12. Mittagszeit im Gebirgsort

Ich steuere den Wagen vom Parkplatz am See zurück auf die Straße, die inzwischen bis zur Parkplatzzufahrt dicht an dicht mit Autos voll geparkt ist. Langsam fahre zwischen den gedrängt parkenden Autos zurück zur breiten Hauptstraße. Die Tankanzeige bewegt sich nicht. Sie zeigt, egal ob Gefälle oder Steigung, stets voll an. Auf der breiten Straße erreiche ich das Ortsschild. Ich biege rechts ab. Die Hauptstraße durch den Ort führt vorbei am Rathaus, der Kirche, dem Marktplatz und dem Geschäft der Eltern. Ich fahre langsam, denn ich sehe viele Touristen auf den Gehsteigen. Ich rechne jederzeit damit, dass einer von ihnen unvermutet auf die Straße vor den Wagen springt. Auf meiner Armbanduhr sehe ich, dass es viertel vor ein Uhr Mittags ist. Die meisten Geschäfte, auch das der Eltern sind bis zwei oder halb drei Uhr geschlossen. Jetzt fahre ich langsam am geschlossenen Laden der Eltern vorbei. Das Geschäft öffnet um vierzehn Uhr wieder. Das war jahrelang genau die Uhrzeit gewesen, zu der ich von Bahnhof und Schulbus nach Hause angekommen war. Weil die Eltern jetzt nicht in ihrem Geschäft stehen, denn sie sitzen zu Hause beim Mittagessen, möchte ich noch nicht nach Hause fahren, um meine Sachen aus der Garage in das Auto einzuladen. Ich könnte das tun, aber ich glaube nicht, dass es besonders geschickt von mir wäre.

Als ich heute Morgen das Haus der Eltern verlassen habe, um in die große Kreisstadt zu fahren, war ich im Treppenhaus der Mutter begegnet. „Wirf deinen Schlüssel in den Briefkasten“, hatte sie mir nachgerufen. Das war der Abschied zwischen uns beiden. Der Abschied war schon lange Zeit eingeleitet. In den vergangenen Wochen und Monaten waren wir uns kaum mehr begegnet. Heute Morgen haben wir uns nicht die Hände geschüttelt, um uns von einander zu verabschieden. Wir waren bereits verabschiedet.

Die Mutter hatte den Briefkasten erwähnt. Das bedeutet, dass sie davon ausgeht, mich heute nicht wieder zu sehen. Warum sonst hätte sie mich bitten sollen, den Schlüssel einzuwerfen? Wollte sie mich heute noch einmal sehen, wollte sie sich von mir verabschieden, und meine Schlüsselrückgabe für den Abschied nutzen, dann hätte sie heute morgen nicht so gesprochen. Die Mutter will mich heute nicht mehr sehen. Gleiches gilt für den Vater. Den habe ich heute noch nicht gesehen. Zwischen den Eltern und mir sind der Worte genug gewechselt. In den letzten Monaten waren es vor allem Worte des Kampfes zwischen uns. Meine unqualifizierten Worte mit denen ich den Eltern vor fünf Jahren begegnet war, hatten von Beginn an den heutigen Abschied eingeleitet. Jetzt, wo ich im Wagen auf der Straße hinauf zum Haus der Eltern unterwegs bin, glaube ich, dass sich von Beginn an entwickelt hatte, was heute wahr wird. Meine Zeit bei den Eltern läuft mit dem heutigen Tag ab.

Mein Abschied am heutigen Tag ist so gesehen perfekt vorbereitet. Wegen seiner jahrelangen Geschichte ist der heutige Abschied eindeutig klar. Der Abschied ist so eindeutig klar, dass heute keine Worte des Abschieds zwischen uns notwendig sind. Kann das sein? So frage ich, während ich Gas gebe um mit dem Wagen die Steigung auf der Pflasterstraße zu nehmen, die jahrelang ein Teil meines täglichen Schulweges zum Bahnhof gewesen war.

