16. Im neuen Zimmer

Jetzt sitze ich allein in meinem neuen Zimmer. Ich höre die Züge, die nur wenige Meter vor meinem Fenster am Haus vorbei rauschen. Die Strecke ist sehr befahren. Viertelstündig, manchmal bereits nach zehn Minuten rauscht der nächste Zug vorbei. Ich schraube den Schrank zusammen und schiebe ihn in eine Zimmerecke. Dann sitze ich auf meinem Stuhl. Ich höre die neuen Geräusche in meinem neuen Zimmer. Wenn kein Zug fährt, scheint es vollkommen still im Haus zu sein.

Aus dem Fenster sehe ich auf die Straße vor dem Haus. Die Straße liegt zwischen Haus und Bahnlinie. Nichts ist dort los. Kein Wagen fährt vorbei. Kein Fußgänger ist unterwegs. Wenn kein Zug vorbei fährt scheint auch draußen völlige Ruhe zu herrschen. Minutenlang bleibe ich am Fenster stehen. Ich weiß, dass dies der neue Ausblick ist, den ich ab heute täglich haben werde, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze um für die Schule zu arbeiten. Weil mir mein neues Zimmer und der Blick aus dem Fenster fremd vorkommen, glaube ich sekundenlang nicht daran, dass dies meine neue Realität sein soll. Deshalb verlasse ich das Zimmer. Ich gehe über den breiten Flur. Dort liegt heller Parkettboden. Durch schräge Dachfenster fällt abendliches Sonnenlicht. Ich sehe durch die offene Tür ins Badezimmer. Über das helle Parkett im Flur gehe ich weiter und betrete einen großen Raum. Ich darf diesen großen Raum betreten, weil dort die kleine Küchenzeile ist, die ich benutzen darf. Aber nicht deshalb betrete ich jetzt diesen hellen, großen Raum. Ich betrete ihn, um durch die breite Fensterfront, sie weist hinaus Richtung Stadt, einen Blick zu werfen. Von hier aus sehe ich den gepflegten Rasen mit dem Springbrunnen in Frau Stößers Garten. Manfred hält den Garten und den Springbrunnen für übertrieben und neureich. Hinter der gepflegten Hecke, die den Garten begrenzt, fällt der Hang steil ab. Dort bietet sich ein traumhafter Ausblick hinunter auf die Stadt. Die Abendsonne beleuchtet die Stadt. Ich sehe rot getränkte Häuser. Ein breiter Fluss schlängelt sich durch die Stadt. Im Hintergrund sehe ich entfernte, rot scheinenden Bergketten. Da hinten, in fünfzig, sechzig Kilometer Entfernung wähne ich meinen Gebirgsort, der bis vor wenigen Stunden mein Heimatort gewesen war.

Der weite Ausblick über die Stadt bis zu den entfernten Bergen wäre mir viel lieber, als die Aussicht aus meinem Zimmerfenster auf Straße und Bahnlinie. Weil Frau Stößer nicht im Hause ist, wage ich es die große Balkontüre zu öffnen. Verbotener Weise trete ich einige Schritte hinaus auf den Balkon. Dort stütze ich mich an der Holzbrüstung auf, und genieße die warme Luft und den Ausblick an diesem herrlichen Sommerabend.

Minutenlang bleibe ich einfach stehen. Meine Augen kleben an den entfernten Bergen. Dann wende ich meinen Blick nach links. Dort erkenne ich das Nachbarhaus. Es scheint mir, als sei es im gleichen Stil wie das von Frau Stößer erbaut. Dort sehe ich eine ältere Dame. Sie steht dort, genauso wie ich im ersten Stock auf dem Balkon. Ich glaube, die Dame hat mich schon länger beobachtet. Jetzt, wo ich meinen Blick nicht mehr auf die Berge sondern auf sie richte, treffen sich unsere Blicke. Sofort kommt der Gedanke, dass ich hier eigentlich nicht stehen darf. Dieses große Zimmer habe ich nicht gemietet. Ich darf nur die kleine Küchenzeile auf der anderen Seite an der Wand benutzen. Vor allem habe ich nicht diesen Balkon gemietet. Ich denke sofort, wie ich oft über die Mutter gedacht habe. Ich denke an Kontrolle. Vielleicht hat Frau Stößer diese Nachbarin beauftragt. Vielleicht hat die alte Dame, diese Nachbarin von Frau Stößer den Auftrag, heute Abend einen genaueren Blick auf das Nachbaranwesen zu werfen. Weil ich heute hier einziehe und weil Frau Stößer den Abend lang nicht da ist, soll die alte Dame ein Auge auf Vorgänge im und am Haus haben. Weil ich das jetzt denke und dabei immer noch tue, was ich nicht tun dürfte, winke ich der alten Frau einfach lächelnd zu. Freundlich lächle ich zu der Dame auf dem Nachbarbalkon hinüber und rufe ihr zu: „Ein herrlicher Sommerabend heute!“ Grüßend winkt die Frau nun auch mir zu. Meine Worte bestätigt sie nickend, und dabei lächelt auch sie. Noch einmal hebt sie die Hand. Das scheint ihr Abschiedsgruß zu sein, denn sie verlässt den Balkon. Sie verschwindet im Haus. Auch ich verlasse jetzt den Balkon und gehe zurück in mein gemietetes Zimmer.

