4. Verrat

Wir Geschwister sind zu Hause ständig auf der Flucht. Wir verstecken uns vor Stiefmutter und Vater. Wir weichen ihnen aus, wo immer es möglich ist. Wir fliehen vor dem Kreischen und Schlagen der Stiefmutter und vor dem Gürtel des Vaters.

Obwohl wir zu Hause eng aufeinander sitzen, ist jeder von uns vier Brüdern einsam für sich selbst. Auch wir Geschwister müssen voreinander fliehen. Es gibt kein Vertrauen mehr unter uns. Es ist nicht mehr wie früher im Kinderheim. Jeder hat Angst davor, dass der Bruder dem Vater und der Stiefmutter etwas erzählt, das zu Schlägen führt. Weil der Vater und die Stiefmutter versuchen, diese Dinge aus uns herauszuprügeln, ist es besser mit den Geschwistern nicht mehr zu reden. Unter uns Geschwistern gibt es permanente Angst vor Verrat.

Damals im Dorf, als ich morgens die Pfeife vom Vater geraucht hatte, wurde ich nicht von Matthias verraten. Er hatte den brutalen Schlägen von Stiefmutter und Vater damals Stand gehalten. Ich glaube, heute wäre das unmöglich. Schon zu lange drangsalieren uns die beiden.

Seit einem Jahr arbeiten beide daran, uns unter Kontrolle zu bringen. Die Stiefmutter befiehlt unsere tägliche Zeit, unseren Tagesablauf. Sie weiß, dass wir wegen der ständigen Angst vor ihr, wegen ihrer Worte abends, wenn der Vater nach Hause kommt, kaum mehr miteinander reden. Sie will, dass wir Schweigen lernen. Sie will, dass unsere Angst vor Verrat so groß wird, dass wir uns durch Schweigen voreinander schützen. Was der Bruder nicht weiß, kann er unter den Schlägen der Stiefmutter nicht verraten. Aber wenn wir nicht miteinander reden, können wir uns auch nicht gegenseitig unterstützen und schützen. Das will die Stiefmutter. Zu Hause sind wir nicht mehr lustig. Wir sind ängstlich. Wir zittern vor Angst. Unsere Blicke sind ernst. Wir lachen nicht mehr. Wir haben keinen Grund zur Freude. Wir haben nichts zu lachen. Vielleicht sind wir gar keine Kinder mehr.

Hier in diesem Ort hatte damals vor einem Jahr alles angefangen. Wir hatten noch nicht verstanden, wie Vater und Stiefmutter sich das neue Zusammenleben mit uns vorstellten. Wir hatten noch nicht geahnt, dass die Stiefmutter es sich mit Schreien, Schlagen und Hass vorstellte, und dass der Vater es mit seinem scharfen Gürtel plante.

Die ersten Schläge hatten mich deshalb schockiert. Ich hatte das noch nicht gekannt. Im Kinderheim gab es auch Schläge, aber andere und aus anderen Gründen. Dort hatte ich fast immer gewusst, wann und warum geschlagen wurde. Die Gründe für das Schlagen waren bei Stiefmutter und Vater völlig neu. Bis heute weiß ich nie genau, welche Gründe für das Schlagen am Abend da sind. Den ganzen Tag lang denke ich darüber nach, welche Gründe die Stiefmutter dem Vater abends liefern kann, damit er wieder prügelt.

Hier im Ort hatte ich das noch nicht verstanden. Ich glaube, es war weil ich so schockiert gewesen war. Jeden Tag hatte ich Angst. Ich hatte mich noch nicht an die Angst gewöhnt, deshalb konnte ich nicht vernünftig darüber nachdenken. Erst später, nachdem wir in das Dorf gezogen waren, begann ich darüber nachzudenken. Hier in diesem Ort war ich jeden Tag froh gewesen, dass ich besser in mein Schulheft schreiben konnte als Matthias und dass ich deshalb manchmal verschont blieb. Matthias wurde von Stiefmutter und Vater nicht verschont.

Heute, auf meiner Flucht durch diesen Ort, verstehe ich ganz genau, was damals geschehen war. Es ist die Ruhe, wegen der ich heute so klar denken kann. Die Stiefmutter hatte dafür gesorgt, dass wir Geschwister voreinander sehr viel Angst entwickelten. Weil sie begonnen hatte, nachmittags Informationen über den Bruder aus uns herauszuprügeln, zerstörte sie den Zusammenhalt unter uns Geschwistern. Im Kinderheim hatten wir Geschwister viel miteinander geredet, wir hielten zusammen und wir hatten uns dort deshalb sicher gefühlt. Als wir hier im Ort angekommen waren, in den ersten Wochen, war das noch so gewesen.

Niemandem von den Geschwistern habe ich von meiner heutigen Flucht erzählt. Ich bin sicher, die Stiefmutter hätte es nachmittags aus Matthias herausgeprügelt. Die Stiefmutter hätte gemerkt, dass er etwas weiß. Sie hätte ihn so lange geschlagen, bis er mich verraten hätte.

Jetzt erst fällt mir ein, dass die Geschwister sicherlich heute Morgen von Stiefmutter und Vater geschlagen wurden. Weil die Geschwister von meinem Fluchtplan nichts gewusst hatten, ließen sie mich gehen.

Ich hatte den Brüdern also absichtlich nichts erzählt. Sie hätten es melden müssen. Hätten sie es nicht gemeldet, hätten es Stiefmutter und Vater herausgeprügelt. So ist es zu Hause. Das haben uns Vater und Stiefmutter innerhalb eines Jahres beigebracht.

Heute denken Vater und Stiefmutter, die Brüder hätten mich nicht gemeldet, obwohl sie von meinem Fluchtplan wussten. Sie hätten mich heute Morgen gehen lassen, um Vater und Stiefmutter zu schaden. Die Folgen sind klar. Gestern Abend schon hätte ich wissen können, dass die Geschwister heute deshalb geschlagen werden. Hätte ich meinen Plan den Brüdern mitgeteilt, hätten sie mich an der Flucht gehindert. Das hätten sie getan, weil klar ist, dass sie heute dafür verprügelt werden. Deshalb ist mir das nicht schon gestern Abend eingefallen. Ich wäre niemals von zu Hause weggekommen.