3. Mark verschwindet

Mein großer Bruder Mark war jeden Morgen sehr früh mit seinem Mofa in die Stadt gefahren. Es gibt nur einen öffentlichen Bus, der von der Stadt in unser Dorf und zurück fährt. Der Bus kommt aber nur dreimal am Tag. Er fährt nicht früh genug in die Stadt. Weil Mark sehr früh in seiner Arbeit sein musste, hatte dieser Bus für ihn keinen Nutzen. So war er täglich, auch bei eisiger Kälte im Winter, morgens um halb sechs, auf sein dunkelblaues Mofa gestiegen. Im Winter fuhr er immer besonders aufmerksam, wegen der glatten, eisigen, verschneiten Straßen. Einmal hatte ihn morgens, bei Finsternis und windiger Kälte, ein Lastwagen von einer schmalen Straße in den Graben gedrängt. Mark hatte Glück gehabt. Er blieb unverletzt. Sein verbogenes Mofa hatte er tagelang vor dem alten Haus, in der eisigen Kälte repariert.

Mark macht eine Lehre als Maurer. Da verdient er Geld. Ich glaube in der Lehre verdient man noch nicht viel. Mark musste an den Vater, weil er schon Geld verdiente, Miete für sein Zimmer im zweiten Stock bezahlen. Mark hatte von dem Wenigen, das er verdient, etwas Geld gespart. Er freute sich, weil es ihm gelungen war, etwas Geld zurückzulegen. In einem großen Möbelhaus hatte er von diesem Geld Möbel für sein beinahe leeres Zimmer gekauft. Die Möbel hatte er sich ausgesucht, weil sie ihm gefallen. Nachdem er sie in sein Zimmer hinaufgetragen hatte, lud er uns Geschwister gleich ein, damit wir seine neuen Möbel mit ihm ausprobierten und feierten. Er hatte zwei Sessel und ein Sofa gekauft.

Ich finde auch, dass es schöne Möbel sind. Sie sind durchsichtig, aus Plastik. Mark hatte sie bereits aufgeblasen und wir ließen uns, an diesem Samstagnachmittag, gemütlich in ihnen nieder. Marks aufgeblasene Möbel könnte man in einem Schwimmbad mit ins Wasser nehmen. Aber man darf keine spitzen Gegenstände auf sie legen. Das hatte Mark gleich erklärt, denn, wenn Löcher hineinkämen, würde die Luft entweichen und die Möbel würden zusammensacken wie eine kaputte Luftmatratze.

An diesem Samstagnachmittag waren wir vier Geschwister bequem auf Marks neuen Möbeln unterm Dach in seinem Zimmer gesessen. Aus Marks Gläsern hatten wir Saft getrunken, den Mark auch von seinem Geld gekauft hatte. So feierten wir seine neue Zimmereinrichtung. Ich war auf einem durchsichtigen Plastiksessel gesessen und wippte auf und ab. Mark und Matthias hatten zu zweit im Sofa Platz genommen, Christian saß in dem anderen Sessel. Wir lachten, redeten miteinander und freuten uns.

Kurz nachdem wir in dieses alte Haus gezogen waren, hatte sich Mark auch dieses Mofa gekauft. Ich glaube das Fahren macht ihm viel Spaß. Aber deshalb hatte er das Mofa nicht gekauft. Er brauchte es, um täglich zu seiner Lehrstelle zu fahren. Der Vater fährt jeden Morgen erst eine Stunde später mit dem Käfer zur Arbeit in die Fabrik am Rande der Stadt. Weil Mark nicht soviel Geld hatte, um das Mofa zu bezahlen, steuerten die Stiefmutter und der Vater die Hälfte der Kosten dazu bei. Seitdem er das Mofa hat, hatte Mark monatlich einen kleinen Betrag an die Stiefmutter und den Vater zurückbezahlt.

