6. Alltag

Die Fabrikarbeit interessiert mich am zwölften Arbeitstag überhaupt nicht mehr. Ich arbeite an einer Abfüllmaschine. Die Maschine füllt ein grün gefärbtes Duschbad in lange Plastikflaschen. Der Chef arbeitet wenige Meter entfernt an einer anderen Maschine. Seine Maschine füllt in milchfarbige Glasfläschchen durchsichtiges Parfum das eine Münchner Firma für viel Geld an die Frau und den Mann bringt. Wie jeden Tag stehen die Akkordarbeiterinnen in ihren weißen Kitteln am Ende der Transportbänder. Sie nehmen die befüllten Fläschchen vom Förderband und stecken goldfarbene Plastikstopfen auf die Sprühköpfe. Die Fläschchen verpacken sie in Pappschachteln, die sie auf bereitstehende Paletten stapeln. An meiner Maschine stehen andere Frauen. Sie verschrauben die befüllten Duschbadflaschen. Sie leisten ihre alltägliche Akkordarbeit. Die Frauen arbeiten sehr genau. Schon ein minimaler Fehlgriff hat sehr unangenehme Auswirkungen. Kippt nur eine Flasche auf dem Band um, verschmiert die Flüssigkeit das Förderband und alle anderen Flaschen. Die Produktion muss gestoppt werden, das gesetzte Tagesziel wird unerreichbar. Der Chef arbeitet an der Maschine nebenan. Er sagt nichts aber beobachtet alles.

Mich interessiert das heute nicht mehr. Ich denke weder an Hexerei noch an den Sinn dieser Arbeit. Ich hebe große aber leichte Pappkisten von einem hohen Stapel. Ich schneide sie mit einem scharfen Messer auf, nehme vier längliche Plastikflaschen auf einmal heraus und stelle sie auf das Förderband. Wirft eine Akkordarbeiterin versehentlich eine gefüllte Flasche um, drücke ich sofort den roten Knopf. Das Förderband und die Abfüllmaschine stehen dann still. An diese Arbeit denke ich nicht. Ich tue sie von morgens um halb acht bis nachmittags um fünf Uhr. Ich denke an das Oberlehen in halber Höhe am Obersalzberg. In meinem Kopf sehe ich es unterhalb des neuen Betonpfeilers, der heute für guten Empfang im Tal sorgt.

Am zwölften Fabriktag bin ich endgültig überzeugt, dass ich nicht wegen der monotonen Arbeit im idyllischen Tal zurück gekommen bin. Ich komme nicht, um mir meiner utopischen Vorstellungen über Arbeit und Leben bewusst zu werden. Ich bin hier, um ein winziges Stück meines Lebens am Oberlehen auf dem Obersalzberg, wie ich es vor beinahe zwanzig Jahren erlebt habe, nicht verloren gehen zu lassen. Die Fabrik ist der Vorwand dafür, dass ich mich in diesem Ort aufhalte.

Morgens um fünf Uhr, ich sitze vor meiner alten Schreibmaschine, weiß ich am zwölften Tag, dass es notwendig ist, dass ich zwischen fünf und sechs Uhr morgens aufschreibe, was ich noch zurückholen kann. Ich muss versuchen, die Tageszeit der Klarheit am Morgen zu nutzen, um festzuhalten, was sich in meinem Gedächtnis noch findet. Ich kenne mein Gedächtnis und weiß, dass mir die genaue Erinnerung an lange Vergangenes immer schwerer fällt, je mehr Jahre vergehen. Deshalb bin ich heute hier. Zwanzig Jahre sind vergangen, mehr Zeit soll nicht verstreichen.

Sinn dieser Fabrikarbeit ist es, tagsüber zu arbeiten, um beschäftigt zu sein. So kann ich eine einleuchtende Antwort auf die Frage geben, warum ich an diesem Ort anwesend bin und was ich den Tag lang tue. Werde ich auf der Straße im Ort von alten Bekannten gefragt, was ich in Berchtesgaden tue, so arbeite ich in dieser Fabrik. Tagsüber bin ich mit Arbeit beschäftigt, das verstehen die alten Bekannten. Deshalb bin ich gekommen. Arbeit ist die beste Begründung, denn sie ist ein Muss. Von meinem Schreiben, morgens zwischen fünf und sechs Uhr, erzähle ich keinem meiner alten Bekannten auf der Straße:

„Ich bin zurückgekommen, um zu arbeiten. In der Fabrik, im Industriegebiet Richtung Salzburg, gibt es viel zu tun. Deshalb bin ich hier. Vielleicht werde ich bleiben und mich hier niederlassen.“

Das ist eine sehr gute Erklärung. Damit ernte ich zufriedene Blicke. Meine Sprache verstehen die alten Bekannten im Markt Berchtesgaden. Würde ich erklären, dass ich hier sei, um an das Oberlehen zu denken und alles aufzuschreiben, was mir dazu heute, beinahe zwanzig Jahre später noch einfällt, wäre deren Verwirrung perfekt. Ich würde höchstens ein mitleidiges Lächeln ernten.

