3. Amtsgang in der Kreisstadt

In der Kreisstadt gibt es direkt vor dem Landratsamt eine Bushaltestelle. Ich betätige den Signalknopf und erhebe mich, um dem Busfahrer frühzeitig zu zeigen, dass ich aussteigen möchte. Ich bin überrascht, dass ich der einzige Fahrgast bin, der beim Landratsamt aussteigt. Wenigstens von dem Bayern auf dem Sitzplatz neben mir habe ich geglaubt, dass auch der dieses Ziel hat.

Im Landratsamt kenne ich mich nicht aus. Noch nie hatte ich hier ein Geschäft zu erledigen. Bislang waren alle amtlichen Dinge, die ich zu erledigen hatte, im Rathaus meines Gebirgsdorfes ohne weiteres abzuwickeln gewesen. Das hört sich beinahe so an, als hätte ich häufig irgendwelche Dinge auf der Gemeinde zu erledigen. Das Gegenteil ist der Fall. Bislang führte mich mein Weg erst zwei Mal in die Gemeindeverwaltung des Gebirgsdorfes. Einmal hatte ich meinen Kinderausweis gegen einen Personalausweis eingetauscht, das zweite Mal, es war erst vor drei Wochen gewesen, hatte ich einen Reisepass abzuholen. Den Reisepass hatte ich beantragt, weil ich in vierzehn Tagen, während der kommenden Sommerferien, mit Freunden aus der Jugendgruppe, die ich im Gebirgsort regelmäßig besuche, eine Rucksackreise nach Griechenland unternehmen möchte.

Mein heutiger Amtsgang liegt nicht in der Zuständigkeit der Gemeindeverwaltung des Gebirgsortes. Weil ich mich im Landratsamt nicht auskenne, suche ich auf einem schwarzen Brett nach der Zimmernummer auf dem ich mich einzufinden habe. Breite Steintreppen führen durch die Stockwerke des alten Gebäudes. Schwungvoll laufe ich hinauf. Während ich jeweils zwei der niedrigen Stufen auf einmal nehme, denke ich daran, dass mir, seit ich den Nahverkehrsbus verlassen habe nicht mehr schlecht ist. Ich fühle mich wieder fit. An die Rückfahrt möchte ich jetzt noch nicht denken. Doch weil ich genau das jetzt tue, schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich wahrscheinlich spätestens bei der Rückfahrt in den Gebirgsort wieder mit meiner Übelkeit wegen dem Fahrstil eines Busfahrers zu tun bekommen werde.

Im zweiten Obergeschoss finde ich die Zimmernummer nach der ich suche. Ich öffne eine schwere Holztüre. Ich betrete einen hellen Raum mit großen, geöffneten Fenstern durch die ein heißer Luftzug herein zieht. Ich schließe hinter mir die Türe und bleibe an einem Tresen aus hellbraunem Holz stehen.

An einem Schreibtisch hinter dem Tresen sitzt mitten in dem Amtszimmer ein Mann mittleren Alters. Er blättert in einem Karteikasten. Offensichtlich sucht er nach einer bestimmten Karte. Ein anderer Mann sitzt an einem Schreibtisch vor einem der geöffneten Fenster. Er wirkt älter als der Mann in der Mitte, denn er trägt einen schwarzen Vollbart. Er tippt auf einer Schreibmaschine. Offenbar ist es ein Formular, das er zu bearbeiten hat, denn er tippt stets nur kurz und verstellt dann das eingelegte Papier um die Stelle zu suchen, ab der er weiter zu tippen hat.

Von mir haben die beiden Herren bisher noch nicht Notiz genommen. Weil beide weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen, bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt bemerkt haben, dass ich das Amtszimmer betreten habe. Weil keiner der beiden von mir Notiz nimmt, blicke ich mich weiter um. Auf dem Holztresen vor mir liegen grüne Schreibunterlagen. In einer Auslage neben dem Tresen sehe ich einige Formulare. Ich gehe an die Auslage und überprüfe, ob ein Formular dabei ist, dass ich vielleicht auszufüllen habe. Weil ich nichts Passendes für mein Anliegen finde, gehe ich zurück an den Tresen. Jetzt sehe ich in der Ecke auf dem Tresen einen an einer Halterung baumelnden Kugelschreiber. Daneben meine ich eine kleine Glocke zu erkennen, wie man sie an Hotelrezeptionen manchmal findet. Jetzt frage ich mich, ob die beiden Männer erwarten, dass ich diese Glocke kurz betätige. Weil ich glaube, dass dies der Fall sein könnte, nähere ich mich sehr langsam dieser Glocke.

