4. Am Busbahnhof

Nach kurvenreichem Geschaukel in den Gebirgsort zurückgekehrt, warte ich nun verschwitzt und geduldig am Busbahnhof auf einen anderen Bus. Mit dem möchte ich auf einen der umliegenden Berge fahren. Dort oben wohnt Martina, eine Bekannte von mir. Mit ihr hatte ich vereinbart, dass sie mir heute ihren kleinen grünen Wagen leiht. Ein kleiner, leicht verbeulter Peugeot. Mit ihm möchte ich meinen bescheidenen Umzug in die große Kreisstadt machen.

Den Berg kenne ich sehr gut. Täglich war ich in den vergangenen vier Jahren auf diesen Berg hinauf gefahren um die Schule zu besuchen. Die Schule liegt in einer wunderbaren Aussichtslage. Von dort überblickt man die Bergketten rings um das Tal. Oft hatte ich in den zurückliegenden Jahren morgens durch die Fenster des Schulbusses die Sonne hinter den Berggipfeln aufgehen sehen. An vielen Tagen lag morgens das Tal unter einer Wolkendecke, die der Schulbus auf der steil ansteigenden Bergstraße durchquerte und unter sich zurückgelassen hatte. Oben am Berg angekommen wurde die Schulbusfahrt deshalb oft zu einer wunderbaren Aussichtsfahrt. Der Schulbus hatte über den Wolken im Tal noch mehrere Kilometer bis zur Schule auf der weit oben liegenden Höhenstraße zurückzulegen. So konnte ich an vielen Tagen in der Morgensonne hell erleuchtete Gipfel sehen, während unten im Tal eine dichte Wolken- und Nebelwand hing. An manchen Tagen haben sich Wolken und Nebel im Tal nicht aufgelöst, so dass ich die Sonne nur in der Schule sehen konnte.

Morgens, bevor ich meinen Weg zum Bahnhof und dem Schulbus angetreten hatte, spielte sich für mich täglich ein nahezu unveränderter Ablauf ab. Zu Hause war ich an den Werktagen täglich der erste gewesen, der sich an den Frühstückstisch gesetzt hatte. Ich war stets pünktlich aufgestanden, denn täglich war klar gewesen, dass der Schulbus auf diesen Berg, pünktlich um sieben Uhr auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof abfahren würde. Am Frühstückstisch saß ich zu der frühen Morgenstunde stets allein.

Das Geschenk in dieser herrlichen Naturlandschaft aufwachsen zu dürfen, und bei diesen Eltern leben zu dürfen, habe ich im Grunde nie richtig verstanden. Vielleicht habe ich mich mit diesem Geschenk zu wenig beschäftigt, vielleicht hätte ich, um es verstehen und annehmen zu können, viel stärker auf die Eltern zugehen müssen, vielleicht hätte ich mich viel mehr anstrengen müssen, um ein harmonisches Zusammenleben mit den Eltern zu erreichen. Die Harmonie und Schönheit eines Berggipfels kann man nur spüren, wenn man nach einem langen Aufstieg, der viel Schweiß und Mühe kostet, den Gipfel erreicht. Vielleicht habe ich mir in den zurückliegenden Jahren bei den Eltern zu wenig Mühe gegeben, um an den Gipfel heran zu gelangen.

