2. Vor einer Gärtnerei

Ich stehe vor einer kleinen Gärtnerei. Im Gewächshaus wird gearbeitet, obwohl heute Samstag ist. Frauen und Männer gießen und graben. Mit einem Gartenschlauch spritzen sie herum. Ich stehe auf dem Bürgersteig und schaue durch das Glas.

Die Gartenarbeiterinnen erinnern mich an unseren Garten im Dorf. Kurz nach unserem Einzug in das alte Haus hatte der Vater das meterhohe Gras mit einer Sense weggeschnitten. Im Garten waren neben dem hohen Gras bunte Blumen gewachsen. Der Garten war eine einzige bunte Blumenwiese gewesen. Das vom Vater abgeschnittene Gras warfen wir auf einen Haufen hinter dem Haus. Im Laufe der Zeit hatte die Stiefmutter im Garten neue Blumen eingepflanzt. Sie pflanzte Tulpen, Rosen und Geranien. Mir wäre ein Beet mit Schnittlauch, Tomaten und Petersilie recht gewesen. Auch die hohe, bunte Blumenwiese hätte mir gut gefallen. Alles Unkraut hätte ruhig weiter wachsen können. Anfangs hatte unser Garten ausgesehen, wie ich mir Gärten in Märchen vorstelle.

In unserem Garten hatten wir nie gespielt. Es kam überhaupt nicht in Frage, dort zu spielen. Der Garten war kein guter Platz für meine Geschwister und mich. Wir hatten in ihm gearbeitet, aber wir spielten dort nicht. Ich glaube, wir hätten dort auch dann nicht gespielt, wenn die Wiese schön hoch gewachsen wäre. Der Garten lag zu nah bei der Stiefmutter. Wir hatten stets darauf geachtet, beim Spielen im Freien möglichst weit weg von der Stiefmutter zu sein. Wir gingen in den Wald oder zur alten Scheune hinter der Schule. Wenn wir weit weg waren vom Haus, vom Garten, von der Stiefmutter, dann waren wir sehr froh, denn dann hatte ich das Gefühl, mich ein wenig frei bewegen zu können.

Ist das nun alles vorbei? Oder werde ich wieder, nachmittags im Dorf einen Platz zum Spielen suchen? Vielleicht werde ich nie wieder ins Dorf zurückkommen, so wie mein großer Bruder Mark. Ich bin ganz sicher, dass Mark nie mehr beim Vater wohnen wird. Mark lebt im Erziehungsheim und dort wird er für immer bleiben, das hatten der Vater und die Stiefmutter in den vergangenen Wochen oft genug gesagt.

Ins Erziehungsheim will ich nicht. Der Vater hatte oft gedroht, dass wir, wenn wir auch von zu Hause abhauen, so wie Mark, genauso wie es mit ihm geschehen ist, ins Erziehungsheim gesteckt werden. Heute ist es so weit. Ich bin abgehauen. Ich will aber nicht ins Erziehungsheim gesteckt werden. Ich will bei der Oma wohnen! Doch was mache ich, wenn das nicht geht? Was will ich, wenn bei der Oma kein Platz mehr für mich ist? Will ich zurück zur Stiefmutter und dem Vater? Oder gehe ich dann ins Erziehungsheim?

Vom Erziehungsheim hatte ich früher im Kinderheim schon gehört. Genauso wie es in den letzten Wochen der Vater getan hatte, hatte auch der Heimleiter damit gedroht. Manche Kinder aus seinem Kinderheim schickte der Heimleiter ins Erziehungsheim. Diese Kinder waren von heute auf morgen plötzlich verschwunden. In einem Erziehungsheim muss es sehr schlimm sein. Die Regeln die es dort gibt, müssen noch viel genauer und strenger sein, als in einem normalen Kinderheim. Ich hatte den Heimleiter so verstanden, dass dort die Kinder besonders viel geschlagen werden, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. Sie dürfen das Heim nicht verlassen. Die Kinder dürfen nachmittags nicht mit anderen Kindern aus dem Ort spielen. Ich glaube, es gibt dort auch keinen Wald, in dem man Hütten bauen darf. Sicherlich gibt es auch keine Scheunen in denen man unbeobachtet Zigaretten rauchen kann. Man wird im Erziehungsheim streng überwacht und Tag und Nacht genau kontrolliert.

Ich glaube, wenn das so ist, will ich nicht ins Erziehungsheim. Zurück zur Stiefmutter gehe ich auch nicht. Also muss ich bei der Oma bleiben. Etwas andres fällt mir jetzt nicht ein. Was soll es sonst noch für mich geben? Es gibt nur die Oma, bei der ich leben kann.

