3. Die ersten Schritte

Jetzt laufe ich los. Die schmutzige, steile Dorfstraße marschiere ich eilig hinauf. Die dünne Strickjacke ziehe ich im Laufen über. Immer noch fehlen alle Geräusche, die ich in diesem Dorf auf dieser steilen Dorfstraße täglich auf meinem Weg zur Schule beinahe ein Jahr lang gehört hatte.

Es herrscht Ruhe. Ich kenne den Geruch in der kalten Luft. Er kann zu dieser frühen Stunde nicht fehlen, so wie die Geräusche. Es ist der Geruch des Bauerndorfes. Das sind die vielen Kuhfladen auf der Dorfstraße, es ist die nasse Erde, die Treckerspuren vor mir, es sind die Misthaufen hinter den Bauernhäusern an der Dorfstraße. Es ist der Schweinestall unseres Nachbarbauern aus dem in einer Stunde die Schweine grunzen werden. Diesen Gestank sauge ich jetzt auf. Ich atme tief. Die Straße ist sehr steil. Hinauf brauche ich viel Luft.

Der Gestank des Dorfes ist mir sehr vertraut. Wenigstens etwas, das mir in diesen Sekunden vertraut ist. Aber der Mief beruhigt mich nicht. Ich höre meine stapfenden Schritte auf der Dorfstraße. Sie sind groß. Ich mache sie so groß wie ich nur kann. Ich renne aber nicht. Wenn ich renne, merke ich nicht was um mich herum geschieht. Ich möchte nichts Wichtiges übersehen oder überhören und ich möchte meine Kräfte sparen. Wenn ich renne, brauche ich viel Kraft aber ich habe einen weiten Weg vor mir.

Ich glaube, wenn ich jetzt losrennen würde, könnte ich wegen meiner offenen Schuhbänder in den feuchten Schmutz auf die steile Dorfstraße stürzen. Vielleicht falle ich jemandem auf! Einem Menschen der an der Dorfstraße wohnt und jetzt gerade aus dem Toilettenfenster blickt? Es ist sehr früh am Morgen, es ist noch nicht einmal richtig Tag. Ich laufe allein, mitten auf der leeren Dorfstraße. Ich gehe hier ohne meinen Bruder entlang, denn ich gehe heute nicht zur Schule.

Dass ich so früh im Dorf unterwegs bin, heute am Samstag, wo keine Schule ist! Das ist auffällig. Ich muss nicht noch mehr auffallen, indem ich renne. Ich glaube, um diese Uhrzeit schnell zu rennen auf der Dorfstraße, sieht verdächtig nach Flucht aus dem Dorf aus.

Wenige Meter auf der Dorfstraße liegen jetzt hinter mir. Mir ist schon ganz heiß. Wegen der Jacke, die ich anhabe? Nein, ich glaube es ist mein Denken, dass mich schwitzen lässt.

Es ist wegen dem Mann am Toilettenfenster, der mir gerade einfällt. Ich sehe keinen Mann an irgendeinem Toilettenfenster, denn meine ganze Aufmerksamkeit liegt bei meinen offenen Schuhbändern. Die Möglichkeit, dass mich im Dorf jemand sieht, um diese Uhrzeit, darf es nicht geben. Der Gedanke daran lässt mich schwitzen. Es ist im Grunde gleich, ob ich nun schnell laufe oder renne, beides ist sehr auffällig.

Jetzt darf niemand am Toilettenfenster Richtung Dorfstraße stehen und auf die Straße blicken. Im Dorf darf jetzt, neben mir, kein anderer Mensch unterwegs sein. Das Dorf ist sehr klein, ich kenne nur diese eine Straße, deshalb laufe ich auf ihr. Würde sich ein Bauer jetzt aus seinem Haus machen, muss er mir begegnen. Alle Dorfbewohner kennen mich. Jeder hier weiß, wer ich bin, und jeder weiß, wo ich wohne. Wenn ich jetzt von einem Bauern gesehen werde, ist das mehr als verdächtig.

Ich spüre mein Blut in meinen Adern. Es pulsiert sehr schnell. Ich kenne das aus dem Turnunterricht. Nach dem Laufen sollen wir uns an den Puls fassen und die Schläge zählen. Die Hitze wird fast unerträglich.

„Verdächtig!“

Dieses Wort reicht gar nicht!

Ich spüre das, weil mein Puls rast, obwohl ich noch nicht einmal hundert Meter auf der Straße hinter mir habe. Ein Bauer, jetzt am Klofenster oder auf der Dorfstraße, ich glaube, das wäre das sichere Ende meiner Flucht.

Jeder Bauer der mich jetzt hier laufen sieht, muss sich überlegen, warum er mich so früh laufen sieht. Ich denke an so einen Bauern an der Dorfstraße. Vor dem Toilettenfenster steht er und pinkelt in die Kloschüssel. Das kleine Klofenster ist offen. Verschlafen blickt er kurz hinaus auf die Dorfstraße. Da sieht der Bauer mich, wie ich hier auf der Dorfstraße laufe. Genau in diesem Augenblick eile ich vor seinem Toilettenfenster vorbei.

Sofort denkt der Bauer, dass ich um diese Tageszeit auf der Dorfstraße überhaupt nichts zu suchen habe. Hastig beendet er sein Pinkeln, denn er hat nur eine Idee im Kopf:

Das Telefon!