Kurz vor ihr bleibe ich stehen, denn ich denke plötzlich, ich sollte sie lieber doch nicht betätigen. Weil ich der einzige Bürger bin, der jetzt in diesem Amtszimmer etwas erledigen möchte, glaube ich nicht dass dieses Gebimmel notwendig ist. Außerdem habe ich bei meinen wenigen Amtsgängen auf die Gemeindeverwaltung im Rathaus meines Gebirgsdorfes gelernt, dass man als Bürger sich während solcher Geschäfte in Geduld und Zurückhaltung zu üben hat. Bei meinem ersten Amtsgang, ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden und war deshalb verpflichtet, den Kinderausweis gegen den Personalausweis einzutauschen, hatte ich eine sehr unschöne Szene in einem Büro, das diesem Amtszimmer in dem ich gerade warte sehr ähnlich sah, erlebt. Damals hatte sich ein junger Mann, der vor mir gewartet hatte, den Unmut eines Bediensteten zugezogen, weil er nervös auf dem Tresen der Amtsstube mit seinen Fingern herumgeklopft hatte. Ein Bediensteter, der ähnlich dem Bärtigen in diesem Amtszimmer auf einer Schreibmaschine tippte, hatte damals sein Getippe wegen des nervös Wartenden eingestellt, war flink hinter seinem Schreibtisch hervorgesprungen, und hatte sich vor dem nervösen jungen Mann aufgebaut. Dies tat er nicht, um ihn nach seinem Wunsch zu fragen, sondern der Bedienstete erklärte, dass wenn nicht sofort das nervöse Geklopfe aufhöre, garantiert niemand der geschäftig schreibenden und anderweitig arbeitenden Kollegen mit ihrer jeweiligen aktuell zu bearbeitenden Aufgabe fertig werden könne. Das erklärte der Mitarbeiter in bayerischer Direktheit und Deutlichkeit. Der junge nervöse Mann vor mir schrak sichtbar zusammen. Die zuvor nervös klopfende Hand krallte er jetzt in die Tischkante der Theke vor ihm. Verängstigt nickte er der Amtsperson respektvoll schweigend zu. Ich hatte schnell verstanden, dass ruhiges und verständiges Warten in einer Amtsstube sozusagen das A und O ist, wenn Mann nicht riskieren will, nicht bedient zu werden. Der Bedienstete konnte so in Ruhe seine Aufgabe beenden, bevor er die Zeit fand, den jungen Mann und danach mich zu bedienen. An diese Begebenheit erinnere ich mich jetzt. Deshalb interessiere ich mich nicht mehr für die Glocke auf dem Tresen vor mir. Ich habe Zeit. Ich habe Respekt, vor der Arbeit der in dieser Amtsstube Tätigen. Der Bärtige und der andere Mann sollen ihre Arbeit in Ruhe und gebotener Sorgfalt erledigen. Ich will die beiden nicht durch Gebimmel aus dem Rhythmus ihrer alltäglichen Geschäftigkeit bringen. Ich weiß nicht, warum diese kleine Glocke auf dem Tresen steht und ich will es auch nicht wissen.

Noch ein Grund fällt mir ein, das Gebimmel zu unterlassen. Auch das könnte die damalige Wut des geschäftigen Bediensteten in der Gemeinde des Gebirgsortes begründen. Der Bedienstete war ein alter, gestandener Bayer. Ähnlich wirkt heute der Bärtige hinter seiner Schreibmaschine auf mich. Vermutlich arbeiten diese Menschen schon seit zwanzig oder gar dreißig Jahren in diesen Amtsstuben. Wenn ein junger Mann, so wie ich es heute tue, in das Büro kommt und sich nervös klopfend oder bimmelnd an den Tresen stellt, dann könnte das eine Provokation für einen alt gedienten Bediensteten sein. Nervöses Geklopfe oder Gebimmel in solch einer Situation wäre quasi eine provokative Dreingabe für die schwer und konzentriert arbeitenden Amtspersonen. Es würde ein Fass zum Überlaufen bringen: Selbst noch nie im Leben was gearbeitet haben, aber im Amt einen Ausweis abholen wollen! Die Dienste anderer auf der Gemeinde im Rathaus in Anspruch nehmen wollen! Unglaublich diese jungen Rotzlöffel heutzutage! Allein die Situation, in der ich mich gerade befinde, mein Warten im Amtszimmer, mein Alter, das könnte bereits ausreichen, einen altgedienten Menschen ärgerlich zu stimmen. Früher hat‘s das nicht gegeben! Und dann auch noch nervös herumklopfen und bimmeln! Wo gibt’s denn so was? Früher hat ein normaler junger Mensch zunächst etwas Vernünftiges gelernt und gearbeitet, bevor er in eine Amtsstube gekommen ist, um eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen!

