13. Ordnung und Sauberkeit

Der Vater hatte sich schnell verändert. Er sprach nicht mehr genauso mit uns wie zuvor, als wir noch im Kinderheim gelebt hatten. Ich hatte das Gefühl, dass er sich nicht mehr so stark für uns interessierte. Und: Er war nicht mehr so nett zu uns.

Er sprach die ganze Zeit mit der Stiefmutter. Mit uns unterhielt er sich nur selten. Wenn er uns ansprach, hörte ich plötzlich einen neuen Ton in seiner Stimme. In seiner Stimme hörte ich nicht mehr, dass er von mir etwas hören-, etwas wissen wollte. Wenn ich den Vater reden hörte hatte ich das Gefühl, dass es ihn nicht mehr interessierte, wie es mir geht. Er sprach so, als erwarte er überhaupt keine Antwort von mir. Es war als wisse er eh genau, was mit mir los ist. Der Vater fragte seine Kinder nicht, sondern er befahl. Er sagte nur noch, was wir tun dürfen und was nicht. Das meiste durften wir nicht. Den gleichen Ton hörte ich von der Stiefmutter. Allerdings hörte ich diesen Ton von ihr viel öfter, denn der Vater war ja jeden Tag bei der Arbeit gewesen.

Wir Geschwister waren einiges gewohnt gewesen aus dem Kinderheim, in dem wir zuvor gelebt hatten. Die Nähe allerdings zu zwei Menschen, wie dem Vater und dieser Stiefmutter, denen wir zu Hause nicht entkamen, war uns neu. Wir hatten keine Chance, der Stiefmutter aus dem Weg zu gehen. Abends konnten wir auch dem Vater nicht aus dem Weg gehen.

Ich hatte das mit den Befehlen schon aus dem Kinderheim gekannt. Dort gab es viele Befehle und eine klare Ordnung. Das hatte mir nie etwas ausgemacht, oft fand ich das sogar gut, denn ich wusste genau, was verboten war.

Bei Stiefmutter und Vater war es anders. Sie befahlen und trotzdem war nicht zu verstehen, was genau verboten war und warum es verboten war. Trotz ihrer vielen Befehle verstand ich nicht, was sie eigentlich meinten. Eines hatte ich irgendwann gemerkt: Alles, was ich tat, war schlecht und falsch. In den vergangenen zwei Wochen, seit Mark fort ist, hatte ich gespürt: Es ist egal, was ich tue, denn alles, was ich tue, ist falsch.

Die Stiefmutter befiehlt. Ich tue, was sie befiehlt. Egal wie es mir gelingt, es ist immer etwas falsch, an dem was ich tue. Deshalb schlägt die Stiefmutter. Vor ihrem Schlagen gibt es kein Entrinnen. Abends erzählt sie dem Vater irgendetwas. Dann gibt es kein Entrinnen vor dem Schlagen des Vaters.

Braucht die Stiefmutter uns, damit sie schlagen kann? Braucht sie uns, damit sie sich ärgern kann? Braucht sie uns, weil wir vieles falsch machen, weil wir vieles nicht gut können, weil wir alles nicht so gut können, wie wir es sollten? Vielleicht braucht sie uns, damit sie tagsüber beschäftigt ist. Braucht sie uns als etwas, worüber sie sich aufregen kann? Ich weiß es nicht.

Die Stiefmutter spricht nie etwas Vernünftiges mit uns. Glaubt sie, dass wir dumm sind? Seit wir bei ihr und dem Vater wohnen, hat sie sich noch nicht mit uns unterhalten. Das einzige, was sie getan hatte, war, uns zu schimpfen und herumzuschreien. Für die Stiefmutter gehen wir Zigaretten kaufen. Für sie jäten wir das Unkraut aus dem Garten. Für sie fegen wir den Bürgersteig. Die Stiefmutter will Ordnung und Sauberkeit. Die Stiefmutter kontrolliert alles. Ist sie unzufrieden, kreischt sie und schlägt. Sie ist immer unzufrieden.

Einen Menschen wie die Stiefmutter hatte ich vorher nicht gekannt. Sie sagt nie, dass sie etwas gut findet. Ich glaube, etwas das sie gut findet, gibt es bei ihr nicht. Die hohe Stimme der Stiefmutter klingt schrecklich. Ich zucke sofort zusammen, wenn sie ertönt. Schlägt ihre Hand auf mein Ohr, höre ich ein Pfeifen. Manchmal höre ich das Pfeifen schon, bevor die Stiefmutter zuschlägt.

Ich weiß nicht, warum die Stiefmutter noch nie mit uns gesprochen hat. Ich weiß auch nicht, warum der Vater nicht mehr mit uns spricht.