8. Platz es auszuhalten

Heute kommen wir wieder zurück. Damals hatten wir uns gefreut, endlich weg zu kommen. Heute freue ich mich, dass wir wieder hingebracht werden. Im Kinderheim gibt es vieles, das mir nicht besonders gefällt, aber ich weiß, dass es dort viel schöner ist, als bei der Stiefmutter und dem Vater.

Ich kenne das Kinderheim gut. Ich hatte schon viele Jahre dort verbracht. Es gibt sehr strenge Regeln. Der Heimleiter ist sehr streng, das ist nicht schlimm. Schlimm ist, dass er manchmal sehr unberechenbar ist. Er hat einen Stellvertreter, der ist Buchhalter. Das ist nicht schlimm. Schlimm an ihm ist, dass er der Stellvertreter des Heimleiters ist, weil er brutal ist, und noch unberechenbarer als der Heimleiter. Ich kenne das, weil ich es jahrelang erlebt habe. Weil ich weiß, was mit diesen beiden Männern, in dem Kinderheim auf mich zukommt, will ich dort wieder hin. Weil ich das kenne, kann ich damit klarkommen. Trotzdem muss ich vorsichtig sein. Auch im Kinderheim wird man von diesen Männern verprügelt. Aber dort kann ich mich auch gut verstecken. Ich kann ihnen besser aus dem Weg gehen als der Stiefmutter und dem Vater. Und manchmal helfen ältere Kinder.

Es gibt den nahen Wald, in dem wir nachmittags spielen. Es gibt immer die Möglichkeit zu flüchten, wenn die Gefahr besteht, geschlagen zu werden. Im Kinderheim gibt es Kinder, die abhauen. Manche versuchen mit der Bahn zu den Eltern zu flüchten. Sie werden unterwegs im Zug, ohne Fahrkarte, geschnappt. Ich würde nie aus diesem Kinderheim abhauen. Ich weiß gar nicht, wohin ich abhauen sollte. Wo sollte es noch besser sein, als in diesem Kinderheim? Ich kenne dieses Kinderheim, ich kenne die Stiefmutter und den Vater und ich kenne die Oma. Wo ich wohnen will, bei der Oma, kann ich nicht wohnen, weil der Vater zu nah ist. Also bleibt nur dieses Kinderheim.

Weil ich mich im Kinderheim auskenne, weil ich dem unberechenbaren Leiter und dem Buchhalter aus dem Weg gehen kann, weil ich meistens weiß, wann und wohin ich verschwinden muss, ist es der Platz, an dem ich es schon einmal ausgehalten hatte. Ich glaube, ich werde es wieder dort aushalten. Das Kinderheim ist der Platz, der mir am Morgen meiner Flucht aus dem Dorf nicht eingefallen war. Jetzt hier im Auto auf dem Weg zurück dorthin, weiß ich, dass es der Platz sein muss, den ich am Morgen meiner Flucht in meinen Gedanken meinte. Es ist der Ort an dem es erträglich ist.

Im Kinderheim geht es gut, solange ich mich mit den Erwachsenen nicht anlege. Wenn ich ihnen zustimme und ihnen aus dem Weg gehe, was im Dorf bei Vater und Stiefmutter beinahe unmöglich gewesen war, dann geht es gut. Im Kinderheim gibt es keine Prügel wegen Fehlern im Schulheft und schlechten Noten im Zeugnis. Deshalb wird man geschimpft, aber man wird nicht verprügelt.

Es ist wichtig in der Schule nicht sitzen zu bleiben. So lange man nicht sitzen bleibt, fällt man dem Heimleiter nicht auf. Damals waren einige Heimkinder in der Schule öfter sitzen geblieben. Manche von ihnen kamen deshalb auf eine Sonderschule. Diesen Kindern war es im Kinderheim besonders schlecht ergangen. Ihre Schulhefte hatte sich der Heimleiter jeden Nachmittag genau angesehen. In der Hausaufgabenstunde mussten sie lange sitzen und in ihre Hefte schreiben. Zu diesen Kindern hatte der Heimleiter immer gesagt: „Ihr seid hier die dümmsten Idioten!“ Alle anderen Kinder machten das dem Heimleiter nach. In diesem Kinderheim ist es deshalb so, dass ich in der Schule nicht sitzen bleiben darf, weil ich sonst auf die Sonderschule komme und vom Heimleiter, dem Buchhalter und allen anderen Kindern immer „der Idiot“ genannt werde.

Nur wenige Kinder waren wirklich gut in der Schule gewesen. Weil sie nicht die Volksschule, sondern die Realschule oder das Gymnasium besuchten, nannte sie der Heimleiter die „schlauen Knöpfe“. Auch ihre Schulhefte sah sich der Heimleiter nachmittags genau an. Ist man in der Schule, so wie ich es bin, nicht zu schlecht und nicht sehr gut, dann bleibt man im Kinderheim unauffällig und wird in Ruhe gelassen. Besonders wichtig ist es, dass man im Kinderheim nicht herummeckert, dass man sich nicht ärgert, über Heimleiter und Buchhalter. Sonst werden beide sehr böse und schlagen um sich.