So denke ich und stehe aufgeregt und nervös vor dem Tresen. Aber ich rühre mich nicht. Weder klopfe ich nervös auf dem Tresen, noch benutze ich die Klingel, die vielleicht dafür vorgesehen ist. Ich bemühe mich meine Aufregung und Nervosität zu unterdrücken. Innerlich spreche ich zu mir selbst um mir Mut zu machen: Du bist hier, weil Du das, was Du heute hier zu erledigen hast heute unbedingt erledigen musst. Das Papier, das Du hoffst hier im Amt zu erhalten, brauchst Du unbedingt heute. Heute musst du wichtiges erledigen! Du kannst das aber nur schaffen, wenn Du dieses mühsam erworbene Papier von einem der beiden Bediensteten heute bekommst! Also, ganz Ruhig vor diesem Tresen stehen bleiben, schweigen und warten bis Du dran kommst. Irgendwann wird es soweit sein. Nur Geduld und keine nervösen Bewegungen oder gar Herumklopfereien auf diesem hohen Tresen!

Wahrscheinlich, so drängt sich jetzt ein Gedanke in meinem Kopf nach vorne, werden die beiden Bediensteten glauben, wenn sie gleich von mir hören, was ich hier in ihrem Büro will, dass ich dieses Papier zu meinem Vergnügen heute hier abholen möchte. Sicherlich, so wird es jetzt ganz klar in meinem Kopf, würden die beiden Bediensteten niemals glauben, dass ich heute etwas sehr wichtiges zu tun habe. Beide Amtspersonen, das sehe ich jetzt deutlich in meinem Kopf vor mir, haben nicht einen winzigen Funken Ahnung davon, welch für mich wichtige Aufgabe ich heute zu erledigen habe, die mich nun in dieses Amtszimmer geführt hat. Ich bin fast sicher, die beiden werden denken, dass mich Vergnügen oder gar Langeweile heute hier her führen um dieses Papier ab zu holen.

Endlich hört das Getippe auf der Schreibmaschine auf. Der bärtige Mann erhebt sich behäbig und schwerfällig aus seinem Schreibtischstuhl. Er kommt gemächlich zu mir an den Tresen heran. In der Hand hält er ein Formular, das er gerade mit kräftigem Ruck aus der Maschine gezogen hat. „Was brauchens denn?“ So höre ich jetzt seine tiefe Stimme. Der Mann fragt, ohne mich anzublicken. Er fragt beiläufig, eigentlich beinahe uninteressiert. Es ist berufliche Routine, die in seinen Worten durchschlägt. Es ist sein Alltag, voller Langeweile in dieser miefigen Amtsstube, den ich in den Worten zu erkennen glaube. Ein Alltag, der mir bisher weitgehend unbekannt ist. Es ist Gleichgültigkeit, gegenüber denjenigen, die er täglich hier zu bedienen hat, die ich in seinem Tonfall zu hören glaube. Während er so fragt, zieht er unter dem Tresen einen Ordner hervor. Den legt er auf den Tresen. Langsam öffnet er den Deckel. Knisternd blättert er sich durch mehrere Seiten von dünnem Durchschlagpapier. Irgendwo in dem Ordner findet er einen Platz, der dem Formular zugedacht zu seien scheint, dort heftet er das Formular ab. Schlagartig verschwindet der Ordner wieder unter dem Tresen. Der Mann blickt nun zu mir herab. Jetzt erst, wo der Mann erstmals Blickkontakt zu mir herstellt, spüre ich den tiefen, sonoren Klang seiner Stimme. Kurz glaube ich, der Tresen vor mir wackle und vibriere leicht. Der Schall, der mir sekundenlang in den Ohren nachklingt fliegt zum offenen Fenster hinaus.

