11. Ein Umweg

Der Motor läuft einwandfrei. Die Tankanzeige scheint defekt zu sein. Sie zeigt voll gefüllt an. Auf der breiten Straße Richtung Ort komme ich in der Nähe eines Sees vorbei. Dort habe ich in den letzten Wochen jeden Nachmittag einen bezahlten Job gehabt. Das war mein vierter Ferienjob. Kurz nach den Pfingstferien waren die Abschlussprüfungen beendet. Seither habe ich in einem Bootshaus am See gearbeitet. Es war mein Job Touristen beim Einstieg und Ausstieg aus den Ruderbooten zu helfen. Trotz der miserablen Bezahlung habe ich diesen Job gerne gemacht. Es war der einzige Job gewesen, den ich finden konnte. Die Sommerferien hatten noch nicht begonnen. Die besser bezahlten Ferienjobs gab es aber erst ab Ferienbeginn. Die Arbeit ließ sich gut mit meinen letzten Fahrstunden verbinden. Ein anderer Fahrschüler wohnt in der Nähe des Sees. Am Ende meiner Fahrstunde hat mich der Fahrlehrer deshalb immer zur Wohnung des anderen Schülers gelotst. Von dort wurde ich zum Bootshaus gefahren. Ein toller Service für mich, auf den sich der Fahrlehrer gerne eingelassen hatte. Die Arbeit im Bootshaus war sehr schlecht bezahlt, weil nie absehbar war, wie viele Boote tagsüber an Touristen verliehen werden konnten. An manchem Sommertag scheint der Touristenstrom an den See nicht abzureißen. An Schlechtwettertagen findet kaum einer den Weg dort hin. An manchem Regentag habe ich kein einziges Ruderboot verliehen. Hin und wieder, wenn der Regen stark und anhaltend war, habe ich mich vor Arbeitsantritt telefonisch beim Chef gemeldet. Der sagte mir dann, dass sein Bootshaus geschlossen bleibt. An solchen Tagen hatte ich natürlich keinen Verdienst. Das Wetter war seit Pfingsten außergewöhnlich warm und trocken, so dass der Job für mich trotz schlechten Stundenlohns einträglich war, denn beinahe täglich konnte der Chef alle zur Verfügung stehenden Bote verleihen.

Die Mutter hat es unterstützt, geradezu gewünscht, dass ich in den Ferien, einem bezahlten Job nachgehe. Der Mutter war wichtig, dass ich aus eigenen Kräften ein Ziel erreiche. Bei den Ferienjobs war das Ziel Geld zu verdienen von dem ich das kaufen konnte, was ich für notwendig hielt. Es war Ziel die Summe zusammen zu kriegen, die für die Hälfte des Führerscheines notwendig war. Das Ziel habe ich erreicht. Der Führerschein ist zur Hälfte von der Mutter und zur anderen Hälfte von mir bezahlt worden. Während der vier Jobs, die ich in der Zeit bei den neuen Eltern angetreten habe, ist bei mir das eingetreten, was der Mutter wichtig gewesen war. Ich habe gelernt meine Kräfte zu benutzen um Geld zu verdienen. Ich habe jetzt davon Kenntnis, wie anstrengend es ist täglich zu arbeiten.

Die Mutter hat großen Einfluss auf mich ausgeübt. Ihre Lebenseinstellung zu Leistung in Schule und Arbeit ist mir im Laufe der Jahre immer klarer geworden. Ich glaube, die Mutter selbst ist dazu erzogen worden, dass Leistung und Arbeit die der Mensch in seinem Leben vollbringt, zum Schluss entscheidende Dinge sind, anhand derer das Leben dieses Menschen in Erinnerung bleibt. Leistung und Arbeit sind die wesentlichsten Tugenden. Um sie herum Gruppieren sich alle anderen Tugenden, die Voraussetzung sind um im Leben etwas zu leisten und zu Arbeiten. Die anderen Tugenden sind: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit aber auch Unterwürfigkeit und vor allem die Dankbarkeit. Ich denke, für die Mutter ist letzteres in aller erster Linie der Schlüssel zu einem einigermaßen erfüllten Leben. Wenn ein Mensch wie ich in diesem Leben diejenigen Karten gezogen hatte, wie ich sie eben habe, wenn jemand schon so wie ich ins Pech hinein geboren zu sein scheint, dann sollte er wenigstens lernen Dankbarkeit dafür zu zeigen, wenn dieses Pech eine Wende zum Besseren nimmt. Das Bessere fällt nicht vom Himmel. Dafür gibt es Menschen, wie die Eltern. Sie haben mir zweifellos dabei geholfen meinem Leben eine Wendung zum Besseren, zum Guten zu geben.

Die Mutter, daran denke ich jetzt, ist sehr gut erzogen worden. Ich glaube sie hat eine sehr klare Erziehung von ihren Eltern erlebt. Ihre, in allen Punkten des familiären Lebens wohl beinahe militärisch korrekten Eltern, haben alle Tugenden welche die Mutter heute ohne jeden Zweifel vertritt, und an mich und andere weitergibt, ebenso an ihre Tochter vermittelt. Mutters Vater und ihre Mutter habe ich in den Sommerferien auf deren Hof in Norddeutschland besucht. Im Winter haben sie uns oft hier in den Bergen besucht. Ich glaube, sie haben die Mutter zu Anstand, Moral, Dankbarkeit, militärischer Korrektheit, absoluter Genauigkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Fleiß erzogen. Ich glaube, die Ausstrahlung der Mutter ist so sehr von diesen und vielen anderen Tugenden behaftet, weil sie das alles von ihrem Vater, einem hoch dekorierten General und ihrer sie liebenden Mutter gelernt hat.