An Schultagen hatte ich mir früh morgens in der kleinen Küche neben dem Esszimmer einen Becher Milch warm gemacht. Ich hatte das Radio auf dem Fensterbrett im Esszimmer eingeschaltet und mich auf meinen Platz gesetzt. Aufmerksam hatte ich morgens dem Radiosprecher zugehört. Täglich sagte der: „Guten morgen verehrte Hörerinnen und Hörer, es ist viertel nach Sechs.“ Der Ablauf, in meiner Einsamkeit am Frühstückstisch war fast täglich der gleiche. Nachdem der Radiosprecher „viertel nach Sechs“ gesagt hatte, setzte ich mich an den Tisch und blickte müde durch das Fenster. Dort draußen hatte ich, je nach Wetterlage und Tageslicht, beinahe täglich den Berg gesehen, den ich morgens um sieben Uhr mit dem Schulbus hinauf gefahren war. Nach dem ersten Musikstück aus dem Radio hörte ich das leichte Rauschen aus dem kleinen heißen Milchtopf lauter und lauter werden. Der Radiosprecher kündigte das nächste Musikstück an. Das war beinahe jeden Morgen der Augenblick in dem ich meine Augen vom Ausblick aus dem Esszimmerfenster löste, zum Küchenherd ging, den Topf mit der heißen Milch von der Platte nahm und einen Becher Kaba bereitete. Oft war das Gedudle aus dem Radio sehr langweilig gewesen. Der Radioempfang in diesem engen Tal ist sehr eingeschränkt. Es gibt nur zwei Sender, die ohne Rauschen zu empfangen sind. Deshalb schaltete ich das Radio, bevor ich begann mein Marmeladenbrot zu schmieren, ab. Obwohl mich die Musik aus diesem Radiosender jeden morgen gelangweilt hatte, unterließ ich es nie das Radio morgens kurz einzuschalten. Ich wollte hören wie spät es ist, um sicher zu gehen, dass meine Uhr stimmte und ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, aus diesem Radio morgens einmal etwas schwungvollere Musik zu hören. Diese Hoffnung hatte sich niemals erfüllt, jahrelang waren um diese Stunde morgens die immer gleichen, seichten Melodien zu hören.

Den dampfenden Becher Kaba in der Hand ließ ich mich auf meinem Platz nieder und begann mir das Marmeladenbrot zu schmieren. Durch die dünnen, dampfenden Schwaden aus dem Kababecher blickte ich während des Brotstreichens jeden Morgen aus dem Fenster. Ich hatte mich an diese Ruhe am Morgen über die Jahre gewöhnt.

Meist hatte ich nicht ganz die Hälfte des Marmeladenbrotes gegessen und etwa die Hälfte des Kabas getrunken, als ich die Türe des Elternschlafzimmers und die Badezimmertür hörte. Für mich war dieses Geräusch das Signal, mein Brot schneller zu kauen und den Kaba schneller zu trinken, denn die Eltern waren täglich genauso wie ich sehr pünktlich aufgestanden. Ab diesem Zeitpunkt begann ich täglich, meine Bewegungen zu beschleunigen. Ich kippte den Rest Kaba in mich hinein, erhob mich noch am Brot kauend vom Tisch, nahm Teller, Messer und Becher und räumte alles in der Küche in die Spülmaschine. Das Radio schaltete ich dann für Sekunden noch einmal ein, und tatsächlich ertönte jetzt auf dem Sender der Gongschlag, mit dem die Halbsiebenuhrnachrichten angekündigt wurden. Noch einmal überprüfte ich meine Armbanduhr, die stets richtig ging, und schaltete das Radio wieder aus. Das hatte ich immer getan, obwohl ich wusste, dass der Vater es später, wenn er zu frühstücken beginnen würde, wieder einschalten würde. Zuhause waren Geräte wie Radio oder Fernsehgerät niemals im Dauerbetrieb eingeschaltet. Das morgendliche Radiohören während des Frühstückens gab es nur während der Werktage. An Wochenenden, wenn in der Familie gemeinsam gefrühstückt worden war, blieb das Radio immer ausgeschaltet.

Über dem Waschbecken in meinem Zimmer putzte ich meine Zähne, danach verließ ich mit meiner Schultasche mein Zimmer. Das war beinahe täglich der Zeitpunkt, an dem die Eltern bereits voll bekleidet aus dem Bad gekommen waren. Wir begrüßten uns mit einem sehr knappen „guten Morgen“. Nach diesem kurzen Gruß war ich täglich schnell die Treppe hinuntergelaufen, um unten Schuhe und Jacke anzuziehen und das Haus Richtung Bahnhof zu verlassen.

Der Ablauf am Morgen hatte sich über die Jahre eingespielt. Jetzt, wo ich am Busbahnhof sitze und warte, fällt mir jedoch ein, dass dieser Ablauf nicht immer so gewesen war. Anfangs, vor fünf Jahren, als ich gerade ganz neu bei den Eltern eingezogen war, hatte ich unten im Ort die Hauptschule besucht. Damals war ich täglich später aufgestanden, denn ich musste nicht bereits um sieben Uhr am Bahnhof sein. Die Eltern waren auch damals, wegen ihres sehr gut gehenden Geschäftes, das sie im Gebirgsort betreiben, täglich zur gleichen Zeit aufgestanden. Vor fünf Jahren muss es demnach zunächst so gewesen sein, dass wir drei, Mutter, Vater und ich zeitgleich gefrühstückt hatten. Seltsam, dass ich mich an den Ablauf dieser gemeinsamen Frühstücke und Morgende heute kaum mehr erinnere.

