8. Der Gewinn

Die Rückreise im Wagen der Ferienmutter nach Berchtesgaden war lang und schweigsam. Die Ferien auf dem Gehöft fand ich schön, denn die drei Wochen, bis die Bestrafung mit dem Hausarrest begann, hatten mir Spaß gemacht.

Zurück bei Birner, bezahlte ich gleich bei Michael meine Schulden. Die fünf Mark, die ich beim Dorsche fischen verdient hatte, gab ich Michael. Anstandslos gab der mir eine Mark fünfzig zurück. Eine Mark behielt er für vier Wochen Zinsen à fünfundzwanzig Pfennige ein. Er war es nicht gewohnt, noch in den Ferien Rückzahlungen in voller Höhe, einschließlich seines horrenden Zinssatzes, zu erhalten. Meine Schulden waren damit abbezahlt.

Ich nahm mir fest vor, nie wieder bei Michael Schulden zu machen. Am Samstag verteilte Birner, nach dem Schwimmen, im Berchtesgadener Hallenbad, das Taschengeld. Dabei rauchte er genüsslich Zigaretten, die er elegant einer weißen Schachtel mit der Aufschrift „Lord Extra“ entnahm. Ich erhielt zwei Mark fünfzig, von denen ich keine Schulden und keine Zinsen mehr zu begleichen hatte. Ich steckte mein Taschengeld in die Hosentasche.

Hartwig Elmne kam im Alphabet vor Bernado Wenigstens. Deshalb hatte Hartwig sein Taschengeld lange vor mir von Birner erhalten. Ich beobachtete, wie er sein Geld in die Hosentasche steckte. Er versuchte über den kleinen Vorraum des Hallenbades, in dem sich zwei Automaten mit Colaflaschen befanden, zu entkommen. Mike und Peter, zwei die bei Michael tief in der Kreide standen, positionierten sich am Ausgang. Ich beobachtete, wie beide blitzschnell den kleinwüchsigen Hartwig umstellten und zurück in den Automatenvorraum drängten.

Von Hartwig hörte ich dabei keinen Ton. Wahrscheinlich hatten sie ihm den Mund zugehalten. Beide kamen Minuten später lächelnd aus dem Vorraum. Sie gingen zu Michael, der mit uns am kleinen Tisch stand, wo Birner das Taschengeld aus Papierrollen mit dem Aufdruck der Kreissparkasse Berchtesgaden entnahm. Weil Michael ganz in meiner Nähe stand, hörte ich wie Mike in dessen Ohr flüsterte: „Alles klar, wir haben dem Pimpf seine 2 Mark abgenommen“. Mike drückte Michael das Geld in die Hand.

Hartwig kam Minuten später mit gesenktem Kopf aus dem Vorraum, ging langsam zum Ausgang des Hallenbades, blieb aber an einem der riesigen Fenster stehen, wo er sich anlehnte und auf den Parkplatz hinaus schaute. Dort parkten einige Autos, darunter auch der weiße Porsche von Birner. Hartwig hatte es nicht mehr eilig weg zu kommen, denn es machte nun keinen Sinn mehr, in den Markt Berchtesgaden hinauf zu laufen, ohne Geld für Süßigkeiten.

Am Montagvormittag kam mein erster Termin in Berchtesgaden, im Haus bei der Lehrerin. Die letzten zwei Ferienwochen, so war es vereinbart worden, sollte ich jeden Tag in ihr Haus kommen, um mich auf die Aufnahmeprüfung für die Realschule vorzubereiten. Die Aufnahmeprüfungen sollten an den beiden letzten Ferientagen stattfinden.

Jeden Morgen lief ich von Birners Haus am Obersalzberg, auf der steilen Bergstraße, hinunter nach Berchtesgaden. Ich lief durch den Ort, um auf der anderen Seite wieder eine steile Bergstraße hinauf, auf den Kälberstein, zu laufen.

