14. Umzugsfahrt

Obwohl ich nach dem Ortsendeschild schneller fahren dürfte, bewegt sich die Tachonadel zwischen sechzig und siebzig Kilometern. Mit der Ladung auf dem Dach will ich nichts riskieren. An der ersten Bushaltestelle bleibe ich stehen und kontrolliere die Ladung und die Gurte. Nichts hat sich verschoben, die Gurte sind fest.

Mit sechzig Stundenkilometern fahre ich durch verschiedene kleine Orte, die ich alle kenne. Langsam kriecht der Wagen den Berg hinauf zu den Bahngleisen, die am Bahnübergang über die Straße führen. Hier fahre ich auf den Seitenstreifen, um eine lange Autoschlange vorbei zu lassen, die sich hinter mir gebildet hat. Erst als kein Fahrzeug mehr kommt fahre ich langsam in die erste Kurve. Die Straße fällt steil ab. Im zweiten Gang halte ich das Auto auf niedriger Geschwindigkeit. Die Bremse benutze ich deshalb kaum. Im Rückspiegel sehe ich einen Reisebus. Dicht fährt der Bus auf. Vor jeder Kurve höre ich seine Bremse laut quietschen. Ich versuche mich davon nicht irritieren zu lassen. Ich will dass meine Ladung auf dem Dach bleibt und nicht in einer Kurve über die Leitplanken und die Felsen stürzt. Deshalb fahre ich gleichmäßig langsam, ohne unnötige Bremsmanöver vor den Kurven.

Kaum habe ich das Tal erreicht, in dem die kurvenreiche Bergstrecke in einer langen Geraden ausläuft, unternimmt der Busfahrer hinter mir sein geplantes Überholmanöver. Um nicht länger ein Verkehrshindernis zu sein, und weil ich die Nerven der Fahrer in der langen Autoschlange, die ich im Rückspiegel sehe nicht länger strapazieren möchte, setze ich frühzeitig den Blinker nach rechts und fahre an einer Bushaltestelle am Ende der Geraden auf die Seite. Wieder kontrolliere ich meine Ladung auf dem Dach. Dort ist alles in Ordnung.

An der kleinen Kreisstadt führt eine Umgehungsstraße vorbei. Ich fahre auf eine Nebenstrecke, die weniger befahren ist. Dort biege ich in Richtung große Kreisstadt ab. Der leere Tank fällt mir wieder ein. Kurz vor der Abzweigung auf die Nebenstraße finde ich eine Tankstelle. Das Benzin ist hier billiger als in meinem Gebirgsort. Den Wagen tanke ich nicht voll, das wäre mir immer noch zu teuer und für die Entfernung, die ich vor mir habe auch übertrieben.

Die Nebenstrecke kenne ich, weil die Mutter mit mir in einem Landgasthof auf dieser Strecke einen Kaffee getrunken hatte und wir eine Kleinigkeit gegessen hatten. Es war der Nachmittag gewesen, als wir das neue Zimmer besichtigt hatten. Weil weder die Mutter noch ich an diesem Tag etwas zu Mittag gegessen hatten, war die Mutter auf die Idee gekommen auf die Nebenstrecke abzubiegen um in dem Landgasthof eine kurze Pause einzulegen. Die Mutter äußerte sich über Frau Stößer sehr angetan. Sie war der Meinung, dass ich in deren Hause gut untergebracht sein werde. Die Miete für das Zimmer sei angemessen und das Haus sei in sehr ordentlichem Zustand. Es sei wirklich Glück, dass gleich das erste Angebot so vertrauenswürdig ist. Das spare uns viel Zeit und weitere Mühe. Der Meinung der Mutter habe ich mich in allen Punkten angeschlossen.