Dort stehe ich wieder am Fenster. Vielleicht ist es dumm von mir, mich gleich am ersten Abend zu verhalten, wie ich es gerade getan habe. Hoffentlich war diese Frau nicht tatsächlich von Frau Stößer beauftragt worden, deren Haus zu beobachten. Ich sollte mich vorsichtiger verhalten. Ich sollte nicht noch einmal etwas riskieren. Vielleicht würde für Frau Stößer das was ich gerade getan habe bereits ausreichen, um den Mietvertrag zwischen ihr und mir wieder zu lösen. Künftig werde ich mich also bemühen absolut nichts zu tun, was Frau Stößer Anlass zu so einem Schritt sein könnte. Der heutige Ausrutscher, der Ausblick auf die entfernten Berge vom Balkon, den ich nicht gemietet habe, muss der einzige bleiben.

Vor dem Fenster donnert ein Zug vorbei. Es ist ein langer Personenzug. Er ist leiser, als die langen, schweren Güterzüge. Mein Fehlverhalten bei den Eltern muss insgesamt schwerwiegend gewesen sein, sonst wäre ich jetzt nicht hier in diesem fremden Haus, in diesem fremden Zimmer. Hoffentlich, so denke ich, als draußen schon wieder ein Zug vorbei donnert, ich glaube, es ist ein Intercity denn er kommt mir schneller vor als der vorhergehende Personenzug. Hoffentlich bin ich kein Mensch der grundsätzlich überall Ärger bekommt, weil er überall wo er sich aufhält, wegen seines Fehlverhaltens sofort auffällt. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich vor Minuten in dem mir noch fremden Haus schon auf einem mir verbotenen Balkon stand, ein deutlicher Hinweis, dass der Ärger der Eltern über mich immer berechtigt gewesen war. Viel Ärger habe ich über die langen Jahre bei ihnen angerichtet. Heute lande ich hier in diesem fremden Haus. Seit nicht einmal drei Stunden bin ich hier. Schon habe ich die erste Grenze überschritten und den Ausblick auf die rot erleuchtete Stadt und die fernen Berge von einem verbotenen Balkon aus genossen.

Ich sehe mich in meinem Zimmer um. In der Ecke steht mein schäbiger Kleiderschrank. Er besteht aus weiß lackierten Press-Spanplatten. Vor dem Fenster, ich sitze auf dem Fensterbrett, sehe ich meinen zerkratzten Schreibtisch stehen. Vor fünf Jahren, im Alter von dreizehn Jahren habe ich den Schreibtisch in meinem winzigen Zimmer bei meinen Eltern vorgefunden. Damals war ich bei den Eltern eingezogen. In meinem Zimmer dort hatte ich diesen Schreibtisch und ich hatte diesen Schrank. Beides habe ich seit heute von den Eltern geschenkt bekommen. Das Bett konnte ich nicht haben denn es war in dem kleinen Zimmer bei den Eltern fest eingebaut. Vor dem Schreibtisch steht mein roter Holzstuhl. Auf dem grauen Linoleumfußboden sehe ich sechs Kisten. In denen befindet sich mein Besitz, den ich heute in einem geliehenen Wagen hier her transportiert habe. Manfred findet mein neues Zimmer gemütlich. Weil ich die Jahre bei meinen Eltern gelebt hatte, kommt es heute dazu, dass ich jetzt in diesem gemütlichen, kleinen Zimmer auf der Fensterbank sitze.

Draußen lärmt wieder ein Zur vorbei. Deshalb schaue ich zum Fenster hinaus. Diesmal ist es ein langer Güterzug. Die Waggons rollen langsam vorüber. Vielleicht ist es das gleiche Fehlverhalten, das ich vor Minuten hier im Haus von Frau Stößer an den Tag gelegt habe, das meine Eltern über die Jahre so sehr geärgert hatte. Vielleicht ist es ein und dasselbe Fehlverhalten, das ich immer und überall an den Tag lege. Ständig neige ich dazu Grenzen zu überschreiten. Ständig nutzte ich Menschen und Situationen für meine Interessen aus. Ständig bin ich auf der Suche nach meinem Vorteil. Ohne nachzudenken nehme ich, was ich kriegen kann. Ohne Dank nutze ich, was mir gar nicht zusteht. Der Blick vom verbotenen Balkon steht mir nicht zu. Den habe ich nicht mit diesem Zimmer gemietet. Trotzdem habe ich ihn mir verschafft. Vielleicht muss wegen diesem Verhalten heute der Schlussstich bei den Eltern gezogen werden.

Mein Schlussstrich endet heute in der Einsamkeit des fremden Hauses, des fremden Zimmers mit Blick auf die Bahnlinie. Auf ihr rollen ständig Züge vorüber. Die Züge sind unterwegs in weit entfernte Orte. Es sind viele Züge mit fremdländisch anmutenden Waggons. Fahrgäste in diesen Zügen sind unterwegs in eine mir fremde Ferne. Heute bin ich nur fünfzig oder sechzig Kilometer weit gereist. Trotzdem bin ich mit meinem Umzugsgut an einem Ort angekommen, der mir sehr weit entfernt von meiner bisherigen Heimat scheint. Ich bin einer, der sehr weit gereist ist. Ich bin einer, der eine lange Reise heute beendet. Die weite Reise zu den Eltern ist heute hier beendet. Das Ende findet heute Abend an diesem fremden Ort in diesem fremden Haus statt. Wegen der Fremdheit in diesem neuen Zimmer wirkt das für mich plötzlich so, als habe es die Jahre bei den Eltern gar nicht gegeben. Jetzt schon scheinen die Eltern für mich weit weg, weil ich in einem fremden Raum gelandet bin. Das Bild in meinem Kopf vom Leben bei den Eltern, von der langen Zeit im Gebirgsort verschwimmt plötzlich in meinem Kopf. Übrig bleibt ein Gewirr von Fäden, die ich nicht greifen kann.