Damals, als ich die Hauptschule im Ort besuchte, hatte mich mein Schulweg täglich bergab durch den Wald hinter dem Haus der Eltern geführt. Nachdem ich den Wald hinter mir gelassen hatte, durchquerte ich den Ort, um die Schule zu erreichen, sie liegt ganz unten an alten stillgelegten Bahngleisen. Jetzt erinnere ich mich wieder gut an meinen alten Schulweg und daran, wie es mir morgens gegangen war, als ich diesen Weg täglich zu laufen hatte. Ich hatte diesen Weg immer sehr genossen. Auf dem Schulweg hatte ich die Ruhe des Waldes und ich war allein unterwegs. So konnte ich in aller Ruhe mein Tempo gehen. Auf dem Schulweg bereitete ich mich innerlich auf den Schulvormittag vor.

In der Hauptschule im Ort war es mir nicht gut gegangen. Über den Wechsel auf die neue Schule oben auf dem Berg war ich damals froh gewesen, auch wenn mich mein neuer Schulweg anstatt durch die Ruhe der Waldes und des morgens noch verschlafenen Ortes, in einen lärmenden Schulbus führte. In meiner alten Schule unten im Ort hatte ich häufig Ärger mit Mitschülern gehabt, denn nachdem ich bei meinen Eltern eingezogen war, war es mit mir in schulischer Hinsicht sehr schnell steil bergauf gegangen. Über viele Jahre war ich in der Schule im Ort einer der schlechtesten Schüler in meiner Klasse gewesen. Meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, habe ich es zu verdanken, dass ich innerhalb eines Schuljahres so gut geworden war, dass ich auf die Schule auf dem Berg wechseln konnte.

Schon immer hatten mich die Mitschüler in der alten Schule unten im Ort gehänselt. Der Grund war über viele Jahre mein damaliges Zuhause gewesen, das ich gehabt hatte, bevor ich bei den Eltern eingezogen war. Ich glaube, weil es für viele Kinder und Jugendliche damals in dieser Schule sehr befremdend gewesen war, dass ich und einige andere Mitschüler nicht „ganz normal“ bei ihren Eltern gelebt hatten, waren Kinder wie ich, häufiger als andere Kinder, zu Zielscheiben von Anfeindungen und zu einer Art Abladestelle für den Ärger von Mitschülern und manchmal auch deren Hass geworden.

Hass und Ablehnung hatte ich von einigen Mitschülern auch weiterhin gespürt, nachdem ich bei den Eltern eingezogen war. Der Grund, dass deren Hass und Ablehnung trotz dieses veränderten Umstandes kein Ende gefunden hatte, war mir lange Zeit nicht klar geworden. Nachdem ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich gehofft, dass ich mit den Klassenkameraden besser zu Recht kommen würde. Ich hatte geglaubt, dass ich von nun an besser zu den Mitschülern gehören würde, weil ich genauso wie sie mit Eltern zusammenleben würde. Während der ersten Monate bei den Eltern hatte ich diese Hoffnung langsam aufgegeben. Die Sache schien nicht so einfach zu sein. Die Erwartung, dass ich plötzlich für die Mitschüler ein normaler Mensch sei, weil auch ich Eltern gefunden hatte, war falsch. Anfeindungen, Ausgrenzungen und Hänseleien der Mitschüler wurden fortgesetzt, wie zuvor. Der Hass, den ich von einigen Mitschülern gespürt hatte wurde sogar noch stärker. Ich glaube, das hatte mit meinen schlagartig verbesserten Schulnoten zu tun.

