an den Abendbrottisch zu setzen.

Seit diesem Vorfall hatte die Mutter ihre Unterstützung für die Schule komplett eingestellt. Ich hatte erreicht, was ich wollte. Allerdings war das nur auf Kosten unserer Beziehung und meines Gewissens möglich geworden. Ich war nicht in der Lage gewesen, die Mutter auf ihren Brief und auf mein Verhalten an dem Nachmittag anzusprechen. Über diesen Nachmittag wurde in der Familie nicht gesprochen. Ich glaube, die Mutter hatte gedacht, dass sie ihren Teil mit ihrem Brief erledigt hatte. Ich glaube sie dachte, dass es an mir wäre, mit ihr über die Sache ins Gespräch zu kommen. Ich sah mich nicht in der Lage, die Mutter selbständig auf ihren Brief anzusprechen. Ihr Vorwurf gegen mich, dass ich sie mein Fernbleiben so sehr enttäuscht hatte, hat mich so hart getroffen, dass ich nicht den Mut fand die Mutter darauf anzusprechen. Der Brief der Mutter war so formuliert gewesen, dass er es notwendig gemacht hätte, dass ich zunächst meine Schuld in vollem Umfang gegenüber den Eltern einräume. Es wäre erforderlich gewesen, dass ich erst einmal eingestehe, mit welch niederträchtiger Haltung ich in der Familie das von den Eltern entgegengebrachte Angebot der Hilfe und Unterstützung missbraucht und abgewehrt habe. Die Mutter hatte mit ihrem Brief eine hohe Barriere zwischen uns aufgebaut, die von mir nur durch das vollständige Eingeständnis meiner Schuld zu durchbrechen gewesen wäre. Ich hatte das Vertrauen der Mutter verletzt, so hatte sie geschrieben. Es war nicht darum gegangen zunächst einmal genau zu klären, welches Vertrauen die Mutter mir eigentlich entgegengebracht hatte, was sie damit exakt meint. Das hätte die Mutter als ironische Haarspalterei verstanden. Damit hätte ich der Frechheit nicht genug, noch eins drauf gesetzt.

Der Brief der Mutter hatte eine derartige Kraft, dass zweifellos klar war, dass es sich eindeutig um ihr Vertrauen gehandelt hatte, das ich gedankenlos verspielt hatte. Ich hatte einen Anschlag auf die Mutter verübt, das hatte die Mutter mit ihrem Brief klargestellt. Hätte ich es gewagt, die Frage nach dem Verständnis der Mutter von deren Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte aufzuwerfen, anstatt zuerst ein vollständiges Schuldeingeständnis gegenüber der Mutter abzulegen, wäre dieses ein weiterer provokanter Angriff gegen die Mutter und die Familie gewesen. So gesehen war es unmöglich, die Mutter darauf anzusprechen, ohne weiteres Porzellan zu zerschlagen. Ich glaube, es war dieser Nachmittag gewesen, der die endgültige Eiszeit zwischen mir und den Eltern eingeleitet hatte. Weil ich die Leistung der Mutter mich in der Schule zu unterstützen nicht weiter annehmen wollte, und weil ich mich nicht getraut hatte mit der Mutter wegen dieses Nachmittags ins Gespräch zu kommen, war ein Stein ins Rollen geraten, der dazu führte, dass sich der Kontakt zwischen den Eltern und mir verschlechterte.

Langsam tuckert der Linienbus die steile Bergstraße hinauf. Obwohl er im Vergleich zu meinem früheren Schulbus beinahe leer ist, erreicht er trotz dröhnendem Motor nicht annähernd dessen Geschwindigkeit. Viele Fahrgäste sind inzwischen ausgestiegen. Noch einige steile Kurven stehen bevor, bis der Bus die Wendeschleife und Endhaltestelle erreicht. Von dort besteht die Möglichkeit in einen kleineren Bus umzusteigen, der die Straße bis kurz vor dem Berggipfel hinauffährt. Ich steige an der Wendeschleife aus. Jetzt habe ich noch etwa zwei Kilometer zu Fuß vor mir. Die meisten Touristen bezwingen die steile Bergstraße bis zur Wendeschleife in Reisebussen die von Touristikunternehmen gechartert wurden. Weil Hochsaison ist, steht der Busparkplatz hinter der Wendeschleife voll von Reisebussen. Rings um die Wendeschleife herrscht buntes touristisches Treiben. Massen von wartenden Touristen, die mit Kleinbussen bis nahe an den Gipfel heranfahren wollen, belagern die winzigen Buden rings um die Wendeschleife. Hier decken sie sich mit Ansteckern, Aufklebern, Wanderstöcken, bayerischen Hüten und allen nur erdenklichen Souveniren ein.

Ich arbeite mich durch die Menschentrauben, die sich vor den Ramschbuden stauen. Ich höre das Klicken von Fotoapparaten und das Surren von kleinen Filmkameras. Hin und wieder weiche ich einem zu weit abgewinkelten Wanderstock aus. Unten im Ort war es mir vor Jahren einmal passiert, dass mich so ein Tourist mit seinem ausgestreckten Wanderstock beinahe von meinem Fahrrad gestoßen hätte. In den Sommermonaten sind die Gehsteige von begeisterten Besuchern der Gegend völlig überfüllt. Hin und wieder geschieht es, dass einer mit seinem Wanderstock unvermutet vom Gehsteig auf die Straße ausschert. Ich hatte großes Glück, denn der Autofahrer hinter mir hatte das gesehen und sofort gebremst, so dass ich mit dem Fahrrad auf die Fahrbahn ausweichen konnte. Diese Menschen nennen die Ortsbewohner „Watzmannstecher“. Sobald sie den Watzmann am blauen Himmel erkennen reißen sie unvermittelt ihren Wanderstock in die Höhe, stürzen auf die Straße und stechen mit ihrem Stock auf den weit entfernten Berg ein. Dazu brüllen sie begeistert „des isser, des isser!“