Nach diesem Nachmittag, an dem wir die neuen Möbel gefeiert hatten, stritten die Stiefmutter, der Vater und Mark heftig miteinander. Es ging um Geld. Sie wollten mehr Geld von ihm. Der Vater hatte ihn im Treppenhaus angeschrieen: „Die Faxen wer i dir scho no austreim! Wer neue Möbl kofen koon, der koon a sei Mofa schneller zahle!“ Auch die Stiefmutter hatte ihn deshalb angeschrieen. Sie glaubten, Mark würde zuviel Geld ausgeben, anstatt ihnen mehr davon zu geben. Der Vater brüllte laut und tief, die Stiefmutter laut und hoch. An diesem Nachmittag waren sie sehr aufgebracht und wütend gewesen wegen Mark.

Ich glaube, weil die Stiefmutter und der Vater Mark nicht danach gefragt hatten, woher er das Geld für die Möbel genommen hatte, konnten sie nicht wissen, dass Mark sich das Geld monatelang von seinem wenigen Lehrlingsgeld abgespart hatte. Die Stiefmutter hatte die neuen Möbel in Marks Zimmer gesehen und wurde sofort wütend. Sie hatte mit Mark gar nicht darüber gesprochen, von welchem Geld er die Möbel gekauft hatte. Stattdessen sprach sie abends mit dem Vater darüber.

Ich glaube beide hatten kein Geld mehr. Der Vater verdient wenig. Vielleicht hatten sie geglaubt, Mark habe mehr Geld, das er nicht hergeben wollte. Es könnte sein, dass sie kein Geld mehr hatten, um Lebensmittel einzukaufen. Es könnte auch sein, dass der Vater das Benzin für den Käfer nicht mehr bezahlen konnte. Ich weiß es nicht. Ich verstehe davon nichts. Ich weiß nur, dass es wenig Geld gibt, denn wir bekommen kein Taschengeld zu Hause.

Aber Mark hatte auch kein Geld mehr, das er ihnen hätte geben können. Die neuen Möbel hatten sein Erspartes gekostet. Mehr hatte er nicht. Das hatte Mark dem Vater an diesem Nachmittag, als beide ihn so anbrüllten, gesagt. Mark hatte keine Chance. Anstatt ruhiger zu werden, war der Vater noch wütender geworden. Er tobte und schrie, er war sehr wütend. Dann hatte er zugeschlagen. Er schlug Mark ins Gesicht. Ich hatte nie miterlebt, dass der Vater auch Mark schlägt. Immer hatte ich geglaubt, der Vater traue sich nicht, auch meinen großen Bruder Mark zu schlagen.

Mark hatte nicht geheult, so wie wir jüngeren Geschwister es immer taten. Seine Schmerzen hatte er dem Vater und der Stiefmutter nicht gezeigt. Er war noch eine Sekunde vor dem Vater wie erstarrt stehen geblieben. Nichts weiter geschah. Alle hatten geschwiegen. Das wütende Geschrei war vorbei. Es waren keine Worte mehr gekommen, weder vom Vater noch von Mark. Auch die Stiefmutter, sie stand neben dem Vater, hatte nicht mehr geschrieen. Dann hatte sich Mark abgewandt. Er lief die Treppe hinauf und verschwand in seinem Zimmer. Dort hatte er seine kleine Tasche vom Schrank genommen, einige Kleidungsstücke hineingestopft, und eine halbe Stunde später war er leise durch das Treppenhaus geschlichen. Er verließ das alte Haus und war in der dunklen Nacht verschwunden. Seit diesem Abend, vor zwei Wochen, habe ich Mark nicht wieder gesehen.

Die Eltern hatten es erst am nächsten Morgen bemerkt. Der Vater saß, wie jeden Morgen, mit seiner Zeitung am Frühstückstisch. Ich glaube, er dachte, Mark sei schon mit dem Mofa zur Arbeit gefahren. Der Vater ging hinunter vor die Haustür und stieg in seinen Käfer. Er fuhr um die Hausecke. Dort sah er das blaue Mofa von Mark. Er stellte den Motor ab, stieg aus dem Wagen und rannte hinauf in den zweiten Stock. Mark lag nicht in seinem Bett. Sein Zimmer war verlassen. Jetzt war das Geschrei groß. Matthias und ich putzten gerade unsere Zähne. Ich hörte, wie der Vater nach der Stiefmutter rief. Beide wussten sofort, dass Mark abgehauen war. Mit Marks Verschwinden hatten sie nicht gerechnet. Ich hörte die Stiefmutter. Sie brüllte: „Na warte, dich kriegen wir schon Bürschchen!“