In der Schule im Ort war ich ein gehasster und gehetzter Außenseiter, weil ich im Gegensatz zu den Klassenkameraden viele Jahre lang ohne Eltern gelebt hatte. Ich blieb weiterhin ein Außenseiter, weil sich meine Schulleistungen wegen der Förderung nach dem Einzug bei den Eltern schnell verbessert hatten. Ich war in den Augen vieler Mitschüler zu einem Streber geworden. Vor allen Dingen hatte ich das Problem einfach anders als sie zu sein. Das reichte. Es reichte, dass mein Leben bei Eltern stattfand, die nicht meine wirklichen Eltern sind. Weil ich einmal anders gewesen war, hatte ich keine Chance mehr dieses anders sein los zu werden. Alles was sich bei mir änderte, wie etwa der Einzug bei meinen neuen Eltern, blieb in den Augen der Mitschüler offenbar trotzdem oder gerade deshalb anders. Das reichte für tägliche Hänseleien. Die Mitschüler hatten mich über Jahre zum Außenseiter, zum Schuldigen für Diebstähle, zum gehassten Fremden gemacht. Ich war schuldig, weil ich anders gelebt hatte, weil ich keine Familie hatte. Nachdem die neuen Eltern für mich gefunden worden waren, nachdem ich bei ihnen eingezogen war, konnten die Mitschüler ihren zuvor entwickelten Hass nicht mehr ablegen. Ich lernte, dass einer wie ich, der einmal Ablehnung auf sich gezogen hatte, weiterhin Ablehnung erfährt, auch wenn die Umstände, die den Hass begründet hatten, längst nicht mehr bestehen.

Einmal war ich auf dem Heimweg nach der Schule durch den Ort hinauf zum Wald, von einer Gruppe von Mitschülern abgefangen worden. Sie hatten mich überrascht, als ich gerade am Waldrand angekommen war. Von dort hatten sie mich in das nahegelegene Haus eines Mitschülers gezerrt, dessen Eltern den ganzen Tag lang in einer Werkstatt in der Nähe gearbeitet hatten. In einem kleinen Zimmer fesselten sie mich an einen Stuhl. Sie bespuckten und beschimpften mich. Mehrfach traten sie mich in den Bauch und gegen die Beine. Zunächst weinte ich nicht, ich schrie oder wimmerte nicht. Ich zeigte nicht, dass ich Angst hatte. Sondern ich saß stumm und versuchte das alles über mich ergehen zu lassen, ohne dabei eine Mine zu verziehen. Ich glaube, weil ich nicht so reagiert hatte, wie die Mitschüler es erwartet hatten, wurden sie mehr und mehr böse. Einer, der mich besonders gehasst hatte, den auch ich deshalb besonders wenig leiden konnte, kam nun auf eine neue Idee. Der Knabe erhitzte einen Feuerhaken, den er aus dem Kachelofen im Wohnzimmer der Wohnung geholt hatte. Er legte den Hacken auf eine Kochplatte auf den Elektroherd in der Küche. Mit dem heißen Haken fuchtelte er vor meinen Augen herum. Dabei brüllte er mich an, bespuckte mich erneut und drohte mir den Haken auf die Backe und in die Augen zu drücken. Erst in diesem Augenblick hatte ich richtig Angst bekommen. Erst als ich diesen heißen Feuerhaken vor mir gesehen hatte, begann ich zu weinen und zu winseln. Ich versprach alles zu tun, was sie wollen, wenn nur der Feuerhaken wieder wegkäme. Ich glaube das war es gewesen, was sie von mir sehen und hören wollten. Ich glaube die Mitschüler wollten wissen, sie wollte spüren, dass sie mich in dieser Situation beherrschten, dass sie Macht über mich hatten, dass ich ihnen hilflos ausgeliefert war. Ich glaube, sie hatten einen Menschen wie mich gebraucht, an dem sie ausprobieren konnten, ob es möglich ist, einen Menschen soweit zu bringen, dass er alles täte, was sie verlangten. So weit hatten sie mich an diesem Nachmittag schließlich gebracht. Mehr hatten die Mitschüler an diesem Tag nicht ausprobieren wollen. Das war wohl mein Glück in diesem Unglück gewesen. Sie banden mich, nachdem sie meine Angst deutlich spürten wieder los. Bevor wie mich vor die Tür warfen drohten sie damit, mir „die Fresse zu polieren“, wenn ich zu Hause davon erzählte. Ich versicherte heulend, das ganz bestimmt nicht zu tun. So ließen sie mich durch den Wald nach Hause laufen.