Die Eltern der Mutter haben mich bei den Besuchen immer sehr anständig und äußerst korrekt behandelt. In den Ferien durfte ich mir auf dem Hof ein zusätzliches Taschengeld verdienen indem ich die Scheunentore mit neuem Anstrich versah. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Meine Fähigkeiten hatten die Großeltern eher im Handwerklichen gesehen. Mich nannten sie „Malermeister Klecksel“. Abends beim Abendbrottisch erhielt der „Malermeister Klecksel“ vom Großvater ein großzügiges Lob für seinen ergiebigen Fleiß. Das spornte mich an, am nächsten Tag gleich das nächste Scheunentor zu streichen. Ich war ein armes, dummes Kerlchen, das durch den guten Willen der gut erzogenen Mutter, eine Chance auf eigene Leistung und Arbeit erhielt. Die Großeltern behandelten mich deshalb wie ein Familienmitglied, wenn auch nicht wie ein vollwertiges. An die, wie mir scheint in militärischer Tradition stehende, adelige Familie war ich nur durch den klaren Willen der Mutter geraten. Sie wollte einem Kind das ins Unglück hinein geboren wurde Hilfe gewähren. Die Bindung, die in den fünf Jahren bei den Eltern entstand, war aber nicht zu dem herangewachsen, was die Mutter und vielleicht auch ihre Eltern sich erhofft hatten. Die Bindung wird deshalb heute wieder aufgeknotet und gelöst.

Der Job im Bootshaus war der leichteste Job, den ich bis heute hatte. Es war zugleich mein letzter Ferienjob, den ich noch bei den Eltern wohnend angetreten habe. Vielleicht habe ich den Job deshalb als den letzten angetreten, weil ich darüber gegenüber den Eltern keine Rechenschaft mehr schuldig war. Der Job hat mich wahrlich wenig Anstrengung gekostet. Während der Arbeitszeit war es möglich im Bootshaus auf einem Stuhl zu sitzen und Zeitung zu lesen. Der Chef, der täglich am Eingang des Bootshauses an der Kasse saß, hatte nichts dagegen, dass ich die Zeit in der keine Touristen mit Booten zu bedienen waren, mit dem Zeitungslesen totschlug. Der Chef selbst saß an seiner Kasse vor einer Zeitung.

Der Mutter gegenüber musste ich diesen Job nicht mehr erklären, denn mein Auszug am heutigen Tag stand fest. In den letzten Wochen gab es keine Gespräche mehr mit mir in der Familie. Zu Hause war Ruhe eingekehrt. Wir schwiegen uns gegenseitig an. So warteten wir auf den heutigen Tag. So musste ich der Mutter weder erzählen, was ich den Tag über gearbeitet hatte, noch hatte sie Interesse daran von mir zu erfahren, mit welchen Ergebnissen ich die Abschlussprüfungen in der Schule geschaffte hatte. Natürlich weiß die Mutter das alles. Sie weiß genau, dass ich bestanden habe, wahrscheinlich weiß sie sogar, wie ich bestanden habe. Und sie weiß auch, dass der Ferienjob am See für mich ein lockeres Vergnügen war. Mit Arbeit, wie sie die Mutter versteht, hatte mein Ferienjob am See nichts zu tun. In diesem Ort weiß die Mutter immer genau was ich tue und was ich lasse.

Dass wir in den letzten Wochen in der Familie nicht mehr geredet haben, war für mich nicht unangenehm gewesen. Ich konnte täglich in Ruhe am See arbeiten, ohne begründen zu müssen, warum ich jeden Tag so einer leichten Aufgabe nachgehe oder gar mit der Mutter darüber reden zu müssen, warum ich diesen Faulenzerjob überhaupt angetreten hatte. Ich glaube, diese Fragen hatte die Mutter längst für sich selbst beantwortet. In den Gesprächen die in den Jahren in der Familie zwischen uns stattgefunden hatten, war mir oft der Gedanke gekommen, dass die Mutter ihre Fragen an mich, für sich selbst bereits beantwortet hatte. Sie wusste immer genau, warum ich etwas Bestimmtes getan hatte. Über meinen Weg, über mein Leben, über meine Beweggründe, über meine Faulheit, über meine Schwächen, über meine Dummheit, über alles an mir war die Mutter bestens in Kenntnis. Wenn sie mit mir gesprochen hatte, dann gab es immer die Absicht der Mutter, Verbesserungen an mir in ihrem Sinne zu erreichen. Ihr war wichtig, dass ich in der Schule nicht den einfachsten Weg ging, sondern den schwierigeren, holprigen, weil ich auf dem mehr lerne. Sie wollte nicht, dass ich den leichten Ferienjob mache, sondern den schweren, damit ich besser begreifen kann, wie viel Arbeit notwendig ist, um Geld zu verdienen.

Mir war bewusst, dass die Mutter genau wusste, dass ich mir mit dem Job am See den leichten Job gesucht hatte. Weil aber die Mutter aufgehört hatte, mich auf solche Dinge anzusprechen, passierte mit mir etwas neues: Ich wusste genau, wie die Mutter über meinen Faulenzerjob dachte, weil sie ihre Meinung darüber aber nicht mehr im Gespräch mit mir kundtat, musste ich mein Verhalten auch mir selbst gegenüber weniger kritisch überprüfen und begründen. In dieser neuen Situation ging es mir in der Familie besser als je zuvor. Mein schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern, wegen dem allzu leichten Weg, den ich gewählt hatte, war leichter geworden. Manchmal in den letzten Wochen war es völlig verschwunden. Obwohl ich ganz eindeutig Tugenden der Mutter missachtet hatte, war mein Gewissen plötzlich nicht mehr der Plagegeist, wegen dem ich mich zuvor täglich quälte.

