15. Die Ankunft

Die Nebenstraße führt durch mehrere Täler in denen sie kleinere Ansiedlungen und Ortschaften durchquert. Ich fahre nicht schneller als sechzig Kilometer. Wieder bleibe ich stehen, um Schreibtisch und die Schrankbretter auf sicheren Halt zu überprüfen. Was ich hier transportiere ist alles, was ich besitze. Rechts am Straßenrand fahre ich an einem Hinweisschild vorbei. Bis zur großen Kreisstadt sind es noch sechs Kilometer. An einer Abzweigung steht ein Mann mit einem Fahrrad. Der Mann hält den Daumen raus. Ich bleibe stehen, obwohl mein Wagen schon voll beladen ist. Der Mann, jetzt erkenne ich, dass er jung ist, er dürfte in meinem Alter sein, kommt an mein geöffnetes Fahrertürfenster.

„Wo soll’s denn hin gehen?“ So frage ich. „Nur drei Kilometer in diese Richtung“, der Mann zeigt Richtung der großen Kreisstadt, „und dann noch einen Kilometer nach links ab, wenn’s recht ist.“ So spricht er und lacht. Lächelnd läuft er eine Runde um mein Vehikel. Kritisch begutachtet er meine Ladung. Dabei lacht er. Er lehnt sich an mein geöffnetes Fenster. „Das dürfte doch wohl kein Problem sein. Im Wagen ist doch noch reichlich Platz.“ Während er so spricht, zeigt er auf den von Holzstuhl und Kisten beladenen Beifahrersitz. Erwartungsvoll lächelt er mich an. „Na dann wollen wir mal einladen“, sage ich und steige dabei aus. „Hervorragend“, ruft der Tramper. Er reicht mir seine Hand, die ich ergreife und schüttle. „Manfred heiß ich, stamme nicht aus diesem herrlichen Bayernland, lebe aber schon seit Jahren hier, fühle mich dabei noch immer wohl, komme grad aus der Werkstatt und hab nen Platten am Rad’l. Freu mich weil ich nun bald, vielleicht sogar noch vor dem Regen trockenen Fußes zu hause bin.“ Weil Manfred mich mit so einem überschwänglichen Redeschwall begrüßt, antworte ich darauf: „Bert mein Name, stamme auch nicht aus dieser Gegend, komme gerade eben von den Bergen, mache heute meinen Umzug und plane mich ab sofort in der großen Kreisstadt niederzulassen.“ Während wir ausladen und wieder einladen erfahre ich, dass Manfred eine Schreinerlehre macht und vor zehn Minuten an der Abzweigung auf seinem Heimweg von der Arbeit, mit seinem Uraltfahrrad in einen winzigen nach oben stehenden Nagel gefahren war.

Wir brauchen die Zeit einer knappen halben Stunde, um auszutüfteln wie wir die beiden Umzugskisten in den vollen Kofferraum laden und den Stuhl zusammen mit Manfreds großem, schwarzen Opafahrrad auf das Dach zwischen die Tischbeine meines Schreibtisch schnallen. Manfred ist ein höchst geduldiger Mensch. Meine Umzugskisten passt er, wie es vielleicht nur ein geübter Handwerker schaffen kann, in den voll beladenen, kleinen Kofferraum. Natürlich funktioniert das nur, weil Manfred den Kofferraum zunächst ganz leer räumt. Die Hälfte meines Umzugsgutes sehe ich minutenlang am Straßenrand der einsamen Nebenstraße stehen. Der Himmel über uns ist inzwischen düster geworden. Meine wenigen Kisten lehnen gestapelt an einem Straßenbegrenzungspfosten. In diesen Sekunden wird mir wieder klar, wie wenig das ist. Meinen spärlichen Besitz räumt Manfred in aller Ruhe, nachdem er die Größe jeder einzelnen Kiste mit seinen Augen vermessen hat, sorgfältig in den Kofferraum. Der Kofferraum lässt sich genauso wie zuvor nicht schließen, aber er sieht nicht voller aus als zuvor, obwohl Manfred zwei Kisten mehr darin verstaut. Sorgfältig wie die Kisten im Kofferraum bringt Manfred den Holzstuhl samt seinem Fahrrad zwischen den Schreibtischbeinen auf dem Dach unter.

