2. Auf dem Schotterweg

Lautes Knirschen. Es ist ein schmaler Schotterweg auf dem ich jetzt gehe. Meine Schuhe, immer noch nicht gebunden, schleifen wie Schlappen über diesen hellen Schotter. Jetzt ist es Zeit, die Schuhe zu binden. Ich bleibe stehen. Ich bücke mich. Ich höre auf meinen tiefen Atem. Ich atme schnell, fast hastig. Meine Luftzüge sind lang und tief. Sie sind unregelmäßig. Jetzt werden sie schnell und kurz.

Ich spüre den Schweiß auf meinen Armen. Er läuft an ihnen hinunter. Es ist viel Schweiß. Er läuft bis zu meinen Händen hinunter, mit denen ich die Schuhbänder zusammenbinde. Meine feuchten Hände fummeln hastig, nervös an den braunen Schuhbändern herum. Es will mir nicht gelingen, den rechten Schuh zu binden. Jetzt wird es ein Knoten. Ich drehe mich um, ich sehe nach hinten. Da sehe ich den menschenleeren Schotterweg. Es verfolgt mich niemand. Also setze ich mich auf den hellen Schotter. Der Knoten muss wieder weg. Es muss eine feste Schleife werden. Ich sitze, schaue noch mal auf den zurückliegenden Weg. Der bleibt menschenleer. Ich pule den Knoten auf. Alles ist feucht von meinem Schweiß. Endlich löst sich das feuchte Schuhband. Ich zittere und schwitze. Ich muss mich zusammennehmen. Ich versuche es, und konzentriere mich auf meine Hände. Jetzt werden die Hände etwas ruhiger. Sie zittern schwächer. Jetzt erinnere ich mich daran, wie ich vor Jahren, als ich noch ganz klein war, das Schuhbinden gelernt hatte. Genauso, wie ich es damals im oberbayerischen Gebirgsort, mit fünf Jahren, gelernt hatte, will ich es jetzt versuchen. Ganz langsam wickle ich das Schuhband um meine dünnen, nervösen Finger. Genauso wie damals schnüre ich das Schuhband jetzt ganz langsam zusammen. Ich erinnere mich daran, was mir eine Erzieherin damals gesagt hatte, nachdem sie mir das Schuhbinden beigebracht hatte: „Nur keine Eile beim Schuhbinden. Mach die Schlaufe ganz langsam. Du kommst schon rechtzeitig hinaus zum Spielen. Du kannst gleich losrennen, nach draußen auf den Hof. Aber jetzt musst du noch ruhig sitzen und eine ordentliche, feste Schleife machen, sonst löst sich die Schleife gleich wieder und du kannst draußen nicht lange herumspringen, weil du deinen Schuh verlierst. Dann musst du mit der Schlaufe wieder neu anfangen. Oder es wird ein Knoten!“

Die Erzieherin im oberbayerischen Gebirgsort hatte Recht. Schuhbinden funktioniert nicht, wenn man dabei zappelig von einem Bein aufs andere springt oder zittert, wie ich es jetzt tue. Es funktioniert auch nicht, wenn man mit verschwitzten Händen aufgeregt an den Bändern fummelt und sich ständig umblickt ob ein Mensch sich nähert. Deshalb schaue ich jetzt genau auf das Schuhband. Meine Hände zittern kaum. Endlich schaffe ich es. Die beiden Schleifen sind gebunden.

Ich marschiere weiter. Jetzt höre ich die Vögel zwitschern. Vielleicht stehen sie gerade auf. Die Steinchen unter den Schuhen knirschen laut. Meine Schuhe schleifen nicht mehr. Wieder werde ich schneller und schneller. Ich bin ja noch nicht sehr weit weg von zu Hause. Es sind höchstens zwanzig Minuten, seit ich das alte Haus verlassen habe.

Ich kenne den schmalen Schotterweg nicht. Hier bin ich noch nie gegangen. Nur den Anfang dieses Weges in der Kurve an der Landstraße im Wald kenne ich. Ich hatte ihn schon oft gesehen, vom Autofenster aus. Oft waren wir Geschwister Samstagvormittags auf der Landstraße mit dem Vater im weißen Käfer unterwegs gewesen in die Stadt. Wir hatten Einkäufe für die Familie zu erledigen. Dieser Schotterweg hatte lange schon zu meinem geplanten Fluchtweg gehört.