Mit dem Auto sind es jetzt nur noch wenige Sekunden, bis die Straße zum Haus der Eltern nach rechts abgeht. Mit dem Wagen kann ich hier nirgendwo stehen bleiben, um noch mehr Zeit für meine Überlegungen, für die Frage zu haben, ob sein kann, was ich gerade denke. Nur Sekunden bleiben, in denen ich entscheiden muss, ob ich abbiegen sollte, um in die Straße der Eltern zu gelangen, um mich jetzt von ihnen zu verabschieden. Kann es sein, dass Abschied nach so langen Jahren nicht nötig ist? Ist das ein Abschied?

Wer soll sich von wem verabschieden? Wahrscheinlich sollte ich mich verabschieden, denn ich war Gast im Haus dieser Eltern gewesen. Ich bin derjenige, der heute wieder weg geht, auch wenn klar ist, dass ich gehe, weil ich im Haus der Eltern nicht länger geduldet werde. Wahrscheinlich sollte ich mich nicht nur ordentlich verabschieden, sondern ich sollte mich auch herzlichst bedanken, für alles, was ich in den vergangenen Jahren von den Eltern erhalten habe. Schließlich habe ich von den Jahren profitiert. Schließlich sind die Eltern es gewesen, wegen denen ich die Schule geschafft habe und mit hoher Wahrscheinlichkeit eines Tages einen Beruf haben werde und auf eigenen Beinen stehen werde. Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich nicht weiterhin dumm auf der alten Schule geblieben war. Vielleicht habe ich den Eltern zu verdanken, dass ich nicht so dumm bin, wie Michael, der mich heute einige Meter in seinem Wagen mitgenommen hat, so dass ich erleben musste, dass Michael heute wohl nicht viel gescheiter ist, als er es früher gewesen war. Vielleicht wäre ich ohne diese Eltern weiter zum Opfer der Gewalt von dummen Mitschülern und Erwachsenen geworden. Vielleicht wäre auch ich inzwischen zu einem dummen Gewalttäter geworden. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich mich eigentlich verabschieden und bedanken sollte, denn ich habe Grund genug dies zu tun. Trotzdem fahre ich an der Straße der Eltern vorbei. Ich fahre weiter den steilen Berg hinauf. Ich bin nicht in die Straße der Eltern eingebogen. Würde ich jetzt schon meine wenigen Kisten, den Schreibtisch und die Schrankbretter aus der Garage der Eltern einladen, müsste ich noch ein letztes Mal hinauf ins Haus gehen. Dort müsste ich mich verabschieden und bedanken. Dabei würde ich mir heute aber heuchlerisch vorkommen. Tue ich es nicht, ist das eine weitere Unverschämtheit von mir.

Ich traue mich nicht heute einfach Aufwidersehen zu den Eltern zu sagen und ihnen die Hand zu reichen nach den langen Jahren. Heute habe ich wieder ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern. Ich habe Angst, die Eltern würden mein Auftreten, jetzt zur Mittagsstunde in ihrem Haus, als letzte Provokation empfinden. Ich glaube, dass es für die Mutter unmöglich wäre, etwas Gutes daran zu finden. Würde ich jetzt in einem von Freunden geliehenen Wagen vorfahren, um einzuladen und Abschied zu nehmen, die Eltern fänden abermals bestätigt, dass ich keinerlei Anstand besitze. Die Mutter würde glauben, dass es mir heute nicht schlecht dabei geht, ihr Haus zu verlassen. Deshalb fahre ich mit dem Wagen zunächst an der Straße der Eltern vorbei! Oben auf dem kleinen Berg biege ich in eine Nebenstraße. Dort bleibe ich am Waldrand im Schatten stehen. Ich bleibe minutenlang im Wagen sitzen. Draußen sehe ich im Wind wippende Äste riesiger Laubbäume. Ich entschließe mich auszusteigen und ein bisschen auf dem Waldweg entlang zu laufen. Es ist ein Weg, den ich schon oft gelaufen oder mit dem Fahrrad gefahren war.