Vom Haus der Lehrerin konnte ich den Obersalzberg gut sehen. Den Fußmarsch, von Birners Haus zur Lehrerin, schaffte ich in einer knappen dreiviertel Stunde. Es gab, in der Nähe von Birners Haus am Obersalzberg, die Bushaltestelle Station Erika. Der Bus, hinunter nach Berchtesgaden, fuhr aber nur dreimal täglich. Morgens um sieben, Nachmittags um fünf und abends um sieben. Diese Zeiten waren für mich schlecht. Ich musste jeden Vormittag erst um zehn Uhr bei der Lehrerin sein.

Nachmittags lief ich um fünf Uhr zurück auf den Obersalzberg. Manchmal trieb ich mich noch ein bisschen im Markt herum. Ich hatte mein Taschengeld am Samstag nicht vollständig ausgegeben, denn ich wusste, dass ich jeden Tag, durch den Markt Berchtesgaden, zur Nachhilfe bei der Lehrerin unterwegs war. Ich kaufte mir in einem kleinen Edekaladen, der nahe der Bacheischule, auf dem Weg zur Straße, an der Berchtesgadener Arche, hinauf auf den Obersalzberg, lag, für ein paar Pfennige Lutscher, klebrige Bonbons oder so genannte Plombenzieher. Das waren kleine braune Karamellutscher, die manchmal so an den Zähnen festklebten, dass sie beim Loslösen einen wackeligen Zahn oder eine Amalgamplombe heraus rissen.

Die Lehrerin begrüßte mich an meinem ersten Lerntag freundlich. Sie hatte mir eine kühle Apfelsaftschorle hingestellt. Der Sommer war immer noch warm. Es war fast wärmer als an der Ostsee, denn der Wind der See fehlte. Das Licht in Berchtesgaden war schon herbstlich geworden. Der Ausblick auf die Berge war täglich sehr klar. Richtig schönes Badewetter. Ich wusste, dass jeder sonnige warme Tag ein Glück war, denn in Berchtesgaden brachte das Ende des Sommers, Anfang September, oft ganz schnell eine nasse Kälte, die wochenlang anhalten konnte, bis erst im Oktober wieder ein paar sonnige, aber meist schon sehr kühle Tage kamen. Die Kinder in Birners Haus waren beinahe alle von ihren Ferienverschickungen zurück. Sie gingen jeden Tag gemeinsam ins Freibad. Ich war nicht mit dabei, ich ging jeden Tag zur Lehrerin.

Die Lehrerin versuchte mir den Einstieg in das Lernen in ihrem Haus schmackhaft zu machen. Täglich stellte sie mir eine Apfelsaftschorle und Salzstangen hin. Sie sagte, wenn ich schon in den Ferien so viel büffeln müsste, dann wenigstens mit einer kleinen täglichen Belohnung.

Ich kam vom ersten Tag an gerne zur Nachhilfe ins Haus der Lehrerin. Es war mir egal, dass ich nicht mit den anderen Kindern ins Freibad gehen konnte. Ich wusste, dass das für mich kein Nachteil war. Es war mir sehr recht gewesen, dass ich nach der Ferienverschickung nicht sofort, den ganzen Tag lang, mit den Kindern in Birners Haus zusammen sein musste. Michael erzählte beim Frühstückstisch, dass ich für zwei Wochen ins „Schularbeitslager“ verbannt würde. Er prahlte, dass er und die anderen ihren Spaß im Freibad haben würden, während ich mir den „Arsch wund büffeln“ müsse.

Michael wusste, wie er mich und andere wütend machen konnte. Alle Kinder am Tisch lachten dreckig und laut. Ich ärgerte mich sehr über dessen Sprüche, sagte aber nichts. Am meisten ärgerte es mich, dass auch Hartwig dreckig lachte.

Das gehörte zum Alltag im Kinderheim am Obersalzberg bei Birner. Die Kinder hassten sich gegenseitig. Wir nutzten jede Gelegenheit um uns gegenseitig zu ärgern, einen bösen Witz auf Kosten eines anderen zu reißen, uns in der Sprache von Birner als „Armleuchter, Pisser“ oder „Sandkastenrocker“ zu beschimpfen oder dem Gegner zu wünschen, dass er bald „abstrapse“. Birner tobte seine Lust an eisiger Macht und gewalttätiger Überlegenheit gegenüber Kindern aus. Dessen Gewalt war aber nicht das schlimmste, denn auch mein Vater war gewalttätig. Deshalb war ich von westdeutschen Jugendämtern in Birners Obhut am Obersalzberg gegeben worden. Was Birner tat erschien mir normal, denn warum sonst hätte mich ein Jugendamt dort hin geschickt?

