2. Busfahrt in die nächste Kreisstadt

Neben mir schwitzt eine alte Frau. Seit der Abfahrt des Busses am Bahnhofsvorplatz hat sie mich keines Blickes gewürdigt. Weil ich mich neben die alte Frau gesetzt habe, musste sie zwei randvolle Einkaufstüten auf den Schoß nehmen. Vielleicht ist das der Grund für deren unbewegten Blick nach vorne. Ist es eine Erklärung dafür, dass sie auf meine höfliche Begrüßung kaum reagiert hat? Ich hatte „Grüß Gott“ gesagt und dabei freundlich gelächelt. Ich hatte die Frau genötigt, die Einkaufstüten vom freien Sitzplatz auf den Schoß zu zerren. Ich ließ mich neben ihr nieder, sagte leise „vielen Dank“.

Der Busbahnhof liegt gute zwanzig Minuten zurück. Der Bus hat sich seit Fahrtantritt bereits ein bisschen geleert. Meinen Sitzplatz habe ich noch nicht gewechselt. Die alte Dame muss weiter die beiden Einkaufstüten auf ihrem Schoß behalten. Ich habe das Gefühl, es könnte unhöflich sein, jetzt aufzustehen, um einen der freien Sitzplätze in den vorderen Reihen einzunehmen.

Ein schwüler, heißer Sommertag. Ich sitze in einer der hinteren Sitzreihen, in dem immer noch gut besetzten gelben Bus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe. Die Route führt mich durch den Ort über die Landstraße, durch mehrere grüne Täler, durch kleine Orte zur Kreisstadt. Bis dorthin sind es etwa zwanzig Kilometer.

Es könnte sein, dass die Frau ihren Blick so unbeweglich nach vorne richtet, weil ihr von der schnellen Fahrt auf der kurvenreichen Straße durch die gebirgige Landschaft inzwischen schlecht geworden ist.

Ich habe schon oft davon gehört, dass es bei Busfahrten hilfreich ist, den Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe auf die Straße zu richten. Sehr hilfreich soll das vor allem dann sein, wenn die Fahrt ein flaues Gefühl in der Magengegend auslöst. Sollte der alten Frau neben mir tatsächlich ein wenig schlecht geworden sein, wegen des schwungvollen Lenkens des Busfahrers und wegen der Geschwindigkeit, die der Mann seinem monströsen Fahrzeug zumutet? Ich glaube dann könnte die Frau Abhilfe schaffen, indem sie ihren Sitzplatz wechselt, um einen der freien Sitzplätze weiter vorne zu erreichen.

Ich habe gehört, dass es bei einem so schwungvollen Fahrstil, wie ihn der Fahrer des gelben Busses pflegt, für die Fahrgäste hilfreich wäre, so weit als möglich vorne zu sitzen, weil dort das Gefährt weniger stark schaukelt. Vielleicht kann die Frau es gar nicht schaffen einen anderen Platz aufzusuchen. Ist ihr bereits so schlecht geworden, dass sie, wegen der Schaukelei nicht aufstehen kann? Dann bleibt ihr nur, den Blick starr auf die Fahrbahn nach vorne zu richten.

Ich frage sie nicht, ob sie sich auch so unwohl fühlt, wie ich, ob ihr wegen des Schaukelns vielleicht schlecht geworden ist. Starr schaue ich über die vielen Sitzreihen hinweg über die Köpfe der Fahrgäste. Ich blicke durch die riesige Windschutzscheibe hinaus auf die Fahrbahn.

Der Busfahrer benutzt die Motorbremse. Er schaltet einen Gang nach dem anderen hinunter. Die kurvige Straße fällt steil hinab. Sie ist zweispurig aber trotzdem eng. Auf der Gegenfahrbahn kommen Autos, große Lastwagen und Busse. Das nötigt den Busfahrer immer kräftig zu bremsen. In den engen Kurven sieht es aus, als seien nur Zentimeter zwischen Nahverkehrsbus und entgegenkommenden Lastwagen. Der harte Aufprall, den ich jeden Augenblick befürchte, bleibt aus.