Wir beeilten uns mit dem Anziehen und Frühstücken, denn wir wollten schnell aus dem Haus, in die Schule. Bevor wir das Haus verließen, drohte uns die Stiefmutter. Sie befahl uns, niemandem in der Schule davon zu erzählen. Ich verstand nicht, was sie damit meinte. Wir erzählten nie etwas in der Schule von zu Hause.

Ich vermisse Mark sehr. Ich hatte mich immer gefreut, wenn er abends nach Hause kam. Seit Marks Verschwinden hatte ich noch viel mehr Angst vor Stiefmutter und Vater. Mark ist unser großer Bruder. Matthias, Christian und mich hatte er immer beschützt. Oben in Marks Zimmer hatten wir uns gut aufgehoben und sicher gefühlt. Wir hatten da oben keine Angst, vom Vater oder der Stiefmutter geprügelt zu werden. Es gab nie Prügel, wenn Mark am Wochenende oder abends zu Hause war. Deshalb war ich immer froh wenn er abends von der Arbeit kam.

Leider war der Vater oft früher gekommen als Mark. Er sah sich die vielen Fehler in unseren Schulheften an. Dann scheuchte er uns ins Kinderzimmer. Dann nahm er seinen Gürtel und verprügelte uns. Wenn Mark zu Hause war, verprügelte er uns nie. Deshalb hatte ich gedacht, dass der Vater uns nicht schlagen kann, wenn Mark da ist, weil er genau weiß, dass Mark dazwischen gehen würde. Dass der Vater sich traute, auch auf Mark einzuschlagen, hatte mich sehr überrascht.

Mark hatte nichts davon gemerkt, dass der Vater und die Stiefmutter uns soviel schlugen. Wir hatten ihm niemals davon erzählt, denn Stiefmutter und Vater hatten es strengstens verboten. Weil wir soviel Angst vor beiden hatten, sprachen wir Geschwister untereinander niemals darüber, wie es uns in diesem Haus ging. Ich hatte immer genau gespürt, was ich mit Mark, mit Matthias und mit Christian besprechen durfte und was nicht. Weil Mark soviel arbeiten musste und so früh das Haus verließ, weil er abends später kam als der Vater, konnte er nie sehen, was in diesem Haus geschah. Mark hatte uns am Wochenende oft gefragt, wie es uns geht. Nie erzählten wir, dass es schlecht geht. Unsere Angst, zu sagen, was Stiefmutter und Vater verboten hatten, saß zu tief.

Mark musste von Zuhause abhauen. Auch er hatte unter Stiefmutter und Vater zu leiden. Sie zwangen ihn, diese Lehre zu machen. Diese Lehre wollte er nicht. Er könnte anderes lernen. Er könnte in einem Büro arbeiten. Aber sie hatten ihn gezwungen, sie sagten, dass man mehr Geld verdiene als Maurer. Vor allem in der Lehre verdiene man schon mehr als in anderen Berufen. Das hatte Mark verstanden. Aber trotzdem wollte er das nicht lernen, er wollte etwas, für das er sich wirklich interessiert. Mark hat viele Interessen, deshalb hatte er viele andere Ideen gehabt. Aber die Stiefmutter und der Vater interessierten sich nicht dafür. Sie zwangen ihn zu dieser Lehre.

Ich verstehe Mark, ich wäre auch weggelaufen. Was ist gegen den großen Vater sonst möglich? Die letzte Chance ist das Weglaufen. Ich weiß es, deshalb laufe ich heute weg. Ich glaube fast, ein ruhiges Gespräch, mit Stiefmutter und Vater, ist nicht möglich. Es gibt keine Worte zwischen uns Kindern und ihnen, ohne dass sie anfangen uns anzuschreien.