8. Fernsehen

Ich verlasse die heiße Fabrikhalle. Die schwere Stahltür fällt hinter mir zu. Der ohrenbetäubende Lärm ist deshalb nur noch ein leises, entferntes, monotones Schlagen. Langsam steige ich die schwarze Steintreppe hinunter. Auf dem unteren Treppenabsatz im Erdgeschoss bleibe ich kurz stehen. Ich sehe hinauf zu einem großen Fenster. Der Himmel ist blau, ich sehe keine Wolken. Am Rand des Fensters sehe ich das Felsmassiv des Untersberges. Meine Hand liegt schon auf dem weißen Plastikgriff der Stahltür. Ich bleibe noch einige Sekunden stehen, denn ich spüre, dass sich in meinem Kopf etwas tut. Die steile Steintreppe erinnert mich an etwas. Ich sehe noch einmal zurück auf die steinerne Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock in der Fabrik.

Nachmittags werde ich blutüberströmt in unser Zimmer ins Nebenhaus getragen. Wegen eines Faustschlages fliege ich durch die dünne Milchglasscheibe der Tür. Ich stolpere über den hölzernen Türrahmen, der das milchige weiße Glas hält. Weil meine Hände nirgendwo an dem Türrahmen Halt finden, stürze ich die schwarze, steinerne Kellertreppe hinunter in den Schuhputzkeller. Unten bleibe ich auf dem dunklen Steinboden, vor der langen Reihe gelber Regenjacken liegen. Schmerzen von meinen Verletzungen spüre ich nicht. Sie kommen erst später, als ich im Nebenhaus im Zimmer auf meinem Bett liege.

Helling verpasst mir nachmittags einen kräftigen Faustschlag. Ich muss irgendetwas zu Helling gesagt haben, was der Auslöser war. Anfangs, nachdem Helling und der Buchhalter die Leitung am Oberlehen von der alten Heimleiterin übernehmen, fresse ich meine Wut noch nicht in mich hinein. Deshalb schlägt Helling auf mich ein. Meine Wut brülle ich an diesem Nachmittag einfach heraus.

Jahrelang lerne ich deren Sprache zu verstehen. Es sind laute Worte, verbunden mit heftigen Schlägen. Ich bin dumm, klein und schwach. Ich habe nichts zu sagen oder zu fordern. Ich kann nicht herausfinden, ob es draußen eine schönere Welt gibt, in der Menschen leben, die nicht unter Männern wie Helling und Birner leiden. Deren Verhalten ist mein normaler Alltag, ist meine Kindheit. Ich spüre mehr und mehr Hass auf die beiden.

Der deutsche Schlager, das deutsche Volkslied besingen jeden Samstagabend, im deutschen Fernsehen eine schöne Welt. Sonnabends sitzen Heimleiter Helling und dessen Kinderheimkinder im großen Aufenthaltsraum vor der Glotze. Er ist korpulent und klein. Seine Gesichtshaut ist leicht gebräunt und faltig. Die Haare sind schwarz, gewellt, fettig, stets gekämmt. An der Stirn hat er eine leichte Locke. Helling erhebt sich schwer von der braunen Holzbank. Behäbig tritt er an das Fernsehgerät. Er trägt eine braune Lederhose, einen roten Wollpullover, nein, es ist ein Pullunder. Darunter trägt er ein weißes Hemd und über dem Pullunder eine grüne, bayerische Wolljacke mit silbernen Knöpfen.

Vor den niedrigen Fenstern im Aufenthaltsraum sind die grünen Vorhänge zu gezogen. Ich höre gedämpfte Kinderstimmen. Ich höre Tuscheln, Piepsen, Flüstern, Lachen, Husten. An der Wand sind braune Holzbänke angebracht. Ich erkenne Stühle, alte Sessel, den Fußboden mit gemusterten Teppich, dessen Muster unseren Matchboxwagen als Straßen dient, der gesamte Raum voll mit Kindern. Die Stimmung im Raum ist erwartungsvoll. Kein Kind ist jetzt laut. Kein Kind drückt die gespannte Vorfreude auf das Fernsehereignis durch geräuschvolles Lachen, Johlen oder Herumhüpfen aus. Kein Kind will jetzt auffallen und damit riskieren, kurz vor Beginn der Sendung von Helling ins Bett geschickt zu werden.