Sekundenlang habe ich die Augen geschlossen. Ich öffne meine zwanghaft zusammen gepressten Augen. Vorne erkenne ich den Busfahrer. Er wirkt wie ein sportlicher Reiter, der jede steile Kurve mit diesem Monster von Bus bezwingt. In jede Kurve neigt sich der Mann, beide Hände am großen Lenkrad des Monsters festgekrallt. Mich erinnert das ein bisschen an einen Rodeoreiter. Der Fahrer sieht aus wie einer, der am Knauf des Sattels eines unbezwingbar wilden Pferdes festhält. Dabei scheint es fast egal zu sein, wohin dieses riesige Ross seinen Reiter zu schleudern versucht. Trotz der wilden Schaukelei schafft es der reitende Steuermann, sich heldenhaft in jede Kurve zu neigen, die das Monstrum vorzugeben scheint. Der Fahrer gibt die Kontrolle über Richtung und Geschwindigkeit nicht aus der Hand. Das Ungetüm schlägt nicht irgendeine beliebige Richtung ein.

Die Fahrgäste, drücken sich ängstlich in die braunen Kunstlederrückenlehnen. Hier im Bus reitet niemand wie auf einem Rodeopferd! Der Busfahrer kennt jede Reaktion, die dieses Riesenviech von sich gibt, während er es die Gebirgsstraße entlang treibt.

In den vergangenen Monaten war ich diese Strecke mehrfach mit einem Auto hinauf und hinunter gefahren. Ich war neben der Vorbereitung auf meine Abschlussprüfungen in der Schule, damit befasst gewesen, das Autofahren im praktischen, wie im theoretischen zu erlernen. Der Fahrlehrer hatte mich während der kurvenreichen Fahrt auf der Strecke die der Busfahrer gerade hinunter steuert, stets darauf aufmerksam gemacht, dass die Straße breit ist und sicher genug befestigt sei. Deshalb, so belehrte mich der Fahrlehrer, solle ich die Straße nicht im Schneckentempo befahren. „Sie dürfen ruhig die Bremsen des Autos ein wenig schonen“. Das waren mehrmals die Worte des Fahrlehrers gewesen, wenn ich die Anhöhe erreicht hatte.

Die Anhöhe liegt kurz vor den Bahngleisen über die der gelbe Nahverkehrsbus vor Minuten ungebremst gedonnert war. Unmittelbar nach diesen Gleisen führt die Straße in eine steile, stark abfallende Kurve. Vor dieser Kurve hatte ich in den Fahrstunden stets sofort das Bremspedal betätigt. Immer wenn ich diese Kurve sehe, denke ich daran, dass die Leitplanke das Fahrzeug keinesfalls davon abhalten würde die Böschung dahinter hinab zu stürzen. Ich kenne den steilen Abhang hinter der Leitplanke. Über scharfe Felsbrocken führt er etwa dreißig Meter hinunter in den Wald.

Einmal vor Jahren war ich auf meinem Fahrrad aus dieser Kurve getragen worden. Ich hatte versucht die Kurve ungebremst, wie dieser Busfahrer es eben getan hat, zu passieren. Deshalb war ich über die Leitplanke geflogen. Mein Fahrrad war zunächst scheppernd von der Leitplanke abgebremst worden, es flog schließlich hinter mir her. Ich war mit der Schulter auf einen großen Felsen gestürzt, einige Meter über die scharfen Kanten abgerutscht, und fand schließlich an einem kleinen Nadelbaum Halt. Ich hatte Glück im Unglück gehabt, denn ich hatte bei diesem Unfall nur grobe Schürfwunden davongetragen. Mein Fahrrad war vom Fels wie ein Gummiball abgeprallt und sauste in einem weiten Bogen über meinen Kopf und die kleine Tanne, an der ich mich festgekrallt hatte, hinweg.

An diesen Sturz dachte ich jetzt wieder, weil wir gerade die Kurve passiert haben. Deshalb habe ich im Sitz neben der unbekannten alten Frau, kurz bevor der Fahrer diese Kurve nahm, meine Augen wieder krampfhaft zugedrückt. Der Busfahrer hat diese Kurve ebenso routiniert und sicher bezwungen, wie alle anderen auf dieser mir gut bekannten kurvigen Bergstraße.

