10. Auf der Schnellstraße

Ich habe eine andere Abfahrt von der Höhenringstraße genommen. Die endet nach einer stark abfallenden Geraden an einer Kreuzung. Hier mündet sie auf eine breit ausgebaute Schnellstraße. Sie verbindet den Gebirgsort mit einer Stadt im naheliegenden Nachbarland. In diese Stadt waren die Eltern häufig unterwegs gewesen, weil es dort große Theaterbühnen gibt und weil es dort an interessanten klassischen Konzerten nicht mangelt.

Ich stehe an der Kreuzung und habe den Blinker vorschriftsmäßig nach links, Richtung Gebirgsort gesetzt. Ich überzeuge mich davon, dass weder rechts noch links ein Fahrzeug naht. Langsam lasse ich die Kupplung kommen, dabei gebe ich Gas und steuere nach links. Aber der Wagen will nicht so, wie ich mir das vorstelle. Der Wagen hoppelt mitten auf die Straße. Deshalb trete ich sofort wieder auf die Kupplung. Trotzdem stirbt der Motor sofort ab. Ich habe Glück, denn der Wagen rollt noch. Die breite Straße verleitet viele Autofahrer im Bereich dieser Abzweigung zu überhöhtem Tempo. Der Wagen rollt langsam über die Mittellinie. Ich drehe am Zündschlüssel, höre den Anlasser, bleibe auf der Kupplung, gebe Gas, aber der Motor springt nicht an. Ich sitze, lenke, schwitze und hoffe, dass ich es bis zum Straßenrand schaffe. Der Wagen rollt langsam, aber er rollt. Ich setze den Blinker nach rechts, schalte ihn wieder aus und schalte, wie ich es gelernt habe, die Warnblinkanlage ein. Jetzt nehme ich den Gang raus und lasse langsam vom Kupplungspedal ab. Sogleich löse ich den Sicherheitsgurt, öffne die Fahrertüre und springe schnell auf die Fahrbahn. Die Rechte am Lenkrad, die Linke am Türholm unterstütze ich das Rollen des Wagens durch meine Kräfte. So schaffe ich es den Wagen auf den Seitenstreifen der breiten Straße zu bewegen. Jetzt donnert das erste schnelle Fahrzeug auf der Fahrbahn an mir vorbei. Ich setze mich wieder in den grünen Peugeot und betätige die Zündung. Ich versuche das drei vier Mal, doch der Wagen will nicht anspringen. Erst als ich höre, dass der Anlasser bei jedem Zündversuch schwächer und schwächer durchdreht und schließlich nur noch ein jämmerliches Heulen von sich gibt, höre ich mit den Zündversuchen auf. Ich steige aus, öffne den Kofferraum. Dort finde ich tatsächlich, worauf ich hoffe. Ein hellgrüner Benzinkanister. Leider leer. Den Wagen sperre ich ab. Den leeren Kanister schwenkend laufe ich auf die gegenüberliegende Straßenseite. Hinter der Einmündung der Bergstraße, die ich vor Minuten herunter gerollt war, stelle ich mich an den Straßenrand. Ich halte meinen Daumen heraus, sobald sich ein Fahrzeug nähert. Die nächste Tankstelle kenne ich. Sie liegt in etwa drei Kilometern Entfernung in Richtung der Landesgrenze. Weil sich die Mittagszeit nähert ist der Verkehr auf der sonst stark befahrenen Straße nur gering. Vereinzelt donnern schnelle Fahrzeuge an mir vorüber. Ich laufe nicht los, denn ich kenne die Straße. Die Kreuzung ist gut geeignet, einen Tramper zusteigen zu lassen. Ich stehe auf einem breiten Seitenstreifen. Wegen der Kreuzung ist höchstens eine Geschwindigkeit von siebzig Kilometern erlaubt.