Manfred wohnt nur wenige Fahrminuten entfernt. Ein kleiner, holperiger Feldweg führt links von der Nebenstraße hinauf zu einem Gehöft. Über den Holperweg erreichen wir ein altes Bauernhaus. Es ist das Haus seiner Eltern. In dem Augenblick, als wir auf einen kleinen Hof vor dem Haus fahren öffnet der Himmel seine Schleusen. Manfred springt schnell aus dem Wagen. Er läuft zu der riesigen Scheune gegenüber dem Haus. Er schiebt ein hohes Rolltor auf und winkt mich heran. Mit dem beladenen Auto fahre ich durch das Tor in die Scheune.

Es gießt in Strömen. Es Blitz und kracht sofort. Ein gewaltiges Gewitter entlädt sich in unmittelbarer Nähe. Manfred lädt mich ins Haus ein. Wir laufen durch dichte Regenfaden zwischen Pfützen, die sich schnell gebildet haben von der Scheune zum Haus. Vor dem Hauseingang erkenne ich im Regen allerlei hohe Krüge, Schalen, Blumenübertöpfe und andere Gefäße aus Ton. Es scheint keine Rolle zu spielen, dass diese Dinge vom schweren Regen getroffen werden. Manfred lotst mich durch eine niedrige Eingangstüre. Entlang einem finsteren Korridor folge ich Manfred in die Küche. Dort bietet mir Manfred auf einer Eckbank an einem großen, runden Holztisch einen Platz an. Wir trinken kalten Tee.

Manfreds Eltern betreiben hinter der Scheune eine Töpferei. Während Manfred den Tee einschenkt erzählt er. Seine Eltern bieten Töpferwaren in einigen Geschäften in der großen Kreisstadt und auf den Wochenmärkten der umliegenden kleineren Gemeinden an. Obwohl ich Manfred erst vor Minuten am Straßenrand kennen gelernt habe erzählt er von seinem zu Hause, als würde er mich schon lange Zeit kennen. Dass er den Fahrer des Wagens, der ihn die wenigen Kilometer mit nach Hause genommen hat, in der Küche zum Tee einlädt, scheint für Manfred normal zu sein. Ich bin froh, die Unterstellmöglichkeit in der hohen Scheune für das Auto zu haben. Ich habe nicht daran gedacht, dass der Nachmittag ein Sommergewitter bringen könnte. Während der Autofahrt habe ich nicht darauf geachtet, dass sich da etwas zusammengebraut hatte. Niemals hätte mir die Zeit gereicht, das Autodach bei Frau Stößer so schnell leer zu räumen. Schreibtisch und Schrankbretter wären nicht trocken geblieben.

Manfred interessiert sich dafür, wo ich in der großen Kreisstadt ein Zimmer gemietet habe. Er will auch wissen, welche Schule ich dort besuchen werde. Er kennt die Stadt gut. Er erklärt mir, welche Einkaufsmöglichkeiten er von meinem künftigen Zimmer aus kennt und welche Kneipen er für gut hält. Beinahe zwei Stunden lang unterhalte ich mich mit Manfred am Küchentisch seiner Eltern. Als wir in der Scheune Manfreds Fahrrad abladen hat der Regen schon lange aufgehört.

