V. Ins Gebirge 1. Es ist zu spät

Der Tacho zeigt Einhundertzwanzig. Die Tachonadel zittert. Manchmal bewegt sie sich über, manchmal fällt sie etwas unter die Einhundertzwanzig. Am Lenkrad sitzt ein Mann. Er trägt eine hellbraune Lederjacke. Auf dem Kopf hat er kaum mehr Haare. Er hat noch keine richtige Glatze, hinten wachsen noch Haare. Oben und vorne sind sie alle schon weg. Es ist Herr Neumann. Neben ihm sitzt Frau Michaels. Ihre Haare sind blond und gelockt. Sie fallen bis zur Schulter herab. Sie trägt eine große, braune Brille. Sie ist mit einer roten Jacke bekleidet und trägt eine weiße Bluse. Schon ein paar Mal hat sie in den kleinen Spiegel gesehen, der unter der Sonnenblende angebracht ist.

Ich sitze hinter Frau Michaels. Von hier kann ich Herrn Neumann besser sehen als sie. In Vaters Käfer war ich immer hinter dem Fahrersitz gesessen. Hier im Wagen, sitzt dort jetzt mein Bruder Matthias. Heute Morgen, um halb neun Uhr sind wir in der Stadt abgefahren. Die Uhr neben dem Tacho zeigt jetzt Viertel vor Elf.

Mit Opa war ich heute Morgen in seinem grauen Käfer zum Jugendamt in die Stadt gefahren. Im Jugendamt, es ist ein altes Haus, warteten oben im ersten Stock alle auf uns: Matthias, Herr Neumann und Frau Michaels. Ich hatte Matthias seit zwei Wochen nicht gesehen. Trotzdem haben wir uns heute Morgen nicht besonders begrüßt. Er sagte: „Hallo“. Ich sagte auch „Hallo“. Das war’s. Matthias hatte keine gute Laune heute Morgen, das merkte ich sofort. Ich glaube, es war ihm in den vergangenen zwei Wochen nicht gut gegangen. Vielleicht hatte er deswegen so schlechte Laune. Vielleicht hatte er keine Lust, auf die lange Autofahrt.

Herr Neumann und Frau Michaels begrüßten den Opa und mich freundlich. Im Büro standen zwei kleine Koffer. Es sind unsere Koffer, sie liegen jetzt hier im Kofferraum. Herr Neumann nahm beide Koffer und wir alle gingen hinunter zum Auto. Er lud die Koffer in den Wagen, einen gelben VW-Passat. Ich verabschiedete mich von Opa, dabei hatte ich einige Tränen in den Augen. Ich weiß nicht, wann ich ihn wieder sehen kann. Auch Herr Neumann, Frau Michaels und Matthias verabschiedeten sich. Wir stiegen in den Wagen, die Fahrt ging los. Opa stand auf dem Parkplatz und winkte uns hinterher.

Das Wetter ist nicht schön heute, es ist bewölkt draußen. Heute Morgen, als wir oben vor dem Haus der Oma losgefahren waren, sah ich aus dem Ort kleine Nebelbänke aufsteigen. Ich erkannte noch nicht, wie das Wetter heute wird. Es hätte auch die Sonne herauskommen können. Jetzt auf der Autobahn sieht draußen alles grau aus, aber es regnet nicht.

Heute Morgen war ich sehr früh aufgestanden. Bevor die Kinder in die Schule fuhren, verabschiedete ich mich von ihnen. Heute ist Montag, ein ganz normaler Schultag. Nachdem alle Kinder mit ihren Schultaschen das Haus verlassen hatten, saßen die Oma, der Opa und ich noch in der Küche. Es blieb noch ein bisschen Zeit, bevor wir ins Auto steigen und fahren mussten. Die Oma sagte, ich könne sie bald besuchen, das hätte sie bereits mit den Leuten vom Jugendamt besprochen. Matthias und ich könnten in den Schulferien zu Besuch kommen. Das Jugendamt würde die Zugfahrkarten bezahlen. Trotzdem war meine Stimmung schlecht geblieben. Heute Morgen hatte ich ständig daran gedacht, dass es wahrscheinlich für lange Zeit, das letzte Frühstück in Omas Küche ist.