Michael kannte, genauso wie der Heimleiter, keiner Gnade. Der Stärkere musste sich ständig beweisen, ertrug keine Widerrede und erst recht keine Niederlage. Er musste stets der Sieger sein. Michael ließ sich von dreckig lachenden Dritten, die immer zahlreich waren, lautstark feiern. Oft ging es dabei um den ständig zu wiederholenden Beweis seiner Kraft und Macht. Er tat das, genauso wie es der Heimleiter tat, mit der Faust.

Vertrauen unter Kindern gab es am Obersalzberg bei Birner nicht. Ich brauchte viele Jahre um das alles zu durchblicken. Erst nach vier, fünf Jahren im Haus bei Birner, wurde mir klar, wie wichtig es war, mich nicht ständig provozieren zu lassen. Das zu erkennen, war ein großer Gewinn, aber es war keine dauerhafte Gewähr dafür nicht verprügelt zu werden. Es eröffnete jedoch den Hauch einer Chance an Prügel vorbeizukommen.

Michael hatte mich auch dann weiter verprügelt, wenn ich auf seine Provokationen gar nicht reagierte. Eines Tages merkte ich, dass die Stimmungen Michaels und meine Art des „Nichtreagierens“ auf seine Provokationen, vielleicht sogar dessen Lust, mich zu Schlagen erhöhte. Ich verstand, dass allein meine Ruhe für Michael eine Provokation zu sein schien.

Als ich das begriffen hatte, legte ich mir eine neue Strategie zu. Ich begann ihm Ärgerlichkeit vorzuspielen. Ich begann ein kontrolliertes Spiel. Ich spielte Ärger so lange kontrolliert vor, bis ich bei Michael Zufriedenheit und Überlegenheit wahrnahm. Michael glaubte, sein Ziel, mich zu ärgern erreicht zu haben. Das war der wichtigste Effekt meiner neuen Strategie. Das Spiel funktionierte.

Ich provozierte nicht mehr, indem ich Michael beleidigte oder gar hasserfüllt anbrüllte, wenn er mich ärgerte. Sondern ich spielte ihm kontrollierten Ärger darüber vor. Weil meine Strategie funktionierte, baute ich sie im Laufe der Jahre zu meiner perfekten Methode aus. Dass meine Methode erfolgreich war, merkte ich daran, dass Michael und Birner immer weniger Anlass fanden mich zu verprügeln.

Nach vielen Jahren am Obersalzberg verstand ich, dass Birner sofort zuschlug, wenn er das Gefühl hatte, dass ich ihn nicht ernst nahm. Nicht ernst genommen zu werden, war für den Heimleiter eine große Verletzung der Ehre. Besonders schlimm war es für ihn, wenn ein Kind wie ich, ihn durchschaut hatte und gegenüber anderen Kindern im Sandkasten erklärte, dass man Birner unbedingt aus dem Weg gehen sollte. Birner war für Kinder unberechenbar und deshalb sehr gefährlich. Er war das brutalste Kind in dessen Haus am Obersalzberg. Ich wusste das, denn ich musste dessen Gewalttätigkeit jahrelang ertragen. Meine Erkenntnisse aus der Gewalt, und Erlebnissen unberechenbarer Brutalität, mit der Birner viele Jahre lang Kinder verprügelt hatte, gab ich warnend an neue Kinder weiter. Das war für Birner eine Provokation. Jugendämter schickten, in den siebziger Jahren, ständig weitere neue Kinder nach Berchtesgaden in dessen Obhut. Da gab es viel zu warnen, weshalb ich immer in der Gefahr war, von dem unbeherrschten Mann zusammen geschlagen zu werden.

