4. Ausruhen am Wegrand

Jetzt komme ich auf eine schmale Teerstraße. Ein kleiner geteerter Feldweg. Auf den Wiesen neben dem Weg liegen große Strohballen. Wie weit ist es noch bis zur Stadt? Ich bin schon weit gelaufen. Ich laufe und pfeife ein wenig dabei. Obwohl ich vor dem Vater flüchte, kann ich jetzt sogar munter pfeifen! Vorher im Dorf konnte ich das noch nicht. Jetzt kann ich es, weil der Vater schon etwas weiter entfernt ist. Trotzdem fühle ich mich nicht wie ein „Wandergeselle“. Von solchen Menschen hatte der Dorfschullehrer manchmal aus Büchern vorgelesen. Die wanderten munter pfeifend von einem Dorf zum anderen, dort blieben sie einige Wochen, um zu arbeiten, dann wanderten sie weiter. Ich bin kein munterer Wandergeselle. Ich bin auf der Flucht.

Ich habe Hunger. Ich kann es eine Weile ohne Essen aushalten. Vor mir sehe ich jetzt Wald. Der Weg macht eine Biegung, dort sehe ich eine Bank. Auf die setze ich mich, um etwas auszuruhen. Bald werde ich die große Stadt erreichen. In der Stadt muss ich sehr vorsichtig sein. Ich glaube, sie werden mich suchen. Der Vater wird jetzt auch schon unterwegs sein in die Stadt. Dort muss ich besonders wachsam sein, denn an jeder Ecke kann er stehen und auf mich warten.

Das Wetter ist heute sehr klar. Der Himmel ist tiefblau, ich sehe keine einzige Wolke. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich liege auf der Bank am Wegrand. Ich spüre meine Müdigkeit, sie drückt mich auf die Holzbretter. Ich muss kurz hier ausruhen. Ich spüre meine Füße schon ein bisschen. Vergangene Nacht war ich lange wach gelegen, das zehrt jetzt an meinen Kräften. Ich fühle mich schwach. Ich werde immer schwächer, ich glaube, gleich schlafe ich ein. Ich döse auf der harten Holzbank, wie nachmittags, oben zwischen den Strohballen, im Versteck in der alten Scheune. Ich glaube, der Vater kann die Bank hier nicht finden, ich bin schon viel zu weit gelaufen. Wenn jemand vorbeikommt und mich anspricht, mich fragt warum ich hier liege, sage ich, dass ich hier auf einen Freund warte und dabei eingeschlafen bin. Oder soll ich lieber sagen, dass ich unterwegs nach Hause bin, nicht weit von hier wohne und nur kurz ein wenig hier ausruhe? Nein, wenn jemand kommt und mich anspricht, dann tue ich so, als spreche ich eine andere Sprache. Ich tue so, als spreche ich nicht Deutsch, sondern vielleicht Englisch, davon haben wir schon wenige Worte vom Dorfschullehrer gelernt. Ich tue so, als verstehe ich nicht. Dann kann ich ja schnell den Weg hier hinunter laufen und dabei so tun, als wohne ich da unten.

Oder sollte ich mich vielleicht besser auf die Wiese hinter die Holzbank legen? Wie falle ich einem Spaziergänger auf diesem Feldweg weniger auf? Ach nein, ich bleibe einfach auf der Bank, ich glaube da falle ich nicht besonders auf. Auf einer Bank kann man sitzen oder liegen. Ich lege mich einfach drauf, wenn jemand kommt, fällt mir schon irgendetwas ein, das ich erklären kann. Die Bank ist sehr hart. Ich liege auf ihr, obwohl ein Brett durchgebrochen ist, das macht nichts. Ich brauche kein Kopfkissen. Ich nehme meine Hände als Kopfkissen, das geht schon. Es ist jetzt sehr warm von der Sonne. Vielleicht ist es jetzt schon neun Uhr. Dann sind alle zu Hause schon aufgestanden.

Gestern hatten wir einen sehr ruhigen Tag zu Hause. Es war eigentlich kein schlimmer Tag. Der Vater und die Stiefmutter hatten nicht herumgeschrieen und sie schlugen uns nicht. Deshalb war es eigentlich ein richtig schöner Tag. Solche Tage sind selten. Für mich war es der richtige Tag, um unauffällig den heutigen Tag vorzubereiten. Niemand hatte meine Vorbereitungen im Kinderzimmer bemerkt. Ich glaube, das lag nicht nur an meiner Sorgfalt, es hatte auch mit der Stimmung dieses Tages zu tun.