Zwanzig Minuten stehe ich am Straßenrand, bis sich ein grauer, langer Wagen nähert. Es ist ein viertüriger Kombi. Der Fahrer hat den Blinker nach rechts gesetzt und wird langsamer. Noch bin ich nicht sicher, ob er das wegen mir und meinem grünen Benzinkanister und meinem Daumen, den ich der Fahrbahn entgegenstrecke tut, oder ob er auf die Bergstraße abbiegen möchte, vor deren Auffahrt ich mich am Straßenrand postiert habe. Tatsächlich reduziert der Fahrer sein Tempo wegen mir. Der Wagen bleibt stehen. Ich öffne die Beifahrertür. Ein langer Kerl sitzt am Steuer. „Wo wuist‘n hi?“ Anstatt eine Antwort zu geben halte ich den grünen Kanister hoch. Der lange Kerl löst seine riesige rechte Hand vom Lenkrad und deutet mir, schnell einzusteigen. „Hast koan Saft mehr oder wos?“ Ich setze mich in den schwarzen Kunstledersitz und nicke bestätigend. Der Kerl gibt kräftig Gas, so dass die Wagentür zuknallt. Das sagt mir, dass der Mensch in Eile ist. Vielleicht will er die Sekunden an Zeitverlust, welche durch mich entstanden sind, schnell wieder rein zu holen. Ich greife zum Sicherheitsgurt, ziehe ihn vor mich und suche links nach dem roten Einraster. Erst jetzt erkenne ich, wen ich da neben mir habe.

Ich sitze im Wagen neben Michael, der kräftig Gas gibt. Michael war in meiner alten Schule einer der Klassenkameraden. Vor Jahren war er daran beteiligt gewesen, als mich er und andere Klassenkameraden mit dem heißen Feuerhaken bedrohten. Für Michael scheint völlig klar zu sein, wen er da zur nächsten Tankstelle mit nimmt. Obwohl wir uns Jahre nicht gesehen haben, erkennt er mich sofort wieder. Jetzt begrüßt er mich lächelnd und nennt dabei meinen Namen. „Servus Bert!“ plärrt er mir ins linke Ohr. „Wia schauggt‘s bei dir aus?“ schreit Michael. Aus dem Radio dröhnt ein Abba-Song. „Supertruper“ heißt der glaube ich, zumindest verstehe ich das. Das passt ja richtig super, denke ich. Ist wirklich „supertruper“, dass ich jetzt ausgerechnet auf den alten, halbstarken Klassenkameraden Michael treffe! Ausgerechnet heute! Auch ich schreie wegen „Supertruper“ so laut wie mir möglich: „Passt scho, laft scho, geht scho!“

Den Vorfall mit dem Feuerhaken, die Abneigung zwischen uns während der damals verbleibenden Zeit, die ich auf der Schule im Ort noch zugebracht hatte, scheint Michael wohl vergessen zu haben. Denn er lacht mich von der Seite an. Ich finde er lacht nicht frech oder gar gehässig. Diesem Menschen und den anderen beteiligten war ich nach der Sache mit dem Feuerhaken stets aus dem Weg gegangen. In der Schulklasse konnte ich damals erreichen, dass mich der Lehrer in die andere Ecke des Klassenzimmers neben den ruhigen und zurückhaltenden Oliver aus Helgoland umsetzte. Oliver war damals so wie ich ein Außenseiter gewesen. Oliver war der einzige Mensch in der Schulklasse gewesen, von dem ich einmal nach Hause eingeladen worden war. Oliver hatte mich eingeladen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt sogar noch im Kinderheim gelebt hatte. Damals hatte ich mit Oliver einen wunderschönen Nachmittag in einem Haufen von Spielzeug verbracht. Mehr als dieser eine Nachmittag hatte zwischen uns aber nicht stattgefunden. Bis zu dem Erlebnis mit dem Feuerhaken war ich stets bemüht gewesen, meine Fremdheit und die Ablehnung der Mitschüler die mir entgegen schlug, dadurch zu überwinden, dass ich verzweifelt trotzdem Kontakt zu denjenigen suchte, die mir seit Jahren gezeigt hatten, dass sie mich ablehnten. Das wollte ich nicht aufgeben. Ich wollte erreichen, dass auch ich dazugehörte. Oliver hatte ich deshalb genauso wie es die Mitschüler getan hatten jahrelang links liegen gelassen. Selbst nach dem Erlebnis mit dem Feuerhaken war zwischen Oliver und mir kein Kontakt oder gar Freundschaft entstanden. Wir waren lediglich Leidensgenossen geworden, die sich eine Schulbank miteinander teilten. Nach meinem Wechsel auf die neue Schule hatte auch Oliver die Schule verlassen. Er war mit seinen Eltern zurück nach Norddeutschland umgezogen.