Birner fühlte sich auch dann persönlich verletzt, wenn man sich von ihm abwandte, während er lautstark über seinen schnellen Porsche prahlte. Wenn er über sein Rennauto sprach, duldete er keine Unaufmerksamkeit. Birner prahlte, über rote Ampeln gerauscht zu sein, und Geschwindigkeitsrekorde, auf seinem täglichem Weg zwischen der Wohnung, nahe Berchtesgaden, und dem Haus, oben am Berg, aufgestellt zu haben.

Angeberei, lässiges Gehabe, aber vor allem die brutalen Faustschläge in den Magen, oder ins Gesicht, durch Birner und Michael, regten mich auf. Mein Desinteresse an Birners Prahlerei und meine Ablehnung aber provozierten Birner und machten ihn wütend.

Der bevorstehende Herbst kündigte sich mit dem Tageslicht an. Abends wurde es früher dunkel. Mit meinen Hausaufgaben, für die Nachhilfelehrerin, war ich meist gegen halb neun Uhr fertig. Draußen war es dämmrig, wie in der Ferienverschickung auf dem Gehöft an der Ostsee, nachts um halb zwölf. Vom Zimmerfenster sah ich die gegenüber liegenden Gebirgsketten. Von unten, aus dem Aufenthaltsraum, hörte ich die Kinder in Birners Haus vor dem Fernsehapparat lachen. Am liebsten sahen wir die Fernsehshows mit Illia Richter, oder Rudi Carell, welche die großen musikalischen Stars der Zeit ankündigten. Das waren Sänger wie Karrell Gott, Peter Alexander, Heintje, Mirel Matieu, oder Heino. Ich hasste deren Gesang, den ich als eine Art Gesäusel empfand, das mir deshalb nicht gefiel, weil mir das erschien, wie von einem fremden Stern, auf dem das Leben ganz anders sein musste, als meines bei Birner auf dem Obersalzberg. Ich hatte nach den Hausaufgaben keine Lust mehr runter zu gehen und mir das anzusehen.

Stattdessen blickte ich durch das Zimmerfenster auf die, in der Dunkelheit liegenden, schwarzen Gebirgsketten. Dabei versuchte ich, in meinem Kopf, das Gelernte noch einmal durchzugehen. Die Lehrerin hatte mir eine Methode erklärt, wie ich mir das, was sie mit uns aus dem Schulstoff, für die Aufnahmeprüfung wiederholte, am besten einprägen könnte. Das wichtigste sei, dass ich ihr genau zuhörte und Dinge die ich las, sofort darauf überprüfte, ob ich sie verstand. Danach sollte ich diese Dinge im Kopf immer wieder wiederholen, um sie mir einzuprägen. Das könnte ich jederzeit machen. Das Wiederholen konnte abends im Bett geschehen, es konnte während des Küchendienstes, im Haus von Birner geschehen, es konnte auf dem Fußweg, von Birner zu ihrem Haus geschehen, es konnte immer dann geschehen, wenn ich nicht gerade mit jemand sprach oder meine Aufmerksamkeit auf erneutes Lernen gerichtet war. Die Methode übte ich jeden Abend, nach den Hausaufgaben, während ich zum Fenster hinaus sah. Danach putzte ich mir die Zähne und ging ins Bett.

Hartwig kam meist gegen viertel vor zehn. Er dachte, dass ich schon schliefe. Das tat ich aber nie. Ich wiederholte im Kopf etwas, von den Dingen, die ich bei der Lehrerin gelernt hatte. Dabei hörte ich Hartwig, wie er sich auszog, ins Bad zum Zähne putzen ging, zurück kam, das Licht ausmachte und ins Bett ging.