Frau Stößer hatte auch auf mich einen guten, irgendwie bürgerlichen, reichen, strebsamen und geschäftstüchtigen Eindruck gemacht. Dass ich mir eine lockerere Vermieterin gewünscht hätte und dass ich auch mit einem alten Haus, anstatt eines Neubaus, sehr zufrieden gewesen wäre, wollte ich der Mutter an dem Nachmittag nicht sagen. Es hätte wenig Sinn gehabt mit der Mutter über Frau Stößer, das Haus und das Zimmer zu diskutieren. Es wäre überhaupt nicht sinnvoll gewesen an dem Nachmittag im Landgasthof einen ehrlichen Austausch mit der Mutter über das neue Zimmer zu suchen. Auch wenn ich überzeugt war, das dies das richtige Zimmer für mich ist, wären kritische Worte von mir über Frau Stößer und ihr Haus nicht gut gewesen. Ich glaube, das hätte einen unnötigen Streit zwischen der Mutter und mir gegeben. Wenn ich der Mutter im Landgasthof geantwortet hätte, dass ich die Zukunft zwischen Frau Stößer und mir in einem neutralen Mietverhältnis sehe und es mir deshalb vollkommen egal ist, ob Frau Stößer auf die Mutter einen guten Eindruck gemacht hat, das wäre sehr schlimm gewesen. Stattdessen war mir der Eindruck der Mutter wichtig. Es war wichtig und richtig, dass ich bei Frau Stößer gut aufgehoben sein werde. Es war gut, dass die Mutter diesen Eindruck gewonnen hatte und dass ich mich sofort auf das Mietangebot eingelassen hatte. Für mich ist es wichtig, dass Frau Stößer dieses Zimmer an mich vermietet und wir miteinander als Mieter und Vermieter zurechtkommen. Gerne hätte ich mit der Mutter darüber diskutiert, was an Frau Stößer den vertrauenswürdigen Eindruck bei der Mutter ausgelöst hatte. Weil so eine Frage und Diskussion für die Mutter reine Provokation gewesen wäre, habe ich das unterlassen. Stattdessen habe ich ihr zugestimmt. Die Zeit der Auseinandersetzung mit den Eltern war abgelaufen. Weil meine Zukunft ohne die Eltern greifbar nahe gerückt war, habe ich seit einigen Wochen in den Gesprächen mit den Eltern immer eine zustimmende Haltung eingenommen.

Anstatt mich weiter mit den Eltern und dem Zuhause auseinander zu setzen, war ich mehr und mehr mit mir selbst beschäftigt. Immer stärker hörte ich in mir die Frage, wie ich den bevorstehenden Bruch zwischen den Eltern und mir überstehen werde. Seit der Besichtigung des Zimmers, habe ich begonnen dem stärker nach zu spüren. Jeden Abend dachte ich vor dem Einschlafen daran, dass sehr bald ganz andere Dinge als die bisherige Auseinandersetzung zwischen den Eltern und mir wichtig werden. Heute, wo ich langsam in meinem Umzugswagen diese Nebenstraße Richtung große Kreisstadt entlang fahre, beginnt die Auseinandersetzung mit mir selbst. Kampf findet ab heute nicht mehr zwischen den Eltern und mir statt. Ich selbst bin es, mit dem ich ab heute zu kämpfen habe. Heute geht dieser Kampf los. Gedanken in meinem Kopf gelten ab heute meiner Zukunft an der die Eltern nicht beteiligt sind. Jetzt geht der Kampf schon los. Ich muss weiter kommen, ohne die Eltern. Ich muss mich durchkämpfen, ohne die Eltern. Ich muss einen Weg finden, ohne die Eltern. Ab morgen werde ich alleine leben. Ab morgen wird alles, was in den vergangenen Jahren zwischen den Eltern und mir nicht richtig funktioniert hatte, alles was zwischen uns zu Streit geführt hat, all meine Fehlleistungen der letzten fünf Jahre, das alles wird mir in einem völlig andern Licht erscheinen, weil ich ab morgen mit mir selbst zu kämpfen habe.

In meinem täglichen Alltag wird all das was zwischen den Eltern und mir gewesen war nicht mehr sichtbar sein. Es wird vorbei sein. Es ist aus. Es ist abgelaufen. Vielleicht ist es auch irgendwie überstanden. Was bleibt ist nicht erkennbar. Ich kann es nur mit Mühe beschreiben. Obwohl es nicht mehr da ist, ist es schwer. Das schwere habe ich überall mit dabei. Ich trage es mit mir. Ich kann es aber eigentlich nirgendwo gebrauchen. Trotzdem muss ich es mit mir tragen. Ich muss die Kraft aufwenden das zu behalten. Es ist meines, deshalb kann ich das nicht an irgendeiner Ecke abladen. Ich trage also etwas schweres überall hin mit mir herum, mit dem ich in dem Moment, in dem ich es dabei habe eigentlich nichts anfangen kann. Ich kann es auch nicht her zeigen. Das geht nicht, denn eigentlich habe ich es gar nicht mehr. Es ist einfach vorbei. Es ist nichts, das ich her zeigen kann. Trotzdem muss ich es weiter tragen. Es gehört zu meinem Leben. Das kann ich nie abgeben. Ich kann mir das nicht erklären. Es ist all das, was von dem bei mir bleibt, das zwischen den Eltern und mir jahrelang entstanden und gewesen war. Ich glaube ab morgen wird es für mich wichtig werden, dass ich lerne mein neues Leben irgendwie gut zu meistern.