8. Auf dem Berg

Das Dach der Laubbäume im Wald schützt mich vor den Regentropfen. Der Regen nimmt zu. Das Walddach lärmt. Ich halte mich seit einiger Zeit nach links. Ich laufe sehr schnell, so schnell es geht. Ich höre meine Schritte auf dem Laub nicht, der Regen übertönt jetzt alles. Jetzt bin ich nicht mehr der Lauteste im Wald.

Es wird heller. Ich erreiche das Ende des Waldes. Es geht nicht mehr bergauf. Ich bin oben. Es ist der Berg der Oma, den ich nun endlich erreiche! Jetzt treffen mich die ersten, dicken Regentropfen. Die Strickjacke wird mir nicht lange Schutz vor dem Wasser bieten. Der Weg zur Oma ist aber nicht mehr lang. Vielleicht erreiche ich sie, bevor der Regen meine Jacke durchdringt.

Die Oma spricht sehr viel. Sie unterhält sich mit den vielen Kindern und Erwachsenen, die in ihrem Haus leben. Sie redet viel mit dem Opa. Sie fragt, ob es gut geht. Die Menschen im Haus sprechen über ihre Arbeit, über die Schule, über den Garten, über das Wetter und über vieles Andere. Sie sitzen in der Küche am Küchentisch und reden.

Sie überlegen, was der Opa von seiner Einkaufsfahrt in den Ort mitbringen soll. Sie besprechen, was die Oma zum Mittagessen kochen wird. Die Oma kocht immer gutes Essen. Ich freue mich schon darauf, weil ich jetzt richtig Hunger habe. Früher, als wir die Oma mit dem Vater besucht hatten, sprach die Oma auch mit dem Vater sehr viel. Sie hatte dem Vater geholfen uns Kinder aus dem Kinderheim herauszuholen. Sie wollte, dass wir nicht im Kinderheim leben, sondern wir sollten in der Familie leben. Das hatte sie einmal gesagt, aber damals hatte sie noch nicht gewusst, wie der Vater mit uns zusammenleben wird. Der Vater und die Oma hatten sich früher gut miteinander verstanden. Das ist vorbei. Heute verstehen sie sich nicht mehr gut. Ich glaube, das liegt daran, dass die Oma weiß, wie die Stiefmutter und der Vater zu Hause mit uns umgehen. Ich glaube, deshalb haben wir die Oma so lange nicht besucht. Der Vater weiß, dass die Oma immer fragt, wie es geht. Der Vater will nicht, dass wir der Oma von zu Hause erzählen.

Gleich komme ich bei der Oma an. Ich werde alles erzählen. Mir ist es jetzt egal, ob der Vater das will oder nicht. Ich kann sowieso nicht mehr zu ihm zurück.

Große Regentropfen klatschen auf die schwarze Straße und auf die parkenden Autos am Waldrand. Meine Strickjacke tropft. Meine Haare sind nass. Wassertropfen laufen durch mein Gesicht. Das Wasser läuft wie ein kleiner Bach die Bergstraße hinunter. Kein Mensch läuft auf der Straße. Kein Auto fährt vorbei. Ich gehe über die Straße. Ich sehe kein Vordach, unter das ich mich stellen kann. Es gibt keine überdachte Bushaltestelle, keinen Hauseingang. Im Wald kann ich nicht bleiben. Der Regen ist zu stark für das dünne Blätterdach. Also laufe ich schnell die Straße hinunter. Ich erreiche die Kreuzung, an der die Bergstraße und die Straße, in der die Oma wohnt, zusammentreffen. Von beiden Straßen läuft viel Regenwasser zusammen. Es fließt die steile Bergstraße hinunter. Dem Treiben des Wassers auf der Straße würde ich gerne weiter zusehen. Aber ich habe keine Zeit.

Ich überquere die nasse Straße. Auf dem Gehsteig laufe ich schnell zum Haus der Oma. Der Vater sitzt immer noch im Käfer. Er sucht mich nicht hier oben auf dem Berg. Er fährt noch unten im Ort herum.

Wie wird mich die Oma begrüßen? Was sagen die anderen Kinder und Erwachsenen im Haus, wenn ich gleich zur Tür hereinkomme? Kann ich bei der Oma bleiben? Wird sie dem Jugendamt alles erklären und sagen, dass ich nicht wieder beim Vater wohnen kann? Kann ich heute Nacht gleich bei der Oma bleiben? Das alles weiß ich nicht. Nur eines ist ganz sicher: bestimmt werde ich gleich etwas zu essen bekommen, denn ich habe großen Hunger.

Ich erreiche die Straße, in der die Oma wohnt. Ich bin gut bei der Oma gelandet, endlich hat es geklappt. Der dritte Versuch die Oma zu erreichen, ist nicht gescheitert. Darüber bin ich sehr froh. Es hätte unterwegs etwas schief gehen können. Der Vater hätte mich finden können. Andere Leute auf der Straße hätten mich zur Polizei bringen können. Aber es ist nichts passiert, ich habe es heute geschafft. Jetzt bin ich sehr erleichtert. Der Vater braucht nicht mehr nach mir zu suchen. Ich bin bei der Oma. Er kann mich jetzt nicht mehr finden. Ich werde sehen, wie es bei der Oma mit mir weiter geht.