Michael spricht mit mir, als sei ich ein alter Schulfreund. Ohne dass ich ihn danach gefragt habe, erzählt er von denjenigen Dingen die momentan seine Hauptbeschäftigung zu sein scheinen. In den wenigen Minuten bis zur Tankstelle komme außer noch zwei, drei mal „passt scho“, geht scho“, „laft scho“ nicht zu Wort. Darüber bin ich froh, denn ich spüre in den wenigen Minuten neben Michael, trotz seines freundlichen Lächelns, dass Widerwillen in mir aufkeimt, mit Michael ins Gespräch zu kommen. Während Michael brachial die Gänge rein haut um andere Autos zu überholen und hastig an einer qualmenden Zigarette zieht, schreit er an mich gerichteten Sätze vor sich hin. „Laft wiada supa de Hochsaison! Woast scho, draußt glei neba am Riedl-Wirt hinter da Tanke, wost du glei ausse wuist, woast scho, wost aussteigts“, ich nicke verstehend, „da wos hinauf geht, woast scho, aufe geht’s da zur Höin! Da drom, jeden Tag bin i dorten! Fünfe oder sechse von de Führungen, woast scho, soichane für Touristen mach i dorten! Woast scho durch de Eishöl! Da jag i`s durch de Deppen de depperten!“ Ich sage „passt scho“ und „sauber sag i!“ und lasse Michael weiter schreien. „Madel! Woast scho de Touristinnen! Geil sans wieder drauf heuer! Auf’t Nacht geht’s wieder auf! Hint in der Disco beim Seimi!“

Michaels Geschrei gegen die Windschutzscheibe ist nicht zu bremsen. „Supertruper“ ist vorbei, ein Radiosprecher kündigt jetzt „Mexico“ den Hit der „Less Humphrie Singers“ an. Aus dem Lautsprecher dröhnt ein erstes „Meeegsicooo“. Ich stehe vor Michaels Wagen und versuche mich durch das offene Beifahrerfenster zu bedanken und zu verabschieden. Das kommt bei Michael aber nicht an. Selbst als ich mich in Richtung der Tankstelle abwende ruft Michael mir durch das Fenster hinterher: „Auf jeden Fall schaugst heit auf`t Nacht im Seimei vorbei! Do konst wos erlem!“ Ich hebe aus einiger Entfernung von Michaels Auto grüßend den leeren Kanister zu Michaels offenem Beifahrerfenster und rufe: „passt scho!“ und „merce dir! fürs mitnehmen, servus!“

Die Disco liegt im Keller eines kleinen Jugendhotels. Es ist die Disco in der ich mich oft mit Martina und anderen aus der Jugendgruppe getroffen hatte. Dass die Touristinnen in dieser Disco, so wie es Michael mir gerade ins Ohr gebrüllt hatte, angeblich darauf warten, von Typen wie ihm abgeschleppt zu werden, davon hatte ich von Jörg noch nie gehört.

Mit meinem Kanister gehe ich an die Zapfsäule. Genau fünf Liter fülle ich ein. An der Kasse kaufe ich noch einen Kaugummi, von dem ich mir, wieder draußen auf der Straße, einen in den Mund stecke. Mit dem gefüllten Kanister laufe ich einige hundert Meter am Straßenrand entlang Richtung Gebirgsort. Kurz vor der Ausbuchtung für den Linienbus bleibe ich am Straßenrand stehen und halte wieder den Daumen raus.