Der Bauer verlässt schnell die Toilette. Er spült nicht. Er hat nur noch das Telefon im Kopf. Seine Schlafanzughose zieht der Bauer im Laufen hoch. Die Klotür vergisst er zu schließen, auch die Wohnzimmertür lässt er offen stehen. Dort eilt er an das Telefon. Die Telefonnummer findet er sofort, denn im Dorf kennt jeder jeden.

Das Telefon im Wohnzimmer des Vaters klingelt laut und schrill. Es weckt jeden Bewohner im Haus. Heute Morgen muss es sehr lange läuten, denn Vater und Stiefmutter sind noch sehr müde, wegen des langen Fußballabends gestern. Der Bauer wartet. Den Telefonhörer hält er an sein Ohr, das Gerät in der anderen Hand, versucht er soweit zu gehen, wie es die Telefonschnur zulässt. Das reicht gerade bis zur Küchentür. Von dort kann er durch das Küchenfenster jetzt die Dorfstraße sehen. Ich laufe dort aber nicht mehr.

Ich bin schon vorbei an seinem Haus. Jetzt lässt der Bauer das Läuten sein, er hängt wieder ein. Er stellt das Telefon zurück in sein Wohnzimmer. Vielleicht denkt er, dass er nur geträumt hat von mir, dem laufenden Knaben auf der dreckigen Dorfstraße.

Der Bauer ist müde, wie alle Menschen an diesem Morgen im Dorf. Alle haben gestern Abend lange den Sieg der deutschen Fußballer gefeiert. Der Bauer geht zurück ins Schlafzimmer, er legt sich wieder in sein Bett.

Ein klingelndes Telefon. Ein aufgeregter Bauer in der Leitung, der den Vater auf den eilig marschierenden Sohn auf der Dorfstraße hinweist. Das wäre ein schlimmes Ende. Es wäre sehr traurig. Es wäre eine Katastrophe für mich. Warum denke ich jetzt genau daran?

Es ist ganz schlecht, daran zu denken, und trotzdem tue ich es. Und ich denke noch weiter: Der Bauer liegt wieder in seinem Bett. Er kann aber nicht mehr einschlafen, obwohl er nicht aufs Klo muss, denn da war er ja gerade erst gewesen. Was er vor Sekunden gesehen hatte, war vielleicht doch kein Traum. Wenn der Bauer das denkt! Jetzt fällt mir Vaters scharfer Ledergürtel ein. Da spüre ich sie wieder: Meine Angst vor schmerzenden Schlägen, vor der Wut des Vaters. Sie scheucht mich eilig durch das kleine Dorf. Noch nie zuvor war ich so schnell im Dorf unterwegs.

Meine Schuhbänder öffnen sich immer weiter. Ihre Enden klackern gegen die Schuhe. Sie machen: Zack, zack, zack, zack. Sie wollen gebunden werden. Die Schuhe lockern sich mehr und mehr. Das Binden geht jetzt noch nicht. Die Schuhe müssen noch warten. Sie müssen mich noch weiter fort tragen, bevor ich sie binden kann. Das Binden könnte mich zu viel Zeit kosten. Mich jetzt zu bücken, wo ich erst etwa das halbe Dorf durchquert habe, und die Bänder zu binden, das könnte zu früh sein. Gerade in dieser Situation, in diesen Sekunden, könnte mich ein Bauernblick entdecken.

Ein kleines, zehnjähriges Bürschchen mitten auf der Dorfstraße und das am Samstag, morgens um fünf Uhr! Gebückt bindet sich das Bürschchen die Schuhe. Nervös fummelt es an den Bändern herum, bleibt nicht still gebückt stehen, sondern macht noch im Binden und Bücken weitere Schritte die Dorfstraße hinauf. Wie komisch das aussieht! Schuhbinden, Bücken und Laufen gleichzeitig. Jetzt stürzt das Bürschchen fast! Was soll das? Warum so eilig? Warum steht der nicht in Ruhe auf einen Stein gestützt und bindet seine Schuhbänder? Warum Rennen, Binden und fast zu Boden stürzen? Der hechelt und ringt ja nach Luft! Der kann ja kaum noch atmen, so aufgeregt ist der! Wer ist denn das überhaupt? Was macht das Bürschchen so früh draußen auf der Straße? „Hee, was machst Du da? Wo willst’n hin? Hee, kenn ich dich nicht, bist du nicht ein Sohn vom alten …!“ Jetzt klopft mein Herz ganz schnell, ich platze fast vor Hitze, mein Gang wird von Schritt zu Schritt noch schneller.

Die Situation erinnert mich an Denunziation deren „innerliche Folgen“,  ich in meiner Kindheit oft spürte, aber nicht wusste, dass es die Angst des Verrates ist, die ich da spürte. Der Verrat durch meine Umgebung, die mich erschreckte, weil sie mir zeigte, dass ich offenbar fast ständig tat, was nicht erlaubt war.
Im Jahr 2019 habe ich den Song „wahrheit schmerzt“ auf meinem Album „nichts“ veröffentlicht. Darin geht es um den Mut, bis zum Rand zu laufen, sich zu wehren gegen Hass und plumpes Geschrei. Ich finde das Thema passt auch hier an dieser Stelle in meinem Buch Wenigstens Zweifel.

https://www.jamendo.com/track/1654754/wahrheit_schmerzt/lyrics