12. Ursprünglich war es anders

Damals als der Vater uns im Gebirgsort im Kinderheim besuchte, hatte ich noch keine Angst vor ihm. Da hatte ich ihn sogar lieb. Ich hatte mich immer gefreut, wenn er uns besuchte. Wir hatten sehr selten Besuch. Er war der Einzige, der regelmäßig kam. Die Tage mit dem Vater waren damals sehr schön gewesen.

Der Vater konnte immer nur kurz zu Besuch bei uns bleiben. Häufig hatte er mit uns Ausflüge in die nahen Berge unternommen. Wir wanderten mit dem Vater durch die Natur und meist hatte er uns zum Mittagessen eingeladen. Damals hatte er immer davon erzählt, dass er uns zu sich nach Hause holen werde. Das freute mich sehr, denn ich war gern mit ihm zusammen. Der Vater sagte, sobald er eine Frau gefunden habe, würde er uns holen.

Im Kinderheim hatte ich oft davon geträumt, wie schön es werden würde, wenn der Vater uns nach Hause holte. Ich hatte mir ein friedliches Zusammenleben erhofft. Ich hatte geglaubt, es würde so schön werden, wie an den Tagen als der Vater uns besuchte. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es gut werden würde.

Schließlich hatte der Vater diese Frau gefunden. Ich weiß nicht wie er sie kennen gelernt hatte. Der Vater erzählte nichts darüber. In unser Kinderheim hatte er die Frau nie mitgebracht. Vielleicht hatte er schon geahnt, dass sie mit uns, und wir mit ihr, nicht zurechtkommen würden. Vielleicht hatte der Vater befürchtet, wir Kinder könnten uns weigern, mit zu ihm nach Hause zu kommen, wenn wir diese Frau schon vorher kennen gelernt hätten. Ich weiß es nicht.

Ich hatte die Stiefmutter noch nicht gekannt, als der Vater uns zu sich holte. Der Vater hatte sie geheiratet. Ich glaube, weil die Stiefmutter nicht arbeitet, durften wir zu ihr und zum Vater ziehen. Sie hat Zeit, den Haushalt zu führen, sie hat Zeit, sich um uns zu kümmern. Vielleicht ist genau dieses unser Verhängnis?

Vielleicht wäre es besser, wenn sie arbeiten würde und der Vater zu Hause bliebe. Vielleicht hätte es der Vater nachmittags zu Hause anders mit uns versucht, als diese Stiefmutter. Weil ich, als wir letztes Jahr zum Vater zogen, noch keine Angst gehabt hatte, wäre das vielleicht gut gegangen. Der Vater hätte sich um uns gekümmert, während die Stiefmutter in ihrer Arbeitsstelle gewesen wäre. So hätte der Vater mehr Zeit gehabt zu sehen, was mit uns los ist. Er hätte sich nicht jeden Abend alles von der Stiefmutter sagen lassen müssen.

Weil die Stiefmutter abends eh schon immer sauer auf uns war, wurde der Vater auch jeden Abend gleich wütend. Das wäre anders gewesen, wenn der Vater tagsüber genau gesehen hätte, welche Schwierigkeiten wir aus der Schule mitbrachten. Der Vater hätte den Nachmittag zu Hause gestaltet. Der Vater hätte gesehen, dass wir uns anstrengten. Er hätte gemerkt, dass wir uns bemühten, soweit wir es konnten. Vielleicht hätte er geahnt, dass wir in der Schule und zu Hause nicht absichtlich alles falsch gemacht hatten. Vielleicht hätte er sogar irgendwann verstanden, dass wir die Stiefmutter und ihn nicht ständig ärgern wollten.

Der Vater hätte gesehen, dass wir vieles lernen wollten. Er hätte gemerkt, dass auch wir uns das Leben bei ihm anders gedacht hatten, als es schließlich geworden war. Vielleicht wäre dem Vater schnell klar geworden, dass wir uns dieses Leben alle schöner vorgestellt hatten. Wenn der Vater nachmittags zu Hause gewesen wäre, hätten wir es vielleicht mit ihm zusammen verändert.