Ich schaue jetzt noch mal zurück. Kein Mensch folgt mir. Die bekannte Landstraße liegt schon weit zurück. Die bekannten Wege sind nun vorbei. Mein schon viele Monate alter Fluchtplan beginnt jetzt, hier auf diesem Schotterweg, mit dem unbekannten Teil. Bis hier kenne ich die Landschaft genau. Jetzt kommen unbekannte Wiesen, Felder, Bäume, Sträucher, Wege. Jetzt tauche ich ein in das Unbekannte. Der Weg ist mir fremd.

Ich muss hier gehen. Auf der bekannten Landstraße ist es zu gefährlich. Ich kenne die Richtung zur Stadt. Ich glaube, wenn ich immer in diese Richtung gehe, muss die Stadt irgendwann vor mir auftauchen.

Als ich das erste Mal von Zuhause weggelaufen war, lief ich nicht allein wie heute. Matthias war mitgekommen. Nach der Schule waren wir nicht nach Hause gegangen. Es hatte Zeugnisse gegeben und unsere Noten waren sehr schlecht gewesen. Deshalb hatten wir viel Angst vor der Stiefmutter, an die ich vormittags in der Schule die ganze Zeit gedacht hatte. Ich hatte sie in meinem Kopf, ich sah sie, wie sie zu Hause auf uns und unsere schlechten Schulzeugnisse wartete. Auch an den Vater hatte ich vormittags ängstlich gedacht. Ich hatte ihn in meinem Kopf, ich sah, wie ihm abends die Stiefmutter unsere schlechten Zeugnisse zeigte. Ich hatte Angst vor Stiefmutters festen Ohrfeigen und vor ihrem Schreien: „Jetzt wirds dir dei Vadder scho zoing!“ In der Schulpause hatte ich mich mit Matthias auf der Toilette kurz abgesprochen. Wegen unserer Angst hatten wir entschieden, dass wir nach der Schule abhauen werden. Wir waren, genauso wie ich es gerade hinter mir habe, die Dorfstraße entlang bis zur breiten Landstraße gelaufen. Auf der waren wir geblieben, weil wir wussten, dass sie in die Stadt führt. Wir waren nicht in diesen Schotterweg abgebogen, denn wir hatten Angst davor, uns zu verlaufen. Damals hatten wir nicht gewagt zu tun, was ich heute tue. Einen unbekannten Weg zu betreten. So etwas zu tun hatten wir nicht in unseren Kinderköpfen.

Am Rand der Landstraße waren wir ungefähr zwei Stunden lang unterwegs gewesen. Immer wieder hatten sich vorbeifahrende Autofahrer nach uns umgesehen. Ich glaube wir fielen ihnen auf, weil wir unsere Schulranzen auf unseren Rücken getragen hatten. Zwei kleine Buben mit Schulranzen, nachmittags alleine auf der Landstraße, unterwegs Richtung Stadt! Ich hatte zwar die Blicke der unbekannten Käferfahrer hinter ihren Windschutzscheiben gesehen, trotzdem hatte ich nicht daran gedacht, dass auch der Vater dabei sein könnte. Ich hatte mich um die Männer in den Autos einfach nicht gekümmert. Ich hatte immer nach vorne geschaut, Richtung Stadt. Dabei hatte ich an die schlechten Schulnoten auf meinem Zeugnis in meinem hellbraunen Schulranzen auf meinem Rücken gedacht. Mein Bruder war seit zwei Stunden dicht hinter mir am Straßenrand gelaufen.

Plötzlich hatte auf der anderen Straßenseite ein weißer Käfer gehalten. Er war aus der Stadt gekommen. Ich erkannte sofort, wer da hinter dem Steuer saß.