Das Thema mit den Tugenden war in der Familie abgeschlossen. Es war während der Jahre bei den Eltern klar geworden, dass ich die Tugenden der Familie nicht lernen werde. Die Situation, dass die Mutter nichts tugendhaftes mehr zu mir sagte, sondern mich deshalb gewähren ließ, weil ich in der Familie ohnehin schon lange gescheitert war, wirkte auf mich wie eine Befreiung von einer großen Last. Ich konnte die Schule und die Abschlussprüfung in Ruhe beenden, den Führerschein machen und einen einfachen Job haben. Dabei ging es mir in den letzten Wochen nicht schlecht. Ich ließ es mir gut gehen. Tagsüber am See, hin und wieder traf ich Freunde abends in einer Kneipe im Ort, oder ich besuchte sie zu Hause, nebenbei die Führerscheinprüfung. Ja, die Führerscheinprüfung. Das war der Tag, der mich in den letzten Wochen am stärksten belastete. Vormittags die knappe Führerscheinprüfung, nachmittags die gemeinsamen Fahrt mit der Mutter zu Frau Stößer wegen meines neuen Zimmers in die große Kreisstadt. Das war das anstrengendste Erlebnis für mich in den letzten Wochen. Davon abgesehen ging das Leben während der letzten Wochen in der Familie recht ruhig von der Hand. Das Schweigen in der Familie wirkte wie ein verlässlicher Vertrag. Beide Seiten hatten miteinander abgeschlossen und gönnten sich eine abschließende ruhige Zeit miteinander, um den heutigen Tag, an dem der Vertrag endet, in Ruhe zu erreichen und in Ruhe vorüberziehen zu lassen.

Vor drei Jahren hatte die Mutter mir einen Ferienjob vermittelt. Tante Gretel und ihr Mann sind Pächter einer bekannten Berghütte. Kurz unterhalb des ersten Gipfels eines riesigen Bergmassivs findet sich das Übernachtungshaus von Tante Gretel. Auf dem Weg zu einer Gipfelbesteigung kommt man an Tante Gretels Hütte als Übernachtungsstation nicht vorbei. Man schafft den Aufstieg zum Gipfel und den Abstieg nicht an einem einzigen Tag. Selbst ortskundige, durchtrainierte Kenner der Route legen bei Tante Gretel eine Übernachtung ein. Vor zwei Jahren habe ich zwei Wochen lang auf der Hütte gearbeitet. Auch im vergangen Jahr war ich oft über das Wochenende zur Hütte aufgestiegen, um dort zu arbeiten. Tante Gretels Bezahlung für meine Mitarbeit war sehr schlecht gewesen. Trotzdem war ich im vergangenen Jahr über die Sommermonate beinahe jeden Freitagnachmittag auf die Berghütte hinaufgestiegen und am Sonntagabend kurz vor der Dämmerung wieder abgestiegen. Die Eltern haben es gerne gesehen, wenn ich mein Taschengeld durch regelmäßiges Arbeiten aufbesserte. Täglich viel und schwer zu arbeiten, das ist der Mittelpunkt des Alltags der Eltern.

Dass es den Eltern materiell gut geht hängt unmittelbar mit deren sehr gewinnbringenden Geschäft zusammen. Das Geschäft liegt an einer belebten Straße im Ort in zentraler Lage. Ich glaube, den Eltern war sehr daran gelegen, dass ich nicht nur in meinem Kopf, sondern durch eigene Erfahrung ein Bild davon entwickle wie anstrengend es ist Geld zu verdienen.

Den Eltern war immer sehr daran gelegen mich nicht mit unnötigen Dingen zu versorgen, mich nicht materiell zu verwöhnen. Deshalb hatten sie bestimmte Wünsche von mir nicht einfach erfüllt, obwohl es ihnen möglich gewesen wäre. Das taten die Eltern auch dann nicht, wenn sie davon überzeugt gewesen waren, dass mein Wunsch ein guter, weil sinnvoller Wunsch ist. So war mein Wunsch den Führerschein zu machen in den Augen der Eltern ein vernünftiger, denn beide Eltern sind der Meinung, dass ein Führerschein heutzutage unentbehrlich sei. Trotzdem war es für die Eltern selbstverständlich, dass ich für einen erheblichen Teil der Kosten selbst aufkommen sollte. Es war den Eltern immer wichtig, dass ich lerne den Wert der Dinge richtig einzuschätzen.