Manfreds Eltern kommen in die Scheune. Dort lagern diverse frisch gebrannte Töpferwaren auf Holzbrettern. Manfred stellt mich seinen Eltern vor. Lachend nennt er mich einen Einwanderer in diesen Landkreis und die große Kreisstadt. Ich sei heute auf einer strapaziösen Umzugsreise auf ihn getroffen. Er habe mich an der Straßenkreuzung kennen gelernt, weil ich der einzig gewesen sei, der vorbeigekommen war. Nur mir habe er zu verdanken, dass er trotz Plattfuß an seinem Fahrrad, trockenen Fußes nach Hause gekommen sei. Während er seinen Eltern so Bericht erstattet, lächeln die und er scherzhaft. Manfred entschließt sich spontan, mit mir zusammen in die große Kreisstadt zu fahren. Dort habe er ohnehin noch einiges zu erledigen. Weil sein Fahrrad außer Betrieb ist, wolle er gerne die Mitfahrgelegenheit in Anspruch nehmen. Eine viertel Stunde später fahre ich zusammen mit Manfred vor dem Haus meiner Vermieterin hinter der Bahnlinie vor. An der Klingel finde ich einen weißen Briefumschlag. In dem steckt der Schlüssel für die Haustüre. Auf dem Briefumschlag schreibt Frau Stößer, dass sie erst spät abends nach Hause kommen wird. Sie wünscht mir einen schönen ersten Tag in meinem neuen Zimmer. Diese Art der Begrüßung finden Manfred und ich sehr nett. Frau Stößer scheint keine Bedenken zu haben, dass so ein Schlüssel in einem Umschlag an der Wohnungstür von einer Person auch missbräuchlich genutzt werden könnte.

Manfred findet mein Zimmer klein, aber gemütlich. Das Haus von Frau Stößer hält er für ein „architektonisches Verbrechen“, weil es ein typischer Neubau unserer Zeit sei. Die große Doppelgarage, das hohe, schmiedeeiserne Tor, die hohen, umzäunten Hecken, den fein geschnittenen Rasen, den Springbrunnen im Garten, das alles hält Manfred für das Ambiente neureicher Menschen. Manfred vermutet, dass die entweder von einer Erbschaft leben, oder durch gewinnbringende Geschäfte schnelles Geld gemacht haben. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wie meine Vermieterin ihr Geld verdient weiß ich nicht. So kann ich Manfreds Vermutungen nicht bestätigen, aber auch nicht entkräften. Dass Frau Stößer für mich den Haustürschlüssel im Umschlag an ihre Klingel klebt, passt jedenfalls nicht zu ihrem Haus. Das finde ich gut. Es passt auch nicht zu ihrem Garten, den großen Autos, die in der Doppelgarage parken und auch nicht zu ihrem Auftreten in dem Gespräch, als ich mit der Mutter das Zimmer besichtigt habe. Das finde ich auch gut.

Wir laden zunächst das Dach des Wagens ab und tragen alles vorsichtig hinauf in mein Zimmer. Weil die Treppe sehr eng ist, sind wir besonders aufmerksam mit den Schrankbrettern und dem Schreibtisch. Auf keinen Fall möchte ich riskieren, mit meinem Zeug ein Bild von der Wand im Treppenhaus zu stoßen, oder einen Streifen an der Wand zu hinterlassen. Manfreds Hilfe ist Gold wert. Ohne ihn hätte ich den Schreibtisch niemals über die enge Treppe in den ersten Stock hinauf tragen können. Deshalb lade ich ihn, nachdem wir alles hinauf geschafft haben, zu einem Tee ein. Den trinken wir in meinem, von meinem gesamten Besitz gefüllten, aber trotzdem noch leeren Zimmer. Weil mein Mobiliar nicht ausreicht, setzen wir uns auf den Fußboden. Aus einer Kiste krame ich meine zwei Tassen und den einzigen Topf den ich habe hervor. In der kleinen Küche koche ich das Teewasser. Aus einer Kiste ziehe ich die Teebeutel.

Manfred findet mein beinahe leeres Zimmer gemütlich. Ich schaue mich um und bemühe mich das auch zu tun. Das einzige Mobiliar sind Schreibtisch und Stuhl. Als Bett habe ich in einer Kiste eine Isoliermatte und einen Schlafsack. So werde ich die erste Zeit hier leben. Das denke ich und schenke Manfred noch einen Schluck Tee in seinen Becher. Manfred verabschiedet sich. Er gibt mir seine Telefonnummer und er schreibt sich die Rufnummer von Frau Stößer auf. Ich bedanke mich für seine Umzugshilfe. Manfred erklärt mir eine Abkürzung vom Haus hinunter durch den Wald in die große Kreisstadt. Dort wird er jetzt hinunter laufen. Wir verabreden, dass wir uns kommende Woche wieder sehen werden.