Helling schaltet das Gerät ein. Sofort endet das gedämpfte Tuscheln der vierzig im Aufenthaltsraum. Sekundenlang herrscht gebanntes Schweigen. Achtzig glänzende Kinderaugen sind auf die noch dunkle Mattscheibe gerichtet, gebannt warten sie auf den Beginn der Sendung. Die Mattscheibe wird hell und bunt. Ein dünner Mann in weißem Hemd und dunklem Sakko hüpft durch einen großen Raum. Zu dessen Füßen sitzen Fans, die alle Perücken von Frisuren tragen, die sich nur in der Farbe voneinander unterscheiden. Der dürre Mensch lächelt vierzig Kindern aus dem Fernsehgerät entgegen. Vor seinem Mund winkt unruhig ein orangenfarbenes Mikrophon hin und her. Der magere Mann wartet bis das Klatschen der Fernsehstudiogäste zu seinen Füßen endet. Weil deren Begrüßungsklatschen nicht enden will, versucht er die Studiogäste zu beschwichtigen. Beide Hände, dabei in der rechten das orange Mikrophon, bewegt er auf und ab. Er lächelt ausdauernd aus dem Fernsehgerät. Das Klatschen ebbt endlich ab. Jetzt begrüßt er uns Fernsehzuschauer und seine Gäste im Studio.

Zwischen den vierzig Kinderköpfen vor dem Fernsehgerät ragen auch die Gesichter von Peter und mir hervor. Wir sitzen nebeneinander auf dem Teppichboden. Von meinem Platz sehe ich oben links Helling. Er lässt sich langsam und schwer auf der Holzbank, neben der weißen Milchglastüre zum Speisesaal nieder. Neben ihm sehe ich ein junges Mädchen mit blondem Haar. Jetzt höre ich die Stimme von Ilja Richter. Sie tönt laut aus dem Fernsehgerät. Ich kenne dessen Stimme gut, denn ich höre sie alle zwei Wochen am Samstagabend. Er plärrt schnell, beinahe hysterisch aus dem Gerät:
„Deshalb ist es mir wieder einmal ein besonderes Vergnügen, heute als ersten Gast, hier in der Disco ankündigen zu dürfen: Bernd Klüver mit seinem beliebten Titel und weltbekannten Hit: Der Junge mit der Mundharmonika“!
Auf der Mattscheibe erscheint ein Mann mit dunklem Haar und einer glitzernden Hose. Er trägt ein weißes, geöffnetes Hemd mit riesigem Kragen. Langsam wandelt er durch sitzendes und stehendes Publikum. In der rechten Hand hält er ein silbernes Mikrophon. Sein Gesang geht jetzt los.

Ich wende meinen Kinderblick vom Bildschirm ab. Ich sehe hinauf nach links. Dort sehe ich Helling. Er sitzt neben dem blonden Mädchen. Seine schwere gebräunte Hand lastet auf der Schulter des Mädchens. Jetzt erkenne ich das Mädchen: Es ist Sofia. Sie sieht hübsch aus. Die ist Italienerin. Ich sehe das faltige Gesicht von Helling dicht bei Sofias hübschen braunen Augen. Helling lächelt. Ich kenne sein Lächeln seit vielen Jahren. Seine Augen glänzen, wenn er so lächelt. Ich folge seinem Blick, vorbei an Kinderaugen, zum Fernsehgerät. Dort tänzelt der glitzernde Sänger.

Das Oberlehen liegt in herrlicher Traumlandschaft. Die Aussicht tröstet mich aber nicht. Wie ich im Heim regiert werde, gefällt mir trotz des paradiesischen Ausblicks nicht. Anstatt die herrliche Sicht über das Tal zu genießen, sammle ich Hass und Wut an. Aber ich bleibe immer beherrscht und diszipliniert.