Für mich war es selbstverständlich, dass ich an die Eltern keine materiellen Forderungen richtete. Das schon deshalb nicht, weil sie ohnehin für meinen Lebensunterhalt sorgten. Meine Ansprüche waren bescheiden. Aus dem Kinderheim war ich es gewohnt, kein neues Spielzeug zu besitzen. Ich war daran gewöhnt kein neues Radio geschenkt zu bekommen und keine neue Kleidung zu tragen. Diese Dinge waren stets bereits von anderen Kindern benutzt worden. Für mich hatte das keinerlei Problem dargestellt. Die Haltung der Eltern hat dazu geführt, dass ich weiterhin sparsam mit meinem Taschengeld und meinem selbst verdienten Geld umging. Sie hat meine Sparsamkeit und Bescheidenheit weiter unterstützt. Ich glaube deshalb bin ich bestens gerüstet auch künftig in der großen Kreisstadt mit dem bescheidenen materiellen und finanziellen Rahmen, den ich habe zu Recht zu kommen. Materielle Geschenke der Eltern waren für mich stets mit einem unangenehmen Beigeschmack behaftet. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen. Auch wenn ich mich über den neuen Radiorecorder zur Weihnachten, dem Fahrrad und die neue Uhr zum Geburtstag gefreut und bedankt hatte, auch wenn ich mir die neuen Fahrradtaschen und das Zelt gewünscht hatte, in meinem Gefühl blieb zurück, dass es mir aus welchem Grund auch immer, vielleicht auf Grund meiner Erfahrungen aus dem Kinderheim, eigentlich naturgegeben nicht erlaubt gewesen wäre einfach solche teuren und unbenutzten Geschenke anzunehmen. Ich war verunsichert. Ich wusste nicht woher ich plötzlich das Recht bekommen hatte, Geschenke der Eltern anzunehmen. Dankbar habe ich das alles angenommen. Ich habe versucht mich auch an diese neue Situation zu gewöhnen. Trotzdem blieb ich unsicher, weil ich jahrelang nicht solch neue Dinge geschenkt bekommen hatte.

Die Meinung der Eltern, ich könnte Gefahr laufen nicht die richtige Einstellung zu Arbeit und Geldverdienen zu erlernen, was den Einkauf solcher materiellen Werte erst ermöglicht, war glaube ich unberechtigt. Ich wusste damals genauso gut wie heute, dass Dinge, die man neu kauft sehr viel Geld kosten. Ich hatte lange bevor ich die Eltern kennen gelernt habe schon erlebt und gelernt, dass ich mir in meiner Situation keineswegs neue Dinge leisten kann. Für mich hatte jahrelang ein gebrauchtes Fahrrad, oder ein defektes Radio, das ich aus dem Abfallberg hinter einem Elektroladen zog um es zu reparieren, einen riesigen Wert. Für mich ist es heute noch unschätzbar wertvoll, wenn es mir gelingt, einen demolierten Schallplattenspieler wieder in Gang zu setzen und noch viele Jahre weiter zu benutzen. Ich habe im Kinderheim gelernt, mit sehr wenig Geld auszukommen. Dort habe ich gelernt einen alten Kassettenrecorder aus einer Mülltonne zu ziehen, zu zerlegen und den Defekt zu finden. Mein Bruder hat mir im Kinderheim gezeigt, wie man mit einem alten Lötkolben, den er ebenfalls aus dem Müllkübel hinter einem Fernsehgeschäft gezogen hatte, die zerkratzten Verbindungen auf Platinen wieder herstellt. Im Kinderheim habe ich gelernt die Geduld vieler Stunden aufzubringen, um in einem Radio sämtliche Widerstände, Kondensatoren, Transformatoren, Kabel- und Platinenverbindungen zu überprüfen, bis der Fehler festgestellt war. Bei der Reparatur solcher Geräte hat mir mein Bruder im Kinderheim gezeigt, wie man mit Phantasie, Improvisation und einem gehörigen Maß Mut zum Risiko die Defekte in den Geräten so weit mindert, dass der Plattenspieler wieder einsetzbar war. Für mich war es die größte Freude gewesen, benutzte Sachen die andere weggeworfen hatten, so aufzumöbeln, dass sie gut weiterhin benutzt werden konnten. All das hat mich wohl deshalb so stark interessiert und begeistert, weil ich den Wert des Geldes schon lange zu schätzen wusste. Mir war immer klar gewesen, dass ich nie das Geld haben werde, um solche Dinge neu anzuschaffen.

Auf der Berghütte bei Tante Gretel war ich für das schmutzige Geschirr in der Küche und für die Reinigung der Matratzenlager und vermieteten Zimmer zuständig. Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht. Probleme gab es dabei nicht. Ich arbeitete schnell und ordentlich. Probleme gab es mit der Tante. Sie hat mich stets bei der Arbeit beobachtet. Sie kontrollierte genau, wie sauber und ordentlich ich arbeitete. Sie unterwies mich jedes Wochenende neu in meine Aufgaben. Die Unterweisungen der Tante waren exakt. Der lehrreiche Ton der Tante war scharf und deutlich. Die Kommandos der Tante wiederholten sich jedes Wochenende so als sei ich zuvor noch nie zur Arbeit auf der Hütte erschienen. Nach zwei Monaten hatte ich das Gefühl, dass die kommandierende, strenge Tante jetzt wissen müsste, dass ich bereits kenne, worin sie mich jedes Wochenende erneut einwies. Doch die Tante dachte nicht daran. Jeden Freitagnachmittag, wenn ich durchgeschwitzt die Berghütte erreicht hatte, war die Tante sofort zur Stelle, um mir aufs Neue zu erklären, dass ich das Haus vom Matratzenlager unter dem Dach abwärts über die Zimmer im ersten Stock bis in den Keller sauber zu machen habe. Das erklärte mir die Tante jedes Mal wieder so genau und detailliert, dass ich eines Freitags dachte, dass die Tante, aus welchem Grund auch immer, davon überzeugt sein musste, dass sie einen sehr dummen Jugendlichen vor sich hat.

