9. Erste Prüfung

Am ersten Tag bei der Lehrerin fand ich in meiner Hosentasche ein zerknülltes Papier. Ich zog es kurz heraus, erkannte aber nicht was das war. Ich steckte es schnell zurück in die Hosentasche. Ich stopfte mein Taschentuch, das ich in der anderen Hosentasche gefunden hatte, in die Tasche mit dem zerknüllten Papier. Taschentuch und das zerknüllte Papier stammten aus der Ferienverschickung. Ich trug die Jeans dort ein einziges Mal an dem Tag, als ich mit Robert, Micha und Martin auf dem Speicher gespielt hatte.

Abends, im Zimmer bei Birner am Obersalzberg, begann ich das Buch von der Lehrerin mit schönem dunkelblauem Packpapier einzubinden. Das Papier hatte mir die Lehrerin mitgegeben. Sie sagte ihren Nachhilfekindern, dass wir das Buch damit einbinden sollten, denn wir würden es noch oft brauchen. Vor allem bräuchten wir das Buch auch dann noch, wenn wir die Prüfung bestünden. Denn in den folgenden Schuljahren fänden wir immer wieder Stoff darin, der uns weiterhelfen könnte.

Ich saß in Hartwigs und meinem Zimmer und schnitt das Packpapier zurecht. Ich faltete es sauber um das Buch. Absichtlich schnitt ich das Papier etwas größer, denn ich wusste, dass eine Korrektur eines zu großen Papiers möglich war, während ein zu klein geschnittenes endgültig ruiniert war. Es juckte mich in der Nase so sehr, dass ich mein Taschentuch aus meiner Hosentasche zog. An dem Taschentuch hing das zerknüllte Stück Papier. Es fiel auf das halb eingepackte blaue Buch. Noch Nachmittags hatte ich mir vorgenommen abends zu sehen worum es sich bei dem zerknüllten Fetzen handelte und hatte es nun doch vergessen. Ich nahm das zerknüllte Stück und strich mit der Hand auf der Tischplatte darüber um es zu glätten.

Das Papier war grau und alt. Es war sehr leicht und dünn. Es war kleiner als mein kleinstes Schulheft. Es war sehr seltsam beschriftet. Eine geschwungene Handschrift, aber doch irgendwie krakelig. Die Schrift konnte ich unmöglich lesen, sie war mir fremd. Vielleicht war das ein ausländisches Papier mit ausländischer Schrift.

Ich betastete das Papier. Es schien eigenartig verfärbt. Mein weißes Schreib- und Rechenpapier in den Schulheften hatte nichts mit diesem seltsamen, beinahe grauen Fetzen zu tun. Ich hob das Stück gegen das abendliche Fensterlicht. Da erkannte ich auf der Rückseite eine Beschriftung. Sie war kurz. Ungefähr in der Mitte waren das drei kurze, gut erkennbare Zeilen, für mich aber nicht lesbar. Ich drehte das Papierstück um. Neben vielen Knicken sah ich da nichts außer der fremden Schrift mit der es vollständig beschrieben war.

Ich betastete das Papier erneut mit beiden Händen. Ich hielt es weiterhin gegen das Fensterlicht, stütze dabei beide Ellenbogen auf Hartwigs und meinen Arbeitstisch. Ich raschelte und tastete an dem Papier herum. Mit beiden Daumen und Zeigefingern rieb ich daran, als hätte ich einen wertvollen Tausendmarkschein in Händen. Das Papier verleitete mich zu dieser Abtasterei. Erst nach Minuten des Tastens und Reibens zwischen meinen Fingern merkte ich, dass sich zwei Seiten des sehr dünnen Papiers gegeneinander bewegten. Die Seite mit den drei kurzen Zeilen verschob sich gegen die Rückseite. Das machte ich ein paar Mal und hörte dabei auf das leise Rascheln. Erst nach fünf, sechs Mal Rascheln begriff ich, was das bedeutete. Dieses dünne, leichte kleine Blättchen war ein doppeltes Papier. Ich tastete, raschelte und wendete es minutenlang im Licht vor dem Fenster.

