19. Der Geburtstagsabend

Von dem Tramper verabschiede ich mich am Wagen. Er will sich in einem Fastfood – Restaurant, das es seit kurzer Zeit im Ort gibt, mit einigen Dingen versorgen. Also laufe ich alleine den Schotterweg hinunter. Meine kleine Tasche und meinem Schlafsack habe ich unter dem Arm. Noch vor der Kneipe höre ich schon die Musik der „Rentner-Band“. Ich betrete die Kneipe. Dichte Rauchschwaden von Zigarettenqualm kommen mir entgegen. Die Kneipe ist übervoll. Das Publikum ist von der Musik begeistert. Es applaudiert und singt mit. Mühsam dränge ich mich durch die dicht stehenden Menschen bis zum Tresen. Bis dorthin habe ich etwa zehn Gäste beiläufig begrüßt, die ich kenne. Martina und ihr Freund stehen hinter dem Tresen. Sie bedienen die Gäste. Ich begrüße Martina, gebe ihr den Wagenschlüssel zurück, und bitte sie meine Tasche und den Schlafsack irgendwo unter dem Tresen abzulegen. Weil der Lärm ohrenbetäubend ist, muss ich Martina beinahe anschreien. Martina schenkt mir ein Bier ein. Mit meinem Bier arbeite ich mich durch die Menge Richtung Bühne.

Die Übernachtung

Ich liege auf kaltem Steinfußboden. Es ist in meinem ehemaligen Jugendgruppenraum. Jörg hat mir den Schlüssel für diesen Raum in „Eriks – Kneipe“ für eine Übernachtung gegeben. Meinen Schlafsack habe ich ausgebreitet und mich in ihm verkrochen. Es ist späte Nacht. Ich kann nicht einschlafen. Ich muss weiter über mein Leben nachdenken, das mit dem heutigen Tag und der heutigen Nacht hier zu Ende geht.

Ich war ein auffälliges, schwieriges Kind gewesen. Ich war ein nervöses, unruhiges Bürschchen gewesen. Ich hatte ständig an meinen Fingernägeln herumgekaut. Gegenüber Erwachsenen war ich ängstlich gewesen. Um diese Ängste zu überspielen hatte ich mich hin und wieder respektlos und vorlaut verhalten. Ich hatte eine Sprache gesprochen, die manchmal giftig und herablassend gewesen war. Meine Sprache hatte der Verteidigung und Abwehr gegenüber Erwachsenen, auch gegenüber den Eltern gedient.

Im Haus meiner neuen Eltern war ich eine Provokation gewesen. Vielleicht war ich das gewesen, weil die Eltern selbst keine eigenen Kinder gehabt hatten. Vielleicht war ich auch deshalb so eine Provokation für sie gewesen, weil sie es nicht gewohnt gewesen waren, wie man mit einem Dreizehnjährigen unter einem Dach zusammenlebt. Ich glaube, die Eltern hatten keine Ahnung davon gehabt, was auf sie zukommt. Sie hatten keinerlei Unterstützung gehabt, sich darauf vorzubereiten. Sie hatten keinerlei Begleitung gehabt, um sich während der Zeit, als ich bei ihnen gelebt hatte, beraten zu lassen. Deshalb glaube ich, dass die Eltern eigentlich eine Aufgabe angenommen haben, die nicht zu bewältigen war. Vielleicht bin ich deshalb im Leben der Eltern bis zum heutigen Tag zu einer großen Herausforderung geworden, die sich zu einer der großen Enttäuschung für sie entwickelt hat.

Ich hatte mich sehr schnell an den Wechsel zu den neuen Eltern gewöhnt. Es war für mich keine Frage gewesen, dass ich bei ihnen bleiben würde. Eine Rückkehr war für mich ausgeschlossen. Der Lebensalltag in meiner neuen Familie hatte sich in der Hauptsache um die viele Arbeit in dem Fachgeschäft der Eltern gedreht. Weitere Arbeit hatte der Vater abends zu Hause im Arbeitszimmer für das Geschäft zu leisten. Und noch weitere Arbeit hatte er stets über das Wochenende für sein Geschäft geleistet. Meine Mutter hatte täglich mindestens genauso viel gearbeitet, wie der Vater. Auch sie war täglich in dem Fachgeschäft hinter dem Verkaufstresen gestanden. Zusätzlich hatte sie die Rolle der kochenden, waschenden und für Sauberkeit und Ordnung im Haushalt sorgenden Hausfrau. Dafür dass ich, der dreizehn Jahre alte Bengel einen einigermaßen vernünftigen Weg einschlage, war in der Hauptsache meine Mutter zuständig gewesen.

In ihrer Freizeit hatten meine neuen Eltern die Kontakte zu guten Kunden des Geschäftes gepflegt. Sonntagmittags waren wir sehr oft zum Mittagessen zu guten Kunden gefahren.

