11. Es geht uns gut

Jetzt sehe ich einen Mopedfahrer. Langsam kommt er näher. Er sieht mich nicht. Vielleicht sollte ich weiter gehen. Vielleicht sollte ich nicht bis Mittag auf dem Schotterhügel warten. Vielleicht sieht mich ja doch irgendjemand. Vielleicht taucht plötzlich der Vater im weißen Käfer auf. Ich stehe auf und gehe langsam weiter. Vielleicht steht drüben in der Neubausiedlung jemand hinter einem Vorhang und beobachtet mich schon die ganze Zeit. Das kann ich nicht wissen. Vielleicht ist die Polizei schon unterwegs wegen mir. Vielleicht fragt sich drüben, hinter der Bahnbaustelle, in irgendeinem Neubau ein Mensch hinter einem Storevorhang: „Was macht der kleine Bursche da oben auf dem Schotterhügel so lange? Warum sitzt der da? Warum glotzt der so lange runter auf die Baustelle, wo dort doch nichts los ist?“

Ich klettere den Abhang hinunter. Ich gehe am Schotterhügel entlang. Den Mopedfahrer höre ich. Jetzt sehe ich ihn. Er kommt mir entgegen. Falle ich ihm auf? Hoffentlich nicht. Ich grüße ihn, wenn er vorbeifährt. Der Mopedfahrer soll glauben, dass ich hinter den Gleisen in einem der Neubauten wohne. Ich latsche hier nur ein bisschen herum. Jetzt ist er schon ganz nah. Ob er stehen bleibt und fragt was ich hier mache? Was soll ich antworten? Ich sage, ich gehe hier spazieren. Nein, das ist zu einfach. Warum sollte ich hier spazieren gehen? Jetzt wird der Mopedfahrer langsamer. Sein Motor knattert. Jetzt sieht er mich an. Ich nicke und schaue freundlich. Auch er nickt. Ich sehe sein Gesicht nicht. Er trägt einen schwarzen Sturzhelm. Er fährt dicht an mir vorbei, ohne etwas zu fragen.

Ich klettere wieder den Hügel hinauf. Drüben steige ich hinunter. Schnell springe ich über die Gleise. Es kommt kein Zug. Die Gleise sind noch nicht in Betrieb. Bahngleise darf man nicht überqueren. Aber ich bin ja auf der Flucht. Hier kann kein Zug kommen. Ich erreiche einen schmalen Weg in der Wiese. Langsam schlendere ich auf dem Weg. Ich tue so, als wohne ich in diesen Neubauten. Ich habe keine Eile. Ich komme von der Bahnbaustelle. Die finde ich interessant, denn ich bin ein zehnjähriger Bub. Zehnjährige Buben interessieren sich für riesige Baumaschinen, wie sie dort stehen. Ich erreiche die ersten neuen Häuser. Auf dem gefegten Bürgersteig sehe ich niemanden. Ein Besen lehnt an einem Gartentor. Der Samstagvormittag ist jetzt vorbei. Der Bürgersteig ist gekehrt. Die Straße flimmert in der Sonne. Ich höre das Klappern von Geschirr. Familien sitzen beim Mittagessen. Kein Kind spielt auf der Straße.

Ich spüre meinen Magen. Er ist leer. Gerne würde ich jetzt etwas essen, aber ich habe nichts. Ich halte es leicht einen Tag ohne Essen aus. Ich hatte heute Morgen nicht daran gedacht, dass ich Hunger bekommen würde. Jetzt rieche ich gekochtes Mittagessen. Es riecht aus den geöffneten Fenstern. Ich habe Hunger.

Viel zu gefährlich wäre es gewesen, heute Morgen in die Küche zu gehen. In der Küche gibt es den Brotkasten. Es steht links auf dem Küchenbuffet. Aus der Küche hätte ich etwas zu Essen holen können. Mein Plan hatte die Küche aber nicht vorgesehen. In der Küche schläft Rati unser Dackel. Sicherlich wäre er aufgewacht. Er hätte Lärm gemacht. Das konnte ich nicht riskieren. Ich komme leicht einen Tag ohne Essen aus.

Vom Lehrer in der Schule hatte ich einmal von Kindern gehört, die in Afrika hungern müssen. Dort müssen die Kinder immer ohne Essen auskommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das geht. Weil ich zu Hause zu essen und zu trinken habe, geht es mir gut. Der Vater hatte das oft gesagt. Er hatte gesagt, dass es uns sogar viel zu gut geht.

Als der Vater so alt war, wie ich es heute bin, hatte er bestimmt schon schwer arbeiten müssen. Damals muss Krieg gewesen sein. Mark hatte es einmal erzählt. Im Krieg gibt es für Kinder nichts zu essen, hatte er gesagt. Es ist so wie für die Kinder in Afrika. Kinder müssen im Krieg arbeiten. Sie müssen den Erwachsenen beim Schießen helfen.