Zu Hause hatte ich an dem Nachmittag der Mutter von dem Vorfall erzählt, obwohl ich mir auf meinem Nachhauseweg durch den Wald vorgenommen hatte, das Erlebnis zu verschweigen. Wegen der Drohungen mit dem Feuerhaken war ich jedoch sehr verstört zu Hause angekommen. Ich hatte richtig Angst. Noch auf dem Heimweg plagte mich die Frage, wie es künftig mit diesen Mitschülern weitergehen würde. Ich hatte gespürt, dass die Drohung mit dem Feuerhaken der erste Schritt zu weiteren noch schlimmeren Drohungen und Taten sein könnte. Mittags zu Hause hatte die Mutter sofort gemerkt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb war sie, nachdem ich in meinem Zimmer begonnen hatte, wie an jedem Nachmittag meine Schularbeiten zu erledigen, zu mir gekommen. Sofort erkannte sie, dass ich zwar über den Hausaufgaben brütete, aber nicht in der Lage war, mich auf sie zu konzentrieren. Deshalb setzte sie sich mit mir auf mein Bett, dort hatte sie versucht mit mir über das, was vorgefallen war zu sprechen.

Wenn der Mutter an meinem Verhalten etwas Ungewöhnliches auffiel, hatte sie sich stets sehr bemüht herauszufinden was mir zugestoßen war. Sie war stets sehr bereitwillig gewesen auf mich einzugehen und ich glaube, es war immer ihre Absicht gewesen, mich zu trösten, wenn Trost notwendig war. Mir waren solche zweifellos gut gemeinten Absichten der Mutter, sich um mich zu kümmern, stets sehr unangenehm gewesen. Die Jahre bei den Eltern hatte ich immer versucht, diese Art Hilfe abzuweisen. Ich glaube, das hatte ich immer getan, weil ich mir niemals sicher gewesen war, ob solche Angebote der Hilfe von Erwachsenen wirklich ernst gemeint waren. Ich hatte nicht gewusst, dass Trost und Hilfe von Erwachsenen in solchen Situationen einem Kind und Jugendlichen wie mir vielleicht tatsächlich helfen könnten. Ablehnung und Hass die mir jahrelang in der alten Schule im Ort entgegenschlugen, fanden wenige Wochen nach diesem Ereignis schließlich deshalb sein Ende, weil ich die Schule wegen meiner besseren Leistungen verlassen durfte.

Am Busbahnhof fährt endlich der orangefarbige Nahverkehrsbus vor. Etwa ein Dutzend Menschen steigen aus. Einige von ihnen kenne ich. Es sind ehemalige Mitschüler aus der Schule auf dem Berg. Ich grüße sie lächelnd, nicke ihnen zurückhaltend zu. Die Mitschüler wohnen auf der Strecke hinauf zur Schule. Ich weiß an welchen Bushaltestellen wer von den Bekannten täglich in den Schulbus zusteigt. Von der täglichen Fahrt im Schulbus auf diesen hohen Berg kenne ich die Häuser am Straßenrand, in denen die Mitschüler wohnen.

Der Nahverkehrsbus ist jetzt leer. Die ersten Touristen, die offensichtlich mitfahren wollen um heute auf diesem Berg Wanderungen durch die Wälder zu unternehmen, haben den Fahrpreis beim Busfahrer schon entrichtet und nehmen Platz. Der Bus wird nicht voll werden. Zwischen fünfzehn und zwanzig Menschen steigen ein, die meisten mit Wanderstöcken und Bergschuhen ausgerüstet. Auch ich steige jetzt zu. Ich krame etwas umständlich zwei Mark und achtzig Pfennige aus meiner Hosentasche und gebe sie dem Fahrer. Dafür erhalte ich von dem ein weißes Zettelchen auf dem der Fahrpreis gedruckt ist. Das Zettelchen stopfe ich in meine Hosentasche. Ich setze mich in die zweite Sitzreihe hinter dem Fahrer in einen der dunkelbraunen Kunstledersitze am Fenster. Den Motor hat der Fahrer noch nicht angeworfen, denn der Bus fährt fahrplanmäßig erst in fünf Minuten ab. Der Busfahrer steigt aus, wohl weil momentan kein weiterer Fahrgast zusteigen will. Er verschwindet durch die hohen Flügeltüren in die Halle des Busbahnhofes.

