18. Rückweg

Gemächlich steuere ich den Wagen auf der kleinen Straße parallel der Bahnlinie entlang. Etwa zweihundert Meter von Frau Stößers Haus entfernt führt rechts eine steil abfallende, schmale Straße hinunter Richtung Stadtmitte. In diese Straße biege ich ein. Weil ich mich in der Stadt noch nicht auskenne, fahre ich ab der Kreuzung der blauen Beschilderung in Richtung Autobahn. Zur Autobahn sind es nur wenige Kilometer. Auf der Autobahn fahre ich etwa zwanzig Kilometer Richtung Süden. Danach fahre ich etwa die gleiche Entfernung auf einer breiten Umgehungsstraße. Sie führt mich an der kleinen Kreisstadt vorbei. Später folge ich einer kurvenreichen Straße, die auf und ab nahe an die Bergketten heran führt. Irgendwann wird der Berg von der kurvigen Straße einfach durchschnitten.

An einer Bushaltestelle, kurz bevor der kurvenreiche Abschnitt beginnt, sehe ich einen Anhalter. Natürlich bleibe ich stehen und nehme ihn mit. Der Mensch dort könnte auch ich sein. Ich habe kein Auto. Ich sitze in einem geliehenen Wagen. Es stellt sich heraus, dass der Anhalter das gleiche Ziel hat. Er möchte in den Gebirgsort. Nach einigen Gesprächsminuten stellt sich heraus, dass auch er den heutigen Abend in „Eriks – Kneipe“ verbringen möchte. Dort, so erzählt mir der Tramper, der aus der kleinen Kreisstadt stammt, habe eine Gruppe junger Leute, die sich „MOB“ nenne, für den heutigen Abend einen Auftritt einer Band organisiert. Er sei sehr gespannt auf das, was die heute Abend bei Erik bieten. Der Tramper kennt die Mitglieder der Band. Es seien Lehrer von Schulen aus der Umgebung. Die haben sich vor Jahren zu dieser Formation zusammengeschlossen. Das sei eine „Rentnerband“. Die würde sich „Second-Spring“ nennen. Was der redefreudige, Mensch erzählt, weiß ich bereits. Trotzdem lasse ich ihn erzählen und in dem Glauben, keine Ahnung zu haben.

Ich kenne einen in der Rentnerband. Der Mann, der bei den Bluesnummern die Mundharmonika spielt. Er ist Lehrer an der Schule, die ich bis vor wenigen Wochen besucht hatte. Er unterrichtet Deutsch. Was er im Unterricht sagte, hatte er immer deutlich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung gesagt. Er hatte den Schülern Freiräume gelassen, die notwendig sind, um das vom Lehrer gesagte mit eigenen Gedanken zum Thema zu verbinden. Die Art, wie er in dieser „Rentner-Band“ auftritt hat gewisse Ähnlichkeit mit seiner Art den Schulunterricht zu gestalten. Immer wieder tritt er in den Hintergrund, um die anderen Musiker zum Zuge kommen zu lassen. Ist er aber mit seinem Solo an der Reihe, steht er im Vordergrund. Wenn ein anderer auf der Bühne mit ihm musikalisch spricht, räumt er Platz dafür ein. Ähnlich gestaltet er auch seinen Unterricht. Jedem Schüler gibt er die Möglichkeit mit ihm zu reden und so seinen Unterricht mit zu gestalten.

Den grünen Wagen steuere ich die dunkle Straße hinauf. Die engen Kurven nehme ich langsam. Im zweiten Gang kriecht das Auto beinahe. Die Beleuchtung ist schlecht. Ich möchte nichts riskieren, fahre deshalb langsam, denn ich merke, dass mir die Fahrpraxis fehlt. Der Tramper neben mir ist jetzt still geworden. Ich fürchte, dass er mich auf meinen Fahrstil ansprechen könnte. Um ihn von meinem Fahren abzulenken habe ich ihm eine Zigarette angeboten, die er sich gerade anzündet.

Vor Jahren, es war als ich noch nicht bei den Eltern gelebt hatte, war ich in der Schule im Gebirgsort von einer Lehrerin unterrichtet worden. Sie hatte großes Interesse an meiner Herkunft und meiner Lebenssituation. Sie unterrichtete ein Nebenfach, so dass ich sie nur zwei Mal in der Woche gesehen habe. Später hat sich herausgestellt, dass sie mit dem Lehrer zusammenlebte, der mich in der Schule auf dem Berg im Fach Deutsch unterrichtete.

Irgendwann habe ich herausgefunden, dass diese beiden Lehrer versucht hatten, mich in ihrem Haushalt aufzunehmen. Niemals hatten die beiden mich darauf angesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich herausgefunden habe, dass die beiden versucht hatten mich aus dem Kinderheim heraus bei sich aufzunehmen. Die beiden Lehrer waren damals zu Jung gewesen. Die zuständige Behörde hatte das Gesuch dieser beiden jungen Lehrer abgelehnt. Sie seien zu jung und nicht lang genug verheiratet, deshalb sei ihnen nicht zuzumuten, einen Dreizehnjährigen bei sich aufzunehmen. Das Risiko sei zu hoch. Ein Dreizehnjähriger braucht mehr Führung und Erziehung als junge Lehrer dies bieten können.

Anstatt dieser jungen Lehrer hatten mich meine neuen Eltern aufgenommen. Ich glaube, das zuständige Amt hatte sich für sie entschieden, weil sie noch nicht zu alt und auch nicht zu jung gewesen waren und weil sie seit vielen Jahren in dem Ort in soliden Verhältnissen gelebt hatten. Die beiden jungen Lehrer waren erst wenige Jahre im Ort. Sie waren aus Norddeutschland gekommen und hatten sich im Gebirgsort niedergelassen, weil hier damals einige Stellen an den örtlichen Schulen zu besetzen waren. Das zuständige Amt hatte sich für meine neuen Eltern entschieden, obwohl wir uns damals nicht gekannt hatten.

Ich steuere den Wagen jetzt durch die letzte Kurve vor dem Bahnübergang. Der Übergang ist spärlich beleuchtet. Ratternd passiere ich ihn. Danach geht es geradeaus weiter, deshalb gebe ich nun wieder mehr Gas und schalte in den dritten Gang. Es geht wieder bergab. Der Tramper neben mir schweigt.

Ich glaube, entscheidend war, dass meine neuen Eltern seit vielen Jahren ordentliche Verhältnisse, auch in materieller Hinsicht vorweisen konnten. Die Behörde muss ihnen mehr zugetraut haben. Die Eltern waren in der Lage, sich um einen Dreizehnjährigen zu kümmern.

Jetzt fahre ich parallel zu dem breiten Fluss, der den Gebirgsort durchquert.

Die Eltern haben es geschafft. Sie haben sich ausreichend um mich gekümmert. Bis zum heutigen Tag haben sie alles versucht, was in ihren Möglichkeiten steht. Bei den Eltern bin ich nicht abgestürzt. Im Gegenteil. Ich habe eine beachtliche Entwicklung gemacht. Das wird mir für mein Leben sehr von Nutzen sein. Die Entscheidung der Behörde ist sicherlich nicht falsch gewesen.

Jetzt passiere ich das gelbe Ortsschild. Nach einer langgezogenen Kurve fahre ich auf einen kleinen Parkplatz. Der Parkplatz liegt oberhalb des Schotterweges. Er führt hinunter Richtung Bahnhof zu „Eriks – Kneipe“.