Michael hatte sich offenbar zu einem Menschen entwickelt, dem ich gerne aus dem Weg gehe. Hinten in seinem Wagen würde er die Touristinnen „flach legen“, so plärrte er, und dass die Saison besonders gut sei in diesem Jahr. Seine Lehre als Automechaniker habe er abgebrochen, zugunsten dieses Touristenführerjobs. Im Winter habe er immer Arbeit als Skilehrer. Ich bin froh, dass die Tankstelle so nah liegt und ich deshalb seinem Gequatsche nicht länger zuhören musste. Ob ich jemals wieder in der Disco erscheinen werde bezweifle ich jetzt sehr.

Ein Nahverkehrsbus rollt heran. Der Fahrer wirft einen kritischen Blick auf mich. Der gefüllte Benzinkanister weckt vermutlich sein Misstrauen. Weil ich keine Anstalten mache in den Bus zu steigen, kein Fahrgast aussteigen möchte und neben mir kein weiterer Fahrgast an der Haltestelle steht, gibt der Busfahrer sein Blinkmanöver auf und rauscht ohne anzuhalten an der Haltestelle vorbei.

Michaels überraschendes Erscheinen als Mitfahrgelegenheit zur Tankstelle bringt meine Gedanken zurück in das Schuljahr, als ich noch die Schule im Ort besucht hatte. Trotz der deutlichen Verbesserung meiner Schulleistungen war ich damals nicht von selbst auf die Idee gekommen, die Eltern zu bitten mich auf der anderen, auf der „höheren“ Schule auf dem Berg anzumelden. Ich hatte zwar gewusst, dass man sich auf der Schule anmelden kann, wenn man sich durch gute Leistungen für so eine „höhere“ Schule qualifiziert, doch dass auch ich dafür geeignet sein könnte, darüber hatte ich mir damals keine Gedanken gemacht. Die Mutter war es, die letztlich ohne meinen Wunsch abzuwarten dafür gesorgt hatte, dass ich an der Aufnahmeprüfung teilnehmen konnte. Aus eigenen Kräften wäre ich damals nicht in der Lage gewesen so eine große Veränderung, wie diesen Schulwechsel in die Wege zu leiten.

Einerseits wusste ich, dass meine Schulnoten gut genug geworden waren, um die „höhere“ Schule zu besuchen. Andererseits hatte ich Angst davor, die gewohnte Schule zu verlassen. Obwohl ich wegen Mitschülern wie diesem Michael jahrelang viele Probleme in der Schulklasse gehabt hatte, war der Schulbesuch dort, zu einem Stück Kontinuität für mich geworden. In der Schule hatte ich genauso wie im Kinderheim gelernt, welche Überlebensstrategie mir hilft dort zurechtzukommen. Ich versuchte unauffällig zu sein. Das könnte dort zu meinem Verhängnis geworden sein. Mein Schulbesuch war verbunden mit der ständigen Flucht vor unberechenbaren, aggressiven Mitschülern, die sich Menschen suchten, die anders waren. Ich war anders, weil ich lange Zeit im Kinderheim gelebt hatte. Deshalb gehörte ich zu denjenigen die geschlagen werden durften, auf die man sich im Streitfall schneller stürzen durfte, weil sie andere Menschen waren und das bedeutete irgendwie wohl auch, dass sie schlechtere Menschen waren. Menschen wie ich waren, weil sie anders waren, schutzloser. Gewissermaßen war ich für Kinder wie Michael wie Freiwild zum Abschuss freigegeben. Mein Alltag in der Schulklasse ähnelte dem im Kinderheim. Allerdings waren es in der Schule nicht die Erwachsenen, so wie es im Kinderheim der Heimleiter gewesen war, die auf mich einprügelten, mich einschüchterten und Angst verbreiteten. Kinder wie ich hatten keine Eltern, die wegen dreckiger, zerrissener Schulkleidung oder einem Bluterguss nach einer Schlägerei im Schulhof oder Wald bei Eltern von Mitschülern anriefen. Wegen mir hatte nie ein Erwachsener den Versuch unternommen, herauszufinden, warum ich von der Schule mit verdreckten Klamotten oder einem blauen Fleck nach Hause gekommen war. Im Kinderheim hatte das nicht interessiert. Erst die Mutter war es gewesen, die Gründe erforschen wollte, wenn ich nach dem Schulbesuch einen verstörten Eindruck auf sie gemacht hatte.

