3. Schreiben

Die alte Wohnung war sehr klein gewesen. Es ging eine schmale, steile Treppe hinauf zur Wohnungstüre. Links das kleine Bad und rechts die Küche. Sie hatte keine Türe. In der Küche stand ein Küchentisch mit einer Eckbank.

Matthias und ich hatten nachmittags täglich viel Zeit am Küchentisch verbracht. Christian war nachmittags nie zu Hause. Er hatte immer gesagt, er hätte Unterricht. Nur an einem Nachmittag pro Woche ging er nicht zur Schule, da hatte er Konfirmandenunterricht. Mark war jeden Tag bei der Arbeit gewesen.

Am Küchentisch hatten wir nachmittags die Hausaufgaben gemacht. Während wir in unsere Hefte schrieben, lief die Stiefmutter in der Wohnung herum. Sie kam am Esstisch vorbei. Sie nahm unsere Hefte. Sie sah, was falsch war. Sie sagte uns, was falsch war. Falsch war das, was ihr an unserer Kinderschrift nicht gefiel. Meist war alles falsch. Ich kann nicht schön schreiben. Meine Hand zittert beim Schreiben, neben der Stiefmutter. Ich schaffe keinen geraden Strich.

Damals hatte die Lehrerin alles, was ich aus dem Buch abschreiben musste, mit einem Rotstift markiert. Jeden Tag hatten Matthias und ich viel zu schreiben. Die Stiefmutter nahm unsere Hefte und radierte alles wieder aus. Unsere Linien und Stiche waren krumm und schief. Was ich schrieb, sah ganz anders aus, als das, was im Buch stand. Manchmal riss die Stiefmutter eine ganze Seite aus meinem Schreibheft. Ich musste alles noch einmal schreiben.

Weil meine Linien und Buchstaben jeden Nachmittag zittrig gewesen waren, war die Stiefmutter sehr böse geworden. Sie brüllte mich an. Sie behauptete, ich würde mir keine Mühe geben. Sie sagte, sie werde mir das schon austreiben. Sie hatte täglich alles noch mal ausradiert. Sie knallte das Heft auf den Tisch. Dann hob sie es wieder auf und schlug es Matthias und mir ins Gesicht. Dann kreischte sie laut. So begann die Stiefmutter zuzuschlagen.

Matthias war jeden Tag noch viel länger am Esstisch bei den Hausaufgaben gesessen als ich. Obwohl er viel besser und schneller lesen kann, braucht er beim Schreiben bei der Stiefmutter viel mehr Zeit als ich. Er kann nicht mit der rechten Hand schreiben. Er schreibt schon immer mit der linken Hand. Ich glaube, das hatte er in der Schule damals im Kinderheim so gelernt. Im Kinderheim hatte das nachmittags bei den Hausaufgaben nie jemanden gestört. Matthias schreibt alles genauso, wie die anderen Kinder. Nur nicht mit der rechten, sondern mit der linken Hand. In der Schule stört das nicht. Für die Lehrerin hier im Ort war das kein Problem, auch den Lehrer in der Dorfschule stört es nicht. Die Stiefmutter und den Vater stört es. Sie glauben das wäre nicht normal. Sie glauben, Matthias müsse lernen, mit der rechten Hand zu schreiben. Ich weiß nicht, warum sie das glauben. Vielleicht glauben sie, dass die Ordnung gestört ist, wenn man mit der Linken schreibt. Welche Ordnung das ist, das weiß ich nicht. Es ist ungewöhnlich, mit der linken Hand zu schreiben! Jeder Mensch muss mit der rechten Hand schreiben! Ich glaube so denken sie. Ganz einfach.

Das klappt nie. Matthias kann das nicht lernen. Er hatte die vielen Jahre im Kinderheim immer mit der linken Hand geschrieben. Deshalb hatte er in der alten Wohnung, hier im Ort, jeden Nachmittag noch viel länger gebraucht als ich. Wenn die Stiefmutter mich spät nachmittags aus dem Haus gehen ließ, durfte Matthias lange noch nicht gehen. Oft musste er, bis abends der Vater von der Arbeit Heim kam, am Esstisch sitzen und alles immer wieder neu mit der rechten Hand schreiben.

Der Vater hatte sich jeden Abend zuerst das Heft von Matthias angesehen. Jeden Tag war das, was Matthias geschrieben hatte, schlecht. Der Vater verprügelte ihn deshalb im Badezimmer. Manchmal verprügelte er auch mich. Abends musste Matthias wieder am Küchentisch sitzen und alles noch mal schreiben.

Oft war ich wegen der vielen Fehler von Matthias verschont geblieben. Ich glaube, weil der Vater ihn jeden Abend im Badezimmer verprügelt hatte, vergaß mich der Vater manchmal. Und weil ich mit der rechten Hand schreibe, hatten die Stiefmutter und der Vater nicht so viel Grund, sich über meine Schreibhefte zu ärgern.