6. Ruhe

Wir fahren auf eine Autobahnraststätte. Wir gehen in die Raststätte, um etwas zu Mittag zu essen. Herr Neumann hat einen großen schwarzen Geldbeutel. Er bezahlt alles. Das Essen ist sehr gut. Matthias und ich essen Schnitzel. Es ist unser Lieblingsessen. Wir verlassen das Rasthaus. Draußen regnet es stark. Schnell laufen wir zum Wagen. Herr Neumann sagt, dass wir noch ungefähr drei Stunden fahren werden, bis wir im Kinderheim ankommen. Herr Neumann fährt los. Er steuert den Wagen wieder auf die regennasse Autobahn. Schnell zeigt der Tacho wieder Einhundertzwanzig an. Matthias hat jetzt bessere Laune. Sein Blick ist nicht mehr so grimmig, wie er es morgens im Jugendamt und den Vormittag lang im Auto war.

Jetzt stelle ich mir den Vater vor. Im Moment arbeitet er in der Maschinenfabrik. Die Mittagspause ist gerade vorüber. Der Vater steht wieder an der großen, lärmenden Maschine. Von einem Stapel auf einer Palette, neben der Maschine, nimmt er eine dünne Blechplatte. Er schiebt sie unter die Presse. Dann drückt er auf den grünen Knopf. Von oben senkt sich der schwere Arm der Presse herab. Es entsteht ein lautes Zischgeräusch. Durch Pressluftkraft verformt sich das Blech zu einem Teil für eine neue Maschine. Die schwere Presse fährt wieder hinauf. Der Vater drückt den roten Knopf, um die Presse zu sichern. Jetzt zieht er das geformte Blech aus der Maschine. Er hebt es hoch und lässt es auf einen Stapel, bereits fertiger Bleche, fallen. Er nimmt das nächste Blech vom Stapel und schiebt es erneut unter die Presse. Diese Arbeit macht der Vater jeden Tag, ab Viertel nach sieben Uhr morgens. Schon seit über zehn Jahren ist der Vater in der Maschinenfabrik beschäftigt.

Heute Abend wird der Vater wie jeden Tag um halb sechs Uhr, die Fabrik verlassen. Im weißen Käfer fährt er von der Stadt zurück ins Dorf. Den Käfer parkt er hinter dem alten Haus, wie jeden Abend. Außer der Stiefmutter und ihrem Sohn Paul, ist niemand zu Hause. Die Kinder sind alle nicht mehr da. Der Vater wird die Tür hinter dem Haus laut quietschend öffnen, er wird langsam die Holztreppe heraufsteigen.

Das werde ich nicht hören. Ich werde heute nicht am Küchentisch sitzen und bei jedem schweren Schritt des Vaters mehr und mehr Angst davor spüren, dass er gleich vor mir steht.

Am Ende der Holztreppe angelangt, wird der Vater die Küchentür öffnen. Rati unser Dackel wird ihm schwanzwedelnd entgegenspringen. Nur die Stiefmutter sitzt am Küchentisch. Vielleicht sitzt heute Abend auch Paul neben ihr in der Küche. Jetzt, wo wir Kinder weg sind, kommt Paul vielleicht zum Abendessen aus seinem Zimmer herunter.

Seine schwarze Arbeitstasche mit der Brotzeitdose stellt der Vater auf die Anrichte in der Küche. Die Stiefmutter wartet schon mit dem Abendessen. Sie wird dem Vater heute nichts von uns Kindern erzählen. Sie muss über etwas anderes reden. Sie kann nichts von den Kindern sagen, denn sie sind nicht mehr zu Hause.