Für mich waren die Schultage, genauso wie der tägliche Ablauf im Kinderheim, zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden. Ich war daran gewöhnt, Anfeindung, Ablehnung und Gewaltandrohung von Mitschülern aus dem Weg zu gehen. Ich wusste welche Mitschüler unberechenbare, jähzornige Menschen waren und wer in der Klasse ein ausgeglichener und ruhiger Mensch war. Ich hatte meine Einschätzung von jedem Mitschüler. Ich wusste welche kleinen Grüppchen sich schnell zusammenrotteten, wenn die Situation geeignet war, um einen Mitschüler wie mich zu malträtieren. Ich wusste, wer welche Situation nutzen würde, um mich in der Schulklasse gegenüber den Lehrern zu Denunzieren. Ich hatte über Jahre in der Schule und im Kinderheim gut gelernt solche Abläufe und Gefahren schnell zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich wusste genau, was ich anzustellen hatte, um einem Angriff zu entkommen. Das gab mir oft Sicherheit. Oft gelang mir die Flucht.

Vermeintliche Sicherheit war manchmal auf Kosten anderer Mitschüler entstanden. Oft war es nur dann möglich gewesen Angriffe abzuwehren, wenn andere den Angriffen ausgeliefert wurden. Dies in Kauf zu nehmen war viele Jahre Teil meiner Überlebensstrategie gewesen. Es war eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass einer immer das Opfer sein musste. Wenn Michael im Sportunterricht sauer gewesen war und wieder begonnen hatte, seine Hasstiraden gegen „unsportliche, lahmarschige Saupreißen“ loszulassen, wusste ich sofort, dass es so weit war. Schnell hatte Michael ein Grüppchen von drei, vier anderen um sich. Leise und gezielt näherten die sich. Zu viert standen sie vor mir und versperrten den Weg in die Umkleidekabine. Im Flüsterton hieß es: „Elendiglicher Saupreiß, jetzt ziang ma dir dei Preißen-Hosen aus und grilln di unter der hoaßen Dusch wia a Händl!“ In solchen Momenten musste ich schnell sein, sonst war es aus. Ich zeigte mit ausgestreckter Hand durch die offene Tür auf den Sportplatz. Ich plärrte: „Was macht denn der Oli wieder für an Mist!“ Der rannte auf der Aschenbahn. Beim Training für den Hundertmeterlauf war Oliver von unserem alten Sportlehrer gezwungen worden in seiner gerippten kurzen Unterhose zu laufen, weil er mal wider seinen Turnbeutel vergessen hatte. An den vier Angreifern in der Tür zur Umkleidekabine rannte ich schnell vorbei, weil die ihre Blicke kurz zur Aschenbahn gewandt hatten. Draußen krümmte ich mich und lachte gemein, wegen Oliver in seiner Unterhose auf der Aschenbahn. Das reichte um die Aufmerksamkeit von Michael und seinen Freunden auf Oliver zu lenken. Der Fremde aus Norddeutschland war oft auch gut genug. Nach dem Lauf ließ Michael seine Wut an ihm aus. Das verschonte mich. Oliver wurde von Michael im Eingang zur Umkleidekabine ein Bein gestellt. Die drei anderen Burschen rissen ihm die Unterhose weg. Sie zerrten ihn unter die Dusche. Oliver bekam die Unterhose erst im Klassenzimmer wieder zurück. Michael stopfte sie in seinen leeren Joghurtbecher, den er in der Pause gegessen hatte. Den stellte er vor Oliver auf die Schulbank.

Oft war Entkommen nur möglich gewesen, wenn andere Kinder wie Oliver oder Heimkinder aus anderen Klassen da waren, auf die ich die Aggression der Mitschüler umlenken konnte. Michael und seine Freunde hatten sich zu ihrem Vergnügen Fremdlinge wie mich gesucht um sich jahrelang auf deren Kosten zu amüsieren. Vor Leuten wie Michael war ich nicht nur auf der Flucht, sondern ich hatte stets andere Menschen gebraucht die Prügel einsteckten, die eigentlich für mich gedacht waren.