Morgens standen wir um acht Uhr auf. Noch bevor die Kinder sich, nach dem Frühstück, um halb zehn im Hof sammelten, um zusammen in Richtung Freibad zu gehen, verließ ich gegen viertel nach neun allein das Haus, um mich auf den Weg nach Berchtesgaden zur Lehrerin zu machen. Morgens am Frühstückstisch hatte Michael eine neue Bemerkung auf Lager. Einmal war es das „Lern-KZ“, in das ich heute unterwegs sei, dann war ich das „Streber-Kalb auf dem Weg zur Streber-Kuh“ oder ich war der „Musterschüler der einem raus geschmissenen Leerkörper hinterherrannte“. Mir war das alles egal. Ich spielte mein Spiel, gab mich beleidigt und verärgert. Solange Michael nicht drohte und zuschlug, interessierte mich selbst das fiese Lachen der Kinder am Tisch immer weniger. Michael konnte mich in dieser Zeit ohnehin nur morgens und abends provozieren. Den Rest des Tages sahen wir uns nicht.

Ich war entschlossen die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Ich hatte nicht das Ziel, einen besseren Schulabschluss zu bekommen. Soweit dachte ich nicht. Einziger Grund war, dass ich nicht weiter auf die Bacheischule in Berchtesgaden gehen wollte, welche die meisten Kinder aus Birners Haus besuchten, so auch Michael.

Die Lehrerin hatte in der Schule dafür gesorgt, dass sich die Situation in meiner Klasse ganz schnell verbessert hatte. Kinder, in deren Klasse, unterhielten sich viel mehr miteinander. Das lernten wir in den lauten Gesprächsrunden vor den Aufsätzen. Weil wir gelernt hatten, zu sprechen und zu diskutieren, prügelten wir uns viel weniger. Seitdem die Lehrerin, wegen ihrer abweichenden Methoden, von den Eltern und vom Direktor aus der Schule vertrieben worden war, hatten die Kinder begonnen, sich in der Schulpause wieder mehr zu prügeln und weniger zu reden.

Mit unserem neuen Klassenlehrer war der Direktor der Bacheischule sehr zufrieden. Die Eltern beschwerten sich nicht mehr darüber, dass die Kinder immer so laut miteinander diskutierten, anstatt zu lernen. Tatsächlich war es in meiner Schulklasse, ohne die Lehrerin, viel leiser geworden. Wir diskutierten nicht mehr in kleinen Gruppen, sondern ein Kind sprach nur, wenn es sich gemeldet hatte und vom Lehrer aufgefordert worden war, zu antworten. Das erinnerte mich an den Feriengroßvater.

Für mich war es in der Bacheischule immer schwieriger geworden. Zwar hatte ich von der Lehrerin gelernt, mit meinem eigenen Denken zu beginnen, doch das nützte mir bei dem neuen Lehrer nicht mehr viel, denn ich war in der Schulklasse ein Außenseiter, was der Lehrer mich spüren ließ. Ich konzentrierte mich darauf, möglichst wenig aufzufallen, um so wenig wie möglich zum Gespött der Mitschüler in der Klasse zu werden.

Bessere Noten, die ich wegen meinem eigenen Denken und Mitarbeiten zuvor erreicht hatte, zogen, beim neuen Lehrer, Neid und Spott der Mitschüler auf mich. In den Pausen wurden Hass und Aggression gegen mich frei. Im Vorbeigehen erhielt ich von Mitschülern, die bei der Lehrerin noch mit mir diskutiert hatten, plötzlich gemeine Kopfnüsse. Mir wurden Türen vor der Nase zu geschlagen. Dass ich bei der Lehrerin, wegen meinem Mitdenken bessere Noten gehabt hatte, als die meisten anderen, machte mich nun zum Außenseiter. Bei dem neuen Lehrer war ich wieder zu dem dummen Jungen geworden. Ich konnte mich kaum mehr auf den Unterricht konzentrieren, weil ich damit beschäftigt war, keinen Anlass zu geben mir in der Pause Schläge, Tritte oder Kopfnüsse zu verpassen.

In der Klasse sprach keiner mehr mit mir. In der Pause gingen mir die Kinder aus dem Weg. Im Schulbus, vom Obersalzberg hinunter in die Bacheischule nach Berchtesgaden, stand ich allein. Keiner bot mir einen freien Platz neben sich an. Ich stieg immer als letzter ein. Ich spürte, dass ich von niemandem erwünscht war. Hass und Hetze von Mitschülern nahmen zu, sie waren zur meiner Normalität geworden. Doch selbst daran gewöhnte ich mich. Ich ging allen aus dem Weg. Am Ende des Schuljahres gab es niemanden mehr, der mit mir sprach: Ich wurde von niemandem angesprochen. Ich sprach niemanden an.