Die Mutter soll nicht den Eindruck gewinnen, dass es mir heute gut geht. Es geht mir nicht gut. Es geht mir aber auch nicht schlecht. Ich tue heute was lange klar geworden war. Ich verlasse das Haus der Eltern, ohne dabei viele Worte loszuwerden, weil alles zwischen uns bereits gesagt worden war. Zumindest scheint aus heutiger Sicht alles gesagt. Ob das was heute geschieht gut oder schlecht für meine Zukunft ist, werde ich merken. Vielleicht spüre ich es morgen schon, vielleicht in Tagen, vielleicht Wochen, Monaten. Es kann sogar sein, dass es Jahre dauern wird, bis ich entscheiden kann, ob es mir im Zusammenhang mit den Jahren bei den Eltern mit dem heutigen Ende gut oder schlecht geht. Deshalb wäre es völlig falsch, wenn die Mutter heute glauben würde, es ginge mir gut dabei zu gehen.

Ich glaube, auch die Eltern werden erst in Jahren merken, ob es sich gelohnt hat, in mich zu investieren. Auch für sie wird meine Anwesenheit in ihrem Hause verblassen. Vielleicht wird das Gewicht der Verletzungen die ich ihnen wegen meines Fehlverhaltens zugefügt habe, im Laufe der Jahre sogar abnehmen. Vielleicht wird die Mutter eines Tages nicht mehr so erbost sein, wenn sie sich daran zurück erinnert, welches Unglück ich in ihr Haus gebracht habe. Hoffentlich werden die Eltern eines Tages sehen, dass aus mir kein schlimmer, gewissenloser Verbrecher geworden ist, obwohl ich nicht zu dem geworden bin, den sie sich gewünscht hatten.

Ich stehe vor dem Wagen, wenige hundert Meter oberhalb es Hauses der Eltern. Noch ist der Tag an dem ich sie verlasse nicht vorüber, und ich denke schon darüber nach, wie die Eltern und ich all das was geschehen ist in vielen Jahren vielleicht einmal sehen werden. Ich denke daran, dass wohl sehr viele Jahre vergehen müssen, bis meine Entwicklung, mein Scheitern in diesem Elternhaus für uns alle überwunden sein wird. Heute schon, wo ich die Eltern nicht einmal richtig verlassen habe denke ich daran, dass viele Jahre vergehen müssen, bis ich dieses Haus vielleicht wieder betreten werde.

Der Waldweg führt zunächst leicht, später steil bergab. Auf Höhe des Elternhauses quert er einen andern Waldweg, den ich morgens immer ein Stück in den Wald hinein gelaufen war, um zum Busbahnhof zu gelangen. Ich laufe langsam. Dabei sehe ich mir den Weg an. Ich kenne jeden winzigen, abzweigenden Pfad genau. Immer steiler werdend führt der Waldweg hinunter in den Ort. Er endet an einer steilen Teerpiste. Nach mehreren hundert Metern führt die nahe dem Marktplatz auf die gepflasterte Fußgängerzone.

Dort gibt es eine Gaststätte, in der ich in den Osterferien vor zweieinhalb Jahren den ersten Ferienjob meines Lebens angetreten hatte. In der Küche hatte ich zwei wochenlang alles gemacht, was mir vom Küchenchef aufgetragen wurde. Morgens um neun Uhr ging es meist mit Kartoffelschälen, Gemüseputzen und Salatwaschen los. Nachmittags um drei Uhr durfte ich nach dem Abspülen und Abtrocknen für drei Stunden nach Hause gehen. Von sechs Uhr abends bis neun Uhr ging es wieder ans Abspülen und Trocknen. Meine Klamotten hatten abends entsetzlich nach Hotelküche gestunken. Zum Lüften habe ich sie in den Nachmittagsstunden und über Nacht auf den Balkon gehängt. Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht, obwohl sie anstrengend war. Während der Nachmittagspause hatte ich immer geschlafen. Abends war ich täglich um halb zehn Uhr nach Hause gekommen. Todmüde vom Gemüse putzen und Geschirr spülen war ich immer schnell im Bett verschwunden. In meiner Erinnerung hatte es während dieser zwei Wochen keine Probleme zwischen den Eltern und mir gegeben. Wahrscheinlich war ich von der Arbeit so müde gewesen, dass ein Aufbäumen, welcher Art auch immer, gar nicht mehr möglich war.