Der Tag war sehr ruhig. Am Abend gab es keinen Streit. Der Vater kam früh von der Arbeit nach Hause weil gestern Freitag war. Unsere Schulhefte waren in Ordnung. Es standen keine Noten drin. Wir hatten keine Hausaufgabe auf, deshalb waren keine Fehler drin, deshalb gab es keine Prügel. Die Stiefmutter hatte nichts, um es dem Vater zu erzählen. Es gab nichts, was Grund gewesen wäre, uns anzuschreien und zu prügeln. Es war alles ruhig in der Familie.

Zum Abendessen gab es Spiegelei und Kartoffeln. Christian, Matthias und ich waren vor dem Abendessen in der Küche gesessen, dort wuschen wir die Kartoffeln. Die Stiefmutter stand am Spülbecken und trocknete Geschirr. Sie redete nicht mit uns. Zu Hause wird sehr wenig gesprochen. Wir Kinder haben mit den Erwachsenen nichts zu reden. Wir haben auf Fragen zu antworten. Wenn die Stiefmutter oder der Vater etwas wissen wollen, sind wir sogar gezwungen zu antworten. Wenn sie nichts von uns wissen wollen, müssen wir schweigen. So hatten wir das bei ihnen gelernt.

Beim Kartoffelschälen machten wir drei Geschwister kleine Späßchen miteinander. Wir spielten ein Spielchen. Wir ließen die geschälten Kartoffeln so in den Topf mit Wasser platschen, dass immer einer von uns nassgespritzt wurde. Jeder versuchte, die jeweils winzigste Kartoffel aus dem Wassertopf zu fischen. Zum Schluss blieben natürlich die fetten übrig. Auch von ihnen versuchte jeder, die kleinste zu nehmen. Weil man manchmal glaubte, eine kleinere Kartoffel im Topf zu sehen, ließ man seine Kartoffel wieder in den Topf platschen. Das spritzte dem anderen ins Gesicht. Es war ein Wettkampf. Sieger war, wer die kleinsten Kartoffeln rausgefischt hatte und am wenigsten schälen musste. Die Stiefmutter beachtete unser Spiel nicht. Immer wieder schaute sie durchs Küchenfenster auf den Hof hinter das Haus. Sie erwartete den Vater.

Schließlich war es soweit. Laut und deutlich hörte ich den Käfermotor. Jetzt überlegte ich, wie schlimm es gleich werden würde, wenn der Vater die Küche betritt. Ich fing aber nur leicht an zu zittern, denn mir fiel nichts ein, was die Stiefmutter zu berichten hätte. Wie an jedem Abend parkte der Vater den Käfer hinter dem Haus. Weil wir wussten, dass er gleich die kurze Treppe hinter dem Haus heraufsteigen und durch den Hintereingang in die Küche kommen wird, beendeten wir sofort unser Kartoffelspiel und wurden ganz still. Noch mal dachte ich nach, was die Stiefmutter ihm erzählen könnte. Mir fiel nichts ein, womit sie ihn dazu bringen könnte, uns zu verprügeln. Ich hörte die stapfenden, lauten Schritte des Vaters auf der Holztreppe. Die Küchentür knarrte, wie jeden Abend, wenn der Vater durch sie das Haus betritt. Der Vater brachte eine Pappkiste mit. Er hatte Getränke eingekauft für den Fußballabend. Tatsächlich hatte ich mich nicht getäuscht. Die Stiefmutter schwieg. Sie erzählte ihm nichts von uns. Sie drängte ihn nicht, dass er unsere Schulhefte ansieht, weil es nichts in ihnen zu sehen gab.

Manchmal hatte sie ihn abends auch aufgefordert, in unsere Hefte zu sehen, wenn keine Noten drin standen und wir keine Hausaufgaben auf hatten. An unseren Heften gab es immer etwas auszusetzen. Es gab immer Fehler, es gab immer meine krakelige Kinderschrift, die noch mal geschrieben werden musste und auch nach zehnmaligem Wiederholen nicht schön genug war. Nicht so gestern Abend. Die Stiefmutter sagte zum Vater nichts. Wir hatten großes Glück. Der Abend war sehr ruhig. Niemand ahnte, dass ich die Ruhe nutzte und damit mein Plan zur Flucht begann.