Oliver hatte erst spät gespürt, dass er manchmal einstecken musste, was für mich gedacht war. Vielleicht hat er mich deshalb nur einmal zu sich nach Hause eingeladen. Zwischen Oliver und mir war wahrscheinlich deshalb nie eine echte Freundschaft entstanden. Meine Angst vor Leuten wie Michael in der Schule war zu groß gewesen. Die Prügel der Mitschüler konnte ich nur abwenden, wenn ich jemand anderen bieten konnte, den sie schlagen konnten. So war ich meinen Leidensgenossen oft in den Rücken gefallen. Andere Heimkinder, die in der Pause im Schulhof herum standen, wurden ihres Pausenbrotes oder ihres Taschengeldes erleichtert, weil Michael und seine Freunde erst durch mich auf diese Kinder aufmerksam gemacht worden waren. Auf dem Weg durchs Treppenhaus hinunter in den Schulhof pirschte sich ein Freund von Michael von Hinten an mich heran. Er packte meine Hand und bog meinen Arm über meinen Rücken. Schmerz gekrümmt ging ich in die Knie und flüsterte: „Ich weiß jemanden, der was hat, ich weiß jemanden für heute!“ Von Michaels Freund so am Arm gepackt, wurde ich über den Pausenhof in einen Ecke geschoben. Von dort sah ich mich nach Heimkindern um von denen ich glaubte, dass es möglich sein könnte, dass sie noch Reste von ihrem Taschengeld vom Wochenende bei sich hatten. Während mir der Arm weiter über den Rücken gedrückt wurde, erfuhr Michael durch Blickkontakt über den Schulhof von meinem Peiniger, welches Heimkind Geld dabei haben könnte. Zu diesem Kind schickte Michael einen anderen seiner Freunde. Von weitem sah ich wie das Heimkind in die gegenüber liegende Ecke des Schulhofes gedrängt wurde. Dort wurde es malträtiert. Durch ein Zeichen erfuhr Michael, ob von dem betreffenden Kind Geld zu holen war. Wenn das zutraf wurde ich losgelassen. Traf es nicht zu, wurde mir der Arm ruckartig auf dem Rücken Richtung Hinterkopf gedrückt. Wilder Schmerz zog über Rücken und Nacken hinauf in den Kopf. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Mir wurde heiß und kalt. Wenn ich schwindlig zusammensackte, zog der Knabe kräftiger. Ich versuchte möglichst gerade zu stehen. Schnell musste ich ein anderes Heimkind nennen, das Geld dabei haben könnte. Wenn die Pausenglocke ertönte und ich bis dahin kein Kind finden konnte, dem Michael sein Geld gab, wurde ich von meinem Peiniger in den Schwitzkasten genommen. Der würgte mich, bis ich versprach am nächsten Tag das Geld für eine Cola mitzubringen, die Michael in der Pause aus dem Automaten ziehen wollte. In der ersten Pause des nächsten Schultages musste ich dann sofort an den Getränkeautomaten gehen und das Geld für eine Cola einwerfen. In der Schlange hinter mir stand Michael. Ich musste so tun, als habe der Automat mein Geld nicht angenommen. Ich musste schnell verschwinden. Danach tat Michael so, als werfe er Geld ein. Er öffnete das Flaschenfach und zog die Cola, die ich bezahlt hatte. Das Geld hatte ich manchmal nachmittags bei anderen Kindern im Kinderheim gestohlen. Nur selten hatte ich noch etwas von meinem eigenen Taschengeld übrig, womit ich die Cola bezahlen konnte.

Vielleicht wollte ich meine alte Schule nachdem ich zu den Eltern gezogen war, nicht aufgeben weil sie das einzig sichtbare blieb, das von meinem Lebensalltag im Kinderheim übrig geblieben war. Mein Wille daran festzuhalten schien meine Ängste vor Mitschülern wie Michael überstiegen zu haben. Heute bin ich sehr froh darüber, dass die Mutter mich damals für die Aufnahmeprüfung angemeldet hatte. Es wäre wirklich dumm von mir gewesen, weiterhin auf dieser Schule zu bleiben. Ich glaube dort wäre ich solchen Dummköpfen, wie diesem Michael auf lange Sicht nur schwerlich aus dem Weg gekommen.