Wegen dieser Idee war mir der Gedanke gekommen, dass die Tante in ihrer strengen Art der permanenten Unterweisungen einen Auftrag der Mutter übernommen haben könnte. Weil die Tante ein Familienmitglied ist, war ich sicher gewesen, dass die Tante mit der Mutter hin und wieder über mich gesprochen hatte. An besagtem Freitagnachmittag fegte ich gründlich, wie es stets meine Art gewesen war vom Matratzenlager bis zum Keller durch jedes Zimmer des Hauses. Meine Gedanken waren dabei auf die Frage gestoßen, welche Absprachen wohl zwischen Mutter und Tante getroffen worden waren. Die Genauigkeit und Kontrolle der Tante, ihre kommandierende Art, das mag ihr eigen gewesen sein. Ihr Verhalten mir jedes Wochenende aufs Neue das bereits detailliert erklärte noch mal vorzukauen, dem kann nur die Annahme zu Grunde liegen, dass ich von einem Wochenende aufs nächste vergesse, was und wie ich auf der Hütte zu arbeiten habe. Andererseits, so dachte ich, während ich über die Fensterbänke im Matratzenlager wischte und durch das Glas die herrliche Aussicht über die weitläufigen Hochgebirgsketten unter dem strahlend blauen Julihimmel sah, andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Mutter der Tante verkauft hatte, dass ich zu dumm wäre, die mir zugeordneten Reinigungsarbeiten eigenständig zu erledigen und mir binnen einer Woche zu merken, um welche Reinigungsarbeiten es sich handelte.

Wahrscheinlich hatte die Tante mit der Mutter mehrfach über mich gesprochen. Wahrscheinlich hatte diese Tante, die Informationen der Mutter auf ihre Weise ausgewertet. Wahrscheinlich behandelte mich die Tante so dumm, wie es ihr persönlicher Eindruck von mir gewesen war. So habe ich schließlich an dem Nachmittag gedacht, während ich mit feuchtem Lappen und Putzeimer den kalten Keller wischte. Vielleicht hatte sie von der Mutter den Auftrag erhalten, mich während meiner Arbeit genau zu kontrollieren. Sicherlich hatte die Tante nicht den Auftrag, mich wie einen dummen Jungen zu behandeln.

Letztes Jahr, während der Schulferien über Pfingsten, sollte ich zwei Wochen lang in der Hütte arbeiten. An meinem freien Nachmittag hatte ich mir eine Fernsehsendung angesehen. Es gab ein kleines Aufenthaltszimmer für die Mitarbeiter. Dort stand ein winziges Fernsehgerät, das für die Mitarbeiter zugänglich gewesen war. Das Fernsehen war jedem Mitarbeiter in seiner Freizeit erlaubt. Eines Nachmittags hatte die Tante mich in dem Zimmer vor dem Fernsehgerät aufgespürt. Es sei eine Unverschämtheit von mir, faul vor dem Fernsehgerät zu sitzen. Sie scheuchte mich aus dem Zimmer. In ihrem gewohnten Komandierton hielt mich die Tante zur Arbeit an. Dass ich einen freien Nachmittag gehabt hatte, der im Schichtplan eingezeichnet war, interessierte die Tante nicht. Meine Erklärung war für die Tante unnütz, weil in ihren Augen ungültig. In ihren Augen fehlte mir die Berechtigung für eine Erholungspause vor dem Fernsehgerät. Freie Nachmittage, so hatte sie kurz und deutlich gesagt, gäbe es nur für diejenigen Saisonarbeiter, die den gesamten Sommer durcharbeiten würden. Ferien- und Wochenendbeschäftigte wie ich, hätten keine freien Nachmittage. Der Sohn der Tante war der offizielle Hüttenwirt. Er hatte mich angestellt und mit mir den Arbeitsvertrag und die Schichtplanung gemacht. Mit ihm waren meine zwei freien Nachmittage während der vierzehntägigen Schulferien vereinbart. Leider war der Sohn in dieser Zeit nur selten auf der Hütte zu sehen. Die Tante führte das Regiment.

Die Situation, als die Tante mich vor dem Fernsehapparat ertappt hatte, erinnerte mich an die Mutter. Vielleicht hatte die Mutter der Tante gesagt, dass ich auf der Berghütte arbeiten sollte, aber auf keinen Fall fernsehen dürfe. Vielleicht wäre die Tante weniger rabiat aufgetreten, wenn ich anstatt vor dem Fernsehgerät zu sitzen, in einem Buch gelesen hätte. Wahrscheinlich, so hatte ich mir das Auftreten der Tante damals erklärt, hatte die Tante betreffend dem Fernsehen die gleiche Einstellung, wie die Mutter. Ich glaube, die Mutter hatte Angst davor, dass ich vom Fernsehen süchtig werden könnte und in absolutes Nichtstun verfallen könnte.