Ich legte das Papier auf den Tisch und strich es wieder glatt. Ich hielt es nochmal gegen das Fenster und betrachtete es genau. So erkannte ich, dass es wirklich ein doppeltes Papier war. An einem der beiden längeren Ränder war ein feiner Falz. Ich hielt es jetzt gegen das Licht der Zimmerlampe. Endlich wurde mir klar, was ich hier hatte. Es war ein Brief der in sich selbst noch zwei Seiten hatte. Die drei Zeilen auf der Rückseite mussten eine Adresse sein. Das Papier war hauchdünn, die Schrift darauf war verblasst, aber noch sehr gut zu erkennen.

Es war ein uralter Brief, den ich vom Dachboden beim Feriengroßvater in meine Hosentasche gestopft hatte. Erst jetzt hatte ich das Papier wieder gefunden. Der Brief war für mich nicht zu entziffern. Ich nahm mein Taschenmesser aus meinem Schrank. Erst Tags zuvor hatte ich dessen Klinge an einem handgroßen Stein geschärft, den ich aus dem Wald am Obersalzberg mitgenommen und in meinem Schrank auf dem Fußboden deponiert hatte. Mit der scharfen Klinge ritzte ich den Falz des Briefes langsam und sehr vorsichtig auf. Die beiden Innenseiten des kleinen, leichten Papiers waren vollständig mit der gleichen Schrift beschrieben, wie eine Außenseite.

Vielleicht war es doch eine deutsche Handschrift? Ich meinte ein Zeichen in der Schrift aus einem Schulbuch zu kennen. Ich hatte einmal in einem Geschichtsbuch eine ähnliche Abbildung gesehen. Ein älterer Junge hatte beim Hausaufgabenmachen, Nachmittags unten im Speisesaal von Birner, ein Buch mit schwarzweiß Fotos vom Krieg. Darin war ein Bild mit einer ähnlichen Schrift.

Ich faltete den zerknitterten Brief wieder zusammen. Dann faltete ich ihn noch mal vorsichtig auseinander. Ich hatte beim Falten geglaubt, etwas in der Schrift zu erkennen. Ich wollte noch einmal genauer darauf schauen. Es waren die ersten Worte des Briefs. Sie waren vom Rest leicht abgesetzt. War das eine Überschrift? Was ich sah wirkte wie ein M, ein A? Marta oder Mara. Daneben eine Zahl. Ein Datum? Die Zahl war es. Sie hatte ich erkannt. Es war eine Zahl. Wenn es ein Brief war, war es ein Datum. Zehn, dreizehn, fünf, Vier. Vielleicht war das eine Jahreszahl? Die Dreizehn vielleicht der Tag, keine Ahnung.

Der Feriengroßvater hatte in der Kiste im Schrank auf dem Dachboden alte Schreiben gesammelt. Eines davon hatte ich mitgenommen. Ich hatte ihm tatsächlich etwas gestohlen. Ein uraltes Schreiben, vielleicht einen Brief, vielleicht von einem dreizehnten, vielleicht von einem fünften, vielleicht von vierzig, vielleicht auch von fünfundvierzig. Jedenfalls mit einigen Zahlen, die ein Datum sein könnten.

Der Hausarrest beim Feriengroßvater war vollkommen berechtigt gewesen. Die Annahme des Feriengroßvaters, dass ich den Dachboden betreten hatte, um von dort etwas zu stehlen, hatte sich bewahrheitet. Ich hatte ein uraltes Schreiben einfach eingesteckt. Erst nach Rückkehr am Obersalzberg in Birners Haus bemerkte ich was ich gestohlen hatte. Ich hatte etwas gestohlen, wofür ich mich beinahe eine ganze Woche lang nicht mehr interessierte. Mein Kopf war voll von neu gelerntem. Die Lehrerin hatte dafür gesorgt. Der Ferienhof und der Feriengroßvater waren weit entfernt. Seither war aber erst eine Woche vergangen. Der Hausarrest war erst eine Woche her. Mir kam das vor wie viele Jahre! Jetzt war er wieder da.

