4. Dorfladen, Dorfplatz und Schulhaus

Links sehe ich jetzt den kleinen Dorfladen. Die braunen Fensterläden sind verschlossen. Die alte Frau Maier liegt in ihrem Bett über dem Laden und schläft. Vielleicht träumt sie von kleinen Dieben vor ihrem Laden. Dort sehe ich den Kaugummiautomaten. Er hängt neben der Eingangstür und er ist immer noch kaputt. Die Schublade steht offen.

Mein Bruder Christian und ich hatten das vor einigen Tagen angerichtet. Mit nur einem fünfzig Pfennigstück hatten wir das geschafft. Statt nur einem Päckchen, angelten wir zwei Päckchen aus dem Automaten. Das erste Päckchen nahm Christian heraus, nachdem ich die fünfzig Pfennig eingeworfen hatte. Er hatte die leere Schublade ganz langsam zugeschoben und sie auf halber Stellung festgehalten. Ich hatte mit meinen dünnen, langen Fingern hineingepult und die nächste Packung langsam herausgezogen. Matthias hatte am Rand der Dorfstraße Schmiere gestanden. Die Schublade lässt sich nicht wieder verschließen. Sie steht immer noch offen.

Jetzt, wo ich an Frau Maiers Laden und dem kaputten Automaten vorbeilaufe, denke ich: Warum kein Bauernblick aus einem Klofenster, während wir uns im Dorf am einzigen Kaugummiautomaten vor Frau Maiers Laden zu schaffen gemacht hatten? Gibt es Bauern, hier im kleinen Dorf, die so etwas sehen und sich trotzdem nicht dafür interessieren? Eigentlich dürfte es in diesem winzigen Dorf kaum möglich sein, dass uns am Kaugummiautomaten niemand beobachtet hatte. Denn oft habe ich das Gefühl, dass im Dorf jeder Mensch genau weiß, was die Nachbarn tun, vor allem glaube ich, dass die Erwachsenen im Dorf genau wissen, was wir Kinder den Tag lang tun. Doch vielleicht täusche ich mich. Vielleicht kommt es doch häufiger vor, als ich es glaube, dass in diesem Dorf kein Bauer irgendetwas sieht und hört!

Unsere lauten Schreie durch die dünnen, zugigen Fenster im Kinderzimmer fallen mir da ein. Weil der Vater abends ungestört seinen Gürtel benutzt, könnte es sein, dass ich mich mit meiner Vorstellung von diesem Dorf täusche. Niemals hatte ein Nachbarbauer an unserer Haustüre geläutet und nachgefragt, woher das Knallen dieses scharfen Lederriemens stammt und warum dazu dieses kreischende Kindergeschrei ertönt.

Vielleicht war es genauso auch mit diesem Kaugummiautomaten gewesen. Ein Bauer dieses kleinen Dorfes, der mich und meinen Bruder nachmittags am Automaten hantieren sieht, interessiert sich vielleicht nicht dafür. Ein Bauer, der Kinder laut schreien und weinen hört, interessiert sich für diese Geräusche aus unserem Haus vielleicht so wenig, wie für das Blöken der Schafe auf der Weide. Interessiert meine schnelle Flucht durch das Dorf? Vielleicht denkt kein einziger Bauer in diesem Dorf über uns Kinder am Kaugummiautomaten, oder über unsere Schmerzensschreie aus dem alten Bauernhaus, oder über einen flüchtenden Zehnjährigen um fünf Uhr morgens auf der Dorfstraße nach.

Ich weiß nicht, ob das so ist. Wenn es so ist, dann könnte ich jetzt, wo ich schon vorbei bin am einzigen Laden im Dorf, langsamer werden. Könnte ich mir mehr Zeit lassen? Vielleicht könnte ich gemütlich pfeifend die Dorfstraße hinaufschlendern. Ich könnte so tun, als wäre es normal, dass ich jetzt hier laufe. Wenn ich langsamer ginge, müsste ich nicht so sehr auf die vielen Kuhfladen und die rutschigen Treckerspuren auf der Dorfstraße aufpassen. Ich könnte auch die Häuser am Wegrand noch einmal genau betrachten.

Eigentlich bin ich ja nur ein winziges zehnjähriges Bürschchen, das zu Hause nicht mehr bleiben mag! Dass ich nicht mehr mag, ist für alle Bauern in diesem Dorf doch völlig uninteressant. Dass ich jetzt auf der Flucht bin, ist deshalb vielleicht gar kein Grund für meine Eile, denn sie interessiert niemanden.

