9. Witwe Bolte

In der kleinen Küche in der Hochsteinstraße gibt es ein Fenster. Morgens um halb sieben Uhr stehe ich dort und sehe hinüber zum Obersalzberg. In der Küchenschublade finde ich mehrere karierte Küchenhandtücher. Während ich mein Frühstücksgeschirr spüle, liegt das Abtrockenhandtuch auf meiner Schulter.

Das ordentliche Abspülen und anschließende Geschirrtrocknen habe ich im Oberlehen gelernt. Es ist selbstverständlich, dass ich in der gemieteten Küche, morgens um kurz vor sieben Uhr, die Ordnung wieder herstelle, bevor ich mich auf den Weg zur kleinen Fabrik mache. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten in den Küchen, in denen ich lebe, Ordnung zu halten. Alles benutzte Geschirr landet nach Gebrauch und Reinigung wieder sauber an seinem Platz. Es ist nicht meine Art, Geschirrberge in der Küche aufzuhäufen. In früheren Studenten-Wohngemeinschaften musste ich erst lernen, dass das Aufräumen in der Küche nicht selbstverständlich zum Akt des Kochens gehört. Ich musste lernen, dass Aufräumen eine unangenehme Arbeit ist, die mancher Mitbewohner regelmäßig vor sich her schob. Im Kochunterricht in der Berchtesgadener Hauptschule und später auf der Realschule musste mir das Ordnunghalten in der Küche nicht beigebracht werden. Diese Aufgabe hatte die Köchin im Oberlehen erledigt.

Eine dicke Frau in großem weißem Kittel kocht täglich für uns. Ihre braunen Haare sind zu einem großen Dutt auf dem Kopf zusammengesteckt. Auf ihrer weißen breiten Schulter liegt ein kariertes Küchenhandtuch. In der großen Küche kocht sie, was der Kühldienst „Witwe Bolte“ täglich auf dem Hof vor dem Haupthaus auslädt. Die Kinder vom Küchendienst tragen viele Pappkisten eine steile Außentreppe am Haupthaus hinunter in den Keller. In zwei Kellerräumen, neben dem Schuhputzkeller, wird alles sorgfältig, nach Anweisung der dicken Köchin in Gefrierschränken verstaut.

Der Küchendienst ist kein beliebter Dienst. Er ist untrennbar mit der rabiaten Köchin und deren Kommandos verbunden. Sie scheucht uns um den großen Ofen, plärrt Kinder an, die zu dumm sind, Teller und Besteck vernünftig zu trocknen. Kommt es besonders schlimm, spüren die schlechten Abtrockner einen schnellen kräftigen Schlag ihres feuchten, blaukarierten Küchentuches.
„Pass auf Bub! So geht’s need!“
Blitzschnell zischt das feuchte Küchentuch von deren Schulter. Den nächsten Plastikteller muss ich sehr gut abtrocknen, denn sonst dreht sie fest an meinem Ohr und mein Kopf wird durch die kräftige dicke Hand der Frau auf den feuchten Plastikteller gedrückt, bis meine Nasenspitze die feuchte Telleroberfläche spürt.

Im Erdgeschoss, neben der großen Küche, liegt der Speisesaal mit hellblauem Linoleumboden. An den Decken hängen quadratische Leuchten mit Neonlicht. Eine Woche lang verteilt der Küchendienst morgens, mittags und abends, unter Aufsicht der Köchin weiße Plastikteller und rote Plastikbecher auf den Holztischen im Speisesaal.