Es war keineswegs nur ein Papierfetzen in meiner Hosentasche. Es war nichts belangloses. Was ich da hinein gestopft hatte, war gestohlen. Das war nicht belanglos. Meine Tat war deshalb nicht abgeschlossen, auch wenn die Strafe verbüßt war. Nichts entlastete mich. Ich hatte mir angeeignet, was mir nicht gehörte. Auf dem Dachboden steckte ich das Schreiben sofort ein, um so Spuren zu verwischen. In einer alten Kiste, auch wenn sie nur voll von Schreiben war, hatte ich nichts zu suchen. Das Schreiben hatte ich deshalb beinahe reflexartig in meine Hosentasche gestopft. Ich hatte Routine darin Spuren zu vernichten. Ich neigte zu Diebstahl und vielleicht noch mehr, weil ich aus dem Haus von Birner am Obersalzberg stammte. Der Feriengroßvater hatte also Recht. Ich war bestraft worden, weil ich bestraft werden musste. Es gab einen Grund.

Das zerknitterte Schreiben lag vor mir. Daneben das Büchlein der Lehrerin, frisch eingebunden in dunkelblaues Packpapier. Der Brief bewies, was der Feriengroßvater wusste. Ich log nicht nur, ich stahl auch. Der Beweis lag vor mir auf dem Tisch. Er musste verschwinden. Der Feriengroßvater könnte herausgefunden haben, dass ich auf dem Dachboden die Kiste mit seinen alten Schreiben geöffnet hatte. Es wäre möglich, dass er nach meiner Abreise inzwischen festgestellt hatte, dass dort genau dieses Schreiben fehlte. Die dicke Staubschicht könnte mich verraten. Vielleicht hatte genau dieses alte Schreiben, wegen dessen Alter, eine große Bedeutung für den Feriengroßvater. Dass er solche alten Schreiben so lange Zeit aufhob, bis auf ihnen eine dicke Staubschicht entstand, musste etwas bedeuten. Die vielen Papiere und Schreiben in der Kiste waren wichtig. Warum sonst wurden sie so lange Zeit aufgehoben?

Früher oder später könnte der Feriengroßvater bei Birner wegen des Schreibens anrufen. Ich hatte ihn bestohlen. Der Feriengroßvater könnte das erst Tage, Wochen, Monate oder Jahre nach meiner Abreise von seinem Hof entdecken. Der Staub auf dem Kistendeckel, der Staub in der Kiste würde es deutlich zeigen. Hier war einer am Werk gewesen. Der hatte den Deckel geöffnet und dabei die dicke Staubschicht durcheinander gebracht. Überall auf dem schweren Holzkistendeckel würde man deutliche Spuren meiner Hände in der dicken Staubschicht sehen.

Das Schreiben musste schnell verschwinden. Für mich war klar, dass meine Tat vom Feriengroßvater auch im weit von seinem Gehöft entfernten Haus von Birner geahndet werden konnte. Ein Anruf von der Ostsee hätte Birner ausgereicht. Das würde eine Durchsuchung in meinem mit Hartwig genutzten Zimmer bringen. Ein Diebstahl in der Ferienverschickung, der Gipfel! Eindeutig beweisbar mit diesem Schreiben. Das musste vertuscht werden.

Ich öffnete das im blauen Packband eingebundene Buch. Auf der Innenseite löste ich den frischen Klebestreifen. Vorsichtig hob ich das Packpapier an. Das Schreiben schob ich zwischen Buchrücken und Packpapier. Ich faltete das blaue Papier erneut und klebte es wieder fest. Ich kontrollierte das Buch. Ich betastete es, hielt es gegen das Licht. Zufrieden stellte ich fest, dass von dem dünnen Brief im Buchrücken nichts zu erkennen war.

Es gab keine Zimmerdurchsuchung, es gab keinen Anruf vom Feriengroßvater. Auch die Ferienmutter meldete sich nicht. Das blaue Buch nahm ich täglich mit zur Lehrerin. Dort arbeiteten wir Kapitel für Kapitel durch. Ich benutzte das Buch jeden Tag bei meinen Hausaufgaben und der Vorbereitungen auf die Realschulprüfung.

