17. Musik und Schuhplattler

Der grüne Wagen von Martina steht leer geräumt vor der Haustür. Weil ich ihn durch das Fenster unten auf der Straße sehe, schaue ich auf meine Armbanduhr. Es ist noch zu früh, um wieder in den Wagen zu steigen und zurück zu fahren.

Ich sitze auf dem Stuhl an meinem Schreibtisch. Wohin fahre ich, wenn ich später wieder zurückfahre? Dort wo Martina lebt, der Gebirgsort, in den ich ihr den Wagen zurückbringen werde, das ist ab heute nicht mehr meine Heimat. Meine neue Heimat ist ab heute hier. Ab heute bin ich auf mich selbst gestellt. Ab heute ist meine Heimat dort wo ich sie wähle, dort wo ich meine Zelte aufschlage, wo ich mit meinem spärlichen Besitz auftauche. Heute bin ich hier, in diesem Zimmer in der großen Kreisstadt. Hier tauchte ich vor wenigen Stunden auf um das Zimmer zu beziehen, um meine neue Heimat hier aufzubauen. Ob ich mich hier eines Tages beheimatet fühlen werde, ob ich es schaffen werde mich hier irgendwie und irgendwann zu Hause zu fühlen, das weiß ich jetzt noch nicht.

Um mich zu beschäftigen, vielleicht auch um mich von diesen Gedanken abzulenken, packe ich Kisten aus. Ich verstaue meine Kleidung in dem Schrank. Ich schalte mein altes Radio ein, um mich von ihm eine wenig von meinen Gedanken weg bringen und ablenken zu lassen. Das funktioniert nicht. Trotz des Lärms aus dem Radio, trotz des Lärms der vorbei rauschenden Züge muss ich daran denken, dass ich hier in dieser Stadt ab heute zu Hause und allein bin.

Freunde aus dem Gebirgsort werde ich hier nicht treffen. Einen Treffpunkt, wie die Jugendgruppe, oder „Eriks – Kneipe“, die in den letzten Monaten mehr und mehr zum Treffpunkt geworden war, habe ich hier nicht. „Eriks – Kneipe“ war im Gebirgsort zu einem Platz geworden, an dem ich ohne mich verabreden zu müssen immer auf Freunde und Bekannte traf. Die kleine Kneipe liegt am Rande meines ehemaligen Schulweges hinunter zum Busbahnhof. Erik, den Kneipenpächter kenne ich selbst nicht. Aber ich hatte von Freunden aus der Jugendgruppe gehört, dass er sich mit der Eröffnung dieser Kneipe einen Traum erfüllt habe. Erik hatte den Wunsch, in dem kleinen Gebirgsort, zwischen den vielen Touristen-Gaststätten, ein anderes Lokal zu eröffnen. Erik hat das mit seiner winzigen Kneipe geschafft. Seine Kneipe ist zu einem Treffpunkt geworden. Die Preise in seiner Kneipe sind für den schmalen Geldbeutel geeignet. Seit Eröffnung von Eriks Kneipe hat sich ein gewichtiger Teil meines abendlichen Freizeitlebens vor allem an den Wochenenden dort hin verlagert. Die Jugendgruppe hat sich nicht nur weil ich und andere ihr entwachsen waren aufgelöst. Zu Gunsten des Feierabendvergnügens in Eriks Kneipe hatte sich die Auflösung der Jugendgruppe beschleunigt. So hatte der Konsum von Alkohol und Zigaretten vermehrt Einzug in das Leben meiner Freunde und in mein Leben gefunden.

Es war den Eltern nicht entgangen, dass ich im letzten Jahr mehr und mehr von meinem Taschengeld und das Geld, das ich durch die Jobs, wie dem Ruderbootverleih verdient hatte, in „Eriks – Kneipe“ ließ. Weil ich aber immer pünktlich zu Hause gewesen war, blieb den Eltern wenig Grundlage mein Verhalten zu kritisieren. Dass ich mehr und mehr zur Zigarette griff, war für die Eltern Anlass zu großer Besorgnis. Diese Sorge zeigte mir, dass die Eltern sich nicht nur wegen meines Verhaltens sorgten sondern, dass sie auch um meine Gesundheit Sorge hatten. Mein Gewissen gegenüber den Eltern war deswegen noch schlechter geworden. Das Rauchen hatte ich nicht aufgegeben. Für die Sorge der Eltern war ich voll von Verständnis. Den Eltern war an meiner Gesundheit gelegen. Diese Sorge der Eltern war frei von Werten, Normen und Bewertungen. Dass ich meine Gesundheit achten und pflegen sollte, habe ich als allgemein gültige und wertfreie Auffassung der Eltern betrachtet. Diese Sorge der Eltern habe ich als vollkommen berechtigt gesehen. Trotzdem war ich weiterhin Raucher geblieben. Auch das Trinken von Alkohol war den Eltern ein Dorn im Auge. Weil ich aber niemals betrunken nach Hause kam, gab es keinen Anlass zu befürchten, dass ich wegen Alkoholkonsum gefährdet wäre. In „Eriks – Kneipe“ trank ich wenig Alkohol. Oft habe ich nur alkoholfreie Getränke getrunken, obwohl die Abende dort am Wochenende manchmal sehr lang geworden waren.