Seitdem mein Fahrlehrer festgestellt hatte, dass mich mein Sicherheitsbedürfnis vor dieser Kurve stets zu bremsen und zu vielleicht tatsächlich übertrieben langsamer Fahrt zwingt, war er mit mir in beinahe jeder Fahrstunde diese Strecke entlang gefahren. Jedes Mal vor dieser Kurve kehrt sofort meine Erinnerung an meinen Sturz vom Fahrrad wieder. Ich glaube der Fahrlehrer hat die Vorstellung, dass er seinen Schülern Ängste vor bestimmten Strecken nimmt, indem er sie möglichst oft auf diesen bestimmten Strecken fahren lässt. Wahrscheinlich glaubt er, dass seine Schüler durch viel Übung am besten lernen, solche gefährlichen Strecken sicher zu durchfahren. Bei mir wirkt das nicht. Ich glaube sogar, das Gegenteil ist der Fall. Das habe ich vor Minuten festgestellt. Kurz bevor der Busfahrer in diese Kurve gefahren war habe ich reflexartig meinen rechten Fuß angehoben. Vergeblich hatte ich versucht auf dem Boden vor mir ein Bremspedal zu betätigen, dabei hatte ich meine Augen kurz vor der Kurve ängstlich zugedrückt.

Nachdem wir vor Sekunden diese Kurve passiert haben, spüre ich jetzt in meinem Magen ein flaues Gefühl. Deshalb richte ich meinen Blick starr nach vorne und schaue durch die Windschutzscheibe. Mit beiden Armen stütze ich mich auf dem Sitz vor mir ab.

Draußen fliegen grüne Laub- und Nadelbäume vorbei. Die Straße schlängelt sich steiler und steiler hinunter. In den Kurven fliegen entgegenkommende Reisebusse und Lastwagen dicht an den Seitenscheiben des Nahverkehrsbusses vorbei. Ich spüre plötzlich ein Gefühl, wie ich es kenne, wenn ich mich auf einem Volksfest in ein Karussell setze. Weil ich das kenne, habe ich mich seit vielen Jahren nicht mehr in ein Karussell gesetzt, denn einmal war mir in einem Karussell so schlecht geworden, dass ich mich noch vor Fahrtende übergeben musste.

Jetzt höre ich ein lautes und sehr hohes Quietschen der Bremsen. Eine weitere scharfe Kurve steht bevor. Die Motorbremse reicht nicht aus. Ein Doppeldeckerreisebus kommt schwungvoll in der steil ansteigenden Kurve entgegen. Ich kenne diese Straße gut. Ich bin schon oft hier gefahren. Die Straße, so hatte der Fahrlehrer immer gesagt, ist breit genug. Zum ersten Mal erlebe ich es jetzt, dass sie nicht breit genug ist. Ich wünschte, der Fahrlehrer säße neben mir. Stattdessen sitz dort diese alte unbekannte Frau. Heute könnte ich mein Abbremsen vor der scharfen Kurve nach der Anhöhe gut begründen. Heute könnte ich seine Hinweise auf die Straßenbreite und seine Anspielungen auf mein überflüssiges Gebremse sehr gut begründet abschmettern. Dem Fahrlehrer würde heute buchstäblich Hören und Sehen vergehen, denn zum ersten Mal müsste er einsehen, dass die Straße eben nicht breit genug ist. Kommt der Bus endlich zum Stehen? Das Gequietsche ist ohrenbetäubend. Ich stemme mich gegen den Vordersitz. Ein Ruck geht durch den Bus. Ich glaube jetzt steht er. Das Geschaukle hat aufgehört. Das Gequietsche von den Bremsen ist vorbei. Ich höre nur noch das Rattern des Dieselmotors. Ich öffne meine Augen. Jetzt höre und sehe ich die Fahrgäste im Bus wieder. Ich glaube, sekundenlang hatten alle Mitfahrenden genauso wie ich die Augen geschlossen und den Atem angehalten. Ich glaube allen Menschen im Bus war sekundenlang klar geworden, dass der Bus jetzt entweder stehen bleibt, oder dass es kracht. Ich stehe nicht auf, wie viele andere Fahrgäste es jetzt neugierig tun. Ich bin nervös, aufgeregt und beunruhigt, wie alle anderen Fahrgäste. Trotzdem bleibe ich ruhig sitzen, genauso wie die alte schweigende Dame neben mir. Das tun wir, weil uns beiden sehr schlecht geworden ist. Ich lasse meinen Kopf weiterhin auf meinen Armen auf dem Vordersitz liegen und versuche an etwas anderes als diese Busfahrt zu denken. Mit Gewalt versuche ich mein Denken an einen anderen Ort zu entführen. Doch es mag mir nicht recht gelingen, denn ich bin zu aufgeregt. Ich schaffe es nicht, an etwas anderes zu denken als an das, was in diesen Minuten um mich herum geschieht. Ich nehme die Aufregung der Fahrgäste um mich herum wahr und ich nehme wahr, dass mir speiübel geworden ist.

