3. Der richtige Weg

Ich höre Schlüssel klimpern. Die Gärtnerei wird jetzt zugesperrt. Ich gehe langsam weiter. Ich spüre meine Füße. Sie schmerzen nicht, aber sie kommen mir schwer vor. Wieder kommt eine Kreuzung mit großen Schildern. Wieder finde ich den richtigen Namen nicht.

Auf der Kreuzung blicke ich jetzt genau um mich. Sie kommt mir bekannt vor! Ich glaube, ich war schon einmal hier. Vielleicht habe ich diese Kreuzung schon mal durch das Käferfenster gesehen.

Ich gehe nach rechts. Kenne ich die Häuser in der Straße? Kenne ich die Geschäfte, die Gärten? Habe ich die Straße schon gesehen? Ich erinnere mich nicht. Ich spüre meinen Magen, er meldet sich, er hat Hunger. Ein Brötchen wäre jetzt gut. Aber ich halte es auch ohne aus. Eine lange Kurve. Eine Bushaltestelle. Meine Füße werden schwerer. Die Sitzbank ist leer. Die Fahrer in ihren Käfern, hinter ihren Windschutzscheiben, können mich jetzt gut sehen. Warum sitze ich hier? Der Vater könnte vorbei fahren.

Ich sitze und denke nichts mehr … Nichts denken ist schwer. Nicht an die Stiefmutter denken, nicht an den Vater, nicht an Mark im Erziehungsheim. Einfach sitzen und nicht denken, obwohl der Vater vorbei fahren könnte. Ich sitze hier, das Gewicht meiner Füße spüre ich jetzt nicht mehr. Ich könnte also weiter laufen. Trotzdem sitze ich immer noch hier. Weiße Käfer fahren ständig vorbei. Nichts zu denken ist schwer. Ich glaube, ich kann nicht nicht denken. An irgendetwas muss ich denken. Ich denke daran, was ich gerade tue. Heute laufe ich davon, obwohl ich weiß, dass es verboten ist. Ich laufe davon, obwohl es sein kann, dass zu Hause alles normal ist. Vielleicht ist es zu Hause genauso, wie in vielen anderen Familien. Heute laufe ich davon, obwohl es ungewiss ist, ob ich bei der Oma bleiben darf. Heute laufe ich davon, obwohl ich nicht ins Erziehungsheim gehen will. Alles was ich heute tue, ist schlimm, denn es ist verboten. Die Stiefmutter und der Vater haben verboten wegzulaufen. Ich muss das tun, was die Erwachsenen sagen. Erwachsene wissen, was gut ist und was schlecht ist. Ich bin noch zu klein, um das zu wissen.

Wer ruft denn da? Wem gehört die laute Stimme? Ich kenne sie nicht. Es ist die Stimme eines Erwachsenen. Durch die offene Bustür schreit der Fahrer: „Einsteige! Ned träume!“ Sofort winke ich mit der Hand. Ich zeige in die andere Richtung. Ich stehe auf und laufe schnell los. Ich höre das Zischen der Bustür. Jetzt gibt der Fahrer Gas. Es qualmt grau aus dem Auspuff.

Ich drehe mich wieder in die richtige Richtung um. Den Bus sehe ich nicht mehr. Schnell laufe ich an der Bushaltestelle vorbei. Ich glaube, ich bin wahnsinnig. Was ich hier tue, ist Irrsinn. Ich tue nur Dinge, die schlimm sind. Ich laufe von zu Hause weg. Ich will zur Oma, obwohl ich genau weiß, dass sie keinen Platz mehr in ihrem Haus hat. Ich sitze hier, mitten in der großen Stadt, am Straßenrand an einer Bushaltestelle. Der Vater kann hier jederzeit anhalten. Ich glaube, ich bin verrückt geworden! Nichts von all dem ist erlaubt, alles ist verboten. Der Vater wird mich deshalb bestrafen.

Trotzdem laufe ich schnell diese langgezogene Kurve entlang. Jetzt erhebt sich neben dem Bürgersteig aus dem Boden in dieser langen Kurve eine dunkle, graue Mauer. Was treibt mich voran? Warum laufe ich so schnell, obwohl es mir ganz klar vom Vater verboten worden war, von zu Hause abzuhauen? Jetzt renne ich! Weil es verboten ist, weil es bestraft werden kann, deshalb renne ich. Im Grunde ist es vollkommen klar, dass ich renne. Ein Mensch, der denkt wie ich, ein Mensch der sich entscheidet, zu tun, was ich heute tue, ein Mensch, der heute tatsächlich tut, was ich lange überlegt und schließlich entschieden habe, dieser Mensch muss rennen!