Meine neuen Eltern, vor allem meine neue Mutter waren besten Willens gewesen, für mich eine gute Entwicklung zu gewährleisten. Nach einiger Zeit war mir klar geworden, dass die neuen Eltern von mir, für all das Gute was sie mir angedeihen ließen Dank, Respekt und Anerkennung erwarteten. Diese Erwartung hatte ich nie ausreichend erfüllt. Vielleicht hatten die Schwierigkeiten zwischen den Eltern und mir etwas damit zu tun, dass ich viel zu spät bemerkt habe, dass die Eltern so viel Gutes für mich taten. Dafür zeigte ich viel zu wenig Dankbarkeit.

Die Eltern sind in der Lage anderen Menschen zu helfen. Weil sie materiell in jeder Hinsicht bestens versorgt sind, hatten sie damals die Möglichkeit mich ohne weiteres in ihren Haushalt aufzunehmen. Dass dieses ein riesiger Glückstreffer für mich gewesen war, hatte ich nicht schnell genug verstanden. Anstatt dankbarer zu sein, war ich im Laufe des letzten Jahres bei den Eltern zunehmend auf Abstand zu den Eltern bedacht. Keineswegs war ich dabei glücklich gewesen. Aber in der Familie war mehr Ruhe eingekehrt. Weil ich gespürt hatte, dass ich die Erwartung der Eltern nicht erfüllen kann, dass ich nicht dankbarer sein kann, als ich es bereits die ganze Zeit über gewesen war, war mein Gewissen gegenüber den Eltern bald so schlecht geworden, dass ich dauerhaft versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Eltern haben in mir einen Weg in Gang gesetzt, der mich dazu zwang, mich immer weiter von ihnen zu entfernen. Weil ich mich immer weiter von ihnen weg bewegt hatte, konnte ich immer weniger Dankbarkeit zeigen.

Ein Mensch, der von anderen immer weiter weggeht, kann diesen Menschen gegenüber keinen Dank ausdrücken. Weil ich immer weniger fähig gewesen war, der Mutter und dem Vater dankbar zu sein, hatte der Vorwurf der Eltern mehr und mehr an Richtigkeit gewonnen. In den letzten Wochen im Haus der Eltern, hatte ich das Gefühl, dass zwischen uns genau das entstanden war, was sie mir immer vorgeworfen hatten. Weil der Abstand zu den Eltern riesig groß geworden war, hatte ich kaum mehr mit ihnen gesprochen. Ich hatte mich nur noch zu Hause aufgehalten, wenn es ausdrücklich erwünscht war. So war ich zu einem geworden, der nicht mehr dankbar war und der bei den Eltern ein- und ausging, als lebte er in einem fremden Hotel. Was die Mutter mir schon lange vorgeworfen hatte, war in den letzten Wochen tatsächlich geschehen.

All das, was die Eltern im Laufe der Jahre zwischen uns gesehen hatten, schien in den letzten Wochen tatsächlich in Erfüllung gegangen zu sein. Ich war zu einem regelmäßigen Kneipenbesucher geworden. Ich habe meine Schule nur noch nebenbei auf die Reihe gebracht. Ich habe also einen völlig unangemessenen Weg betreten. Ich lebe über meine Verhältnisse. Ich gebe mein Geld für Kneipe und Zigaretten aus. Ich habe die Vorstellungen der Eltern von Familienleben nicht erfüllt.

Weil meine Gedanken noch nicht enden wollen, wälze ich mich auf dem Fußboden im Jugendraum in meinem Schlafsack hin und her. Ich kann noch nicht einschlafen, weil ich immer noch an die vergangene Zeit denken muss. Was ab morgen werden wird, daran werde ich wohl erst ab morgen denken.

Weil ich Unruhe ins Haus der Eltern gebracht hatte, und es mir nicht gelungen war diese Unruhe auf das von den Eltern geforderte Maß zu begrenzen und weil die Eltern mit ihrem Maß bei mir nicht angekommen waren, ist der heutige Abschiedstag gekommen. Die Eltern haben ein Recht darauf, heute denjenigen gehen zu lassen, der noch nie bei ihnen leben wollte. Dass für mich die Frage niemals offen gewesen war, ob ich bei ihnen leben wollte, spielt heute genauso wenig eine Rolle, wie sie in der Vergangenheit eine Rolle gespielt hatte. Für mich hatte es nie eine Alternative gegeben. Ich hatte mich mit dem unwahrscheinlichen Glück abzufinden, dass ich überhaupt Eltern haben durfte. Für dieses Glück bin ich dankbar. Ohne dieses Glück wäre ich nicht wer ich heute bin.

Ich glaube solche späte Erkenntnis wäre den Eltern nicht genügend Dank. Ich glaube diese Art Dankbarkeit ist für die Eltern keine vollständige Dankbarkeit. Dieser Erkenntnis fehlt die absolute Anerkennung dessen, was die Eltern auf sich genommen hatten, um mich zu einem verantwortungsvollen Menschen zu machen. In den letzten Tagen bei den Eltern war mir klar geworden, dass der Dank den sie erwarten, ein absoluter Dank sein muss. Ich glaube für die Mutter war mein Dank nie ehrlich genug gewesen. Weil ich erkenne, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte, fehlt meine Fähigkeit zu absolutem, bedingungslosem, unterwürfigem Dank. Das was da fehlt bedeutet den Eltern aber sehr viel. Würde ich versuchen, meine Art Dank zu erklären, würde das die Eltern schon wieder enttäuschen.