Den Befehlen der rabiaten Tante habe ich mich nicht widersetzt. Ich hatte die zwei Wochen durchgearbeitet und auf meine zwei freien Nachmittage verzichtet. Allerdings habe ich nach diesen Ferien nicht wieder auf der Hütte gearbeitet. Mit der Mutter konnte ich über die Arbeit und die Tante auf der Hütte nicht sprechen. Ich war mir sicher gewesen, dass sie im Austausch mit der Tante stand. Hätte ich versucht mit ihr über die Tante zu sprechen, wäre bei diesem Gespräch nichts anderes als die mir bereits bekannte Haltung der Mutter erneut zu Tage getreten, denn sicherlich war sie bereits über mein Verhalten aus Quelle und Sicht der Tante informiert gewesen. Die Vorstellung, mit den Eltern über das Auftreten der Tante auf der Hütte zu sprechen, war mir unmöglich. In meinem Kopf fand ich Angst davor, dass meine Haltung in so einem Gespräch vermutlich Befürchtungen der Eltern bestätigen könnte, dass mir eine, gemessen an den Tugenden der Eltern taugliche Einstellung zu Arbeit und Geldverdienen nach wie vor fehlt. Dass mich die Tante gerade an einem Ort an dem ich mich zum Zwecke der Arbeit aufhielt, ausgerechnet vor dem Fernsehgerät erwischt hatte, war für die Eltern sicherlich schlimm genug gewesen. Ich glaube, das hatte Befürchtungen der Eltern bestätigt. Es hatte bestätigt, dass ich nach wie vor hochgradig gefährdet war. Ich war gefährdet Vergnügen und Faulheit, Dreistigkeit und Frechheit, Ungeheuerlichkeit und Unverschämtheit ausgerechnet an einem Ort zu fronen, wo Tugenden wie Fleiß, Unterwürfigkeit, Dankbarkeit und die Bereitschaft Opfer zu bringen, indem man auf eine Pause zugunsten engagierter, beinahe selbstloser Arbeit verzichtet, bedingungslos notwendig gewesen wären. Denn an diesem Ort, auf Tante Gretels Hütte, war ich nicht zu meinem Vergnügen gewesen, sondern ich war dort oben gewesen, um das zu erlernen, was für die Eltern den Lebensmittelpunkt darstellt: Arbeit.

Den Wagen von Martina steuere ich mit mäßiger Geschwindigkeit Richtung Gebirgsort. Links am Straßenrand sehe ich eine beschilderte Abzweigung Richtung See. Dort habe ich bis vor wenigen Tagen im Bootshaus gearbeitet. Der Bootshausbesitzer hatte zugesichert mir den letzten Teil meiner Bezahlung in den nächsten Tagen zu geben. Er wollte mich zu Hause anrufen, um mir zu sagen, wann ich das Geld abholen kann. Ab heute wird er mich zu Hause nicht mehr erreichen. Es wird also schwierig für den Chef, mir zu sagen wann ich das restliche Geld abholen kann. Ich setze den Blinker und biege langsam in die Straße zum See ab.

Auf dem Dachboden im Haus der Eltern gibt es eine riesige elektrische Modelleisenbahn. Der Vater hatte diese Anlage Jahre bevor ich in die Familie gekommen war gekauft. Nachdem mich die Eltern im Alter von dreizehn Jahren aufgenommen hatten, fand ich diese Anlage äußerst interessant. Sehr viele verregnete Wochenendnachmittage habe ich auf dem niedrigen Speicher an der Modelleisenbahn zugebracht. Im alter von fünfzehn und sechzehn Jahren war mir das Basteln an der Modellbahn zunehmend langweiliger geworden. Anstatt an der Modellbahn zu basteln hatte ich eines Nachmittags begonnen, mich auf dem Speicher genauer umzusehen. Allerhand altes Gerümpel das die Mutter dort lagerte, hatte ich dabei gefunden. Mein Interesse wurde von einem alten, tragbaren Schwarzweißfernsehgerät geweckt. Das Gerät kramte ich unter einem Berg von Kartons, Koffern und Plastiksäcken mit Kleidung hervor. Die Mutter hatte mir oft verboten nachmittags oder am Wochenende fernzusehen. Ich glaube, weil das Fernsehen in den Augen der Mutter ein grundsätzliches Übel ist, hatte sie es für richtig gehalten, dass ich abends wenn überhaupt, dann höchstens Nachrichten im Fernsehen sehe. Danach wurde das Gerät in der Regel ausgeschaltet.

Durch das gefundene alte Fernsehgerät auf dem Dachboden wurden für mich die Nachmittage bei der Modelleisenbahn wieder interessant. Ich versteckte das Gerät in einer Ecke neben einem kleinen Regal. Das Gerät funktionierte einwandfrei, der Empfang war allerdings schlecht. Während des Fernsehens ließ ich die Eisenbahn stets laufen. Ich dachte daran, dass die Mutter, unten an der Speichertreppe auf keinen Fall andere Geräusche hören darf, als das gewohnte Fahrgeräusch der Modellbahn. Es war dumm von mir gewesen, zu glauben, dass die Mutter nicht sehr schnell Verdacht schöpft. An den folgenden Wochenenden war ich lange Zeiten auf dem Speicher verschwunden. Zuvor war ich kaum mehr länger als eine Stunde auf dem Speicher bei der Eisenbahn geblieben. Vielleicht hatte die Mutter schon in früheren Zeiten hin und wieder die Speichertreppe hinauf geschaut, um sich davon zu überzeugen, dass ich an der Eisenbahn bastelte. Ich hätte ahnen können, dass sie schnell durchschauen würde, welchem Interesse ich auf dem Speicher nachging.