Heute noch sehe ich den Vater vor mir, wie er am Straßenrand auf uns zukommt: Sein Gesicht ist verzerrt. Ich sehe viele Falten. Es ist Wut, die ich in seinem Gesicht erkenne. Der Vater knallt die Käfertüre kraftvoll zu. Er bleibt noch dicht am Käfer stehen, wegen dem Verkehr auf der Straße. Er dreht seinen schwarzhaarigen Kopf nach rechts und links um und sieht, dass noch ein Auto kommt. Er lässt das Auto vorbei und rennt, kaum dass es vorüber ist, über die Straße. Schnell kommt er auf mich zu. Seine gekämmten schwarzen Haare fliegen im Laufschritt auf und ab. Sein Schritt ist schnell und schwer. Er trägt wieder eine dunkelbraune Cordhose. Seine breiten Hosenbeine schlagen heftig gegeneinander. Seine großen, schwarzen Schuhe sehe ich jetzt. Seine Füße sind leicht nach außen gekehrt. So trampelt der Vater am Straßenrand schnell auf mich zu. Dicht vor mir bleibt er stehen. Der Vater ist riesengroß. Sein Faltiges Gesicht ist rot vor Wut.

Ich stehe erstarrt vor dem Vater. Keine Bewegung, kein Wort. Ich zittere und mir ist heiß. Mein Erschrecken vor dem Vater hört nicht auf. Ich kann nicht denken. Ich sehe den Vater am Straßenrand dicht vor mir. Jetzt reißt er seinen Mund weit auf. Er schreit mich an, aber ich höre nicht, was er sagt. In seinem Gesicht sehe ich seinen Zorn und seine Wut. Jetzt kommt er noch näher. Blitzschnell hebt er die große, rechte Hand. Ich bleibe immer noch wie erstarrt. Keine Bewegung. Ich bin versteinert. Vaters Hand trifft mein Ohr. Heftig kommt ein zweiter Schlag. Wieder trifft er mein Ohr. Jetzt kippe ich zur Seite. Ich gehe langsam zu Boden. Erst jetzt spüre ich den Schmerz. Mein Ohr ist ganz heiß. Jetzt höre ich ein Pfeifen. Ich falle nicht zu Boden. Ich stürze nicht in den Straßengraben. Vaters fester Griff hält mich am Handgelenk.

Meinen Bruder und mich zerrt der Vater über die Landstraße in seinen Wagen. Auf der Fahrt zurück ins Dorf zitterten wir auf der Rücksitzbank. Wir sprechen nichts. Der Vater spricht nicht mit uns. Die Situation ist eindeutig. Darüber wird nicht gesprochen.

Die Stiefmutter steht in der offenen Haustür. Sie trägt einen grünen Kittel. Der flattert ein wenig im leichten Wind. Der Vater zerrt uns, vorbei am Gartentürchen, über den kurzen Gartenweg zur Stiefmutter. Das Gesicht der Stiefmutter ist verzerrt. Ich sehe Wut und ihren Hass auf uns Kinder. Die Stiefmutter tritt einige Schritte zurück ins Haus. Auf dem dunklen Steinboden im Hauseingang sehe ich an ihren Füßen ihre braunen Pantoffeln. Ich sehe ihre dicken, nackten Beine die unter ihrem grünen Kittel hervorschauen. Sie tritt noch ein kleines Stück zurück damit der Vater die Haustür schließen kann. Sie bleibt vor unseren Kleiderhaken und Schuhen im dunklen Eingang stehen. Der Vater schiebt uns weiter durch die Haustür. Ich höre die Haustür. Sie fällt ins Schloss. Jetzt ist es ganz dunkel im Hauseingang. Die Stiefmutter tritt dicht an mich heran. Zwei Schläge ihrer kleinen, dicken Hand treffen mein Gesicht. Sie treffen meine Backen, meinen Mund, meine Nase, meine Augen. Im dunklen Hauseingang erkenne ich jetzt die Stiefmutter kaum mehr. Ich verstehe nicht, was sie so laut und wütend kreischt.

Die Stiefmutter ist an diesem Nachmittag sehr wütend. Sie zerrt uns die Holztreppe hinauf. Der Vater folgt ihr. Sie schleift uns vorbei an Esszimmer und Küche. Sie schiebt uns in unser kaltes Kinderzimmer. Jetzt sehe ich den Vater in der Kinderzimmertür. Stiefmutter und Vater schreien gleichzeitig ihre Wut auf uns Kinder heraus. Ich verstehe kein einziges Wort. Der Vater hält seinen Gürtel in der Hand.