Samstags, nach zwanzig Minuten der Sendung „Disco“ oder „Hitparade“ stehen Peter und ich gleichzeitig auf. Wir gehen in unser Zimmer. Dort legen wir uns ins Bett. Peter schaltet sein Radio ein. Peter stellt seinen Kassettenrecorder auf Aufnahme sobald ein englischer Popsong gespielt wird. Wir verstehen kein einziges Wort. Aber wir sind glücklich, dass es diesen einen Sender zu empfangen gibt, denn er sendet keine deutsche Schnulze und kein deutsches Liebeslied. Peter ärgert sich über die amerikanischen Ansager, deren Tonfall er zwar liebt, aber sie blenden jeden Song zu früh aus. Sie plärren hektisch und schnell in seine Kassettenaufnahme. Er nennt deren Sprache „amerikanischen Släng“.

Während des amerikanischen Kinderfestes warte ich den ganzen Nachmittag darauf, dass die Kinder endlich genauso los singen, wie die amerikanischen und englischen Popstars in Peters Radio, denn sie sprechen ja die gleiche Sprache. Die amerikanischen Kinder beginnen aber nicht zu singen. Stattdessen plärren, schreien und lachen sie. Sie stopfen den ganzen Nachmittag bunte Törtchen und Cola in sich hinein.

Später sind die Kinder satt. Deshalb beschmieren sie sich mit der orange, gelben, blauen und roten Sahne der Törtchen. Ich beobachte einen kleinen blonden Jungen. In seiner rechten Hand liegt ein rosafarbenes Törtchen. Er schleicht sich an ein kleineres, schwarzhaariges Mädchen heran. Sie steht am Fenster und blickt hinaus. Von hinten drückt er ihr ein Törtchen ins Gesicht. Das Mädchen schreit. Sie wehrt sich sofort. Sie greift in einen Törtchenberg auf dem Tisch, erwischt ein Stück roten Sahnekuchen. Der Junge rennt in Richtung Ausgangstür. Das Mädchen holt zum Wurf aus. Sie wirft und trifft. Die rote Sahne hängt am Hinterkopf des blonden Jungen und läuft über dessen Rücken hinunter. Die amerikanischen Kinder lachen und johlen. Jetzt beginnt zwischen dem Jungen und dem Mädchen eine wilde Verfolgungsjagd um die Tische.

Am Oberlehen erlebe ich derartige Szenen nie. Kein Kind im Oberlehen schmiert einem anderen einen Kuchen oder anders Essbares in die Haare. Im Oberlehen essen wir sehr schnell. Nur wer am schnellsten fertig ist, kann noch etwas bekommen. Nur wer seine Brotscheibe gegessen hat, darf sich eine weitere aus dem Korb nehmen. Eine zweite Scheibe schon vorher auf dem Teller zu sichern, ist verboten.

Abends in unserem Zimmer zweifle ich daran, dass der hektische Ansager vom amerikanischen Sender von irgendeinem Menschen auf der Welt verstanden wird. Ich glaube daran, dass alle Zuhörer genauso wie wir, dessen Tonfall gut finden.Erst die amerikanischen Kinder auf dem Kinderfest räumen mit meinem Glauben auf. Wegen deren Geschrei beginne ich abends neben Peters Radio, darüber nachzudenken, was die Ansager den amerikanischen Menschen wohl sagen.

Eines Abends habe ich das Gefühl, dass die amerikanischen Ansager das gleiche erzählen, wie die deutschen Radioansager. Peter findet diese Vermutung absurd. Er sagt:
„Oh no! Das glaube ich nie und nimmer! Schon die Musik ist ganz anders als die deutschen Schlager. Sie ist schneller und besser, also reden die auch was anderes!“ Was Peter sagt, glaube ich ihm. Ich glaube es, obwohl auch er nicht versteht, was die amerikanischen Radioansager erzählen.

Nach dem amerikanischen Kinderfest ist mir schlecht. Ich weiß jetzt, wie gut es den Kindern der amerikanischen Männer geht, die ich täglich in großen Wagen die steile Straße den Obersalzberg hinunter rollen sehe. Weil es den amerikanischen Kindern so gut geht, grüße ich deren Eltern, hinter den Lenkrädern weiterhin mit dem Victory – Zeichen, denn ich möchte, dass sie uns weiterhin anlächeln und uns zu winken. Das tue ich viele Jahre lang. Ich möchte, dass sie uns wieder einladen. Das tun sie nicht.