Beinahe alle anderen Fahrgäste um mich herum erheben sich neugierig von ihren Sitzen. Sie blicken nach links durch die Fensterreihen hinaus. Auch die alte Frau neben mir will das jetzt tun. Sie will sehen, dass zwischen den beiden riesigen Vehikeln nur noch wenige Zentimeter Abstand sind. Ich glaube alle Fahrgäste im Bus, abgesehen von mir, der damit kämpft, sich von dem flauen Gefühl in seinem Magen und der Übelkeit abzulenken, wollen sehen, dass es nur wegen weniger Zentimeter die zwischen dem Lastwagen und dem Nahverkehrsbus geblieben sind, vor Sekunden nicht gekracht hat. Ich glaube die wenigen Zentimeter zwischen den Fahrzeugen haben wir dem scharfen und deshalb lauten Bremsen unseres Busfahrers zu verdanken. Ich will das nicht sehen, weil sich jetzt in mir alles zu drehen beginnt.

Die alte Frau will ihren Sitzplatz verlassen. Ich glaube, sie will jetzt endlich hinüber auf die linke Fensterseite, um sich, wie die anderen Fahrgäste, von dem minimalen Abstand zwischen beiden Fahrzeugen zu überzeugen. Deshalb knistert sie unruhig mit ihren Plastiktüten herum. Darauf reagiere ich noch nicht, denn ich habe das Gefühl als säße ich in einem immer schneller werdenden Karussell. Jetzt macht sie Anstalten aufzustehen. Ich bleibe trotzdem sitzen, weil ich spüre, dass ich im Sitz meines Karussells jetzt gleich den höchsten Punkt der Flugbahn erreichen werde.

„Is erna need guat?“ Das höre ich jetzt. Die Stimme der Frau klingt gebrechlich. Jetzt sieht sie mich von der Seite an. Ich vermeide ihr ins Gesicht zu blicken, denn ich weiß, dass ich käsebleich bin. Endlich spüre ich, dass das Karussell langsamer wird. Es muss diese einfache bayerische Frage der Frau sein, die mich jetzt anderes denken lässt. „Is erna need guat?“ Wie soll ich so eine Frage beantworten? In welcher Mundart soll ich darauf antworten? Soll ich zu erkennen geben, dass ich die Mundart dieser Frau kenne aber nicht beherrsche? Für wen hält sie mich, wenn ich nicht in dieser Mundart antworte? Für einen Touristen? Ich bin kein Tourist, wie die meisten anderen Fahrgäste. Ich bin aber auch kein Einheimischer, wie diese alte Frau, die sich gerade auf ihre Art um mein Wohlergehen erkundigt. Wer bin ich eigentlich in diesem Bus, in dieser gebirgigen Landschaft, auf dieser kurvenreichen Strecke zur nächsten Stadt? Wer bin ich in meinem Gebirgsort, den ich „meinen Gebirgsort“ nenne? Bin ich hier Zu Hause? Soll ich versuchen mich als einen „Einheimischen“ erkennen zu geben? Das könnte mir sehr leicht misslingen. Ich glaube, die alte Frau wird mich sofort als Fremdling in ihrer Heimat identifizieren. Ich fürchte es würde lächerlich wirken, wenn ich versuchte der alten Frau eine Antwort in ihrer Heimatsprache zu geben, die ich über viele Jahre meines Lebens in meinem Gebirgsort bestens kennen gelernt habe. Ich weiß nicht, wie ich mit der alten Frau reden soll. Geschweige denn, dass mir einfällt, welche Antwort ich der alten Frau auf ihre Ansprache hin geben könnte.

Weil in meinem Kopf jetzt diese vielen Gedanken wild herumgewirbelt werden, hat das Karussell schnell an Geschwindigkeit verloren. Mein Karussellsitz nähert sich langsam dem Boden. Deshalb schaffe ich es endlich, mich sehr langsam und vorsichtig von meinem Sitzplatz im Bus zu erheben. Jetzt lächle ich die alte Frau an. Ich antworte: „Nein, mir geht es gut. Vielen Dank. Aber ich glaub, ich werde mich jetzt weiter vorne hinsetzen.“

Langsam und vorsichtig arbeite ich mich durch die neugierig stehenden und hinaus schauenden Fahrgäste den Mittelgang entlang. Der Busfahrer hat inzwischen den Rückwärtsgang eingelegt. Er lässt den Motor aufheulen. Ruckartig bewegt sich der Bus einige Meter rückwärts die steile Bergstraße hinauf. Ich lasse mich in einem freien Sitz, nur wenige Reihen vom Fahrer entfernt nieder.