Seit Minuten halte ich meinen Ausweis in den zittrigen Fingern. Ich lege ihn auf die grüne Unterlage auf den Tresen. „Ich möchte meinen Führerschein abholen.“ Ich höre plötzlich etwas dumpfes in meiner Stimme. Ich weiß, dass meine Stimme piepsig klingt. Ohne zu zögern schnappt sich der Mann meinen Ausweis. Mit ihm verschwindet er kurz hinter einem hohen Regal in der linken Hälfte des Zimmers.

Selbstverständlich ignoriert der vollbärtige Mann, dass heute mein Geburtstag ist. Ich hatte die Führerscheinprüfung vor mehreren Wochen abgelegt. Weil ich erst heute volljährig werde, war mein Führerschein so lange im Landratsamt geblieben. Erst heute darf er mir ausgehändigt werden. Ich unterschreibe auf einem Formular, das der Vollbärtige mir hin schiebt. Danach unterschreibe ich auf dem grauen Führerschein, den er mir ebenfalls über den Tresen zuschiebt.

Lange habe ich meine Unterschrift geübt. Trotzdem gelingt es nicht, sie auf dem Führerschein so hinzukriegen, wie ich es wünsche. Ich bin aufgeregt und habe verschwitzte Finger. Ich weiß, dass ich die Unterschrift nicht korrigieren kann. Meine Aufregung und Unsicherheit reicht so weit, dass ich, während ich meinen Namen schreibe, fürchte mich zu verschreiben. Zum Glück denke ich genau dieses in dem Moment des Unterschreibens. Deshalb konzentriere ich mich genau darauf meinen Namen richtig zu schreiben. Ich bin erleichtert, als ich merke, dass mir das gelingt.

Ich lächle den Vollbärtigen an und stecke den Führerschein und meinen Ausweis in meinen Geldbeutel. Ich piepse ein paar wenige Worte: „Vielen Dank. Aufwiedersehen.“ Ich verlasse schnell das Amtszimmer. Vor der Tür spüre ich Erleichterung, wie nach der Führerscheinprüfung. Mein Amtsgang ist beendet.

Mehr habe ich in der Kreisstadt nicht zu erledigen. Meinen Führerschein habe ich abgeholt, deshalb bin ich auf dem Rückweg zur Bushaltestelle. Trotzdem denke ich immer noch nicht an die Rückfahrt. Ich denke daran, dass es großes Glück ist, dass ich heute den Führerschein in meinen Geldbeutel stecken kann. Die Sitzbank an der Bushaltestelle ist von zwei Frauen mit Einkaufstaschen und einem Mann, der eine Plastiktüte auf dem Schoß hat, besetzt. Deshalb warte ich stehend auf den Bus.

Es waren nicht die kurvenreichen Fahrten im Fahrschulauto über die steilen Bergstraßen, oder das Einparken des Wagens in der Kreisstadt gewesen, wegen denen ich die Führerscheinprüfung nur mit viel Glück bestanden hatte. Es waren meine großen Konzentrationsprobleme gewesen, die ich an dem Tag gehabt hatte, als ich morgens um Viertel nach acht Uhr in dem Prüfungsraum über dem Fragebogen zu den Verkehrsregeln gesessen war. Ich war sehr nervös und aufgeregt gewesen an diesem Tag. Es war der Morgen des Tages gewesen, an dem ich nachmittags in den etwas weiter entfernten, angrenzenden Landkreis fahren sollte. Dort sollte ich in der großen Kreisstadt ein Zimmer besichtigen.

Dass ich am Prüfungstag dieses Zimmer besichtigen würde, hatte ich schon lange vor der Prüfung gewusst. Die Mutter hatte den Termin schon Wochen zuvor organisiert und sie hatte mir lange schon gesagt, wann es so weit sein würde. Dass dieser Tag trotz dieser frühzeitigen Ankündigung aufregend werden würde, und dass die Aufregung morgens während der Prüfung besonders groß sein würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gedacht, dass ich sowohl auf die Prüfung am morgen als auch auf die Zimmerbesichtigung am Nachmittag sehr gut vorbereitet sei, weil mir genügend Zeit für diese Vorbereitungen gegeben war.