Vor der Haustür hatten wir uns voneinander verabschiedet. Ich wäre gerne geblieben. Ich wollte bei der Oma leben, wie die anderen Kinder in ihrem Haus. Aber das geht nicht. Die Oma schrieb mir noch ihre Telefonnummer mit Vorwahl auf, damit ich einmal anrufen kann. Opa und ich stiegen in den grauen Käfer. Opa fuhr los, Oma stand vor der Türe und winkte, ich winkte zurück.

Während der Fahrt dachte ich, dass es für lange Zeit die letzte Fahrt mit Opa in seinem grauen Käfer hinunter in den Ort ist. Deshalb sah ich mir im Ort alles noch mal genau an. Den Laden, in dem Opa täglich einkauft, den Kaugummiautomaten an der Hauptstraße, den Matthias und ich auf einer Flucht einmal aufbrechen wollten, die Eisdiele, wo wir unser letztes Taschengeld umgesetzt hatten, und das Haus mit Vaters alter Wohnung, wo wir vor einem Jahr gewohnt hatten. Ich möchte nicht so schnell vergessen, wie es im Ort aussieht. Wenn ich zurückkomme, in einigen Jahren, oder wenn ich zu Besuch komme, möchte ich den Ort noch gut kennen.

In den vergangenen zwei Wochen war ich mit Opa fast jeden Tag in den Ort gefahren. Ich war immer mit dabei, wenn er zum Einkaufen, in den kleinen Lebensmittelladen am Ortseingang, fuhr. Alle Angestellten dort kennen Opa. Sie sind sehr nett. Jeden Vormittag begrüßten sie mich und Opa freundlich. Die meisten Dinge, die Opa kaufen wollte, hatten sie bereits für ihn hergerichtet. Als ich das erste Mal mitgekommen war, fragte die Verkäuferin gleich, wer ich sei.

Bei jedem Einkauf unterhielt sich Opa mit den Leuten im Laden. Ich hörte interessiert zu. Jeden Tag gab es Neuigkeiten aus dem Ort. Opa betrat das Geschäft, und sofort begann die Verkäuferin zu erzählen. Mal ging es um den Fußballverein, dann um den Bürgermeister, den Angelverein oder den Kegelklub. Opa interessiert alles. Die Leute im Laden wissen das, ich glaube deshalb erzählen sie ihm jeden Tag so viel.

Wieder Zuhause bei der Oma hatte Opa jeden Tag ausführlich von dem berichtet, was die Leute im Laden erzählt hatten. Oma interessierte sich sehr dafür. Opa brachte aus dem Laden täglich eine Zeitung mit. In der lasen alle Hausbewohner im Laufe des Tages.

In den zwei Wochen bei Oma und Opa war ich nicht in die Schule gegangen. Oma sagte es hätte keinen Sinn, für so kurze Zeit, wieder hier im Ort, in meine alte Schule zu gehen. Ich hatte also in den letzten zwei Wochen Ferien, obwohl keine Schulferien gewesen waren. Deshalb war ich jeden Vormittag mit Opa unterwegs. Alle anderen Kinder aus dem Haus saßen in der Schule.

Zunächst hatte niemand gewusst, wie lange ich bei Oma und Opa bleiben kann. Zwei Mal war ich mit Opa im Jugendamt. Dort wurde ich nach dem Vater gefragt und, warum ich abgehauen war. Ich erzählte alles, genauso wie ich es der Oma erzählt hatte. Im Jugendamt hatten sie gesagt, dass sie mich nicht zum Vater zurückschicken werden. Darüber war ich sehr froh. Sie sagten aber auch, dass ich nicht bei Oma bleiben kann, wie ich das wollte. Es sei zu gefährlich, wenn ich dort bliebe. Der Vater wohnt zu nah. Wir könnten uns auf der Straße im Ort treffen oder er könnte mich von der Schule abholen.

Sie hatten mich gefragt, ob ich in das Kinderheim zurückgehen will, aus dem uns der Vater herausgeholt hatte. Weil ich alle Kinder aus dem Kinderheim kenne und weil ich genau weiß, wo es ist und wie es dort aussieht, bejahte ich die Frage. Dann hatten sie gesagt, dass Matthias auch mitkommen würde, dass aber Christian und Mark nicht dabei sein werden, weil die schon zu alt sind. Ich hatte gehofft, dass wir im Kinderheim endlich wieder alle zusammen sein könnten. Aber das geht nicht mehr. Es ist zu spät. Mark und Christian sind zu alt. Also sitzen jetzt nur wir beide, Matthias und ich, im Auto.