Jetzt lenke ich den grünen Wagen auf den gut gefüllten Parkplatz am See. Der Wächter am Parkplatz ist ein Mitschüler aus der Schule am Berg. Ich darf den Wagen kostenlos auf den Plätzen für Bedienstete abstellen. Länger als eine viertel Stunde werde ich nicht bleiben. Deshalb gibt mir der Mitschüler den Schlüssel für das Schrankenschloß. Beinahe routiniert lenke ich den Wagen auf den Parkplatz und rangiere ihn rückwärts in eine freie Lücke. Das alles wird von dem Mitschüler hinter der Glasscheibe sehr genau und mit vielleicht berechtigt sorgenvollem Blick verfolgt. Schließlich bin ich Fahranfänger. Ausgerechnet mich lässt er auf dem Mitarbeiterparkplatz herum kurven. Im Rückspiegel sehe ich den Mitschüler, wie er durch die Glasscheibe in seinem Kassenhäuschen über den vollen Parkplatz zu mir hinüber starrt. Das Auto habe ich ordentlich zwischen zwei andere Kleinwagen geparkt. Keine Schramme, keine Beule, nichts. Dem Mitschüler schiebe ich lächelnd den Schlüssel unter der Glasscheibe hindurch zurück. „Alles klar, merci dir.“ Das sage ich. Es bestätigt, dass der Mitschüler zwar seine Kompetenz überschritten hat, weil er mich hier parken lässt, das aber damit keinerlei Risiko für ihn verbunden ist. Ob der Mitschüler darüber genauso denkt wie ich, weiß ich nicht. Der Mitschüler nimmt den Schlüssel an sich, er lächelt und nickt. Ich gehe los in Richtung See. Ich laufe an Kiosken und Verkaufsständen vorbei, die mir von meinem Weg zur Arbeit im Bootshaus bekannt sind. Vor ihnen drängen sich Trauben von Touristen. Der heutige Geschäftstag ist gut.

Das Fernsehen auf dem Speicher muss für die Mutter eine meiner schlimmsten Missetaten gewesen sein. Mein Fehlverhalten war eine riesige Unverschämtheit. Ein Vertrauensbruch, der an Hinterlistigkeit nicht zu überbieten war. Das Haus hatte ich an diesem Nachmittag sofort zu verlassen. Die Eltern bestraften mich nicht mit Hausarrest. Ihre Strafe war das Gegenteil. Ich hatte hinauszugehen an die frische Luft. Die Stubenhockerei war schlecht für mich, deshalb schickten sie mich hinaus. Es hätte ihrer Grundauffassung widersprochen, mich in mein Zimmer zu verbannen. Ich sollte nach draußen gehen und dort irgendwo herumlaufen, das würde mir gut tun. Damit hatten die Eltern tatsächlich recht. Es war wesentlich gesünder und besser mich hinaus zu schicken, als mich zu Stubenarrest zu verdonnern. Im Wald war genügend Ruhe und Freiraum um bei frischer Luft über alles nachzudenken. Auf meinem Felsen im Wald überblickte ich die Dächer des Ortes und dachte über mein Fehlverhalten nach. Vor dem Abendessen brauchte ich mich, am Besten ausgerüstet mit einer ehrlich gemeinten, anständigen Entschuldigung, nicht wieder zu Hause blicken zu lassen. Ich glaube, die Mutter und der Vater hatten fürchterliche Angst davor, dass ich wegen des miserablen Fernsehprogramms zu verwahrlosen drohe. Ich kann mir das Auftreten der Eltern an dem Nachmittag nicht anders erklären. Die Mutter war fassungslos gewesen. Sofort hatte sie den Vater hinzugezogen. Der war genauso fassungslos gewesen. Das Gewicht der Schuld gegenüber den Eltern, wegen meines hinterlistigen Fernsehens auf dem Speicher schien mir an diesem Nachmittag so schwer, dass ich es kaum ertragen konnte allein auf dem Felsbrocken im Wald zu sitzen. Beide Eltern hatten mich, weil ich ihnen unentschuldbar in den Rücken gefallen war, ihres Hauses verwiesen. Beide Eltern erwarteten am Abend eine fundierte Entschuldigung für mein Fehlverhalten. Schließlich lief ich ziellos durch den Wald. Nach einer Viertelstunde saß ich wieder auf meinem Felsen. Dort hielt ich die Ruhe aber nicht lange aus. Nach wenigen Minuten lief ich durch den Wald zum Haus der Eltern zurück. Die Garagentür steht immer offen. Ich holte mein Fahrrad aus der Garage und fuhr zurück in den Wald. Ich fuhr den ganzen Nachmittag auf verschiedenen Bergstraßen auf und ab.