So hatte ich wochenlang Zeit mich in meinem Kopf auf die Fahrt am Nachmittag nach der Führerscheinprüfung in die große Kreisstadt in den angrenzenden Landkreis vorzubereiten. Wochenlang hatte ich immer wieder darüber nachgedacht, was an diesem Nachmittag auf mich zukommen würde und wie es danach weitergehen würde. Ich hatte mir ausgemalt wie ich mich in der unbekannten Stadt zu Rechtfinden würde. Ich hatte mir lange ausgemalt wie das Haus aussehen würde. Ich hatte ein Bild in meinem Kopf entwickelt, wie das neue Zimmer aussehen würde. So hatte ich versucht mich auf diesen Tag vorzubereiten. Ich hatte gehofft, wenn ich bereits vor diesem Tag möglichst oft und intensiv darüber nachdenke, wäre ich während der Führerscheinprüfung am Morgen nicht in der Gefahr, daran denken zu müssen was am Nachmittag auf mich zukommen würde. Meine Hoffnung war nicht in Erfüllung gegangen. Weil dieser Tag mit dem Tag der Führerscheinprüfung zusammen gefallen war, hatte ich gleich nach dem Aufwachen am frühen Morgen an den nahenden Nachmittag und meine Fahrt in die große Kreisstadt gedacht. In meinem Kopf war die Führerscheinprüfung deshalb ein bisschen in den Hintergrund gerückt. Sie war zu einer Nebensache geworden. Wegen meiner geringen Konzentration, wegen meiner Aufregung erzielte ich ein sehr schlechtes Prüfungsergebnis. Hätte ich in dieser Prüfung nur einen Fehler mehr gemacht, so erklärte mir der Fahrlehrer mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, dann hätte ich mir die kurvenreiche Prüfungsfahrt im Anschluss an die theoretische Prüfung sparen können. Ich wäre nämlich nicht zugelassen worden. Stattdessen hätte ich mich zur nächsten Prüfung anmelden können. Stattdessen hätte ich noch mehrere Pflichtstunden im Fahrschulauto nehmen müssen. Stattdessen wäre ich sicherlich noch mehrfach mit dem Fahrlehrer auf der kurvigen Strecke Richtung kleine Kreisstadt unterwegs gewesen um meine Ängste vor der Anhöhe und den folgenden Kurven abzubauen. Ich musste die Prüfung nicht wiederholen. Ich hatte Glück. Heute steckt mein Führerschein in meinem Geldbeutel.

Vor dem Landratsamt fährt jetzt der Nahverkehrsbus vor. Beim Busfahrer löse ich eine Fahrkarte für die Strecke zurück bis zum Bahnhof in meinen Gebirgsort. Diesmal setze ich mich gleich vorne in die zweite Sitzreihe.

Nachmittags, während der Fahrt im Wagen mit meiner Mutter war ich sehr nervös und gespannt gewesen. Meine Anspannung hatte seit der Prüfung am Vormittag nicht nachgelassen. In meinem Kopf hatte ich erneut versucht mir vorzustellen, wie das neue Zimmer wohl aussehen würde. Meine Mutter konnte meine Fragen im Wagen nicht beantworten. Auch sie hatte das Zimmer noch nicht gesehen. Sie kannte weder das Haus, noch die Vermieterin. Selbst die große Kreisstadt kannte die Mutter kaum, weil ihr Weg sie dort eigentlich nie hingeführt hatte, weil sie alle Erledigungen stets in der kleinen Kreisstadt ausführen konnte. Ich glaube die Mutter hatte das Zimmer über eine Zeitungsanzeige gefunden.

Während der Fahrt hatte ich mir deshalb das Zimmer wieder und wieder ausgemalt. In meinem Kopf war es ein winziges, leeres Zimmer mit Waschbecken und einem Fenster hinaus ins Grüne. Meine Vorstellung war sehr einfallslos. Ich glaube, das hatte daran gelegen, dass ich seit Jahren so ein Zimmer bewohne. Natürlich ist mein Zimmer nicht leer, sondern es ist mit Möbeln der Eltern ausgestattet. Ich hatte mir einfach ein kleines, leeres, etwas finsteres Zimmer vorgestellt, dass meinem Zimmer sehr ähnlich ist. Mein Zimmer ist etwa zweieinhalbe Meter breit und dreieinhalbe Meter tief. Das Fenster weist hinaus Richtung Waldrand.

Mein neues Zimmer in der großen Kreisstadt erwies sich an dem Nachmittag als ein winziges Stück größer, als ich es mir in meinem Kopf ausgemalt hatte. Tatsächlich hat es ein Waschbecken und ein Fenster, das etwa genauso groß ist, wie mein Fenster am Waldrand. Vor diesem Fenster liegt jedoch kein Wald, sondern dort verläuft in etwa dreißig Meter Entfernung eine vielbefahrene Bahnlinie. Auf dieser fahren rund um die Uhr viele Züge nach Österreich, Italien, Griechenland und in viele andere Länder.