Warum also meine innere und äußere Unruhe? Warum dieses schnelle, beinahe panische Herumhüpfen zwischen den matschigen Kuhfladen die steile Dorfstraße hinauf? Warum dieses hektische Ausweichen vor dem feuchten, glitschigen Dreck, der braunen Erde, den vielen Pferdeäpfeln auf der Dorfstraße?

Der Weg hinauf zum Dorfplatz wäre viel einfacher zu laufen, er wäre nicht so anstrengend, wenn ich langsamer ginge, wenn ich mir mehr Zeit ließe. Das geht nicht, ich kann es nicht! So denke ich. Ich muss schnell weg hier. Ich kann mir jetzt nicht erklären, warum ich das nicht kann. Vielleicht fällt mir später eine Erklärung ein. Jetzt, in diesen aufregenden Sekunden durch dieses Dorf, denke ich zwar kurz daran, dass meine Flucht eigentlich normal sein könnte, aber ich denke gleichzeitig auch an das andere.

Ich denke, dass dies, was ich hier um fünf Uhr morgens gerade tue, vielleicht notwendig und deshalb vielleicht für mich normal sein könnte, doch eines ist es sicherlich nicht für die Menschen in diesem Dorf: Mein Laufen hier und jetzt ist nicht alltäglich. Alltäglich in diesem winzigen, nach Stallmist stinkenden Dorf ist vielleicht das Schmerzensgeschrei von uns Kindern, das die Dorfbewohner täglich aus unserm Haus hören. Ich glaube, das ist in diesem Dorf ein Stück Alltag und damit Normalität für alle Dorfbewohner, weil es ebenso regelmäßig zu hören ist, wie das Zwölfuhrschlagen der kleinen Dorfkirche neben unserem Haus. Ich kann jetzt nicht gelassen sein. Das, was ich gerade tue, gehört nicht zum Alltag in diesem Dorf. Deshalb muss ich mich sehr beeilen.

Jetzt erkenne ich schon das große braune Haus. Es ist die Dorfkneipe. Die einzige Gaststätte im Ort. An ihr laufe ich hastig vorbei. Hastig? Ich merke, dass ich jetzt richtig renne. Meine offenen Schuhe fühlen sich an wie große Schlappen. Ich könnte sie verlieren. Deshalb werde ich wieder langsamer.

Es ist der winzige Dorfplatz vor der Kneipe. Wegen ihm bin ich so schnell geworden. Meine Augen tränen wegen der Anstrengung auf der steilen Straße. Mir war gerade, als sitze dort ein Mann auf der Bank am Platz. Deshalb denke ich sofort: Oh nein, auf dem Dorfplatz sitzt ein Betrunkener! Vielleicht hatte der es gestern Abend nicht bis nach Hause geschafft. Nach dem Fußballspiel hatte er als letzter betrunkener Gast die Dorfkneipe verlassen. Die Treppenstufen vor der Kneipe war er hinunter gestürzt. Mit schweren Kopfschmerzen hatte er sich auf der Bank am Dorfplatz wieder hochgerafft. Vielleicht ist es der Bauer vom letzten Bauernhof am Ende des Dorfes. Weil er den weitesten Weg nach Hause hat, hatte er sich, schwer betrunken wie er war, auf die Bank gesetzt. Nur fünf Minuten, so hatte der Mann gedacht, sollten es werden. Wenn er seine Kräfte wieder gesammelt hätte, wollte er weitergehen. Sofort war er trotz der kalten und mondhellen Nacht eingeschlafen. Er war zur Seite weggekippt und blieb die Nacht über auf der Bank am Dorfplatz liegen.

Kein Mensch liegt da auf der Bank am Dorfplatz! Es ist ein voller Kartoffelsack, der dort liegt. Weil ich das zu erkennen glaube, schnaufe ich tief durch. Ich wische mit meinem Jackenärmel über meine verschwitzte Stirn und meine Augen. Jetzt sehe ich noch weniger, doch ich bin froh, als ich ein wenig verschwommen erkenne, dass tatsächlich niemand auf der Bank beim Dorfplatz sitzt.

Warum setze ich mich nicht einfach hin? Warum nicht einfach gemütlich dasitzen und auf die alte Dorfstraße schauen? Vielleicht wird das mein letzter Blick vom Dorfplatz aus die Dorfstraße hinunter. Warum nicht jetzt, um kurz nach fünf Uhr morgens auf der Flucht, so tun als sei ich nur Tourist in meinem kleinen Dorf?