Was ist das für eine hohe, graue Mauer neben dem Bürgersteig? Ja, sie kommt mir bekannt vor! Ich muss sie früher schon gesehen haben. Waren wir an ihr mit dem Vater im Käfer vorbeigerauscht? Ich glaube das könnte auf einer Einkaufsfahrt mit dem Vater in dieser Stadt gewesen sein. Ja, ich bin sicher, diese Mauer habe ich schon gesehen. Auf den Einkaufsfahrten in den Großmarkt hatte ich sie durch das Wagenfenster schon mehrmals gesehen. Ich renne, so schnell ich kann. Die Straße ist sehr breit. Viele Autos rasen vorbei. Endlich ist die Kurve zu Ende. Eine verkehrsreiche Kreuzung führt in vier Richtungen. Ich schwitze beinahe so stark wie heute Morgen im Dorf. Auch meinen schnellen Puls spüre ich wieder. Mit meiner Strickjacke wische ich wieder über meine verschwitzte Stirn. Auch meine Augen wische ich trocken. Aber nun kann ich gar nichts mehr erkennen. Weil ich zu fest auf meinen Augen herumgewischt habe, sehe ich die vielbefahrene Kreuzung und das große gelbe Schild kaum mehr. Alles sieht verschwommen aus. Ich bleibe stehen. Ich atme tief und schnell. Das gelbe Schild wird langsam klarer. Die Worte sind weiterhin unscharf, aber nun kann ich sie entziffern. Den ersten, zweiten und dritten Ort kenne ich nicht. Den vierten Ort kenne ich. Es ist unser Dorf. Wieso steht da der Name unseres kleinen Dorfes? Den fünften Ort kenne ich auch nicht. Der sechste Ort? Er ist richtig! Da ist der richtige Name, und der Pfeil zeigt nach links. Ich habe alles richtig gemacht! Endlich bin ich wieder auf dem richtigen Weg. Ich biege also nach links ab. Ich erkenne die Straße sofort. Es stimmt alles. Das ist der Weg in den Ort zur Oma. Ich habe mich nicht verlaufen, ich muss keinen Fußgänger nach dem Weg fragen.

Schweiß läuft durch mein Gesicht. Tropfen fallen herunter. Ich wische sie mit der Jacke weg. Ich sehe nur noch vereinzelte Häuser am Straßenrand. Jetzt kommen die ersten Bäume. Die Autos rasen schnell vorbei. Es sind viele Käfer dabei. Das Ortsendeschild kann ich vor mir erkennen. Die Stadt liegt also gleich hinter mir. Ich blicke jetzt auf die breite Straße mit den vielen rasenden Autos. Ich sehe mehrere Gesichter hinter den Windschutzscheiben in weißen Käfern. Zum Glück kenne ich keines. Ich sehe nach vorne und nach hinten. Die Straße ist jetzt kurz frei, deshalb renne ich sofort los. Ich überquere die Straße, sie hat vier Spuren. Der schwarze Teer sieht neu aus, genauso wie heute Morgen der Teer auf unserer Landstraße beim Dorf. Ich will keine Gesichter mehr hinter den Windschutzscheiben in weißen Käfern sehen, deshalb schaue ich jetzt nicht mehr auf die Straße.

Ein Schuhband öffnet sich. Schon wieder diese blöden Schuhbänder! Ich binde das Band nicht sofort. Oder kann ich es wagen? Mit dem Rücken zur Straße. Warum nicht? Ich kann schneller gehen wenn das Band wieder verschlossen ist. Wenn ich es gleich tue, geht das Binden schneller, weil das Schuhband noch nicht ganz aus der Öse herausgerutscht ist. Ich bücke mich. Schweiß tropft schon wieder herunter. Das Binden klappt dieses Mal besser. Ich renne weiter. Mit der Jacke wische ich über mein Gesicht.

Endlich passiere ich das Ortsendeschild mit dem Balken. Da kommt auch schon der erste Busch zwischen der Landstraße und dem Gehweg! Ich setzte mich in den Schatten hinter den Busch. Ich mache mich sehr klein. Kein Autofahrer kann mich sehen.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Endlich ist überall Schatten. Deshalb ist keine weitere Zeit hinter dem kleinen Busch zu verlieren. Jetzt kann ich weiterlaufen. Schweiß läuft an meinen verschwitzten Armen hinunter. Die Hitze ist unerträglich, deshalb freue ich mich über die Wolken. Das Land ist flach, nur kleine Büsche stehen zwischen Straße und Gehweg. Schattenspendende Bäume fehlen völlig. Deshalb bin ich froh, dass die Sonne jetzt hinter einer riesigen Wolke ist. Mein Blick reicht über das flache Land nach vorne bis hinüber zum Anfang des nächsten Ortes. Dieser Ort ist mein nächstes Ziel. Ich schätze, es sind höchstens zwei Kilometer. Es geht geradeaus über diese flache Ebene. Vielleicht geht es sogar leicht bergab, denn mein Schritt kommt mir jetzt sehr schnell und locker vor. Der Ort vor mir ist mein nächstes Ziel, denn hinter diesem Ort liegt der Berg, auf dem die Oma wohnt. Wie viele Kilometer bin ich heute schon gelaufen? Zehn? Oder zwölf? Ich glaube, in meinem Leben bin ich noch nie so weit an nur einem Tag gelaufen. Ich muss die Oma fragen, wie weit es von unserem Dorf bis zu ihr ist.