Heute Nachmittag werde ich dieses neue Zimmer in der großen Kreisstadt beziehen. Daran denke ich jetzt, während der Busfahrer kräftig Gas gibt. Das Ortsendeschild der kleinen Kreisstadt hat der Bus schon passiert. Der Busfahrer holt jetzt Schwung, solange die Straße noch nicht steil ansteigt. Am Ende der langen Geraden steuert er das Vehikel schwungvoll in die erste Rechtskurve. Der Motor dröhnt sofort deutlich lauter, denn diese Kurve ist der Beginn einer merklichen Steigung. Die Steigung hält über viele Kurven an. Steil führt die Strecke hinauf, bis oben auf dem Berg Bahngleise an einer Bahnschranke über die Straße führen. Weil ich auf der Rückfahrt nicht wieder das Selbe erleben will, wie auf der Hinfahrt, versuche ich jetzt nicht an diese Fahrt zu denken. Ich denke auch nicht daran, dass ich ab heute meinen Führerschein in meinem Geldbeutel habe und deshalb selbst Autofahren darf.

Ich denke an mein altes Zimmer, das ich heute den letzten Tag bewohne und ich denke an mein neues Zimmer, dass ich heute den ersten Tag beziehe. Genau genommen werde ich in der kommenden Nacht voraussichtlich die erste Nacht dort schlafen. Ganz genau genommen ist mit dem heutigen Tag, meinem Geburtstag, die Zeit bei meinen Eltern beendet. Ich bin nicht sicher, ob ich das einfach so denken sollte oder gar sagen kann. Vielleicht sollte ich besser denken und zu mir sagen, dass die Zeit bei meinen Eltern mit dem heutigen Tag abgelaufen ist. Oder ist das einfach das Gleiche? Abgelaufen oder beendet. Vielleicht ist es Haarspalterei darüber nachzudenken welcher dieser Begriffe besser für das passt, was heute zwischen den Eltern und mir geschieht. Genau genommen, so formuliere ich das jetzt in meinem Kopf, doch da höre ich plötzlich wieder die laut quietschenden Bremsen des Nahverkehrsbusses, an dessen schnelle Fahrt ich eigentlich gar nicht denken möchte, der mich jetzt aber zwingt meine Gedanken an den heutigen Tag zwischen den Eltern und mir in meinem Kopf in eine Ecke zu verfrachten, weil der Busfahrer zu einem scharfen Bremsmanöver gezwungen ist, und das, obwohl die Strecke steil bergauf führt. Der Gedanke bleibt nicht in seiner Ecke, in die ich ihn wegen des riskanten Fahrstils dieses Busfahrers in meinen Kopf gezwängt habe. Sondern der Gedanke springt unvermittelt wieder aus seiner Ecke hervor. Genau genommen, so hört mein Denken nicht auf, obwohl ich jetzt einen großen Lastwagen in der engen Kurve entgegenkommen sehe, genau genommen habe ich ab dem heutigen Tag bei meinen Eltern nichts mehr zu suchen! Sicherlich sind auch dies die falschen Worte, für das, was ich meine. Aber sie gehen mir jetzt durch den Kopf. So formuliere und denke ich und bleibe dabei ruhig auf meinem Sitzplatz sitzen. Heute ist es endgültig vorbei mit meinem Leben bei meinen Eltern. Diesen Gedanken spuckt mein Kopf jetzt schnell heraus, bevor ich im Bus meine ganze Aufmerksamkeit auf das Geschehen um mich herum richte. Allein dieser Gedanke wäre genug Grund, von meinem Sitzplatz aufzuspringen und einen wütenden Tanz oder einen kleinen Trauermarsch aufzuführen. Aber das tue ich nicht, weil ich diesen Gedanken schon seit langer Zeit kenne. Deshalb schaffe ich es mittlerweile gut, meine Gefühle bei diesen Gedanken in mein inneres hinein zu stopfen, quasi selbst aufzufressen und jegliche äußerlich sichtbare Reaktion zu vermeiden.