Zum Abendbrot hatte ich mich nicht nach Hause getraut, trotzdem war klar, dass ich irgendwie nach Hause kommen musste. Meine Fahrradstrecke auf den Bergstraßen habe ich an dem Nachmittag von Stunde zu Stunde immer näher an das Haus der Eltern verlegt. Das Haus der Eltern habe ich mit meinem Fahrrad mehrfach auf verschiedenen Straßen umrundet. Dabei habe ich die Entfernung der Straßen um das Haus immer geringer gewählt, bis ich schließlich dem Haus so nahe gekommen war, dass keine Straße mehr daran vorbei führte. Die letzte Straße, es war die Straße direkt vor dem Haus der Eltern, habe ich so gewählt, dass ich genau um fünf Minuten vor halb sieben Uhr abends auf sie ein bog. Langsam rollte ich, die Pedale kaum mehr tretend, die am Hang verlaufende Straße Richtung Elternhaus entlang. Auf der Straße war nichts los. Die Nachbarskinder hatten an dem Nachmittag nicht auf der Straße gespielt. Das Regenwetter, das meine Kleidung im Lauf des Nachmittags durchweicht hatte, war Schuld. Das Leben auf der Straße, die Ballspiele, die Versteckspiele, die Laufspiele mit den Nachbarskindern an denen ich oft beteiligt gewesen war, das alles, und damit das ganze Leben schien an diesem Nachmittag für mich still zu stehen. Ich hatte ich einen Schuldigen gefunden. Es muss der Regen gewesen sein! Nur wegen ihm hatte ich nicht auf der Straße mit den Nachbarskindern gespielt. Wegen ihm war ich auf dem Speicher bei der Eisenbahn gesessen. Es war das scheußliche Regenwetter gewesen. Das hatte mich dazu verleitet, auf den Dachboden hinauf zu steigen und dort das Vertrauen der Eltern wieder auf das Tiefste zu missbrauchen. Der Regen hatte den ganzen Tag versaut. Er hatte dafür gesorgt, dass ich auf dem Dachboden gewesen war, dass ich dort fern gesehen hatte, dass ich schließlich ein schlechtes Gewissen wegen meines Vertrauensbruches gegenüber den Eltern bekommen hatte, dass ich durchnässt durch den Wald gerannt war, dass ich verfroren aufs Fahrrad gestiegen war und Stunden lang durch die Gegend gekurvt war, um schließlich mit immer noch schlechtem Gewissen abends kurz vor halb sieben Uhr wieder zu Hause anzukommen. Meine Antwort für die Mutter war der Regen. Meine Entschuldigung war nicht ich und mein schlimmes Verhalten. Ich war es nicht gewesen. Nicht ich war schuld. Der Regen war es.

Pünktlich um halb sieben Uhr war ich zu Hause angekommen. Das war die Uhrzeit zu der täglich zu Abend gegessen wurde. Um nicht noch mehr Schaden anzurichten war ich absolut pünktlich gekommen. Mein Gewissen gegenüber den Eltern war sehr schwer belastet. Ich entschuldigte mich für mein unverschämtes Verhalten vom Nachmittag. Ich versuchte das so ehrlich, wie es mir möglich war. Erst im Treppenhaus hatte ich es geschafft, meine Gedanken an die Schuld des Regens abzudrängen. In meinem Kopf zerrte ich mein schlimmes Verhalten vom Nachmittag hervor. Das was ich dem Regen zuvor an Schuld in die Schuhe geschoben hatte, ordnete ich auf dem Absatz zum Esszimmer im Kopf endlich mir selbst zu. Damit hatten die Eltern erreicht, was sie wollten. Ich sah, wenn auch spät, meine tiefe Schuld ein. Mein niederträchtiges Verhalten war an allem schuld gewesen. In meinen Worten erklärte ich den Eltern, dass ich einsehe, welche Schuld ich auf mich geladen hatte. Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde, dass ich die Eltern nie wieder so niederträchtig hintergehen werde. Es war nie wieder vorgekommen. Abends im Wohnzimmer der Eltern habe ich auch nach diesem Nachmittag weiterhin immer dann ferngesehen, wenn sie ins Konzert, oder ins Theater gefahren waren. Die Eltern hatten das immer gewusst. Die Mutter hätte den Fernsehschrank versperren können. Das hatte sie nicht getan.

Das von der Mutter so gehasste und auch nach meiner Meinung sehr schlechte Fernsehprogramm, war für mich weiterhin erreichbar geblieben. Dass ich abends fernsah, wenn die Eltern außer Haus waren, war niemals in der Familie besprochen worden. Die Eltern hatten diese Tatsache stillschweigend hingenommen. Vielleicht war das eine Taktik der Mutter gewesen? Für mich war diese Taktik undurchschaubar geblieben. Während verschwiegen wurde, was alle gewusst hatten, dass ich fernsehe wenn die Eltern abends weg waren, bestand ein unausgesprochenes Verbot, dann fernzusehen, wenn abends alle zu Hause waren. Um das Medium Fernsehen hatte ein jahrelanger Kampf zwischen den Eltern und mir stattgefunden. Vielleicht konnte das deshalb geschehen, weil wir nie gemeinsam fernsahen. Vielleicht wäre das alles ganz anders verlaufen, wenn zu Hause über die Inhalte, die das Fernsehen zeigte nicht geschwiegen worden wäre.

Langsam laufend arbeite ich mich durch Menschenmassen an den See heran. Aus den Küchen der Hotels und Restaurants am Straßenrand rieche ich, dass es nahe der Mittagszeit ist. Ich habe keine günstige Uhrzeit gewählt um den Besitzer des Bootshauses aufzusuchen. Zwischen elf und dreizehn Uhr war er an der Kasse immer von seinem Sohn vertreten worden. Weil das auch heute so ist, treffe ich dort den Sohn an. Ich hinterlasse meine neue Adresse in der großen Kreisstadt. Ich bitte darum, dass der Chef mir das Geld dorthin schicken möge. Der Sohn sichert zu, dass sein Vater das bestimmt tun werde. So laufe ich entgegen dem Touristenstrom zurück Richtung Parkplatz.

Niemals habe ich im Geschäft der Eltern mitgearbeitet. Nur einmal, kurz nachdem ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich dem Vater in einem kleinen Lager, dass er damals nahe dem Bahnhof angemietet hat, beim Einlagern von Kisten geholfen. Es war darum gegangen angelieferte Ware in dem Lager zu verstauen und bestimmte Waren, die der Vater im Geschäft benötigte, auszupacken. Das war das einzige Mal gewesen, dass ich dem Vater bei seiner Arbeit geholfen hatte. Vielleicht war es nur einmal dazu gekommen, weil es mir lieber gewesen war, wo anders einen Ferienjob zu machen, um der Kontrolle der Eltern zu entgehen.