Warum lief ich heute Morgen weg, wo es doch gestern Abend so ruhig zu Hause war? Ich glaube, das war meine Taktik. In einem Abenteuerheft hatte ich einmal davon gelesen. Der Gegner soll den Feind angreifen, wenn alles ruhig ist. Am besten ist es dann, wenn der Feind sogar noch von irgendetwas anderem abgelenkt ist. Dann rechnet der Feind am wenigsten damit, dass etwas passiert. Ähnliches hatte ich gestern Abend im Wohnzimmer, während im Fernseher das Fußballspiel lief, gedacht. Einen so ruhigen Tag wie gestern könnte es Monate lang nicht mehr geben. Ich nutzte die Ruhe.

Ich kann nicht schlafen obwohl ich sehr müde bin. Von der harten Holzbank stehe ich wieder auf. Kein Mensch kommt auf dem Feldweg. Langsam gehe ich weiter. Ich lege mich später noch mal irgendwo hin. Auf dem Weg sehe ich einen Käfer. „Maikäfer flieg! Flieg schon du Maikäfer!“ Er klettert an meinem Zeigefinger nach oben und schon fliegt er tatsächlich davon. Der Feldweg führt bergab. Gleich gehe ich in einen Nadelwald hinein.

Zur Stadt kann es nicht mehr weit sein. Die Richtung stimmt. Die Straße, die wir mit dem Vater zum Einkaufen in die Stadt gefahren waren, führt kurz vor der Stadt einen steilen Berg hinunter. Der Weg, den ich hier laufe, führt schon lange leicht bergab.

Ich beiße auf meinen Fingernägeln herum. Wenn der Vater meine abgebissenen Fingernägel sieht, geht es mir schlecht. Ich darf nicht auf den Nägeln herumkauen und sie abreißen. Deshalb höre ich jetzt mit dem Kauen auf.

Vorne kommt eine Straße. Ich höre die Autos. Auf der Straße ist viel Verkehr. Weil heute Samstag ist, fahren heute viele Leute in die Stadt zum Einkaufen. Einkaufen ist sehr teuer. Der Vater hatte deshalb immer gesagt, dass wir sparen müssen. Wir kaufen in einem Großmarkt in der Stadt ein, weil das billiger ist.

Im Laden, im Dorf, bei Frau Maier kaufen wir keine Lebensmittel. Wir Kinder waren aber trotzdem oft im Laden. Wir hatten kein Geld für uns, sondern wir kauften Zigaretten für die Stiefmutter. Dabei stahlen wir Stifte und Radiergummis für die Schule. Manchmal war ein Stift in der Schule einfach verloren gegangen. Plötzlich war er verschwunden. Ich wusste nie, wo meine Stifte blieben. Hätte ich das zu Hause erzählt, hätte die Stiefmutter sofort zugeschlagen. Um neue Stifte und Radiergummis zu besorgen, mussten wir warten, bis wir wieder Zigaretten im Dorfladen holen sollten. Matthias und ich gingen in den Laden. Einer kaufte Zigaretten, und der andere nahm die Stifte aus dem Regal. Das Regal steht weit hinten in Frau Maiers Laden. Das Stehlen bei Frau Maier ist sehr einfach. Frau Maier hatte nie etwas bemerkt. Das glaube ich zumindest, bis heute. Jetzt allerdings, wo ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob sie das vielleicht gar nicht bemerken wollte? Hatte sie gewusst, dass wir zu Hause kein Geld dafür bekamen? Vielleicht wusste sie das. Ihr Laden ist sehr klein. Frau Meier ist größer als wir. Von oben könnte sie unser Stehlen gesehen haben. Vielleicht wollte sie uns so helfen. Gab es Hilfe für uns Kinder in unserem Dorf? Davon hatte ich nie etwas bemerkt. Vielleicht hatte Frau Maier uns so geholfen. Vielleicht hatte sie uns nie wegen unserem Stehlen in ihrem Laden angesprochen, weil sie schon lange gewusst hatte, dass es uns zu Hause so schlecht geht, dass wir nicht einmal Geld für Stifte und Papier für die Schule bekamen. Ich glaube Frau Maier muss das gesehen haben.

Was Frau Maier nicht gewusst hatte: Wir hätten das Geld von der Stiefmutter vielleicht bekommen, aber wir hatten zu viel Angst davor, sie nach Geld für Stifte und Papier für die Schule zu fragen.

Auf meinem Album „acoustic planet“ habe ich meinen Song „healing“ nur mit Gitarre neu eingespielt. Darin geht es im Prinzip darum, dass das Leben manchmal keine heilende Wirkung hat.

https://www.jamendo.com/track/1584497/05_healing_acoustic_version