Der Vater hatte gedroht, dass Mark im Erziehungsheim schon lernen werde, nicht mehr frech zu Erwachsenen zu sein. Dort werde er sich schon abgewöhnen, Erwachsene zu belügen. Wenn Mark das nicht lerne, dann komme er später ins Gefängnis. Das Gleiche werde auch mir blühen, wenn ich noch einmal davonliefe.

Wird Mark später in ein Gefängnis gesteckt? Vielleicht. Weil er sich nichts gefallen lässt und keine Angst vor den Erwachsenen hat? Der Vater und die Stiefmutter hatten gesagt, dass er sich im Erziehungsheim abgewöhnen werde, Erwachsene zu ärgern und sein Geld zum Fenster hinaus zu werfen.

Ich hatte das nicht verstanden. Ich habe nie beobachtet, dass Mark zu Stiefmutter und Vater frech gewesen war. Mir war auch nicht aufgefallen, dass Mark sein Geld zum Fenster hinausgeworfen hatte. Mark verdient sehr wenig Geld. Für seine Möbel hatte er deshalb sehr lange gespart. Er hatte die Hälfte für das Mofa auf einen Schlag an den Händler bezahlt, er zahlte monatlich seinen Anteil für die Miete und er zahlte seine Schulden bei Stiefmutter und Vater für die andere Hälfte des Mofas zurück. Was sollte er da noch zum Fenster hinauswerfen?

Das Mofa haben der Vater und die Stiefmutter bereits an den Händler zurückverkauft. Nur zwei Tage, nachdem Mark verschwunden war, schickten sie Christian, nachmittags nach der Schule, mit dem Mofa in die Stadt. Der Vater hatte sich von der Arbeit frei genommen und war mit dem Käfer hinter Christian her gefahren. Christian war niemals zuvor mit einem Mofa gefahren. Deshalb war er an diesem Tag begeistert, er strahlte, weil er endlich einmal Mofafahren durfte. Das Mofa hatte der Händler gerne zurück genommen. Jetzt steht es in seinem Schaufenster irgendwo hier in dieser Stadt. Christian hatte abends in unserem Schlafzimmer erzählt, dass der Vater einige Geldscheine dafür bekommen hatte. Die Hälfte von diesen Geldscheinen müsste Mark zurückbekommen. Ich weiß nicht, ob der Vater und die Stiefmutter ihm das in sein Erziehungsheim schicken werden.

Abends in unserem Schlafzimmer hatte Christian erzählt, dass das Mofa sehr gut gefahren war. Der Händler habe gesagt, dass er ein so gut repariertes und gewartetes Mofa sehr gerne zurückkaufe. Mark repariert alles gut. Schon früher im Kinderheim hatte Mark elektrische Geräte repariert. Alle Heimbewohner hatten ihm regelmäßig kaputte Radios und Kassettenrekorder zur Reparatur gebracht. In seinem Zimmer hatte Mark die Geräte zerlegt und oft stundenlang geduldig nach Fehlern gesucht. Meist war es ihm gelungen, die Defekte zu finden und die Geräte wieder in Gang zu bringen. Die Heimkinder hatten sich darüber immer gefreut. Mark war im Kinderheim ein zuverlässiger Ansprechpartner für alle technischen und mechanischen Probleme gewesen. Manchmal hatte er sogar Geräte von Erziehern repariert.

In seinem Zimmer im Kinderheim hatte Mark eine alte Musiktruhe. Der Vater hatte sie bei einem seiner Besuche für Mark mitgebracht. Von seinem Taschengeld hatte Mark Schallplatten gekauft. Marks Musik hatte mir gut gefallen. Auch dem Heimleiter hatte sie gefallen. Sie hatte ihm so gut gefallen, dass er sich einmal alle Schallplatten von Mark geliehen hatte, um sie auf Kassetten aufzunehmen.

Ich stehe immer noch auf dem Gehsteig vor der Gärtnerei. Die Arbeiterinnen tragen grüne Kittel. Sie räumen Pflanzentröge vom Gehsteig hinter den Zaun, sie tragen Gartenwerkzeug ins Gewächshaus, sie rollen Gartenschläuche zusammen. Sie räumen auf, damit morgen der Sonntag kommen kann. Ich denke jetzt nicht mehr an unseren Garten im Dorf.

Ich denke wieder an Marks Zimmer im Kinderheim, das nie aufgeräumt gewesen war. Im Zimmer stand alles voll mit zerlegten elektrischen Geräten. Sie hatten unter dem Bett gelegen, sie stapelten sich auf dem Schrank bis zur Decke, sie überwucherten den Tisch, und die vielen Kabel und Platinen versperrten den Blick aus Marks Zimmerfenster, weil die Stapel auch auf der Fensterbank höher und höher wuchsen. Alle im Heim hatten Mark gern, denn meist schaffte er es, auch das älteste Gerät wieder in Gang zu bringen.