Den Vater hatten wir alle schon lange Zeit gekannt. Wir wussten also, wie er es haben wollte mit uns. Bei seinen Besuchen im Kinderheim hatte er das oft genug erzählt. Auch er wusste, dass wir uns bei ihm ein schönes Leben vorgestellt hatten.

Ich glaube der Vater hat zu wenig Zeit, und Ruhe um zu sehen und um zu verstehen, wie es zu Hause ist. Er hat keine Ruhe, um zu erkennen, warum es zu Hause ist, wie es ist. Er hat zuwenig Zeit, um nachzudenken wie wir es zu Hause anders machen könnten. Vielleicht hat der Vater schon aufgegeben. Vielleicht glaubt er gar nicht mehr daran, dass es zu Hause so sein könnte, wie er es ursprünglich gewünscht hatte. Oder hat er vielleicht schon vergessen, wie er es sich ursprünglich wünschte?

Da ist die Stiefmutter. Warum kreischt sie so oft herum? Warum schlägt sie uns? Warum sagt sie das, was sie mit uns spricht, immer so gehässig? Warum schreit sie jeden Tag das gleiche: „Na ward Bürschle! Dei Vadder wirds da heut Abend scho zoing!“ Warum will sie, dass der Vater abends seinen Gürtel benutzt? Ich kann ihr nicht mehr zuhören. Zwischen ihr und mir ist es aus. Wenn sie spricht, spüre ich, dass sie mich am liebsten zum Fenster hinaus werfen würde.

Warum lebt sie mit uns zusammen? Was hatte sie sich ursprünglich gewünscht? Vielleicht hatte sie sich ursprünglich auf uns gefreut, obwohl sie uns noch nicht gekannt hatte. Sicherlich hatte sie sich alles auch ganz anders vorgestellt. Oder hatte sie von vornherein geplant, uns jeden Tag zu beschimpfen, anzuschreien und zu schlagen? Ich glaube nicht, dass sie das ganz freiwillig tut. Sie will es nicht. Das glaube ich. Vielleicht kann sie einfach nicht anders. Ich glaube jetzt, seitdem Mark fort ist von zu Hause, weiß auch sie, dass es vorbei ist, dass es nicht so weiter geht.

Den Hass zwischen ihr und mir hatte ich von Beginn an gespürt. Als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, merkte ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist. Obwohl sie nicht sofort gemein und gehässig zu mir gewesen war. Ich traf sie das erste Mal im Haus bei der Oma. Es war der Tag gewesen, als der Vater uns vom Kinderheim abgeholt hatte. Ich glaube, an dem Tag hatte sie nur so getan, als wäre sie nett. Heute glaube ich, dass sie uns im Haus der Oma an diesem Nachmittag etwas vorgespielt hatte. Sie hatte uns angelacht, sie hatte getan, als freute sie sich auf uns. Auch mit der Oma und dem Opa sprach sie ganz freundlich. Aber ich hatte gespürt, dass an ihrem Lachen und an ihrem freundlichen Grüßen und Reden irgendwas nicht stimmte. Ihr Lachen und Reden war sehr seltsam, sehr eigenartig. Es hatte etwas nicht zusammengepasst, doch ich kann heute noch nicht sagen, was das genau gewesen war, ich spürte das einfach. Schon von diesem ersten Tag an war mir die Stiefmutter unangenehm. Ich glaube schon von dieser ersten Begegnung an hatte der Hass zwischen uns begonnen, der sich im vergangenen Jahr ins Unermessliche steigerte.

Vielleicht war das mein Fehler gewesen, vielleicht hätte ich mich an diesem ersten Nachmittag gegenüber der Stiefmutter anders verhalten müssen, vielleicht hätte ich damals irgendwie verhindern können, dass dieser Hass zwischen uns entsteht. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hatte die Stiefmutter von diesem ersten Tag an schon gemerkt, dass ich sie nicht mag. Vielleicht war es schon dieser eine kurze Kennenslerntag bei der Oma gewesen, an dem die Stiefmutter sich entschieden hatte, mich zu hassen und mich zu schlagen.