Der Bus steht in einer scharfen Kurve. Die Motoren von Bus und Lastwagen höre ich laut dröhnen. Der Lastwagen vor uns steht aber noch nicht. Schrilles Quietschen der Bremsen des Lastwagens durchdringt die heiße Luft. Das Führerhaus des Lastwagens kommt endlich, nur Zentimeter vor der Fahrerkabine des Nahverkehrsbusses, zum Stehen. Die Lastwagenbremsen verstummen. Ein zischendes Geräusch der Druckluftbremse ertönt.

Um mich herum spüre ich die aufgeregte Spannung der Fahrgäste. Viele waren von ihren Plätzen aufgestanden. Mancheiner lässt sich nun wieder in seinen Sitz zurückfallen. Ich glaube, genau jetzt fangen diejenigen Fahrgäste, die genauso wie ich es getan habe, für Sekunden die Luft angehalten hatten wieder zu atmen an. Sie drücken sich in ihre Rückenlehnen und versuchen so die Anspannung abzulegen. Ich gehöre diesmal nicht zu denjenigen, denen richtig schlecht geworden ist. Ich habe sogar das Gefühl, als sei ich ganz ruhig, beinahe entspannt geblieben. In mir spüre ich eine seltsame Entspannung, als ließe mich das Geschehen im Bus beinahe unberührt. Vielleicht hat das mit meinen Gedanken zu tun, die mir gerade durch den Kopf gegangen waren. Ich glaube, meine Technik, die ich gerade ohne es zu planen angewandt hatte, ist tatsächlich wirkungsvoll. Wegen des Geschehens auf der Straße ist mir weder schlecht geworden, noch bin ich aufgeregt, wie die anderen Fahrgäste.

Auch der Busfahrer scheint nicht besonders angespannt zu sein. Ruhig greift er zum langen Schaltknüppel und legt einen anderen Gang ein. Routiniert findet er den Gang, den er sucht. Diesmal ist es ein schwerer Lastwagen, wegen dem er sein Gefährt langsam zurück rollen lässt. So macht er dem von oben entgegenkommenden, tonnenschweren Brummer Platz. Die Anspannung im Bus ist nun restlos verflogen. Die Menschen um mich herum beginnen jetzt, sich über die Situation aufzuregen. Die Aufregung unter den Fahrgästen ist größer als auf der Herfahrt. Ich höre Stimmen von norddeutschen Touristen. „Um Gottes Willen, das war knapp! Unglaublich mit welchem Tempo die hier entlang donnern! Das gibt’s doch nicht, wie die hier fahren! Da hat ein Engel eingegriffen! Wenn das mal immer so gut geht!“

Die Touristen erwarten in dieser gebirgigen Landschaft Erholung und keine abenteuerlichen Linienbusfahrten. Ich glaube die Aufregung der Touristen ist berechtigt. Der große, schwer beladene Lastwagen hatte in der zurückliegenden Kurve ein sehr geräuschvolles Bremsmanöver gemacht. Ein Bremsversagen auf dieser sehr steilen Straße wäre sicherlich katastrophal, für einige Mitfahrende vermutlich tödlich gewesen. Weil ich, wegen dieser neuer Gedanken in meinem Kopf langsam wieder ein flaues Gefühl aus meiner Magengegend spüre, beende ich dieses Denken. Der Busfahrer steuert den Bus weiter auf seine Weise den steilen Berg hinauf.

Ich kann jetzt noch nicht wissen, wie es sich zwischen den Eltern und mir weiterentwickeln wird. Tatsache ist, dass ich heute Nachmittag meinen spärlichen Besitz von meinen Eltern abholen soll, um damit mein neues Zimmer in der großen Kreisstadt zu beziehen. Klar ist auch, dass mir ab heute mein altes Zimmer bei den Eltern, das ich jahrelang bewohnt hatte, nicht weiter zur Verfügung steht. Dieses Zimmer verlasse ich heute für immer.

Darüber, dass mein heutiger Geburtstag ein Schuss-Strich ist, sind wir uns einig. Seit Wochen, Monaten, eigentlich seit mehr als einem Jahr hatten wir uns darauf geeinigt, dass heute zwischen uns Schluss ist. Das Leben bei meinen Eltern endet mit dem heutigen Tag. Darauf haben wir uns einvernehmlich verständigt. Über diese Frage hatten wir uns nicht gestritten. Die Frage, ab welchem Tag Schluss sein soll, hatte ich klar beantwortet und meine Eltern hatten das seit langer Zeit ebenso klar gesehen.