Einzig die Lehrerin blieb mir. Sie hatte mir gesagt, ich sollte die Prüfung machen. Es gäbe eine neue Schule, ganz oben auf dem Obersalzberg, weit höher als Birners Haus lag. Dorthin könnte ich es schaffen. Es sei eine Realschule. Dort gäbe es Aufnahmeprüfungen für Hauptschüler. Ich könnte es schaffen, wenn ich noch viel lernte. Dass könnte ich in zwei Wochen meiner Ferien, in denen die Lehrerin mich und drei andere Kinder, aus dem Nachbarort, unterrichtete.

Sie gab jedem Kind ein Buch. Das hatte sie speziell für unsere Prüfungsvorbereitung zusammengestellt. Sie hatte es bei einem Buchbinder binden lassen. Es war ein dünnes Buch mit insgesamt fünfzig Seiten. Sie sagte, dass wir jeden Tag fünf Seiten durcharbeiten würden. Der gesamte Stoff in diesem Buch sei es, den wir zusammen mit unserem Wissen, aus der letzten Hauptschulklasse, brauchten, um gut vorbereitet in die Prüfung zu gehen.

Als ich zur Lehrerin in den Nachhilfeunterricht kam, hatte ich meine einzige Jeans angezogen. Ich wusste, dass noch drei andere Kinder zu ihr kommen würden. Deshalb hatte ich die Jeans im Urlaub, auf der Ferienverschickung, nur an einem einzigen Tag getragen. Sie sollte nicht schmutzig werden. Ich wollte nicht, dass sie bei Birner gewaschen werden musste und in einem riesigen Wäscheberg verschwand. Ich wollte nicht in der alten Kordhose, wie in der Schule, auch im Nachhilfeunterricht, bei der Lehrerin, vor den drei anderen Kindern erscheinen.

Kleidung für Kinder im Haus von Birner kam von Spenden, die Erwachsene hin und wieder vorbeigebracht hatten. Da waren niemals Jeans dabei. Denn Jeans wurden so lange getragen, bis sie für eine Spende nicht weiter geeignet waren. Fast alle Kinder in der Schulklasse trugen Jeans. Ich trug eine grüne Kordhose, denn ich hatte keine Jeans.

Zur Eröffnung eines neuen, großen Ladens fand eine Eröffnungsfeier mit Tombola und Losverkauf statt. Nach dem Schwimmen und der Taschengeldausgabe im Hallenbad, war ich am Samstag dort hin gelaufen. Das war Wochen vor den Sommerferien. Mein Taschengeld hatte ich an Michael bezahlt. Die meisten Kinder liefen in den Ort hinauf, um dort ihr Taschengeld zu verjubeln. Zusammen mit zwei weiteren Burschen, hatte ich mich, entlang der Berchtesgadener Arche, vom Hallenbad in Richtung zur Bergstraße, die zu Birners Haus auf den Obersalzberg führte, gemacht.

Auf diesem Weg kamen wir an dem großen neuen Kaufhaus vorbei. Wir kannten das neue Einkaufszentrum schon, wussten aber nichts von der Eröffnungsfeier. Draußen hingen bunte Luftballons und kleine Fähnchen. Von drinnen tönte solche Musik, die wir Kinder damals gerne im Radio hörten oder begeistert im Fernsehen verfolgten.

Wir drei betraten neugierig den großen Laden. Am Eingang lief ein Verkäufer mit einem Eimer voller Losen und einem Mikrophon hin und her. Er pries tolle Gewinne seiner Lose an. Alles war in einem großen Regal aufgebaut. Darunter waren so tolle Preise wie ein Fahrrad und ein kleiner Fernsehapparat.