Ich weiß, was ein Tourist ist. Es ist jemand, der in einen Ort kommt, dort nur kurz bleibt und wieder verschwindet. Ich kenne das. Ich habe Jahre lang in einem gebirgigen Touristenort in Oberbayern gelebt. War ich nur für kurze Zeit hier im Dorf? Seit fast einem Jahr bin ich hier. Viel zu lang für einen Touristen und sicherlich zu kurz um es „mein Dorf“ zu nennen. Nein, ich bin kein Tourist in diesem Dorf. Ein Tourist kommt freiwillig, er bleibt freiwillig und er geht freiwillig wieder nach Hause.

Kam ich freiwillig in dieses Dorf? Ich erwartete Anderes hier, Schöneres. Ich erwartete meine Familie. Ich erwartete sie nicht im Originalzustand aber immerhin, was ich erwartete, war ein gehöriges Stück von ihr. Die Familie eben. Etwas das ich lange nicht gehabt hatte, etwas das ich in diesem Dorf bei meinem Vater und der Stiefmutter zu finden glaubte. Darauf hatte ich mich gefreut, als ich gekommen war. Somit ist es eindeutig: Ich war freiwillig gekommen, denn ich hatte geglaubt, hier etwas Schönes und Wichtiges für mich zu finden. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich gespürt, dass es mit der Freiwilligkeit, hier zu bleiben, immer schwieriger wurde. Mehr und mehr hatte ich mich zu bleiben gezwungen gefühlt. Mehr und mehr spürte ich auch meine Angst. Langsam hatte sie sich zum Grund entwickelt, der mich noch hier im Dorf bei der Familie gehalten hatte. Meine Angst hatte mich lange Zeit gezwungen, in diesem Dorf zu bleiben.

Heute gehe ich. Ich gehe freiwillig. Ich will heute gehen. Diese Freiwilligkeit ist anders, als meine Freiwilligkeit, mit der ich, vor etwa einem Jahr, zu Vater und Stiefmutter gekommen war. Ich meine, es ist eine sehr klare Freiwilligkeit. Denn im zurückliegenden Jahr habe ich Vater und Stiefmutter kennen gelernt. Nur deshalb entscheide ich mich heute für diese Flucht. Für mein Kommen, vor einem Jahr, hatte ich mich entschieden, ohne beide richtig zu kennen.

Tourist bin ich also sicherlich nicht. Vielleicht bin ich Sucher. Ich hatte hier nach einer Heimat und nach meiner Familie gesucht. Die Suche beende ich heute. War ich erfolglos? Ich fand meine Familie, aber sie wurde mir keine Heimat, sie war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Sie war unerträglich.

Meine Schritte werden jetzt langsamer. Ich komme an der alten Dorfschule vorbei. Sehe ich sie heute das letzte Mal? Dann war gestern der letzte Tag, an dem ich sie besucht hatte. Vor der Mauer rings um die Schule bleibe ich stehen. Der steile Anstieg der Dorfstraße liegt jetzt hinter mir. Die Dorfstraße ist hier flach. Ich schaue über die Mauer. Dort sehe ich den gepflasterten Schulhof, in dessen Mitte das graue, hohe Schulhaus steht.

Warum stehe ich jetzt hier und schaue? Vor Minuten war ich noch beinahe panisch am Dorfplatz vorbei gerannt.

Meine Schule ist das größte Haus im Dorf. Es hat drei Stockwerke. Ganz oben, unter dem spitzen Dach ist ein Speicher. Allerlei Gerümpel liegt da herum. Mit meinem Lehrer war ich einmal dort gewesen. Verstaubte, riesige Landkarten hatten Matthias und ich vom Speicher hinunter getragen. Der Lehrer hatte sie im Klassenzimmer an die Wand gehängt. Er hatte uns genau erklärt, wo auf der Landkarte Deutschland liegt und wo wir in Deutschland unser winziges Dorf finden. Leider hatte mich das an dem Tag nicht besonders interessiert.

