2. Wohin gehören?

Ich habe mein nächstes Ziel erreicht. Im Ort komme ich jetzt an der Sporthalle und dem Fußballplatz vorbei. Dort hatten wir Geschwister damals, als wir in der kleinen Wohnung vom Vater wohnten, beinahe jeden Nachmittag gespielt. Wir hatten nicht nur Fußball gespielt, sondern wir spielten dort alles, was uns gerade einfiel. Im Herbst ließen wir auf der Wiese neben dem Platz unsere Drachen steigen.

Auf dem Fußballplatz hatte ich das Fahrradfahren gelernt. Michael, der ganz in der Nähe wohnt, hatte jeden Nachmittag mit uns gespielt. Er hat ein schönes, rotes Fahrrad. Er zeigte mir, wie man fährt. Ich war ein paar Mal gestürzt. Das hatte Michael gefallen. Aber bald hatte ich es gelernt. Bei schönem Wetter war ich jeden Nachmittag mit Michaels Fahrrad auf der schwarzen Bahn um den Fußballplatz unterwegs gewesen.

Mit einem Fahrrad ist man viel schneller als zu Fuß. Das Fahren geht sehr einfach. Den weiten Weg, den ich heute gelaufen bin, hätte ich mit dem Fahrrad viel schneller geschafft. Zu Hause haben wir auch ein Fahrrad. Aber es ist sehr alt und sehr groß. Ein Riesenfahrrad, schwarz mit Rücktrittbremse, ohne Gangschaltung. Vorne hat es eine Bremse mit dickem Bremsklotz, der während des Bremsens von oben auf den Reifen drückt. Unser altes Fahrrad ist für mich viel zu groß. Wenn ich drauf sitze, erreichen meine Füße die Straße nicht mehr. Aber trotzdem kann ich schon damit fahren. Beim Stehenbleiben muss ich das Fahrrad langsam zur Seite fallen lassen.

Einmal war ich mit dem Fahrrad im Dorf unterwegs. Das Radfahren habe ich nicht verlernt. Auf der Dorfstraße war ich gestürzt und hatte mich am Knie aufgeschürft. Das lag aber an dem zu großen Fahrrad. Ich war bereits stehen geblieben. Beim Abspringen war ich gefallen. Für ein kleineres Fahrrad, auf das wir besser draufpassen, reicht zu Hause das Geld nicht.

Jetzt habe ich einige Minuten gar nicht mehr an den Vater gedacht. Der Fußweg und die Straße im Ort machen eine langgezogene Kurve. In dieser Kurve liegt die alte, kleine Wohnung des Vaters. Jetzt werde ich wieder schneller. Es ist möglich, dass mich hier im Ort noch jemand von früher kennt. Gleich komme ich am Haus mit Vaters früherer Wohnung vorbei. Davor erkenne ich schon die Eisdiele. Sie ist geöffnet. Klar, bei der Hitze! Sie ist voll. Menschen sitzen auf den Stühlen an runden Tischen draußen auf dem Gehsteig. Ich laufe ganz schnell, aber ich renne nicht. Ich höre die Menschen, sie unterhalten sich und sie lachen. Ich rieche das Eis. Erdbeere, Schokolade und Zitrone. Mein Lieblingseis ist Schokolade. Ich schaue niemanden an. Ich laufe schnell vorbei.

Vaters alte Wohnung liegt nun hinter mir. Der weiße Käfer vom Vater steht nicht vor der Tür. Früher stand er immer neben dem Gehsteig vor dem Haus. Der neue Mieter ist nicht Zuhause oder er hat kein Auto. Jetzt werde ich noch schneller.

Die erste Querstraße biege ich gleich rechts ein. Ich muss runter von dieser Hauptstraße. Hier im Ort kenne ich mich aus. Die Hauptstraße wäre die kürzeste Strecke zur Oma, doch weil zu viele Autos und Menschen auf ihr unterwegs sind, ist sie zu gefährlich. Ich gehe einen Umweg über die Nebenstraßen.