Meinen Freundeskreis habe ich in dieser Kneipe erheblich erweitert. Weil ich mir im vorletzten Jahr bei den Eltern das Gitarrespiel beigebracht hatte, war ich an Kontakt zu Kneipengästen interessiert, die auch Musik machten. Solche Leute traf ich in „Eriks – Kneipe“. Die Eltern hatten meine musikalischen Interessen nie gefördert. Sie hatten in den vergangenen fünf Jahren keine Instrumente gespielt, wenngleich sie dazu in der Lage gewesen wären. In der Jugendgruppe hatte ich mehrere Gitarristen kennen gelernt. Durch sie war meine Idee entstanden, dieses Instrument zu lernen.

Vom Geld meines ersten Jobs, es war der Job in der Küche einer Kneipe, hatte ich mir in der kleinen Kreisstadt eine billige, aber angeblich gute Gitarre gekauft. Um die Gitarre zu kaufen war ich in die kleine Kreisstadt gefahren, weil im Gebirgsort die Preise wegen der Touristen sehr überteuert sind. In „Eriks – Kneipe“ habe ich die „Musikszene“ für Jugendliche kennen gelernt. Das waren Jugendliche, die vor allem Blues- und Rockmusik spielten. Sie spielten und traten nicht nur für Touristen öffentlich auf. Für Touristen gab es im Ort eine eigene Volksmusikszene. Es gab Bühnen auf denen Volksmusik gespielt wurde und die örtlichen Vereine, die Schuhplattler – Darbietungen und Volksstücke aufführten. In „Eriks – Kneipe“ habe ich einen Musiker kennen gelernt, der in der kleinen Kreisstadt in einem Musikalienladen arbeitet. Bei ihm habe ich meine erste Gitarre gekauft.

Das Gitarrenspiel habe ich mir geduldig in meinem Zimmer bei den Eltern beigebracht. Die Eltern haben mein Spiel zwar nicht direkt unterstützt, aber sie hatten es für gut geheißen. Ich glaube, es war für sie eine gewisse Überraschung gewesen, dass ich mein Geld und Zeit in das Gitarrespiel investierte. Nach einem Jahr regelmäßigen Übens erkannte ich, dass mir Thomas, der Musikwarenverkäufer eine sehr schlechte Gitarre verkauft hatte.

„Eriks – Kneipe“ war der Treffpunkt gewesen, in dem ich Thomas näher kennen gelernt hatte. Zu seinem Verkauf an mich, konnte ich ihm dort meine Meinung sagen. Thomas hatte in „Eriks – Kneipe“ den „MOB“, die „Musiker – Organisation – Bergdorf“ gegründet. Der „MOB“ ist eigentlich ein zusammengewürfelter Haufen von Gästen aus „Eriks – Kneipe“. Die Mitglieder machen entweder selbst Musik oder sie sind zumindest an Musik interessiert. Im vergangenen Jahr hatte Thomas mehrere Musikveranstaltungen für die Jugend des Ortes mit Hilfe des „MOB“ organisiert. Der „MOB“ ist nicht daran interessiert, durch die Musikveranstaltungen Geld zu verdienen. Die Geschäftstüchtigkeit, die Thomas in seiner Arbeit im Musikalienladen zeigte, lag ihm beim „MOB“ fern. Die jugendlichen Besucher der „MOB – Konzerte“ hatten alle einen sehr kleinen Geldbeutel in ihren Taschen. Der „MOB“ hat die Aufgabe übernommen, dass im Ort mehr für junge Leute geboten wird. Das alltägliche Freizeitangebot im Gebirgsort ist auf Touristen zugeschnitten. Im „MOB“ hatten sich Jugendliche zusammengeschlossen, die für andere Jugendliche etwas bieten wollten. Das gab es bislang im Gebirgsort nicht.

Im „MOB“ war ich ein Mitläufer. Ich hatte keine tragende Rolle, weil ich musikalisch ein Anfänger gewesen war. Mein Gedudel, die paar Akkorde, die ich mir auf der Gitarre beigebracht hatte, waren bei Weitem nicht genug, um in einer Band mitzuspielen. Trotzdem war ich im „MOB“ aktiv. Ich fand es gut, dass es im Gebirgsort auch nach dem Ende der Jugendgruppe Leute und Aktivitäten gab, denen ich mich anschließen konnte.