Die heutige Möglichkeit künftig eine andere weiterführende Schule in der großen Kreisstadt zu besuchen, habe ich dem damaligen Schulwechsel und deshalb letztlich der Mutter zu verdanken. Mit dem Schulwechsel hatte sich damals endgültig alles an meinem Lebensalltag geändert. Das wichtigste an der Veränderung war für mich, dass ich nicht mehr täglich solchen Menschen wie Michael begegnen musste. Wegen der Eltern, wegen meines Schulwechsels konnte ich damit aufhören die vermeintlich Starken auf andere Außenseiter, wie ich es einer gewesen war, zu hetzen. Ich musste nicht mehr meine komplette Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahrenquellen in den anderen Menschen richten. Nur weil ich die Jahre bei den Eltern geschenkt bekommen habe, konnte sich bei mir so vieles verändern.

Jetzt hält ein Wagen an. Diesmal ist es ein Kleinwagen mit einem Kennzeichen des nahe gelegenen Nachbarlandes. Die Fahrerin ist eine zierliche Person. Sie trägt eine kleine Nickelbrille in ihrem schmalen Gesicht. Sie nimmt mich mit bis zu meinem liegen gebliebenen Wagen. Sie unterhält sich während der kurzen Fahrt mit ihrem Kind das hinten sitzt. Beide wollen im Gebirgsort das Salzbergwerk besuchen. Während ich aus dem Wagen aussteige erkläre ich der Frau den Weg dorthin.

In den letzten Sommerferien hatte ich für sechs Wochen einen Ferienjob im Salzbergwerk. Ich hatte in der Bekleidungskammer gearbeitet. Den ganzen Tag lang war ich hinter einem langen Tresen gestanden. Hinter mir hingen in übersichtlichen Reihen, nach Kleidungsgrößen geordnet die schwarzen Kleidungsstücke. In viertelstündigen Abständen drängte je eine Gruppe von etwa einhundert Touristen in die große Bekleidungskammer. Sehr schnell hatte ich in diesem Ferienjob gelernt die Kleidergrößen der Menschen abzuschätzen. Nach meiner Einschätzung jeweils passende Klamotten nahm ich von den Kleiderbügeln hinter mir und legte sie den Touristen auf den Tresen. Das war von morgens neun- bis abends achtzehn Uhr meine Aufgabe.

Das verdiente Geld aus diesem Ferienjob habe ich in meinen Führerschein investiert. Die Hälfte der Kosten dafür hatte mir die Mutter schon lange vorher versprochen. Ihr Versprechen hatte sie vom Bestehen der Abschussprüfung auf der Schule auf dem Berg abhängig gemacht. Ich glaube, dass die Mutter sich über dieses frühe Versprechen bald geärgert hatte. Das Verhältnis zwischen uns hatte sich vor allem im vergangenen Jahr sehr schlecht entwickelt. Die Mutter hat ihr Versprechen trotzdem gehalten. Eines ihrer Prinzipien ist es, stets zu ihren Worten zu stehen. Der Schulabschluss ist mir gelungen. Weil die Mutter ihren versprochenen Teil für meinen Führerschein bezahlt hatte, habe ich jetzt von dem verdienten und gesparten Geld aus dem Ferienjob im Salzbergwerk noch etwas Geld übrig. Das werde ich auch brauchen. Ich glaube, das erste Geld für meinen künftigen Lebensunterhalt, für die Zimmermiete und den weiteren Schulbesuch werde ich von der Sozialkasse erst Mitte des kommenden Monats erhalten.

Das Benzin sprudelt durch den Einfüllstutzen in den Tank. Den Kanister verstaue ich im Kofferraum. Der Wagen springt sofort an. Darüber bin ich sehr froh. Tatsächlich hat nur Benzin gefehlt, aber die Batterie war schon schwach. Ich habe noch nie an einem Automotor nach einem Defekt gesucht.