7. Für immer

Der Tacho zeigt genau einhundert an. Herr Neumann fährt nicht mehr so schnell, weil es sehr stark regnet. Die Sicht ist sehr schlecht. Der Scheibenwischer jagt über die Windschutzscheibe, trotzdem sehe ich nur wenig. Die Wischblätter hauen ständig hin und her. Der Wagen fährt jetzt noch langsamer, nur noch achtzig. Die Autobahn ist weiß vom aufklatschenden Regen. Hinter jedem Wagen entsteht eine dichte, weiße Gischtwolke. Manchmal sehe ich draußen, vor der Windschutzscheibe, gar nichts mehr. Herr Neumann überholt jetzt nicht mehr, er fährt lieber vorsichtig. Er sagt es ist besser, wenn wir etwas langsamer fahren und gut ankommen, als schnell zu sein und deshalb vielleicht einen Unfall zu bauen. Ich finde es gut, wenn er nicht so schnell fährt. Ich sitze gerne im Auto und sehe zum Fenster hinaus. Ich finde es gut, wenn wir nicht so schnell ankommen.

Die letzte weite Reise mit dem Vater war die Fahrt in seinem Käfer vor fast einem Jahr gewesen. Er hatte uns aus dem Kinderheim abgeholt. Im Käfer war es sehr eng. Wir saßen zu dritt hinten auf der Bank. Mark saß vorne, neben dem Vater. Der Vater fuhr sehr schnell. Manchmal hatte er große Autos wie Mercedes oder Opel überholt. Wir zählten jeden Wagen, an dem er vorbeifuhr.

Der Vater war schon am Vorabend gekommen. Er übernachtete in der Pension, gegenüber der Bushaltestelle Station Erika. An diesem letzten Abend in unserem Kinderheim, hatte uns der Vater zum Abendessen in eine Gaststätte eingeladen. Der Vater sagte, er müsse mit uns feiern, dass er es endlich geschafft hatte, uns aus dem Heim herauszuholen.

An diesem Abend hatte ich zum ersten Mal von der Stiefmutter gehört. Der Vater erzählte, dass sie sehr nett wäre. Ich hatte nicht verstanden, was der Vater damit meinte. Ich verstand nicht, dass wir mit einer Stiefmutter zusammen wohnen würden. Mark und Christian hatten das verstanden. Sie fragten den Vater über die Frau aus. Sie wollten wissen, wo sie herkommt, wie sie heißt und wo er sie kennen gelernt hatte. Ich weiß nicht, was der Vater auf diese Fragen geantwortet hatte.

Am nächsten Tag holte uns der Vater morgens ab. Wir freuten uns, endlich wegzukommen. Ich hatte gedacht, dass ich das Kinderheim nie wieder sehe. Wir verabschiedeten uns von den anderen Kindern. Die beneideten uns, weil wir raus kamen. In der Schule verabschiedete ich mich von niemandem. Obwohl ich wusste, dass wir wegkommen. Aber mir war das nicht so wichtig. Mit den Kindern in der Schule hatte ich nur in der Schule zu tun und nicht in der Freizeit. Ich ging nicht so gerne in die Schule. Dort hatte es genügend Kinder gegeben, die mich geärgert hatten.

Unsere Abfahrt vom Kinderheim war etwas Besonderes. Es kam selten vor, dass Kinder von den Eltern „für immer“ abgeholt worden waren. Viele Kinder standen deshalb draußen um den weißen Käfer herum und verabschiedeten sich von uns. Der Vater fuhr langsam los, wir sahen zurück und winkten.