VI. Später

Den brutalen Buchhalter, genauso wie den Heimleiter ertrage ich in dem Kinderheim auf dem Berg jahrelang. Nicht immer schaffe ich es, das Gefühl zu leben, mit beiden nichts zu tun zu haben. Das liegt daran, dass es mir doch nicht so gut gelingen mag, wie ich es mir vorgenommen hatte, beiden aus dem Weg zu gehen.

Manchmal kann ich meine Wut wegen der gewalttätigen Art dieser beiden Männer, wie sie uns Heimkindern oft gegenübertreten, nicht für mich behalten. Mehrmals erwischt mich vor allem der Buchhalter dabei, wie ich andern Kindern aufgebracht und wütend erzähle, was ich von dem Zuschlagen der beiden Männer halte. Deshalb schlagen mich Buchhalter und Heimleiter hin und wieder grün und blau.

Nach Jahren verlasse ich das Kinderheim mit dem brutalen Buchhalter und dem unberechenbaren Heimleiter. Mark hatte recht gehabt. Der Heimleiter ist ein brutaler Mensch. Was Mark lange befürchtet hatte, hat der Mann tatsächlich getan. Kurz bevor ich das Kinderheim verlasse, wird der Heimleiter von der Polizei abgeholt. In einem Gerichtsverfahren wird er zu mehrjähriger Haft verurteilt. Seine Verurteilung hängt mit den jungen Heimbewohnerinnen zusammen, hinter denen der Heimleiter oft her gewesen war. Wegen ihnen hatte sich Mark damals mit dem Mann angelegt. Deswegen hätte der Heimleiter Mark beinahe in ein Erziehungsheim geschoben.

Nach Jahren, ich wohne lange schon nicht mehr in dem Heim, zieht der Buchhalter mit seinem Kinderheim um. Das Haus wird verkleinert. Der Buchhalter leitet es weiter, bis zu seiner Berentung. Niemand beklagt sich bei dem Mann darüber, dass er damals Kinder verprügelt hatte. Keiner fragt ihn eines Tages, warum er die Heimkinder damals so unter Druck gesetzt hatte und warum er unkontrolliert auf sie eingeschlagen hatte. Auch ich stelle dem Mann diese Fragen nicht.

Mark muss noch lange schwer arbeiten. Er ruiniert sich den Rücken. Er verrichtet unterschiedliche Arbeiten. Er ist Fahrer, Verkäufer, Postbote, Rolladenbauer, Koch, Hausmeister, Büroangestellter, Automechaniker, Bühnenarbeiter und vieles mehr. Nirgends hält er es lange aus. Oft ist es nicht die Arbeit, die ihn nicht lange hält. Es sind die Menschen, seine Vorgesetzten.

Mark lernt, dass das Leben davon abhängt, welchen Beruf man gelernt hat. Er lernt, dass es nicht interessiert, was man davor getan hatte. Er lernt auch, dass es nicht interessiert, warum man nicht den Beruf lernen konnte, für den man sich interessiert hätte. Die Vorgesetzten in seinen tausenden Jobs interessiert es nicht, welche Fähigkeiten ein Mensch wie Mark hat. Dafür dass er sich als Kind engagiert hatte, dass er sich für uns eingesetzt hatte, dass er Kinder, die bedroht wurden zu schützen versucht hatte, erntet er niemals Dank.

Ich glaube, damals im Kinderheim und beim Vater hatte Mark sich menschlich verhalten, sonst nichts. Das interessiert in seiner Arbeitswelt niemanden. In seinem Beruf nützt ihm das nicht. Mark hatte damals versucht den Vater vom Schlagen abzubringen, und er hatte versucht den Heimleiter und seinen brutalen Stellvertreter zu überzeugen nicht mehr zuzuschlagen. Der brutale Buchhalter aber blieb brutal. Der Heimleiter war ins Gefängnis gekommen. Der brutale Buchhalter war Heimleiter geworden.