Heute Abend muss der Vater nicht mehr in unsere schlechten Schulhefte sehen. Heute Abend wird er froh sein, dass er sich nicht darüber ärgern muss. Der Vater wird keine schlechten Noten mehr in unseren Heften sehen müssen. Er wird kein schlechtes Schulzeugnis mehr ansehen müssen. Weil das alles nicht mehr geschieht, braucht sich der Vater über seine Kinder nie mehr zu ärgern. Er kann sich jetzt ein ruhiges Leben machen. Er kann sich heute Abend, nach seiner schweren Arbeit, an den Tisch setzen und in Ruhe essen. Dabei kann er in aller Ruhe in seiner Zeitung lesen, oder er kann das Radio einschalten und zuhören. Heute Abend muss er nicht hören, welche schlimmen Dinge die Stiefmutter von seinen Kindern berichtet. Er kann sich in seinem Stuhl zurücklehnen und eine Bierflasche trinken. Er braucht nicht mehr seinen Gürtel aus der Hose zu lösen und seine Kinder ins Schlafzimmer zu treiben.

Die Stiefmutter wird uns nicht mehr in den Dorfladen zum Zigarettenkaufen schicken. Frau Maier im Dorfladen braucht uns nicht mehr zu helfen. Sie muss nicht mehr so tun, als bemerkte sie nicht, dass wir ihre Stifte und Radiergummis stehlen. Der strenge Dorfschullehrer braucht nicht mehr zu schimpfen. Ich werde nicht mehr ohne Stifte oder Radiergummi in sein Klassenzimmer kommen. Nie mehr werde ich morgens in die Dorfschule kommen und nach der Tabakspfeife vom Vater stinken. Die Dorfschule werde ich nie mehr betreten.

Jetzt, am Nachmittag, muss die Stiefmutter nicht mehr neben dem Küchentisch stehen und zusehen, wie wir Kinder in unsere Schulhefte schmieren. Sie sieht nicht mehr wie wir, statt einer geraden, sauberen Linie, eine zittrige Kurve ins Schulheft malen. Meine Schulhefte liegen nicht in dem kleinen Koffer im Kofferraum. Sie liegen noch zu Hause bei der Stiefmutter. Aber sie braucht sie nicht mehr anzusehen. Das ist jetzt nicht mehr wichtig. Die Hefte sind voll mit meiner krakeligen Kinderschrift. Die kann sie jetzt in den Küchenofen stecken.

Die Stiefmutter kann jetzt etwas anderes machen. Sie braucht sich nicht mehr über unser Geschmiere in unseren Schulheften zu ärgern. Heute Abend muss sie dem Vater nicht mehr die schlimmen Dinge berichten, über die sie sich tagsüber ärgern musste. Wir sind weg. Die Stiefmutter hat jetzt keinen Grund mehr, sich zu ärgern. Sie hat jetzt Ruhe. Vielleicht ist es jetzt so geworden, wie sie es sich gewünscht hatte. Vielleicht kann sie jetzt die Ruhe in dem alten Haus genießen.

Sie muss uns nicht mehr schimpfen, wenn die Treppe nicht sauber geputzt oder das Zimmer nicht ordentlich gefegt ist. Sie muss sich nicht darüber aufregen, dass die Kinder wieder alles falsch und schlecht gemacht haben. Im Haus ist es jetzt ruhig und friedlich. Es herrscht nicht mehr dieses schlimme Durcheinander, welches wir in das Haus der Stiefmutter und des Vaters gebracht hatten. Ich glaube, ab jetzt wird dort alles schön ordentlich und sauber sein.

Auch im Dorf ist es jetzt ruhiger. Auf der Straße, vor unserem Haus hört man kein lautes Kindergeschrei. Unser Versteck in der Scheune bleibt nun leer. Wir sitzen nicht mehr mit gestohlenen Kaugummis und Zigaretten da oben.

Wird das Unkraut in unserem Garten wieder wuchern? Wird der Gehsteig verschmutzen? Dann werden die Nachbarn auf der anderen Straßenseite denken, dass in unserem Haus etwas „nicht ganz sauber“ ist. Ich glaube, deshalb wird das nicht geschehen. Die Stiefmutter und der Vater werden ihr Unkraut jäten. Sie werden ihren Bürgersteig fegen.