Einer im Heim hatte Mark nicht besonders gern gehabt. Es war der Heimleiter. Von ihm hatte Mark nie etwas zur Reparatur angenommen. Nur einmal hatte Mark diesem Mann seine Schallplatten geliehen. Vielleicht hatte sich Mark dazu gezwungen gefühlt. Zwischen ihm und Mark war oft Streit gewesen. Ich glaube, das hatte darin seinen Grund, dass der Heimleiter oft diejenigen Mädchen im Arm hatte, mit denen Mark befreundet gewesen war oder es gern sein wollte. Ich glaube, deshalb hatte Mark dem Heimleiter nur einmal den Gefallen getan, seine Schallplatten herzuleihen. Mit den Mädchen, die Mark gern hatte, war der Heimleiter häufig nachmittags im Auto davongefahren und erst abends wieder zurückgekommen. Mark konnte nichts dagegen tun, denn die Mädchen hatten sich stets darüber gefreut, mit diesen Ausflügen im Wagen des Heimleiters etwas Besonderes zu haben. Oft durften diese Mädchen im Nebenhaus, in der Wohnung beim Heimleiter, in dessen Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Manchmal waren sie mit dem Heimleiter in eine Kneipe unterwegs oder sie wurden von ihm zum Eisessen im Ort eingeladen. Für den Heimleiter waren die Mädchen etwas Besonderes gewesen. Ich glaube, nachdem Mark das festgestellt hatte, war er immer wütender auf den Heimleiter geworden.

Auch in diesem Kinderheim in Oberbayern wurden wir Kinder oft geschlagen. Dieser Heimleiter und sein Buchhalter, der war sein Stellvertreter, hatten oft auf uns Kinder eingeschlagen. Aber mit denen konnte man reden. Mark konnte das. Oft hatte Mark die beiden einfach darauf angesprochen, wenn sie auf Kinder einschlugen. Einmal hatte ich sogar beobachtet, wie er sich dazwischen warf. Der Heimleiter schlug im Speisesaal auf einen kleinen Buben ein. Mark kam gerade zur Tür herein. Er sah den prügelnden Mann und stürzte sich dazwischen. Ich glaube Mark hatte sich damals deshalb oft so verhalten, weil er wissen wollte, warum der Heimleiter zugeschlagen hatte. Oft hatte Mark lange mit diesem Mann gesprochen. Manchmal hatte ich solche Gespräche beobachtet. Dabei war mir mehrmals aufgefallen, dass der Heimleiter im Gesicht rot wurde. Ich glaube, Mark hatte diesem Mann oft etwas gesagt, dass ihn ärgerlich machte. Eines Tages war es zwischen beiden so ärgerlich geworden, dass der Heimleiter sich nicht mehr beherrschen konnte. Während Mark den Mann wieder zur Rede gestellt hatte, hatte dieser Mark mit der Faust aufs Auge geschlagen. Ich glaube, deshalb und weil der Heimleiter so oft mit den Mädchen verschwunden war, konnte Mark den Heimleiter nicht mehr leiden.

Der Heimleiter hatte damals versucht, Mark in ein Erziehungsheim zu schieben. Aber es gelang ihm nicht, weil eines Tages der Vater gekommen war und sagte, dass wir bald zu ihm nach Hause gehen würden.

Mark wollte gerne Elektriker werden. Weil er alles reparieren kann, wäre das ein guter Beruf für ihn. Er wäre sicher ein guter Elektriker. Er kann sogar einen Fernseher wieder in Gang bringen. Der Vater hatte nicht gewollt, dass Mark Elektriker wird. Als Elektriker bekomme man zu wenig Geld, das hatte der Vater immer gesagt. Er hatte gesagt, dass man in der Lehre als Elektriker fast nichts verdient. Deshalb hatte der Vater für Mark eine Lehrstelle als Maurer besorgt. Mark solle unbedingt Maurer lernen, weil er als Maurer viel Geld verdienen könne und gut davon leben könne. Auf dem Bau verdiene Mark schon in der Lehre viel. Der Vater hatte behauptet, so verdiene er viel mehr, als wenn er Elektriker lerne. Wenn der Vater zu Hause so etwas gesagt hatte, dann hatte es stets gestimmt. Gegen die Worte des Vaters hatte es keinen Widerspruch gegeben, denn der Vater und die Stiefmutter dulden keinen Widerspruch. Mark hatte nicht widersprochen, denn er hatte schnell verstanden, dass Widerspruch zu Hause zu Streit führt. Mark wollte keinen Streit mit dem Vater, ich glaube, er hatte den Worten des Vaters getraut. Mark hatte den Worten des Vaters vertraut, der gesagt hatte, dass der Verdienst bei einer Lehre sehr wichtig ist. Also lernt Mark jetzt Maurer. Es ist sehr gut, dass Mark das Reparieren von Radios und Kassettenrekordern trotzdem nicht verlernt hat. Ich finde es schade, dass er nicht Elektriker wird.