Vielleicht wäre es zwischen den Eltern und mir besser gegangen, wenn ich damals eine Ausbildung angefangen hätte. In einer Lehrstelle hätte ich täglich lange und schwer zu arbeiten gehabt. Die Zeit um zu Hause Streitereien und Konflikte auszutragen, etwa nachmittags die Lernzeit mit der Mutter, hätte es nicht gegeben. Ich wäre beschäftigt mit der Arbeit gewesen. Es hätte weniger Berührungspunkte mit der Mutter wegen der Schule gegeben. Ich hätte andere gleichaltrige Freunde gehabt. Ob das am Kontakt und der Beziehung zu den Eltern wirklich etwas verbessert hätte ist nicht sicher. Ich weiß, dass die Eltern sehr viel arbeiten. Ob aber ein arbeitender Auszubildender in die Familie gepasst hätte, das weiß ich nicht.

Weil ich glaube, dass zwischen dem Vater und mir unsere unterschiedliche Sprache vieles gar nicht möglich gemacht hatte, wäre eine Lehre vielleicht wenig hilfreich gewesen. Durch die Schule hatte ich schnell die Möglichkeit eine bessere Sprache zu erlernen. Für das Gespräch zwischen mir und dem Vater reicht das allerdings bis heute noch nicht. Die Anstrengungen einer Lehre hätten vielleicht dazu geführt, dass ich meine Mithilfe im Haushalt, in der Küche, das Rasenmähen, das Kehren des Gartenweges, das Aufräumen der Garage oder das Schneeräumen im Winter eingeschränkt hätte. Das hätte für die Mutter schlimmes bedeutet, wo sie ohnehin schon gesagt hatte, dass ich mich wie in einem Hotel verhalten habe. Wäre ich täglich einer Lehre nachgegangen, wäre ich noch weniger zu Hause gewesen. Wahrscheinlich wäre ich, genauso wie es in der Schule gewesen war, während der Woche allein am Frühstückstisch gesessen. Mittags wäre ich nicht nach Hause gekommen. Abends wäre ich müde gewesen und hätte wohl kaum mehr zu Hause bei der Hausarbeit mit geholfen. Vielleicht hätte ich mich weniger in der Jugendgruppe aufgehalten. Wegen der anstrengenden Lehre, wäre ich dort sicherlich nicht mehr oft hingegangen. Das wäre es vielleicht gewesen! Hätte ich eine Lehre begonnen, anstatt der neuen Schule, wären die Ideen, auf die ich wegen der Jugendgruppe gekommen war, ganz sicher wesentlich weniger einflussreich für mich gewesen. Die Jugendgruppe, der Ort, der mir unter Gleichaltrigen viel Sicherheit vermittelt hatte, wäre vielleicht beinahe ausgefallen. Kräfte, die ich dort gesammelt hatte, hätte ich nicht mit nach Hause zu den Eltern gebracht. Eine Entwicklung, die ich in der Gruppe gemacht hatte, wäre ausgefallen. Vielleicht wäre das gut gewesen, denn die Gruppe hatte großen Einfluss auf mich. Meine besten Freunde habe ich dort kennen gelernt. Weniger oder gar keine Zeit für diese Gruppe hätte ganz sicher eine andere Entwicklung für mich und wahrscheinlich für die Beziehung zu den Eltern bedeutet.