Hätte Mark mehr Angst haben müssen, so wie ich? Vielleicht ist der Satz falsch, den der Lehrer in der Dorfschule, damals aus dem Buch vorgelesen hatte:

„Angst ist ein schlechter Ratgeber.“

Ich glaube, Mark hatte damals wenig Angst. Er hatte sich von seiner Angst nicht beraten oder gar leiten lassen, so wie ich es oft getan hatte. Vielleicht hatte sich Mark deshalb, weil er sich so wenig von seiner Angst beraten ließ, so oft in den Weg gestellt. Vielleicht hatte er deshalb so viel Platz für die Idee im Kopf gehabt, dass der Heimleiter, der Buchhalter und der Vater menschlicher sein müssten. Weil in seinem Kopf nur wenig Angst gewesen war, hatte er Platz für die Utopie gehabt, dass diese Erwachsenen nicht schlagen dürften. So könnte es damals gewesen sein.

Christian, der nie etwas geschenkt bekommen hatte, kommt über sehr viele Jahre mit einem Job in einer Fabrik durchs Leben. Im Beruf hat er ein viel größeres Durchhaltevermögen als Mark. Vielleicht hat er das größte von uns allen. Keiner von uns hat schon so lange an einem Platz gearbeitet, wie er. In einem Ort in der Nähe des alten Dorfes findet er eine Heimat. Dort findet er viele Freunde. Es gelingt ihm viele der Demütigungen, die er bei Stiefmutter und Vater erlebt hatte, zu vergessen. Hoffentlich wird ihm der Alkohol den er dazu benötigt, nicht eines Tages zum Verhängnis.

Matthias besucht eine höhere Schule. Matthias ist ein sehr gescheiter Mensch. Er besucht unterschiedlichste, sehr hohe Schulen. Er lernt sehr viele Sprachen. Er arbeitet mit sehr vielen Menschen zusammen, die ihn sehr schätzen. Das wichtigste: Er lernt wieder zu lachen! Vor allem Matthias entwickelt sich, wie es der Vater niemals zugelassen hätte.

Auch ich kann eine höhere Schule besuchen. Ich bin nicht so gescheit geworden wie Matthias. Ich steige keine so hohe Leiter hinauf. Aber es geht mir gut. Es geht mir viel besser, als es beim Vater je möglich gewesen wäre.

Dass ich es damals endlich geschafft hatte, meine Angst zu überwinden und den Vater im Dorf für immer zu verlassen, bereue ich nicht. Im Gegenteil. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn ich das Dorf niemals kennen gelernt hätte.

Das traurigste an der Geschichte ist, dass die schönste Zeit mit den Geschwistern vorbei gegangen war, ohne dass ich das damals gemerkt hatte. Es war die Zeit gewesen, bevor uns der Vater aus dem Kinderheim geholt und zu sich gebracht hatte.

Mit Christian und Mark haben Matthias und ich heute nicht mehr viel zu tun. Das Jahr beim Vater hatte uns auseinander gerissen. Wir besuchen uns nur selten gegenseitig, denn wir leben völlig anders.

Die Stiefmutter und der Vater ziehen um. Das alte Haus im Dorf ist für sie zu groß. Sie wohnen in dem Ort wo der Vater damals die kleine Wohnung hatte. Dort haben sie einen ordentlichen Vorgarten, genauso wie damals im Dorf. Er ist frei von Unkraut. Abends lässt der Vater die Rollos herunter und morgens zieht er sie wieder hoch. Der Gartenweg ist gefegt.

Der Vater parkt den Wagen abends in der Garage neben dem Haus. Die Stiefmutter wartet in der Küche mit dem Essen auf ihn. Die Küche ist kleiner als im Haus im Dorf. Aber sie reicht für zwei Personen. Ich glaube, der Vater hat mehr Geld als damals. Von Mark muss er kein Geld mehr verlangen. Schließlich geht der Vater in Rente. Er genießt den Lebensabend mit der Stiefmutter.

Mark lebt heute in einer Stadt, einige hundert Kilometer entfernt von mir. Sie liegt nicht weit entfernt vom Ort, in dem der Vater wohnt. Trotzdem besucht er den Vater so wenig wie ich. Es gibt keinen Grund.