In den vergangenen Jahren hatte ich mich gegenüber gut gemeinten Angeboten der Mutter oft sehr abweisend verhalten. Weil ich Hilfe oder Trost nicht annehmen wollte, weil ich immer versucht hatte alle Probleme mit mir selbst zu lösen, weil ich nicht dazu bereit gewesen war mich auf die Hilfe der Mutter einzulassen, – ich glaube auch deshalb hatte ich auf Dauer in der Familie eine schlechte Stimmung erzeugt. Zwischen mir und der Mutter und auch dem Vater war deshalb ein gewisses Misstrauen entstanden. Ich glaube, weil die Eltern für mich Verantwortung übernommen hatten, waren sie gewissermaßen verpflichtet gewesen, gerade dann herauszufinden was mit mir los gewesen war, wenn sie an meinem Verhalten ungewöhnliches beobachtet hatten. Aber gerade diese Situationen waren es gewesen, in denen ich mich vor den Eltern besonders gerne zurückgezogen hatte. Wenn ich zu Hause für Ärger gesorgt hatte oder wenn ich Probleme mitgebracht hatte, dann wollte ich diese Dinge nicht mit den Eltern besprechen. Vielleicht war dieses Verhalten von mir der Auslöser, dass zwischen den Eltern und mir ein Kreislauf in Gang gekommen war, der es verhindert hatte, dass zwischen uns Vertrauen entstehen konnte. Weil ich in den Jahren in der Familie mein Verhalten nicht geändert hatte, war ich erheblich daran beteiligt gewesen, dass dieser Kreislauf nicht unterbrochen werden konnte.

Nicht weil ich zu große Angst wegen der Androhung der Mitschüler gehabt hatte, wollte ich zu Hause nichts genaueres von dem Vorfall erzählen, sondern, die Wahrheit ist wohl, dass ich der Mutter nichts davon erzählen wollte, weil ich das Gefühl hatte, dass zwischen uns nicht das notwendige Vertrauen da gewesen war. Ich war in meinem Zimmer neben ihr gesessen und druckste herum. Schließlich hatte ich ihr die Geschichte doch erzählt. Aber ich erzählte sie etwas anders. Ich erzählte, dass ich auf dem Nachhauseweg bei einem Mitschüler gewesen sei, wir dort mit einigen andern ein bisschen getobt hätten und ich schließlich den Ellenbogen von einem in den Magen bekommen hätte. Deshalb hätte ich noch Schmerzen, die mich von den Hausaufgaben abhielten aber das würde schon wieder werden.

Der Mutter hatte meine Erklärung nicht gereicht. Ich glaube auf die Mutter hatte ich einen sehr verstörten Eindruck gemacht. Deshalb hatte sie weiter gebohrt und weiter nachgefragt. Schließlich hatte sie mich so weit gebracht, dass ich von den Fesseln erzählte, welche die Mitschüler mir angelegt hatten. Weil ich mich im Laufe des Gespräches beruhigt hatte, erzählte ich ihr, dass dies nur ein Spiel gewesen sei, und die Sache für mich erledigt wäre. Die Mitschüler seien schließlich weiterhin meine Freunde. Nachdem ich nicht geweint hatte, mich beruhigt hatte und alles erzählt hatte, gab sich die Mutter schließlich zufrieden. Sie bohrte nicht weiter. Ich war froh darüber gewesen, nicht auch noch über meine Ängste wegen dem Feuerhaken und meiner Befürchtungen möglicher weiterer Angriffe der Mitschüler mit der Mutter gesprochen zu haben.

Der Gebirgsort ist klein, die Eltern sind wegen ihrem Laden im Ort sehr bekannt. Vielleicht hatte sich auch deshalb nie richtiges Vertrauen zwischen uns entwickelt. Ich war nie sicher gewesen, was von den Dingen, die ich zu Hause erzählte, tagsüber im Geschäft oder abends am Telefon der Eltern wieder auftauchte. Mein Kontakt zu den Eltern wurde schlechter. Es entstand Misstrauen. Ich erzählte immer weniger und ich fühlte mich zunehmend beobachtet. Die Jahre hindurch spürte ich mehr und mehr, dass meine Schritte durch den Ort, mein Verhalten auf der Straße, in den Lebensmittelläden oder in der Schule oft von Augen verfolgt worden waren, die intensive Kontakte zu den Eltern pflegten. Deshalb hatte ich immer versucht mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Vertrauen in die Eltern war dabei nicht entstanden.