Auf dem Sitzplatz am Fenster neben mir sitzt ein Mann. Der Mann trägt bayerische Lederhosen. Weil sich jetzt das Karussell in mir wieder zu drehen beginnt, begrüße ich den Mann nur flüchtig. Sofort lasse ich mich neben ihm in gleicher Haltung wie zuvor neben der alten Dame nieder. Durch meine Ellenbogen auf dem Vordersitz, auf die ich meinen Kopf lege, sehe ich unten, nahe dem Fußboden den Bund der braunen Lederhose des Mannes neben mir. Ich sehe auch die grauen Wollsocken, und die schwarzen Haferlschuhe, die der Mann trägt. Ich denke, der Mann neben mir ist ein richtiger Bayer. Mein Karussell gewinnt langsam wieder an Fahrt.

Langsam rollt der Nahverkehrsbus an dem immer noch stehenden Doppeldeckerbus vorbei. Schnell erreicht der Fahrer das gleiche Tempo wie zuvor. Als sei nichts geschehen steuert er jetzt seinen Bus schwungvoll durch die nächste steil abfallende Kurve. Meine Karussellfahrt wird deshalb wieder sehr schnell.

Mir ist schlecht. Weil das so ist, versuche ich jetzt wieder an etwas anderes zu denken, als an diese Busfahrt auf der ich mich gerade befinde. Das ist meine Technik in solchen Situationen. Mit ihr versuche ich dem Problem Herr zu werden. Wenn mir richtig schlecht ist, wie jetzt, dann reicht es nicht aus, dass ich mich im Bus weit nach vorne setze und zum Fenster hinaus auf die Straße starre. Ich habe schon häufig erlebt, dass es gerade dann, wenn ich nach vorne hinausschaue, noch schlimmer wird.

Also versuche ich zunächst über den bayerischen Mann in Lederhosen neben mir nachzudenken. Ich kann ihn nicht genauer betrachten, denn würde ich jetzt aufblicken, müsste ich unweigerlich zum Fenster hinaussehen. Würde ich jetzt die draußen vorbeifliegende Landschaft sehen, könnte etwas passieren. Das Karussell, das in mir sehr schnelle Fahrt erreicht hat, würde noch schneller werden und das könnte eine Katastrophe auslösen. Ich müsste dem Busfahrer sehr schnell klar machen, dass er sein Fahrzeug stoppen muss, um mich sofort aussteigen zu lassen. Also denke ich an den bayerischen Mann neben mir und blicke dabei nicht zu ihm auf, um ihn genauer zu betrachten. Stattdessen sehe ich unten seine saubere Lederhose und seine glänzenden Haferlschuhe in denen seine grauen Wollsocken stecken.

Wahrscheinlich hat auch der bayerische Mann neben mir in der Kreisstadt einige Formalitäten zu erledigen, so denke ich jetzt. Vielleicht hat er dort einen besonders wichtigen Amtsgang vor sich. Möglicherweise steuert er, genauso wie ich, das Landratsamt an. Sicherlich, so denke ich, hat der bayerische Mann neben mir dort wichtigeres zu erledigen als ich. Sicherlich, so stelle ich es mir nun vor, um mich von meinem flauen Gefühl in meinem Magen abzulenken, sicherlich geht es bei den Geschäften denen der Mann in gepflegter Lederhose und glänzenden Haferlschuhen heute Vormittag nachgeht um viel Geld. Ich bin ganz sicher: Der bayerische Mann neben mir hat in der Kreisstadt etwas zu erledigen, dass mich gar nichts angeht. Es ist etwas, das mich nicht zu interessieren braucht, denn diesen Mann kenne ich nicht. Ich denke nur darüber nach, weil ich verhindern möchte, dass mir noch schlechter wird. Weil ich jetzt spüre, dass mein Ablenkungsversuch zu gelingen scheint, denn das Karussell in mir ist langsamer geworden, mein schummriges Gefühl aus der Magengegend ist abgeklungen, wage ich nun einen Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe.

