2. Der Vorabend

Gestern Abend durfte mein älterer Bruder Christian noch etwas länger fernsehen. Weil das Fußballweltmeisterschaftsspiel gezeigt wurde, waren Stiefmutter und Vater guter Dinge. Meinen jüngeren Bruder Matthias und mich schickten Stiefmutter und Vater wie immer zur täglich gleichen Uhrzeit ins Bett. Wir standen vom Sofa vor dem laufenden Fernsehgerät im Wohnzimmer auf und gingen gemeinsam in unser Schlafzimmer. Dort zog ich meine Kleider sehr langsam aus. Ich legte sie betont ordentlich auf den Stuhl neben meinem Bett. Matthias verließ zuerst das Schlafzimmer. So plante ich das. Ich war einen kurzen Augenblick allein. So konnte ich die Maßnahmen für den heutigen Morgen treffen.

Frisch gewaschene Kleider nahm ich aus unserem Kleiderschrank. Ich versteckte sie unter meinem großen Kopfkissen. Dann verließ auch ich das Zimmer und ging zu Christian in den kalten Waschraum. Christian und Matthias hatten nichts von meinen Vorbereitungen bemerkt.

In der Nacht war ich nur sehr kurz eingeschlafen. Immer wieder wachte ich auf. In einer Art Halbschlaf döste ich vor mich hin. Ich spürte immer wieder meine Angst vor dem kommenden Tag. Deshalb malte ich wieder und wieder die drei Bilder des heutigen Morgens in meinem Kopf. Ich zitterte, schwitzte und fror. Den Plan, das Haus zu verlassen ohne dass es jemand bemerkt, spielte ich immer wieder von neuem durch. Ich fragte nach Fehlern in meiner Vorbereitung und fand keine. Ich überlegte, ob mein Weglaufen durch irgendeine Unbedachtheit zu früh bemerkt werden könnte. Mir fiel nichts ein.

Spät nachts hörte ich Christian. Er öffnete die Zimmertüre und knipste das Licht an. Er setzte sich auf sein Bett, zog seine Schuhe und seine Kleidung aus. Die legte er auf seinen Stuhl neben dem Bett. Seinen Schlafanzug zog er unter dem Kopfkissen hervor. Er zog ihn an, ging zur Zimmertür, öffnete sie und ging zur Toilette.

Durch die kurz geöffnete Zimmertür hörte ich die Stimmen der Stiefmutter und des Vaters. Was sie miteinander besprachen verstand ich aber nicht. Minuten später kam Christian wieder zurück. Die Stimmen der Stiefmutter und des Vaters in der Küche hörte ich nicht mehr. Christian knipste das Licht aus und verkroch sich unter seiner Bettdecke.

Matthias hatte schon lange geschlafen, er atmete schon tief bevor Christian gekommen war. Ich tat so, als schliefe auch ich. Zwei Mal hatte ich lautes Jubelgeschrei aus dem Wohnzimmer gehört. Die Deutschen hatten zwei Tore geschossen. Das Fußballspiel bescherte der Familie einen ruhigen Abend. Deshalb hatte es gestern Abend keine Zwischenfälle gegeben. Der Vater und die Stiefmutter schlugen gestern Abend nicht zu.

Nachdem Christian sich in sein Bett gelegt hatte, wurde es im Haus leise. Die ganze Nacht lang hörte ich nichts, außer den lauten Glocken der Dorfkirche. Bei jedem Glockenschlag zählte ich mit. So wusste ich, wie spät es war. Langsam wurde es in meinem Bett wärmer. Mein Zittern wurde trotzdem nicht weniger.

Irgendwann in der Nacht, als ich noch mal alles genau durchgedacht hatte, war ich mir sehr sicher geworden. Ein wenig Angst spürte ich trotzdem noch. Alles stand deutlich vor meinen Augen. Ich war mir über mein heutiges Fortgehen sicher geworden. Das war nicht mehr nur in meinem Kopf gemalt und geplant. Sondern das Geplante stand klar als eine wichtige Tat vor mir. Es war die nächste Aufgabe für mich. Die Tat stand vor meinen Augen, wie eine Aufgabe, die für den heutigen Tag selbstverständlich zu meinem Leben gehört. Mein Plan war zu etwas geworden, das unbedingt sein muss. Den Fluchtplan heute endlich zu verwirklichen, fühlte ich mich gegen Ende der vergangenen Nacht gezwungen. Die heutige Flucht schien mir genauso notwendig, wie ich täglich trinken und essen muss.