Ich glaube der Vater hatte damals sehr hart arbeiten müssen, um zu Essen zu bekommen. Heute müssen wir unser Essen nicht mit harter Arbeit verdienen. Wir bekommen es vom Vater. Uns geht’s wirklich viel besser, als es unserem Vater ging, als er ein Kind gewesen war. Mark hatte einmal erzählt, dass er froh ist, dass wir unser Essen nicht selber verdienen müssen. Mark trägt seinen Teil schon bei, mit seinem wenigen Lehrlingsgeld. Aber wir Geschwister sind wirklich noch zu klein. Vieles ist seit dem Krieg viel besser geworden, hatte Mark gesagt.

Ich kann mir nicht vorstellen wie grauenvoll der Krieg für die Menschen vor allem für die Kinder und den Vater gewesen war. Oft hatte es gar nichts zu essen gegeben. Es war kalt, alles war zerstört. Mark hatte das in der Schule gehört. An einem Samstagnachmittag hatte er davon erzählt: „Unser Vater war damals so klein wie wir heute. Er hat um sein Leben gekämpft. Nach dem Krieg waren alle glücklich, dass sie das Grauen überlebt haben. In den sechziger Jahren haben viele ihre Familien gegründet. Die vom Krieg zerschossenen Häuser und Straßen waren fast alle repariert. Das Leben wurde wieder viel besser, als es vorher im Krieg gewesen war. Uns geht es heute viel besser als den Kindern und dem Vater im Krieg!“

Das hatte Mark auf einem Samstagsspaziergang erzählt. Trotzdem hatte er es beim Vater nicht mehr ausgehalten. Trotzdem ließ er sich vom Vater ins Erziehungsheim stecken. Obwohl Mark weiß, dass es Kindern im Krieg viel dreckiger geht als uns hier in Deutschland, sitzt er jetzt im Erziehungsheim. Aus der Schule weiß Mark auch, dass es überall auf der Welt Krieg gibt, auch heute. Mark hatte an dem Nachmittag erzählt, dass es Millionen Kinder gibt, denen es sehr schlecht geht. Ich glaube, das stimmt. Mark hatte es in der Schule gehört. Man sagt so etwas nicht zum Spaß. Mark war, obwohl es anderen in dieser Welt viel schlechter geht als ihm, trotzdem von zu Hause weggelaufen. Mark hat entschieden, dass er beim Vater genug ausgehalten hatte.

Habe ich genügend ausgehalten? Wie schlecht geht es mir beim Vater? Bin ich zu empfindlich? Halte ich vielleicht zu wenig aus? Wahrscheinlich bin ich verweichlicht! Vielleicht bin ich verweichlicht, weil ich nie Krieg erlebt habe, wie es der Vater während seiner Kindheit erlebt hatte! Vielleicht brauche ich auch so schreckliche Kindheitserlebnisse im Krieg, wie sie der Vater damals erlebt hatte, damit ich mein Leben beim Vater gut finde. Ich weiß nicht, wie schlimm der Hunger, die zerstörten Häuser, Dörfer, Städte, die vielen ermordeten Menschen im Krieg sind. Das alles muss für den Vater und alle Menschen im Krieg sehr schlimm gewesen sein. Es muss so fürchterlich schlimm gewesen sein, dass ich mir das heute gar nicht vorstellen kann. Vielleicht kann ich den Wert meines Lebens beim Vater nicht schätzen, weil ich noch nie so etwas Grausames erlebt habe. Der Vater hatte das alles erlebt. Sehr schlecht war es dem Vater im Krieg gegangen. Beinahe wäre er gestorben, wie Millionen andere. Ich glaube, mein großer Bruder Mark hat Recht. Weil es dem Vater so schlecht ergangen war, will er, dass es uns viel besser geht. Der Vater hat das erreicht. Uns geht es viel besser. Unser Kinderleben heute ist viel besser, als das Kinderleben das der Vater während des Krieges erlebt hatte. Da bin ich mir ganz sicher. Weil ich mir ein wenig vorstellen kann, wie schrecklich das Kinderleben des Vaters während des grauenvollen Krieges gewesen sein muss, brauche ich keinen Krieg. Mir reicht die schreckliche Vorstellung. Ich glaube, kein Mensch braucht Krieg. Ich glaube, auch der Vater hätte die schrecklichen Erlebnisse des Krieges nicht gebraucht, um für sich zu entscheiden, dass es seinen Kindern gut, besser als ihm während seiner Kindheit gehen soll.

Ich bin froh, dass es uns so gut geht. Ich bin sehr froh, dass ich das Essen vom Vater geschenkt bekomme. Ich wüsste nicht, wo ich das sonst her bekommen könnte. Ich habe kein Geld, um es zu kaufen. Trotzdem habe ich Angst vor dem Vater.