Jetzt habe ich schon eine schmale Nebenstraße Richtung Schwimmbad erreicht. Das Schwimmbad liegt auf einer kleinen Anhöhe. Am Wegrand setze ich mich unter einen Baum in den Schatten. In der Sonne, auf dieser Nebenstraße ist die Hitze beinahe unerträglich. Endlich kann ich mich etwas ausruhen. Niemand weiß, wo ich jetzt bin. Ich denke wieder an das Verbotene, das ich gerade tue. Ein ruhiger Tag heute. Ich glaube, es ist noch nie so ruhig gewesen. Niemand will etwas von mir. Heute hat mich nur der Busfahrer in der Stadt etwas gefragt. Er wollte wissen ob ich mitkomme. Niemand sonst wollte etwas von mir. Niemand fragt heute, ob ich das Zimmer schon gefegt habe, ob ich im Wohnzimmer schon Staub gewischt habe, ob meine Schuhe schon geputzt sind, ob ich die Hausaufgaben fertig habe, ob ich schon im Garten Unkraut gejätet habe. Niemand befiehlt heute: Geh Zigaretten holen, putz das Klo, schäle Kartoffeln, fege den Bürgersteig, fege in Pauls Zimmer, aber ordentlich! Niemand droht heute: Sonst kracht’s! Dein Vater wird’s dir heute Abend zeigen! Das machst du jetzt noch mal, sonst setzt’s was!

Heute bin ich hingegangen, wohin ich gehen wollte. Heute habe ich es endlich gemacht! Aber ich habe Angst. Es ist verboten. So einen Tag habe ich noch nicht erlebt. Um mich herum ist alles ruhig. Diese Ruhe habe ich, weil ich heute das Verbotene tue. Die Stiefmutter und den Vater sehe ich heute nicht. Meine Geschwister sehe ich nicht. Ich bin hier und muss gleich weiter gehen. Ich muss in Bewegung bleiben. Ich muss weiterkommen, obwohl ich gar nicht genau weiß, wo ich hin soll. Hoffentlich ist das nicht das Leben. Hoffentlich weiß ich bald wieder, wohin ich gehen soll, wo ich bleiben soll. Ein bisschen bleibe ich noch sitzen, unter dem schattigen Baum. Ein paar Grashalme nehme ich noch in die Hand, bevor ich aufstehe. Es war noch nie so ruhig.

Gleich in der Nähe ist meine alte Schule. Kurz vor Unterrichtsschluss mussten wir damals jeden Tag fünf Minuten lang „stillsitzen“. Das hatte zum Schulunterricht gehört. „Ihr seid alle so zappelig und nervös“, hatte die Lehrerin gesagt. Deshalb sollten wir jeden Tag das Stillsitzen üben. Jetzt sitze ich hier, unter dem Baum. Ich sitze ganz still, ich zapple nicht. Die Lehrerin würde sich freuen, wenn sie das sehen könnte. Ich freue mich, dass ich jetzt so still sitzen kann. Aber die Fingernägel! Die sind alle abgebissen. Schon den ganzen Tag kaue ich auf den Nägeln herum. Das wollte ich nicht. Jetzt sind sie alle weg. Abgerissen. Wenn der Vater das sieht! Nein, nein der sieht das nicht mehr! Dem zeige ich die Hände nie mehr! Alles, was ich heute getan habe, ist verboten.

Ich stehe auf. Es geht eine Steigung hinauf Richtung Hallenbad. Jetzt denke ich an die alte Wohnung. Der Vater hatte mich dort, gleich am ersten Tag, das erste Mal geschimpft. Es war wegen der abgebissenen Fingernägel. Die lange Autofahrt, vom Kinderheim bis zur Oma, hatte ich auf den Nägeln herumgekaut. Genauso wie heute hatte ich das gar nicht bemerkt. Erst als der Vater mich deswegen angebrüllt hatte, sah ich, dass die Nägel alle weg waren.