Heute Nachmittag hatte der Vater zu mir gesagt, dass er es verstehe, dass Mark und ich ihn länger als zwanzig Jahre nicht besucht hatten. Wir hatten ihn nie besucht. Heute Nachmittag war es das erste Mal, und es kann sein, dass wir ihn nie wieder besuchen werden. Es war meine Idee gewesen, den Vater aufzusuchen.

Ich sitze mit Mark in seiner winzigen Küche am Küchentisch. Wir sprechen über den heutigen Besuch beim Vater. Wir hatten uns nicht frühzeitig angemeldet. Ich hatte vorgeschlagen, den Vater einfach anzurufen. Mark rief an, der Vater war zu Hause und wenig später fuhren wir schon los.

Der Vater wohnt in einem Einfamilienhaus, ganz in der Nähe der Straße, wo wir Geschwister damals den Kaugummiautomaten auf dem Weg zum Spielplatz halb leer geplündert hatten. Es waren seine Gürtelschläge von damals, die der Vater gemeint hatte. Wegen ihnen verstehe er, dass wir den Kontakt zu ihm nicht aufgenommen hatten. Ich weiß das, ohne dass wir heute Nachmittag mit ihm darüber gesprochen hatten.

Weil ich bis heute nicht weiß wie der Vater wirklich ist, hatte ich die Idee, ihn zu besuchen. Jetzt am Abend, wo wir zurück sind und in der Küche bei Mark sitzen, weiß ich es immer noch nicht.

Der Vater sagte, dass er froh sei, alles zu haben, was er brauche. Er und die Stiefmutter leben nicht in Armut. Sie könnten sich sogar etwas leisten. Über das was damals gewesen war, wollte der Vater heute Nachmittag nicht reden. Wahrscheinlich war die Überraschung unseres Besuches für ihn zu groß. Als wir gingen fragte er uns nicht, ob wir wieder kommen wollten. Vielleicht möchte er, dass wir ihn mit dieser Geschichte in Ruhe lassen.

Von Matthias und Christian hatten wir dem Vater schöne Grüße bestellt.

Der Vater hatte gefragt was Matthias arbeitet. Ich erzählte, dass er eine ganz große Karriere gemacht hatte. Da spürte ich, dass der Vater nicht verstand, was ich gesagt hatte. Dass ich erklärt hatte, dass ausgerechnet Matthias eine ganz große Karriere gemacht hatte, schien sein Vorstellungsvermögen zu übersteigen. Es schien nicht in seine Welt zu passen. Ich merkte das an seinen wenigen Fragen. Der Vater hatte nur genickt, aber er fragte nicht genauer nach.

Ich glaube, er wollte nicht hören, dass gerade Matthias die größte und steilste Karriere von uns Geschwistern gemacht hatte.

Der Vater filmte Mark und mich mit einer Videokamera ab. Er wollte sich nicht weiter mit uns unterhalten.

Ich glaube, die Filmaufnahme braucht er, weil er nicht weiß, ob er uns noch einmal wiedersehen wird.

Die Oma und der Opa waren gestorben, ohne dass ich davon gehört hatte. Vom Kinderheim aus hatte ich sie noch ein paar Mal besucht. Es war immer schön bei ihnen gewesen. Irgendwann waren die Kontakte aber eingeschlafen. Erst Jahre später, als ich das Kinderheim verlassen hatte, hatte ich sie noch mal besucht.

Wir waren am Küchentisch gesessen, genauso wie damals an dem Morgen, bevor Opa mich ins Jugendamt gebracht hatte. Wir hatten darüber gesprochen, wie gut es damals gewesen war, dass Matthias und ich zurück in das Kinderheim gehen durften.

Das Gespräch war nicht mehr so, wie es früher bei Oma am Küchentisch gewesen war. Wir alle waren zehn Jahre älter geworden. Wir hatten vereinbart, uns öfter wieder zu sehen.

Leider war es nie mehr dazu gekommen. Es wäre an mir gelegen, bei ihnen vorbeizukommen, denn beide waren damals schon sehr alt und wenig mobil. Opa war zuerst gestorben, einige Jahre später starb auch Oma.