Zitternd wegen meiner Angst sagte ich schließlich zu mir: Du bist derjenige, der hier fortgehen muss. Gehst du nicht, wird alles bleiben wie es ist, und wie es ist, ist es schlecht.

Ich glaube, wegen diesem Satz überwand ich endlich die letzten Bedenken die wegen meiner Angst noch da waren. Der Satz meines Lehrers fiel mir auch vergangene Nacht wieder ein. In meinem Kopf antwortete ich meinem Lehrer: „Vielleicht war meine Angst bisher mein Ratgeber. Sie darf es nicht weiter bleiben! Seit Monaten schon bleibe ich nur deshalb hier, weil ich Angst davor habe, wie schlimm es wäre, wenn der Vater und die Stiefmutter mich beim Weglaufen erwischen würden. Heute Nacht überwinde ich diese Angst! Von ihr will ich mich nicht weiter leiten lassen.“

Schon in den vergangenen Wochen war meine Angst immer weniger hervorgebrochen. In meinem Kopf entstand mehr und mehr Platz für meinen Plan. Die Angst nahm einen immer kleineren Platz ein. Mehr und mehr entstand das Gefühl den Plan zwingend ausführen zu müssen. Es gab keinen anderen Weg oder eine andere Aufgabe mehr, für den heutigen Tag. Über die Umsetzung meines Plans dachte ich nicht weiter nach, als in diesen drei Bildern für den heutigen Morgen. Sie zu Denken kostete mich meine ganze Kraft.

Letzte Nacht gab es keinen Gedanken an die mögliche Endgültigkeit dieses Schrittes. Was danach kommen wird, hatte keinen Platz mehr in meinen Kopf. Gelingen oder Scheitern spielte ich in der vergangenen Nacht nicht durch.

Auch jetzt in den kurzen Sekunden auf dem Bürgersteig können mir die vielfältigen Möglichkeiten, die so ein Denkspiel in meinem Kopf offengelegt hätte, nicht einfallen. Hier draußen in diesen Sekunden in der frischen kalten Morgenluft vor unserem Haus kann ich nicht wissen, dass der heutige Tag nicht nur irgendein Fluchttag ist. Heute ist der Tag an dem ich meine Zukunft entscheide. Zu diesem Gedanken bin ich heute noch nicht fähig, weil ich noch viel zu klein bin, so etwas zu denken.

Meine zehn Jahre alten Füße haben mich gerade aus unserem alten kleinen Haus getragen. Sie werden mich gleich durch unser Bauerndorf tragen. Mein Kopf, mein Denken, das in mir steckt, wollte lange schon nicht mehr hier bleiben. Meine Angst war der Ratgeber, der nur noch meinen Körper in diesem Haus, in dieser Familie hielt. Mein Denken war schon lange weit weg von diesem Ort, von diesen Menschen, von dieser Familie. Lange ließ meine Angst die Umsetzung meines Denkens nicht zu. Das Denken hat jetzt das Übergewicht gewonnen. Meine Angst soll ab jetzt unter meinem Denken bleiben.

Ich glaube, vergangene Nacht war ich irgendwann doch noch eingeschlafen. Denn die Nacht war überraschend schnell vorbei. Durch das Zimmerfenster hatte ich den Nachthimmel beobachtet. Es war hell draußen, eine klare Vollmondnacht. Bereits in der Dunkelheit aufzustehen, um das Haus zu verlassen, hatte ich mich aber nicht getraut. Es war völlig klar, dass ich zu warten hatte bis der Morgen kam.

Morgens hörte ich Geräusche aus dem Stall des Bauernhofes neben unserem Haus. Der Bauer hat viele Milchkühe. Wir holen regelmäßig unsere Milch bei ihm. Noch bevor der Bauer heute Morgen in seinen Stall gehen würde, wollte ich bereits die Dorfstraße hinauf gerannt sein.

Die Kirchturmuhr hatte fünf Mal hintereinander geschlagen. Leise kroch ich unter meiner Bettdecke hervor. Ich richtete sie ein wenig auf. Ich wollte, dass sie so aussieht, als läge ich noch darunter. Unter dem Kopfkissen zog ich die frische Hose hervor. Vom Stuhl nahm ich T-Shirt, Unterhose und Socken. Mein Bett sah ich mir genau an. Es sah aus, als läge ich noch unter der dicken Decke. Ich verließ das Kinderzimmer.