An diesem Nachmittag war die Strafe doppelt hart gewesen. Es gab zwei Gründe. Wichtiger als unsere schlechten Schulzeugnisse war unser gemeinsamer Versuch, von zu Hause wegzulaufen. Die ersten Gürtelschläge gab es wegen dem Weglaufen, die letzten Schläge wegen unserer schlechten Zeugnisse.

Der Schotterweg geht jetzt über in einen schmalen Feldweg. Rechts und links vom Weg sind Felder. Ich glaube, es sind Maisfelder. Wie ich es mir dachte, ist nun die Sonne tatsächlich da. Ich trage meine Strickjacke auf meiner Schulter. Ich gehe langsam, beinahe gemächlich. Ich atme nicht mehr so hastig, eigentlich atme ich wie immer. Der Weg führt leicht bergab. Er führt in Richtung der Stadt.

Rechts und links sehe ich jetzt grüne Wiesen mit bunten Blumen. Auf der rechten Seite erkenne ich einen kleinen See. Da stehen einige Autos. Graue und schwarze Limousinen und einige graue und weiße Käfer stehen am See. Also fahren Autos auf diesem Feldweg! Sofort gehe ich schneller.

Ich sehe zwei Männer am See. Sie halten Angeln in der Hand. Sie sind weit weg, sie können mich keinesfalls Laufen hören. Sie sehen nicht, dass ich gerade vorbeilaufe, denn ich sehe ihre Rücken.

Ich komme an einem Schild am Wegrand vorbei. Auf dem Schild sehe ich einen durchgestrichenen Angler. Hier ist das Angeln also verboten. Ich sollte mir die Autonummern aufschreiben und das der Polizei in der Stadt melden.

Die Männer, die hier angeln, tun etwas Verbotenes! Unglaublich. Sie tun es, obwohl das Schild da steht und obwohl sie bestimmt Strafe bezahlen müssten, wenn die Polizei käme. Ist es nicht zu gefährlich, etwas zu tun, was die Polizei verbietet? Was ist gefährlicher: zu tun, was die Polizei verbietet, oder zu tun, was der Vater verbietet?

In der Stadt kann ich gar nicht zur Polizei gehen. Heute Morgen bin ich vom Vater weggelaufen. Die Polizei wird mich zurückbringen, wenn sie mich findet.

An den Anglern bin ich nun vorbei. Sie haben mich nicht gesehen. Sie könnten mich jetzt von hinten sehen. Vielleicht sehen sie mich. Ich drehe mich nicht um. Ich will nicht wissen, ob sie mich sehen. Auch sie könnten mich zurückbringen. Sie könnten mich fragen, warum ich hier so früh am Morgen laufe. Bestimmt wären sie gegenüber der Polizei und gegenüber dem Vater im Recht, wenn sie mich zurück brächten. Polizei und Vater würde es nicht interessieren, wenn ich sagte: „Die Angler haben doch auch etwas Verbotenes getan. Ich habe es gesehen! Sie haben geangelt, obwohl am See das Verbotsschild steht!“ Ich glaube, das würde keinen interessieren. Ich wäre viel interessanter. Ich glaube, was ich heute tue, ist noch viel mehr verboten, als an diesem See zu angeln.

Mein Feldweg führt weiter bergab. Vor mir ist die Sonne gerade aufgegangen. Ich bin sehr müde. Wie spät ist es? Die Kirchturmuhr höre ich hier nicht mehr. Wie lange bin ich jetzt schon unterwegs? Ich hätte auf die Uhren in den Autos der Angler schauen können. Das fällt mir jetzt erst ein. Das ist gut so. Es wäre zu gefährlich gewesen. Ob es sechs Uhr ist? Ich glaube nicht, dass es schon später ist.

Ich werde noch etwas weiter gehen. Später will ich mich hinsetzen und mich ausruhen. Am besten gehe ich noch so lange, bis die Wiesen um mich herum trocken sind.