9. Ein kleines Stück Freiheit

Herr Neumann sagt, dass wir in ungefähr zwei Stunden ankommen werden. Die ganze Zeit über unterhielten sich Frau Michaels und Herr Neumann leise miteinander. Wir stoppen noch mal auf einem Parkplatz und gehen auf die Toilette. Frau Michaels fährt jetzt weiter. Der Regen ist schwächer geworden, es nieselt nur noch. Das Wetter passt zu dieser Reise. Die Stimmung im Auto ist gedämpft. Mit Matthias habe ich noch nicht gesprochen, auch er scheint nachzudenken.

Die Mittagspause von Mark ist jetzt vorbei, es ist schon zwei Uhr. Er steht wieder auf dem Gerüst und klatscht mit der Maurerkelle Mörtel an die Wand. Bis zum Feierabend dauert es noch drei Stunden. Dann werden wir schon im Kinderheim angekommen sein. Dann werde ich die Kinder wiedersehen, die auch Mark von früher noch kennen. Ich könnte in das Zimmer gehen, in dem Christian und Mark früher geschlafen hatten. Die Heimkinder werden mich fragen, warum Mark und Christian nicht mit dabei sind. Sie wollen wissen, warum wir ohne sie zurückkommen. Ich werde sagen, dass sie schon zu alt sind, um noch im Kinderheim zu wohnen. Ich werde ihnen einen schönen Gruß von Mark und Christian bestellen.

Wann werde ich meine beiden Brüder, Mark und Christian wieder sehen? Werden wir mal wieder zusammen ein Spiel spielen, so wie wir es am Anfang getan hatten, in der alten Wohnung beim Vater? Wir hatten einige Spiele. Wir spielten sie auf dem Tisch im Schlafzimmer. Der Samstagnachmittag war ein guter Tag zum Spielen gewesen. Es gab keine Hausaufgaben. Wenn das Wetter gut war, gingen wir hinaus auf den Sportplatz. Bei Regenwetter spielten wir in unserem Zimmer. Wir spielten Bingo, Malefiz, Mensch ärgere Dich nicht, Monopoly oder ein Kartenspiel. Oft hatten wir uns nach solchen Spielen gestritten, weil keiner von uns verlieren wollte. Manchmal flog das ganze Spiel durch unser Zimmer. Wer verloren hatte, ärgerte sich sehr. Wer gewonnen hatte, triumphierte. Auch darüber ärgerten sich die Verlierer.

Die Stiefmutter und der Vater wollten Samstagnachmittags immer Ruhe in der kleinen Wohnung haben. Das fiel uns natürlich dann besonders schwer, wenn sich der Verlierer eines Spieles so sehr ärgerte, dass er das ganze Spiel durch das Zimmer warf. Wahrscheinlich werde ich die Brüder Mark und Christian nicht so schnell wiedersehen. Das ist sehr schade, obwohl wir uns beim Spielen oft gestritten hatten.

Im Kinderheim wird es anders sein als früher. Wir werden nur noch zu zweit sein. Im Zimmer von Mark und Christian wohnen andere Kinder, vielleicht neue Kinder, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen. Wir werden uns nicht mehr im Zimmer von Mark und Christian treffen, um uns miteinander zu unterhalten. Wir beide werden nun allein im Heim sein. Wir müssen sehen, dass wir neue Freunde finden, mit denen wir sprechen können.

Am schönsten hatte ich damals den Wald beim Kinderheim gefunden. Vielleicht wird es jetzt auch wieder so. Im Wald hatten wir uns versteckt. Wir bauten Baumhütten und kleine Lager. Bei schönem Wetter spielten wir jeden Nachmittag dort. Mit Werkzeugen bewaffnet, marschierten wir den Hügel hinauf in den Wald. Wir suchten uns geeignete Plätze für die Baumhütten. Meist spielten wir immer an denselben Stellen im Wald. Am Waldrand gibt es eine Mulde, in der sich ein großer Felsbrocken befindet. Damals war das unser Treffpunkt gewesen. Von diesem Punkt schwärmten wir aus und machten Verfolgungsjagden durch das Gelände. Mit Messern ritzten wir unsere Namen in den großen Baum neben dem Felsbrocken. Die Bäume in unserem Wald hatten viel auszuhalten. Wir schlugen große Nägel in sie, um die Bretter für die Baumhütten zu befestigen.

Eines Tages hatten wir nicht weit von unserem Treffpunkt beim Felsen drei Baumhütten ganz eng aneinander gebaut. Dort hatten regelmäßig Zusammenkünfte stattgefunden. Mark und Christian schafften Lebensmittel aus der Speisekammer dort hin. In diesen Baumhütten hatten wir unser zweites zu Hause.

Heimleiter und Buchhalter kümmerte sich nicht um das, was wir im Wald gemacht hatten. Deshalb war der Wald das Schönste gewesen. Für die Erzieher war die große Buche auf der ersten Anhöhe hinter dem Haus, die letzte Station, bis zu der sie uns Kindern in den Wald folgten. Ab dieser Buche hatten wir uns stets frei bewegt.

Am Wochenende hatten die Erzieher manchmal unterhalb der Buche mit uns Kindern ein Lagerfeuer gemacht. Das hatte mir immer gut gefallen. Die älteren Kinder durften beim Feuer übernachten. Ich durfte das damals leider noch nicht. Vielleicht kann ich ja jetzt, wo ich etwas älter und größer geworden bin, auch am Lagerfeuer im Freien übernachten.