Der Heimleiter spielt gerne Theater vor den Kindern. Er will uns zeigen, dass er der große Leiter ist. Wenn der Heimleiter nicht da ist, macht das der Stellvertreter. Freitagabends nach dem Abendessen, stehen sie im Speisesaal vor den Heimkindern und verteilen die Hausarbeit für die nächste Woche. Daraus machen beide eine lange Show. Zu jeder Aufgabe die ein Kind bekommt, sprechen Heimleiter oder Buchhalter kleine Kommentare. Einzelne Kinder nennen sie in ihren Kommentaren „Idioten“, „Pisser“, oder „unseren Dorftrottel“.

Viele Kinder werden von den beiden Männern nicht mit ihren Vornamen angesprochen, sondern mit dem Wort das ihnen gerade zu dem jeweiligen Kind einfällt. So versuchen sie uns zu ärgern. Wenn man sich darauf einlässt und sich darüber wirklich ärgert, hat man schon verloren. Das können die beiden am wenigsten ertragen: Kinder die ihnen vorhalten, wie sie sind. Kinder, die sich offen über die beiden ärgern oder beschweren.

Am schlimmsten sind Kinder, die sich einmischen und kleine Kinder beschützen wollen. Solche Kinder schlagen sie. Deshalb hatten sie Mark damals öfter geschlagen. Ich hatte mich nicht mehr geärgert oder aufgeregt, über diese beiden Männer. Ich hatte versucht, einfach nicht mehr hin zu hören, wenn sie auch mich mit schlimmen Worten beschimpften. Das werde ich jetzt wieder genauso versuchen, denn ich bin gut damit klargekommen.

Besonders schlecht geht es den Kindern, die nachts ins Bett machten. Sie werden vom Heimleiter und dem Buchhalter „die Pisser“ genannt. Alle Kinder machen auch das nach. Bald nennt jedes Kind einen Bettnässer nicht mehr bei seinem Namen, son­dern „Pisser“. Der Heimleiter hatte damals besondere Betteinlagen besorgt. Sobald diese Einlagen nass geworden waren, ging ein lauter Heulton los. Der Heimleiter hatte zu den Kindern, die mit Bettnässern in einem Zimmer schliefen, gesagt: „Die verdammten Pisser erziehen wir trocken zu werden! Wenn nachts die Sirene heult, dann jagt sie aufs Klo!“ Kein Kind im Zimmer eines Bettnässers konnte nachts durchschlafen. Mitten in der Nacht gingen die Heulsirenen los. Deshalb hatten die Kinder den Bettnässern jeden Abend angedroht, sie heftig zu verprügeln, wenn nachts das Sirenengeheule wieder losginge. Manche Bettnässer schalteten deshalb abends die Sirene ab. Schnell hatte der Heimleiter das gemerkt. Persönlich erschien er deshalb abends, um zu überprüfen, ob die Sirenen eingeschaltet waren.

Ich glaube, diesem Heimleiter und dem Buchhalter macht es Spaß, Kinder zu ärgern. Meistens hatten beide gelacht, wenn sie die Bettnässer „Pisser“ schimpften. Solche Kinder hatten keine Ruhe vor den beiden Männern. Unter den anderen Heimkindern hatten sie keine Freunde. Wenn irgendetwas Schlimmes geschehen war, wenn etwas gestohlen wurde, waren „die Pisser“ und „die Idioten“ die ersten, bei denen gesucht wurde.

Mir geht es in diesem Kinderheim nur dann gut, wenn ich unauffällig bleibe. Damals hatte der Heimleiter für mich noch keinen Spitznamen gefunden. An mir gab es nichts Auffälliges, womit er mich ärgern konnte. So soll es auch jetzt wieder sein. Es ist deshalb gut, dass ich wieder in das gleiche Heim zurückkomme. Auch wenn ich den Heimleiter und seinen brutalen Stellvertreter nicht mag. Aber ich weiß, wie sie sind und ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe, damit ich von ihnen in Ruhe gelassen werde. Etwas Besseres kann ich mir nicht vorstellen.

Wenn ein Schlag des Heimleiters mich doch einmal erwischt, muss ich sofort die Arme auf die Ohren reißen, sonst schmerzt und pfeift es im Ohr. Es ist das gleiche Pfeifen wie nach den Schlägen der Stiefmutter. Im Heim werde ich mich nicht ärgern lassen. Ich werde mich nicht aufregen. Ich werde nicht aufmüpfig sein. Mir wird es wurscht sein, wie mich der Heimleiter und sein Stellvertreter nennen und behandeln werden. Ich werde tun, was sie verlangen. Ich werde vor allem still sein. Wenn ich mich doch mal ärgern muss, werde ich den Ärger nicht zeigen. Wenn ich schreien will, gehe ich hinauf in den Wald. Im Heim kann ich den Schlägen aus dem Weg gehen. Ich kenne die Regeln, und es gibt viele Plätze, wo ich mich im Notfall verstecken kann.