Die Eltern hatten zu solchen Aktivitäten immer geschwiegen. Vielleicht hatten sie Angst davor, dass zuviel Jugend an einem Platz versammelt auch Aufregung und Unruhe im Ort bedeuten könnte. Vielleicht hatten sie Bedenken, dass durch meine Beteiligung an derlei harmloser Organisation ein schlechtes Licht auf sie fallen könnte. Vielleicht hatten sie Sorge, dass ihr Geschäft in Mitleidenschaft gezogen würde. Jedenfalls haben sie mich nicht darin unterstützt, dabei mitzuhelfen, laute Jugendaktivitäten im Gebirgsort zu organisieren.

Bevor des den „MOB“ gab, hatte ich mich neben der Jugendgruppe noch in einer Gruppe betätigt, die sich im Ort für die Gründung eines Jugendzentrums engagierte. Über das Ziel dieser Gruppe hatte ich in den vergangenen Jahren zwei Mal mit dem Vater gesprochen. Die Interessengruppe hatte viele Jahre lang für ein Jugendzentrum gekämpft. Schließlich hatte der Gemeinderat den Beschluss gefasst, tatsächlich ein Jugendzentrum zu eröffnen. Vor zwei Jahren war es soweit. Allerdings hatte die Gemeinde nicht im Sinne der Interessengruppe gehandelt. Die Satzung des neuen Jugendzentrums sah vor, dass nur Jugendliche dieses Haus betreten durften, die in den örtlichen Vereinen, wie den Schuhplattlern, der Jugendfeuerwehr, dem Trachtenverein und anderen Gruppen organisiert waren. Die Gemeindeverwaltung nannte das Ganze nicht Jugendzentrum, sondern Jugendheim. Für mich und viele andere Jugendliche gab es dort keinen Platz. Die Satzung hatte uns den Zutritt verwehrt, weil wir keinem der vorgesehenen Verein angeschlossen waren. Ich hatte zweimal mit dem Vater darüber gesprochen, weil der im Gemeinderat saß. Der Vater hatte zwar verstanden, was mich am „Jugendheim“ gestört hatte, aber verändern konnte und wollte er die Satzung des Hauses nicht.

Für mich und die Freunde aus dem „MOB“ war klar, dass es eine Frage der Zeit sein wird, bis die Gemeinde die Satzung des Jugendheims abändern wird. Die Zeit wird kommen. Gestern habe ich in der regionalen Zeitung gelesen, dass ab dem kommenden Monat alle jungen Leute zu den Öffnungszeiten ins „Jugendheim“ kommen dürfen. Allerdings nur, sofern sie noch nicht volljährig sind. Für die Interessengruppe des Jugendzentrums und für den „MOB“ kommt das zu spät. So wie ich es heute werde, sind alle Mitglieder inzwischen volljährig geworden. Ich glaube in den nächsten Jahren wird „Eriks – Kneipe“ im Gebirgsort weiter der wichtigste Treffpunkt zumindest für meine Altersgruppe bleiben. Irgendwann wird auch das vorbei sein.

Ich sitze auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch. Mein Kopf liegt auf meinen Armen auf der Schreibtischplatte. In meinen Gedanken an „Eriks – Kneipe“ und den „MOB“ war ich für kurze Zeit eingedöst. Draußen rauscht ein Güterzug vorbei. Seine Stahlreifen schlagen rhythmisch und hart gegen die Schwellen der Gleise. Das Schlagen holt mich zurück in mein neues Zimmer. Draußen ist es dunkel geworden. Ich gehe zum Fenster und öffne es. Unten auf der Straße ist es finster, abgesehen von einer Straßenlaterne. Ich gehe zur Zimmertüre und betätige dort den Lichtschalter. Es geschieht nichts. Ich habe noch keine Lampe an der Decke angebracht. Eine Zimmerlampe muss ich mir erst noch kaufen.

Weil kein Licht im Zimmer ist, ich aber noch einige Dinge einpacken muss, öffne ich die Zimmertür und schalte im Gang das Licht ein. Im Schimmer des Lichtes vom Flur, packe ich eine kleine Tasche mit meiner Zahnbürste und einigen Kleidungsstücken, sowie meinem Schlafsack zusammen. Ich gehe die Treppe hinunter, lösche das Licht und verlasse das Haus. Die Haustür sperre ich zweifach zu. Ich möchte, dass Frau Stößer den Eindruck gewinnt, dass mir an Sicherheit für ihr Haus gelegen ist. Draußen ist es angenehm warm. Es ist eine der seltenen warmen Sommernächte. Auch das schmiedeeiserne Tor sperre ich ordentlich ab. Ich setze mich in den kleinen grünen Peugeot starte den Motor, schalte das Licht ein und fahre langsam los.