Wir beobachteten eine Zeit lang das Treiben rund um den Losverkäufer. Ein Los kostete eine Mark. Das war wahnsinnig teuer. Auch wenn wir das Geld gehabt hätten, das hätten wir nicht ausgegeben. Wir begannen die weggeworfenen Lose vom Fußboden aufzusammeln, um zu überprüfen, ob das wirklich alles Nieten waren. Es waren Nieten. Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf. Wir sammelten alle Lose auf, die dort hingeworfen wurden und wir warfen die Nieten alle in einen Mülleimer. Vom Losverkäufer und von einigen Gästen wurden wir dabei kritisch beäugt. Die Gäste saßen an den Tischen rund um das Rad, welches der Verkäufer immer wieder an stieß und Werbesprüche in ein dickes Mikrophon plärrte.

Als Kind, aus dem Haus von Birner am Obersalzberg, war ich in Berchtesgaden oft kritischen Blicken ausgesetzt. Das hatte Gründe. Kinder aus dem Kinderheim am Obersalzberg fielen auf. Beim Aufsammeln der Lose vom Fußboden, fielen wir auf, denn außer uns tat das keiner. Uns war egal, dass wir in der Öffentlichkeit taten, was niemand tat, denn darüber machten wir uns gar keine Gedanken. Die Achtung derentwegen man sich in der Öffentlichkeit nicht traute, den Dreck anderer vom Fußboden aufzuheben, hatten wir nicht zu verlieren. Wir besaßen sie gar nicht. Kinder, aus Birners Haus am Obersalzberg, wurden von Erwachsenen in Berchtesgaden, damals oft nicht geachtet. Das hieß nicht, dass man uns nicht beachtete.

Mir war es nicht peinlich, wenn ich von Klassenkameraden, beim Lose aufsammeln vom Fußboden, beobachtet wurde. Ich dachte darüber gar nicht nach, denn ich wusste, dass ich in deren Gemeinschaft keinen Eingang finden würden, weil ich im Heim am Obersalzberg bei Birner lebte. Lose aufsammeln schadete mir nicht.

An einem Tisch beobachtete ich einen Mann beim Kaffee trinken. Ein Dackel wühlte in der Tasche des Mannes, die am Stuhlbein lehnte. Der Dackel war dunkelbraun und hatte einen pfiffigen Schwanz, der lustig hin und her wedelte. Der Mann setzte dem ein Ende, indem er die Tasche mit dem Reißverschluss zu zog. Dabei fiel etwas kleines heraus, was der Mann nicht merkte, aber der Hund. Der kaute eine Zeit lang darauf herum und ließ es schließlich, wenige Meter vom Tisch entfernt, zu Boden fallen. Meine Augen folgten weiter dem Dackel, der sich mit seinen kleinen Zähnchen nun dem Hosenbein zu wandte, bis der Mann den Hund weg schob. Jetzt wanderten meine Augen vom Dackel weg zum Stuhlbein und von da zurück auf den Fußboden beim Tisch.

Es war ein Los! Jetzt sah ich wieder die Schnauze des Dackels. Er schnupperte am Los, stupste es, so dass es an das Tischbein rollte, wo es liegen blieb. Der Hund interessierte sich nun aber nicht mehr dafür, denn er hatte am Nachbartisch einen Kumpel entdeckt. Auch ein Dackel. Die beiden kannten sich offenbar, denn sie neckten sich und kläfften herum. Ich ließ das Tischbein und das Los nicht mehr aus den Augen. Sekunden später erhob sich der Mann. Er stieg mit dem rechten Schuh auf das Los. Zusammen mit zwei kläffenden Dackeln, gingen er und ein anderer Mann, am Losverkäufer vorbei, um den Laden zu verlassen.

Das war meine Chance. Ich ging zu dem Tisch und setzte mich. Dann ließ ich meine Jacke zu Boden fallen, bückte mich nach ihr und nahm das Los zusammen mit meiner Jacke auf. Ich erhob mich, ging langsam weg von dem Tisch. Mein Herz raste, mein Atem war kurz und schnell. Erst hinter der Toilettentür öffnete ich das Los.

Ich las: Gewinn Nr. 33! Ich spürte meine Hände zittern, ließ das Los fallen, beinahe wäre es in die Kloschüssel gefallen. Es war wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Nein es war noch mehr!