Erst heute vor dem alten Dorfschulhaus spüre ich, dass ich die Dorfschule gerne besucht hatte. Nicht nur deshalb, weil dort weder Vater noch Stiefmutter waren, sondern auch, weil der Lehrer damals erklärt hatte, wo wir hier in Deutschland leben. Wenn mich das an diesem Vormittag auch nicht interessiert hatte, so weiß ich deshalb doch, dass man auf der Landkarte auch den Ort finden kann, in dem ich lange Zeit gelebt hatte, bevor ich zu Vater und Stiefmutter hierher nach Baden Württemberg gekommen war. Ich glaube, diesen Ort, dieses Dorf hier werde ich mir noch lange merken. Wichtig ist der Ort, weil es der Platz ist, an dem ich dieses Jahr beim Vater gelebt hatte. Ich glaube einen Ort, in dem man lebte, wie ich hier bis heute beim Vater gelebt habe, so einen Ort vergisst man nie.

Weil hier im Dorf meine Familie war, weil ich bei meiner Familie gewesen war, zusammen mit meinen Geschwistern, weil wir hier alle zusammen gelebt hatten, wird der Ort wichtig bleiben für mich. Das spüre ich jetzt schon, wo ich nicht einmal eine Viertelstunde aus dem Haus des Vaters bin.

Schon jetzt ist in meinem Kopf das, was in diesem Ort gewesen war, zu etwas geworden, das vergangen ist. Schon jetzt beginnt die Erinnerung. Schon jetzt ist das Vergangenheit, worin ich noch vor einer halben Stunde mit Haut und Haaren gesteckt hatte. Warum spüre ich das jetzt schon? Habe ich hier etwas zu verlieren? Bin ich gerade dabei, hier in diesem Ort etwas Wichtiges zu früh aufzugeben? Ist es etwas, das ich nicht schon jetzt, heute, der Vergangenheit geben möchte? Was ist das, was mich jetzt so wehmütig macht?

Ich glaube es ist die Trauer um meine Familie, die ich in diesem Ort nicht finden konnte und die ich heute der Vergangenheit übergebe. Jetzt, in diesen Sekunden schon, spüre ich Trauer wegen der ich hier minutenlang am Dorfschulhaus stehen bleibe. Jetzt schon beginnt der schmerzliche Abschied, wo ich das Dorf meiner Suche noch nicht einmal ganz verlassen habe.

Ich spüre Schmerzen, obwohl der Vater nicht seinen Gürtel auf meinem Rücken und Hintern spielen lässt. Mein Schmerz kommt von innen. Er steigt langsam in mir auf. Es wird schmerzhafter, je länger ich hier stehe und denke, wie ich denke. Weil ich mein Denken nicht abschalten kann, spüre ich immer mehr Abschiedsschmerz. Es ist meine Trauer über das nicht Gefundene in diesem Ort. Jetzt werden meine Augen nass und ich erkenne mein Schulhaus nur noch schwer. Das alte Dorfschulhaus verschwimmt. An einem dünnen Baumstamm neben der Schulhofmauer, halte ich mich fest, denn ich glaube, ich könnte jetzt umkippen. Mein Herz rast, ich atme tief. Möchte ich doch noch länger hier bleiben?

Nein!

Ich kann jetzt nicht so weiter denken, ich muss aufhören mit dieser frühen Traurigkeit. Sie kommt zu früh, viel zu früh. Jetzt und heute ist der Vater noch sehr dicht hinter mir her. Ich bin noch lange nicht weit genug weg. Ich kann geschnappt und zurückgebracht werden. Mein Leben beim Vater in diesem Dorf ist heute noch nicht meine Vergangenheit. Was in diesem Dorf gestern für mich gewesen war, ist immer noch heute. So muss ich denken! Ich darf lange noch nicht wehmütig träumen. Ich darf lange noch nicht Schmerzen zulassen, wegen meiner Vergangenheit und Familie in diesem Dorf. Es ist noch nicht vergangen. Meine heutige Flucht muss erst noch gelingen.

Es ist gefährlich und sehr leichtsinnig von mir, so lange vor meinem Schulhaus zu stehen. Meine Gedanken und Gefühle vor der Dorfschule hätten mich vielleicht vor einer halben Stunde, in meinem warmen Bett liegen lassen. Vielleicht hätte ich so meinen Fluchtplan ins Wanken gebracht. Hätte ich schon vor eine halben Stunde im Haus des Vaters gespürt und gedacht, was ich jetzt hier vor dem Schulhof spüre und denke, vielleicht wäre dann der nicht umkehrbare Gedanke an meine heutige Flucht zusammengebrochen. Bestimmt wäre ich im warmen Bett im Haus des Vaters liegen geblieben.

