13. In der Straße der Eltern

Erst um viertel nach zwei Uhr steige ich wieder in den Wagen und wende ihn umsichtig. Ich fahre im zweiten Gang die steil abfallende Straße langsam hinunter. Gleich nach einer Baustelle für einen großen Hotelkomplex biege ich nach links in die Straße ein, in der ich fünf Jahre lang im Haus der Eltern gelebt habe.

Der Rohbau auf der Baustelle für das mehrstöckige Hotel ist bereits fertig. Der Dachstuhl ist fertiggestellt, oben erkenne ich einen winzigen Baum, das Richtfest war bereits gefeiert worden. Früher war hier eine schöne Wiese mit einem alten großen Baum. Auf dieser Wiese hatte ich vor fünf Jahren die ersten Kinder in meiner Straße bei den Eltern kennen gelernt. Von den Nachbarskindern war ich schnell in ihr Spiel aufgenommen worden. Im ersten Sommer, den ich hier gewohnt hatte, waren wir schwer damit beschäftigt gewesen, auf der hohen Buche am Rand des Grundstücks eine Baumhütte zu bauen. Die alte Buche suche ich jetzt vergeblich. Sie musste dem Neubau weichen. Auf diesem Grundstück hatten wir im Sommer jeden Nachmittag Verstecken und Fangen gespielt. Über die wenig befahrene Straße hatten wir ein altes Seil gespannt und Ballspiele gemacht. Das Grundstück war mehrere Jahre lang der tägliche Treffpunkt für die Kinder in der Straße gewesen. Dort habe ich nachmittags immer Nachbarskinder zum Spielen gefunden. Den Nachbarskindern war es egal, ob es zu Hause mit den Eltern gut oder schlecht lief. Was zu Hause war, war hier kein Thema. Hier ging es um Toben, Rennen, Schreien, Spielen, Gewinnen oder Verlieren. Ob zu Hause Streit war, spielte auf dem Spielplatz Straße und auf dieser Wiese keine Rolle. Mich fragte keiner wie es geht, sondern nur, ob ich mitspiele. Ich habe immer mitgespielt.

Heute Nachmittag ist hier kein Kind unterwegs. Von der Baustelle dröhnt der Lärm der Betonmischer. Auch der Baum an dem wir unsere Schnur befestigt hatten fehlt. Dort führt nun eine geteerte Einfahrt hinunter in eine Tiefgarage für die künftigen Hotelgäste. Der Ort ist vom Tourismus geprägt. Unsere alte Spielstraße bleibt davon nicht verschont.

Schon in den vergangenen zwei Jahren, ich war dem Alter für die Spiele auf der Straße längst entwachsen, hatte ich auf der Straße kaum mehr Kinder gesehen. Das Spielen auf der Straße und auf diesem Grundstück hatte ich mit fünfzehn Jahren aufgegeben. Ich hatte andere Interessen. Auch bei den früheren Spielgefährten, sie waren alle in meinem Alter, war das so gewesen. Die Nachmittage auf der Straße waren, ohne dass wir das geplant hätten eines Tages vorbei, als wären sie einfach eingeschlafen. Hin und wieder hatte ich die Nachbarskinder später noch getroffen. Ich sah sie im Ort beim Einkaufen, oder ich grüßte sie auf dem Schulweg nach Hause beiläufig. Die Interessen der Nachbarskinder haben sich anders entwickelt. Das Spiel auf der Straße war vorbei und keines der Nachbarskinder habe ich in der Jugendgruppe wieder getroffen. Dort habe ich neue, andere Jugendliche kennen gelernt. Ich weiß nicht, wie die Nachbarskinder ihre Freizeit verbracht haben, nachdem das Spiel auf der Straße vorbei gewesen war.

In der Straße der Eltern ist es heute Nachmittag ruhig. Kein Mensch ist unterwegs um diese Zeit. Langsam fahre ich an den bekannten Häusern meiner früheren Spielgefährten vorbei. Ich sehe niemanden auf dem Gehsteig. Auch in den Hauseingängen oder in den Fenstern sehe ich niemanden. Die Straße wirkt wie ausgestorben. Am Ende der Straße, es ist eine Sackgasse, erreiche ich das Haus der Eltern. Das Haus liegt einige Meter oberhalb der Straße. Man erreicht es über Treppenstufen und einen ansteigenden Weg. Ich steuere den Wagen am Straßenrand vor die offene Garage. Die Garage ist in einen kleinen Hang eingemauert, auf dem das Haus der Eltern steht. Sie ist stets offen, denn es gibt hier keine Diebe. Meine wenigen Kisten finde ich genauso vor, wie ich sie gestern an der Wand in die Garage gestapelt habe.

Ich lade die Kisten in den Kofferraum und auf die Rückbank des Autos. Die Bretter von meinem Kleiderschrank lade ich auf den Dachträger. Das schwerste Stück ist mein kleiner Schreibtisch. Mit Mühe schaffe ich es, auch ihn auf das Autodach zu wuchten. Ihn und die Bretter schnüre ich mit Gurten fest die mir Martina mitgegeben hat. Das Auto sieht schwer beladen aus. Der Schreibtisch auf dem Dach macht einen etwas riskanten Eindruck. Seine Füße ragen in den blauen Himmel. Vor dem Hintergrund der Bergketten und dem strahlend blauen Himmel darüber, betrachte ich sekundenlang diesen beladenen, kleinen, grünen Wagen. Das wäre ein hübsches Foto vom Ende meiner Zeit hier. Die Gurte ziehe ich gut fest, sie sind für schwere Lasten geeignet. Trotzdem macht die Ladung auf dem Dach einen wenig gesicherten Eindruck. Der Stuhl muss noch auf den Beifahrersitz. Also lade ich die dortigen Kisten noch mal aus. Zuerst den Stuhl auf den Sitz, dann zwei Kisten zwischen die aufragenden Stuhlbeine. Die dritte Kiste muss irgendwie noch in den Kofferraum. Der lässt sich jetzt nicht mehr ganz schließen, ich binde ihn mit einer Schnur fest. Endlich habe ich alles verstaut. Der Wagen sieht aus, als sei er mit einer Fuhre Gerümpel für den Sperrmüll beladen. Dass dies mein Umzug sein soll, finde ich einen Moment lang lächerlich. Das ist mein Umzug. Ich habe alles eingeladen. Ein kleines, altes Auto reicht für meinen spärlichen Besitz. Kritisch rüttle ich an den Schrankbrettern. Vorne ragen sie über Windschutzscheibe und Motorhaube heraus. Die Fahrt geht los.

Behutsam steuere ich den Wagen durch die Kurven hinunter zur Hauptstraße. Ich bin froh, dass ich nicht mitten durch den Ort vorbei am Geschäft der Eltern fahren muss. Mein Umzugsvehikel sieht auffällig aus. Sicherlich würden die Menschen an der Hauptstraße im Ort einen neugierigen Blick auf den Fahrer werfen, der mit so einer Gerümpelfuhre unterwegs ist. Ich glaube, einige neugierige Menschen auf der Straße könnten erkennen, dass ich es bin, der hier eine Ladung Sperrmüll abtransportiert. Ich fahre nach rechts Richtung Ortsausgang. Dort beschleunige ich behutsam.