Nach dem Einzug bei den Eltern schien es keine Rolle mehr zu spielen, woher und warum ich zu ihnen gekommen war. Mein altes Leben schien zusammengebrochen zu sein. Es war unauffindbar verschwunden. Die Eltern hatten mich darauf nie angesprochen. Ich habe sie darauf nie angesprochen, weil ich froh gewesen war, dass ich bei ihnen ein neues zu Hause gefunden hatte. Vielleicht war das der Anfang vom Ende gewesen. Vielleicht konnte das gar nicht funktionieren. Vielleicht kann kein Mensch einen gewichtigen Teil seines Lebens von heute auf Morgen auslöschen, indem er und die Menschen in seiner Umgebung darüber überhaupt nicht mehr sprechen. Es könnte sein, dass ich mich deshalb zu einem undankbaren Bewohner im Haus der Eltern entwickelt hatte. Vielleicht hätte ich den Eltern dankbarer sein können, wenn die mit mir über mein Leben vor dem Leben in der Familie gesprochen hätten. Vielleicht wäre Vertrauen gewachsen, wenn mein Leben das vor den Eltern gewesen war bei den Eltern eine Rolle gespielt hätte.

Ein letztes Mal wälze ich mich in meinem Schlafsack hin und her. Jetzt nehme ich mir fest vor, gleich einzuschlafen. In meinem Kopf wirbeln noch ein paar letzte Fetzen derjenigen Dinge, die ich heute im Laufe meines Geburtstages durchdacht habe herum. Morgen wird wieder ein neues Leben für mich beginnen. Das alte Leben bei den Eltern ist heute abgeschlossen. Morgen werde ich genügend Zeit haben, über mein altes und meine neues Leben weiter nachzudenken.

In meinem warmen Schlafsack, auf dem kalten Steinfußboden meines ehemaligen Jugendgruppenraumes, tauchen die letzten Bilder an die ich heute gedacht habe noch einmal mal wie winzige Lichtblitze in meinem Kopf auf. Ich spüre, dass mich die schwere meiner Müdigkeit wie ein Stein immer tiefer in den Schlaf zieht.

Es war ein privates Busunternehmen das uns in Ausflugs- und Reisebussen täglich die steile Bergstraße hinauf zu unserer Schule gefahren hatte. An der Gepäckablage über den Sitzen hatte ich mich stets gut festgehalten, denn die Straße auf den Berg ist kurvenreich. Beinahe täglich war mir während der Busfahrt schlecht geworden. Niemals hatte ich mich im Bus übergeben. Das hatte ich nach der Busfahrt fast jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn auf der Schultoilette getan. Damals war ich in jeder Hinsicht kontrolliert und angepasst gewesen. Meine Kontrolle war so weit gegangen, dass ich, obwohl mir im Bus bereits nach wenigen Kurven schlecht geworden war, dem Brechreiz erst freien Lauf ließ, als ich um viertel vor acht Uhr die Schultoilette erreicht hatte. Im Schulbus war täglich Vorsicht vor den älteren Mitschülern geboten. Es herrschte die Ordnung des Stärkeren. Ich glaube hauptsächlich während der täglichen Zeit im engen, überfüllten Schulbus hatte ich damals gelernt meine Rolle unter Gleichaltrigen zu finden. Die Rolle habe ich gehasst. Trotzdem habe ich mich angepasst. Stets hatte ich versucht, mich unauffällig und zurückhaltend zu verhalten. In Schlägereien und Streitereien hatte ich mich nie eingemischt. Im Schulbus und in der Schule hätte ich mich gerne öfter eingemischt. Gerne hätte ich manchem schwächeren, der in meinen Augen grundlos verprügelt worden war, geholfen. Dieses Eingreifen war stets mein Wunschtraum geblieben. Im Schulunterricht hatte ich manchmal zu gut verstanden, was den Lehrern wichtig gewesen war. Im mündlichen Unterricht hatte ich mir deshalb eine zurückhaltende Art angewöhnt, denn von manchen Mitschülern hatte ich Groll und Wut gegen mich gespürt. Wegen diesen Mitschülern war es mir stets wichtig gewesen, nur ein Mittelmaß zu erreichen, um von ihnen nicht als „Streber“ abgestempelt zu werden. Trotz meiner Anpassungsfähigkeit war ich auch in der neuen Schule auf dem Berg ein Außenseiter geblieben. Vielleicht hatte das mit meiner Herkunft zu tun. Weil ich nicht aus dem Ort stamme, weil ich keine normale Familie hatte, war ich von Beginn an auffällig gewesen, weil ich anders gewesen war. Schon wegen meiner Sprache war ich unter den gleichaltrigen Mitschülern anders gewesen. Auch bei den Eltern war meine Sprache ein Problem gewesen. Deshalb war es gut, dass ich gelernt habe, mich stets zurückzuhalten. Toleranz gegenüber mir, dem Fremden konnte nur entstehen, weil meine Anpassung so stark geworden war, dass ich beinahe nicht mehr aufgefallen war.