Vielleicht hätte ich über diese Minuten, diese Schritte, vorbei am Laden von Frau Maier, dem Dorfplatz, der Dorfkneipe, der Dorfschule, viel genauer nachzudenken gehabt. Vielleicht habe ich noch nicht genug nachgedacht! Vielleicht bin ich doch noch zu klein, um so einen Schritt zu tun. Wie lange muss ein Kind nachdenken, um zu tun was ich heute tue? Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate müssen es sein? Vielleicht wären Jahre nötig.

Ein ganzes Jahr bin ich beim Vater. Reicht das? Ich weiß es nicht. Vielleicht denke ich zu kurz, zu wenig, zu wenig genau. Warum glaube ich, schon nach einem Jahr, ich hätte genug darüber nachgedacht?

Wahrscheinlich ist alles völlig normal beim Vater und bei der Stiefmutter. Und überhaupt, wie ist das mit den Stiefmüttern? Warum werden sie immer schlecht gemacht, im Märchen wie in Wahrheit? Ich glaube, dass ich Stiefmütter nicht schlecht machen will. Ich glaube ich kann das gar nicht. Ich bin zu klein, um so etwas zu tun. Aber ich weiß, dass diese meine Stiefmutter wirklich schlecht ist. Ich habe das ein Jahr lang erlebt und täglich gespürt.

Obwohl ich nur diese eine, meine schlechte Stiefmutter kenne, denke ich, dass Stiefmütter in Wahrheit gute Mütter sind. Wahrscheinlich gibt es gar keine schlechten Mütter. Denn richtige Mütter und Stiefmütter wollen ihren Kindern Mütter oder Stiefmütter sein, schon deshalb tun sie sicherlich nicht absichtlich Böses.

Bei uns zu Hause ist das, glaube ich, etwas anderes. Ich glaube, dass die Stiefmutter uns gar keine Mutter sein will. Ich glaube sie will nicht mit uns zusammenleben. Deshalb ist sie so, wie sie ist. Sie ist unerträglich. Sie hasst uns. Im Haus des Vaters spüre ich den Hass der Stiefmutter täglich. Nur wer mich hasst, kann mich ansehen wie diese Stiefmutter. Es kann nur Hass sein, der diese Stiefmutter dazu brachte, auf mir herumzutrampeln, wie sie es täglich getan hatte.

Ich glaube das. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es nicht vielleicht normal ist. Vielleicht ist es einfach das normale Leben, das ich noch zu wenig kenne. Vielleicht muss es so sein, wie es hier ist, wenn man ein Kind ist. Vielleicht ist es normal so, wie ich es im Haus des Vaters täglich erlebe. Das alles ist vielleicht nicht so schlimm, wie ich es finde. Die schmerzlichen Schläge, das Schreien, das Weinen, es gehört täglich dazu, zu meinem Kinderleben.

Ich will es aber anders! Aber was soll das? Was du willst, ist nicht das Leben! Warum willst du das anders? Warum läufst du heute davon? Das geht nicht Freundchen! Hiergeblieben Kleiner! Jetzt habe ich wieder im Ohr, wie die Stiefmutter schreit:

„Du warts’t jetzt in dei’m Zimmer bis Abends dei Vadder kummt! Der wird’s da scho zoing!“

Das ist mein Kinderleben. Es ist nicht schlimm! Es gibt viel Schlimmeres! Was willst du denn? Dir geht es doch nicht schlecht! Millionen Kindern geht es viel schlechter! Die Welt ist riesig, das hatte ich auf den Landkarten in der Dorfschule gesehen. Da muss es unzählige Kinder geben, denen es viel dreckiger geht als mir.

Was jammerst du also so? Warum morgens um Fünf auf die Dorfstraße? Warum Flucht, wo es noch viel, viel Grauenvolleres gibt als diese Stiefmutter und mein Leben beim Vater?

Nein!

Das alles mag stimmen, aber daran zu denken darf jetzt nicht sein! Es darf nicht länger so bleiben, dass ich jeden Tag, den ich bei Vater und Stiefmutter lebe, daran denke und arbeite, an einem Tag wie heute zu fliehen. Dieser Tag ist nach einem Jahr gekommen. Der Tag ist heute. Ich darf nicht denken, dass ich doch noch bleiben sollte. Das hätte keinen Sinn, denn ich würde, wenn ich bliebe nur wieder ständig an die Flucht denken. Der Tag ist wirklich heute! So muss ich denken! Der Tag heute ist gut, es ist der beste Tag für meine Flucht. So denke ich ab jetzt!