Nach einer Woche bei der Lehrerin dachte ich nicht mehr an das Schreiben. Mein Kopf war voll von mathematischen Formeln und Aufsatzthemen, welche die Lehrerin als mögliche Themen für die Prüfung nannte. Ich dachte an Grammatik und Rechtschreibregeln und an englische Vokabeln, die ich abends beim Einschlafen im Bett im Kopf wiederholte. Da war kein Platz, um an das Schreiben im blauen Buchrücken zu denken.

Anfang der zweiten Woche bei der Lehrerin stand ein großer Lastwagen vor deren Haustür. Der Lastwagen wurde im Laufe des Tages mit Mobiliar aus dem Haus beladen. Alles, außer der Küche und dem großen Tisch, an dem wir mit der Lehrerin saßen und arbeiteten, verschwand im Laufe der Woche im Lastwagen. Die Lehrerin erklärte, dass sie am Wochenende vor unserem Ferienende und vor unserer Prüfung nach Norddeutschland umziehen werde. Sie hatte dort in einer privaten Schule eine neue Anstellung erhalten.

Berchtesgaden wolle sie eigentlich nicht verlassen. Sie könne aber nicht anders. Der Direktor der Bacheischule hatte ihr gesagt, dass sie dort keine Klasse mehr unterrichten werde. Ihr Unterricht unterscheide sich zu stark vom Unterricht aller anderen Lehrer. Ihr Stil passte deshalb nicht gut zusammen mit dem Stil der anderen Lehrer. Sie setzte den täglichen Unterricht mit uns zur Vorbereitung auf die Prüfung wie vereinbart bis zum Schluss fort. Die zweite Woche in ihrem Haus war aber sehr seltsam. Das Haus wirkte täglich größer. Am Freitag war es fast leer.

An den letzten zwei Ferientagen verschlechterte sich das Wetter. Es wurde kalt und es regnete viel. Der Herbst war gekommen. Der Abschied von der Lehrerin am Freitagnachmittag fiel mir sehr schwer. Ich ließ mir das aber nicht anmerken. Die Lehrerin bedauerte es sehr, dass sie nun nicht mitverfolgen konnte, ob wir unsere Prüfungen schaffen. Sie war fest davon überzeugt, dass wir die Prüfungen alle erfolgreich ablegen.

Die Prüfungen fanden an den ersten Schultagen in einem Physiksaal in der neuen Schule statt. Sie lag weit oben auf dem Obersalzberg, viel weiter oben als das Haus von Birner. Der Schulbus fuhr an der gleichen Bushaltestelle, Station Erika an der Bergstraße auf den Obersalzberg, von der ich Jahre lang in die Bacheischule nach unten nach Berchtesgaden gefahren war. Nun wartete ich an der Station Erika auf der anderen Straßenseite und fuhr von dort anstatt hinunter, hinauf auf den Obersalzberg.

Das Prüfungsergebnis wurde am Ende der ersten Schulwoche bekannt gegeben. Am Freitagnachmittag wurde es mir von einer Erzieherin im Haus von Birner mitgeteilt. Ich erhielt von der Erzieherin eine Liste auf der die Anzahl von Heften, deren Größen, und die Farben der Umschläge standen, die ich in der neuen Schule benötigte. Ich holte alles aus einem Lager neben dem Büro von Birner. Ich hatte es geschafft!

Von meiner alten Schulklasse verabschiedete ich mich nicht. Am Montagmorgen bestieg ich den Schulbus und fuhr nach oben. Es gab niemanden in dem Bus, der mir einen Sitzplatz anbot, aber auch niemanden, der ihn mir verwehrte. Ich setzte mich einfach. Das war neu. Die Fahrt hinauf begann. Wir alle hatten es geschafft. Die Lehrerin hatte recht behalten. Der Direktor gratulierte jedem Kind persönlich und sprach ein paar begrüßende Worte. Er brachte uns in unsere neue Schulklasse.