Weil zwischen uns schon lange Zeit klar geworden war, dass heute dieser Tag kommt, hatte meine Mutter sich sehr bemüht, dieses neue Zimmer in der großen Kreisstadt für mich aufzutreiben. Ich glaube, sie hatte sich sehr dafür verantwortlich gefühlt, dieses Zimmer aufzutreiben. Ich glaube, es war ihr sehr wichtig gewesen, sicher zu stellen, dass ich auch ab heute noch ein Dach über dem Kopf habe. Ich glaube das hatte sie getan, weil sie befürchtet hatte, dass sie sonst ihr Gewissen plagen würde. Ich glaube, dass sie mit ihrem Einsatz für mein neues Zimmer der Verantwortung für mich, die ihr immer sehr ernst gewesen war, ein letztes Mal gerecht werden wollte.

Während der Autofahrt neben meiner Mutter, an dem Tag meiner beinahe verpatzten Führerscheinprüfung, hatte ich meiner Mutter dafür gedankt, dass sie diese letzte Verantwortung für mich übernommen hatte. Ich hatte ihr während dieser Fahrt gesagt, dass ich darüber sehr froh bin, dass sie dieses neue Zimmer für mich organisiert hat.

Ich glaube, ich hätte einige Schwierigkeiten damit gehabt dieses Zimmer zu finden, denn ich hatte mich in den zurückliegenden Wochen auf meine Abschlussprüfungen in der Schule vorzubereiten. Nein, ehrlich gesagt, so drängt es mir mein Kopf nun auf, ich glaube, das ist nicht Grund genug! Das ist eine zu einfache Begründung! In den Augen meiner Mutter ist das ganz sicher eine viel zu einfache Begründung. Mein Kopf sagt mir, dass ich so einfach nicht denken, nicht so einfach begründen darf, dass es schwerwiegendere Gründe dafür geben muss, dass ich nicht in der Lage war, mir mein neues Zimmer eigenständig zu suchen. Während der Bus schon wieder in einer scharfen Kurve liegt, und mein Magen das Gefühl von Übelkeit erzeugt, weil sich das Vehikel bedenklich aus der Kurve neigt, dabei knarrt wie ein alter klappriger Stuhl unter der Last eines gewichtigen Menschen, und ich fürchte, der Bus könnte die Leitplanke streifen oder gar darüber hinaus getragen werden, denke ich trotzt der mir jetzt endgültig wahnsinnig scheinenden Raserei dieses Busfahrers, dass ich noch mal von Vorn beginnen muss das zu begründen.

Ich bin der Mutter dankbar, dass sie dieses Zimmer organisiert hat, weil ich sicher bin, dass ich niemals ein Zimmer gefunden hätte. Künftig werde ich von sehr wenig Geld leben. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich noch nicht selbst. Geld werde ich, solange ich weiter eine Schule besuche, von der Sozialkasse erhalten. Das Geld reicht meiner Meinung nach aus um davon Lebensmittel und Kleidung zu kaufen und um die Miete zu bezahlen. Es reicht bestimmt aus um einigermaßen über die Runden zu kommen. Doch ich glaube, mit meiner Ansicht, dass dieses Geld für meinen Lebensalltag reicht, brauchte ich mich nicht für ein Zimmer zur Untermiete zu bewerben. Ich glaube, jetzt, wo der Busfahrer die letzte Steigung vor den Bahngleisen nimmt, habe ich einen passablen Grund gefunden. Deshalb habe ich meiner Mutter während der Autofahrt in die große Kreisstadt für ihren Einsatz um dieses Zimmer gedankt: Meine geringen Geldmittel hätten jeden Vermieter misstrauisch gemacht. Ich glaube mir hätte niemand ein Zimmer vermietet.

Die Mutter verfügt über genügend Geld, das sieht jeder Vermieter schon an der Kleidung, die sie trägt und dem Wagen, den sie fährt. Niemand weiß, dass ich künftig nicht auf die Geldmittel der Mutter zugreifen kann, wenn ein Engpass eintritt. Die Vermieterin hat sich nicht dafür interessiert, was heute zwischen den Eltern und mir geschieht. Sicherlich hat das Vertrauen in die Geldmittel der Eltern dazu geführt, dass die Vermieterin mir den Vertrag für das Zimmer gegeben hatte. Deshalb bin ich froh, dass meine Mutter diese letzte Verantwortung für mich übernommen hat.