Endlich hat der Bus das Tal nahe der Kreisstadt erreicht. Die Kurven liegen hinter uns. Die Straße führt bei leichtem Gefälle in gerader Richtung vorbei an Feldern, Weiden, Gehöften, Landgasthöfen, Pensionen und Hotels. Am Straßenrand fliegen grüne Wiesen vorbei. Auf ihnen weiden Kühe. Rechts und links der immer flacher werdenden, schmalen Ebene erheben sich dicht bewaldete Berge. Je höher das Auge deren Gipfel erreicht, desto kahler werden die Wälder, um schließlich ganz zu verschwinden. Dort oben ragen schroffe, kahle Felswände in den Himmel empor: Dort oben entsteht bei den Menschen, die solche Wände erklimmen ein berauschendes Gefühl von schwindelerregender Höhe. Es ist das Gefühl, welches in einfachem Glück mündet, wenn man nach stundenlangem, schweißtreibendem Anstieg die kahlen Gipfel erreicht und dort nur noch das einsame Pfeifen des Windes und das penetrante Geplärre der Dohlen hört. Mancher Gipfel ist so hoch, dass selbst jetzt im Hochsommer weiße Schneeflecken auf ihnen zu erkennen sind.

Seit langer Zeit, so denke ich jetzt, ist diese Landschaft meine Heimat. Es ist sehr einfach das zu denken. Ich denke jetzt sekundenlang einfach so und fertig! Das ist doch ganz unkompliziert! Ich denke einfach und unkompliziert! Das hier, was du hier um dich herum siehst, ist deine Heimat! Das ist eine klare und einfache Sache! Es ist einfach das zu denken. Warum komplizieren, was sehr sehr einfach ist? Jetzt könnte ich Schluss machen mit dieser Geschichte, denn jetzt denke ich endlich mal ganz einfach. Wenn ich weiter so denken könnte, dann könnte ich jetzt mit dieser Geschichte aufhören: Ich lebe hier in meiner schönen gebirgigen Heimat, in der es mir gut geht! Tolle Sache, Basta, Schluss, Ende, Aus. Ich hasse Heimatromane. Weil es mir in meiner Heimat bestens geht, kann ich jetzt also Schluss machen, mit diesem Bericht. Das wär’s! Weil’s mir gut geht, und ich Heimatromane hasse, brauche ich nicht weiter zu berichten, denn unter solchen Umständen könnte nur ein billiger Heimatroman herauskommen!

Die Heimat findet sich hier. Sie liegt rund um die Strecke in die Kreisstadt, genauso wie rund um den Gebirgsort in dem der Bus vor einer halben Stunde losgefahren war. Unten im Tal erweckt die Landschaft in mir stets das Gegenteil derjenigen Gefühle, die ich auf den Gipfeln schon sehr oft erlebt habe. Unten im Tal habe ich das Gefühl zwischen den hohen Bergen eingekeilt zu sein und von der Enge zerquetscht zu werden. Unten im Tal habe ich die vielen Jahre, die ich dort bis heute verbracht habe stets den eingeschränkten Blick geliebt und gleichzeitig gehasst, der durch diese steilen Berge begrenzt wird. Unten im Tal fehlt das, was oben zur Freiheit oder gar zum Glück gehört: Die Weite. Vielleicht, so habe ich schon oft gedacht, muss ich unten im Tal mit dem Gefühl der Enge und Beschränktheit für das bezahlen, was ich oben am Gipfel genießen kann, den Blick und die Ruhe einer schier unendlich scheinenden Weite. Was davon ist mein wirkliches Leben? Das frage ich mich seit Jahren. Ist es die Weite, die sich von den Gipfeln öffnet oder ist es die Eingeschränktheit, die das enge Tal zwischen diesen Bergen vermittelt?

Jetzt lege ich meinen Kopf nicht mehr auf meine Arme auf den Vordersitz. Mein Blick bleibt vorne auf der Straße. In einiger Entfernung erkenne ich bereits die Ampel, sie steht kurz vor dem gelben Ortsschild. Ich kann nicht sagen, warum es mir jetzt wieder besser geht. Vielleicht liegt es daran, dass die kurvenreiche Fahrtstrecke zu Ende ist. Vielleicht hat es mit meiner Ablenkungstechnik in meinem Kopf zu tun. Ich weiß es nicht.