Bei Birner gab es an Weihnachten oder Geburtstag immer eine festgelegte Summe Geld vom Jugendamt. Was davon gekauft wurde, wussten wir schon bevor wir das Geschenk auspacken durften. In dem neuen Kaufhaus hatte ich etwas gewonnen, wovon ich nicht wusste, was es würde! Ich blieb länger in der Toilette als eigentlich nötig. Ich wartete. Es dauerte Minuten bis ich ruhiger wurde und wieder normal atmen konnte. Erst mit der Ruhe begann ich nachzudenken.

Ich brauchte Zeugen. Kinder aus Birners Haus mussten bezeugen, dass der Gewinn ein wirklicher Gewinn war. Es musste klar sein, dass ich den Gewinn nicht gestohlen hatte. Denn das würde es sein, was Birner dachte. Ein Diebstahl hätte mir viel Prügel eingebracht.

Ich hoffte, dass es ein Fahrrad war, das ich gewonnen hatte. Mit einem schönen neuen Fahrrad täglich vom Obersalzberg hinunter in den Ort zu fahren, das wäre toll gewesen. Oder der kleine Fernseher! Das wäre natürlich ein traumhafter Gewinn gewesen. Ich hätte mir und Hartwig einen Fernseher ins Zimmer gestellt. So etwas hatte im Haus von Birner kein Kind gehabt. Es war wichtig meine beiden Zeugen für das gefundene Los nicht aus den Augen zu verlieren.

Kinder die neu bei Birner eingezogen waren, wurden sehr schnell von anderen Kindern bestohlen. Musikkassetten wechselten den Besitzer. Dabei stellte sich jedes Kind unterschiedlich geschickt oder dumm an. Musikkassetten waren eigentlich ungeeignet für einen Diebstahl. Trotzdem wurden sie immer wieder gestohlen. Der Nachweis darüber, dass eine Kassette einem anderen Kind gehörte, war einfach. Schwieriger war das bei Batterien für den Kassettenrecorder, Geld oder Süßigkeiten.

Manche Kinder stahlen samstags nach dem wöchentlichen Hallenbadbesuch in den Läden in Berchtesgaden. Das ging immer schief. Entweder wurden sie gleich im Laden erwischt, oder es fiel im Haus von Birner auf. Zu teuer als vom Taschengeld bezahlbar. Birner verprügelte solche Kinder besonders heftig. Danach regelte er den Diebstahl. Das Kind, das gestohlen hatte, bekam so lange kein Taschengeld bis die Ware abbezahlt war. War die Ware sehr teuer, wurden auch Geburtstags- und Weihnachtsgeld einbehalten.

Ich verließ die Toilette, ging zurück zum Losverkäufer. Dort traf ich auf meine beiden Begleiter, die weiterhin Lose vom Boden aufsammelten. Auch ich sammelte vor den Augen meiner Begleiter einige Lose vom Fußboden auf. Dann ging ich zu einem der beiden und zeigte ihm begeistert mein Los. Der andere kam sofort dazu. Meine Anspannung, wegen des zu erwartenden Gewinns, übertrug sich sogleich auf die beiden.

Zu dritt bedrängten wir nun den Verkäufer. Der betrachtete uns misstrauisch. Er glaubte nicht daran, dass wir ein einziges Los finden würden, das keine Niete war. Kritisch überprüfte er mein Los. Er sagte nichts, sondern nickte nur und holte einen Kollegen herbei. Der nickte ebenfalls. Er bedeutete mir, dass er meinen Gewinn holen würde. Er verschwand hinter einer weißen Tür. Nur Sekunden später erschien er wieder. Er fragte mich welche Hosengröße ich hatte.

Ich hatte mit dem Los eine Jeans gewonnen. Davon war ich überhaupt nicht begeistert. Meine Hosengröße wusste ich nicht. Der Mann musterte mich kurz und sagte: „Alles klar, komme gleich zurück.“ Er kam mit drei Jeans zurück, die ich in einer Umkleidekabine anprobierte. Eine davon passte mir. Das Fahrrad hätte mir besser gefallen.