Oft spürte eine Angst davor, dass in dem kleinen Ort schnell die Runde machen würde, was für die Eltern nicht gedacht war. Deshalb war mein Verhalten überall stets sehr kontrolliert gewesen. Ich war kein spontanes und ein wenig emotionales Kind. Ich glaube das verstärkte das Misstrauen in der Familie. Ich misstraute der Mutter. Ich hatte Furcht, dass sie Dinge, die ich ihr vertraulich berichtete tagsüber im Geschäft im Ort weitererzählt. Natürlich nicht in böser Absicht, sondern aus Fürsorge, oder um mit den Eltern von Mitschülern bestimmte Dinge aufzuklären. Deshalb war ich keinesfalls sicher gewesen, ob der Vorfall mit den Klassenkameraden über meine Mutter deren Eltern erreicht hätte. Das hätte für mich noch mehr Angst vor den Klassenkameraden bedeutet. Deshalb bemühte ich mich, den Vorfall so gut es ging zu verharmlosen. Irgendwo und irgendwann müssen Unsicherheit und Misstrauen gegenüber der Mutter in mir entstanden sein. Ich weiß nicht wie und wo das angefangen hatte. Heute weiß ich zumindest, dass es eine schlechte Grundlage für den Aufbau von Vertrauen zwischen uns gewesen war. Die Jahre bei den Eltern in diesem Ort war ich stets darauf bedacht gewesen, nirgendwo unangenehm aufzufallen. Tatsächlich, so fällt es mir heute an meinem letzten Geburtstag in diesem Ort ein, war es mir in den zurückliegenden fünf Jahren gelungen, keinerlei Fehlverhalten an den Tag zu legen, dass dazu geführt hätte, dass die Eltern wegen mir bei irgend jemandem hier im Ort in Misskredit geraten wären. Mein Fehlverhalten hatte sich stets zu Hause bei den Eltern abgespielt. Außerhalb des Elternhauses hatte niemand Anlass gesehen, sich über mich zu beschweren.

Der Busfahrer kommt jetzt wieder. Er tritt aus der großen Schwingtüre der Bahnhofshalle. Beschwingt laufend setzt er sich eine dunkle Sonnenbrille auf. Er besteigt den Linienbus und lässt sich auf seinem Fahrersitz nieder. Zwei ältere Damen mit Wanderstöcken, die Minuten zuvor an der Bushaltestelle eingetroffen waren, steigen zu. Zweimal klingelt der Geldautomat des Busfahrers. Er reißt zwei winzige Zettelchen ab, die der Automat ausspuckt. Die Fahrscheine überreicht er den beiden Damen. Eine der beiden Damen hält dem Fahrer einen Geldschein hin. Daraufhin zückt der Fahrer eine schwarze Geldtasche, die er durchsucht. Weil er nicht findet, wonach er sucht, zieht nun auch die zweite Dame ihre Geldbörse heraus. Sie überprüft, ob sie ausreichend Kleingeld findet. Weil das nicht der Fall ist, erhebt sich der Fahrer. Er zwängt sich an den beiden Damen vorbei, verlässt den Wagen und schlendert, seine schwarze Geldtasche am Handgelenk, zurück in die Bahnhofshalle. Ich finde er tut dies betont langsam, denn die fahrplanmäßige Abfahrtszeit ist nun erreicht. Auf mich macht das den Eindruck einer gewissen Verärgerung des Fahrers. Ich glaube, er ist ein wenig sauer, weil diese beiden Damen so knapp vor Abfahrt erscheinen und kein passendes Kleingeld haben. Der Fahrer scheint sich für seine Mühe einen großen Geldschein in der Halle wechseln zu müssen, mit einer verspäteten Abfahrt bedanken zu wollen. Minutenlang ist von dem Busfahrer nichts zu sehen.