Das alte Oberlehen interessiert die fragenden Bekannten auf der Straße nicht. Es ist vergangen, viel zu lange ist alles schon her, um noch irgendjemanden zu interessieren. Und außerdem, so kommt es mir heute Morgen, ich verlasse gerade das Haus an der Hochsteinstraße und laufe die steil abfallende Pflastersteinstraße langsam hinunter, es ist ja nur meine Vergangenheit. Warum sollte jemand in dem Ort verstehen, dass ich deshalb zurück komme?

Von der steilen Hochsteinstraße aus, sehe ich leuchtenden Schnee auf dem fernen Gipfel des Watzmanns. Zwei kleine Schäfchenwolken treiben sich in der Nähe des Gipfels herum. Ein sommerlicher, klarer Julitag in Berchtesgaden steht bevor. Ich sehe noch einmal hinauf zum Watzmann, bevor ich die Kehre unten, an der Hochsteinstraße zur Nonnenstraße erreiche. Dort drossele ich meinen Schritt, um Autos mit Berchtesgadener Nummernschildern vorbeifahren zu lassen. Ich warte einige Minuten, denn eine lange Autoschlange fährt morgens, um kurz vor sieben Uhr, auf der engen Straße durch das Nonntal. Nach einem roten Kleinwagen und vor einer, vom Rathaus herannahenden weißen Limousine laufe ich schnell über die Straße. Heute ist es ein schneller Stechschritt, in dem ich dem gelben Finanzamt entgegen strebe.

In diesem Tal, so denke ich während ich schneller und schneller werde, ist es nicht besonders sinnvoll, die Fragen der Bekannten nach dem Grund meiner Rückkehr mit dem Satz: „Ich beschäftige mich mit meiner Vergangenheit in diesem Ort“, zu beantworten. Viel wichtiger ist es, auf die Fragen alter Bekannter zu antworten, dass ich mich mit den Dingen der Gegenwart, wie der täglichen Fabrikarbeit, beschäftige. Arbeit brauche ich täglich, um zu leben. Wegen meines schnellen Stechschrittes und wegen meiner Gedanken, laufe ich auf dem Gehsteig Richtung Finanzamt einfach weiter. Ich frage mich gerade: Warum will ich an meine Vergangenheit denken und nicht an das tägliche Geld und Brot, das ich brauche? Da erkenne ich den lächelnden Chef am Steuer des Wagens neben mir. Ich verliere den Gedanken und steige zu.

Das gelbe Finanzamt fliegt rechts an mir vorbei. Der Tacho zeigt schnell fünfzig Kilometer an. Im Altenheim gegenüber dem Finanzamt sind die Vorhänge alle schon zugezogen. Ich glaube Tätigkeiten, die als Begründung für meine Anwesenheit in diesem Ort dienen, müssen einfach gegenwartsbezogen sein, um bei den alten Bekannten aus meiner Schulklasse und auch beim Chef auf Verständnis zu stoßen.

Ich lehne mich neben dem Chef ins Leder. Der Wagen rollt den Nonntalberg hinunter. Unten an der Kreuzung, gegenüber der schnell fließenden Arche, biegt der Wagen schwungvoll nach links Richtung Salzburg ab. Die Sonne geht gerade ganz hinten in dem langen, engen Tal über Markt Schellenberg auf. Ich denke kurz daran mit dem Chef über mein Thema zu sprechen. Das tue ich nicht.

Wir sprechen über das wunderbare Wetter. Minuten später, der Chef setzt den Blinker nach links und überquert die Arche hinüber zum Industriegebiet, ist es mir unangenehm überhaupt daran gedacht zu haben, den Chef in meine Art zu Denken, in mein Thema, in mein Projekt, über meine Vergangenheit am Oberlehen zu schreiben, einzuweihen. Für den Chef, so erlebe ich es täglich, ist das wichtigste im Leben die tägliche Arbeit. Die tägliche Gegenwart ist es, so denke ich, während ich dessen Firma betrete, die den Chef in erster Linie interessiert. Nur dessen tägliche Arbeit in der Gegenwart bringt den Chef soweit, zu produzieren und Mitarbeiter in Geld und Brot zu bringen.

Die tägliche Gegenwart kann ich gegenüber dem Chef jederzeit ansprechen. In sie lohnt es, Arbeitszeit und Kraft zu investieren. Was ich täglich zwischen fünf und sechs Uhr morgens tue, hat, gemessen an den Maßstäben der täglichen Arbeit in der Firma des Chefs, keinen Wert. Das erkenne ich heute Morgen, während ich in der engen, stinkenden Umkleidekabine ein frisches T-Shirt über ziehe. Weil der Chef sein Leben und das anderer Menschen an der täglichen Arbeit misst, kann ich mein Thema unmöglich mit ihm besprechen.

Ich arbeite in der Hitze im ersten Stock an einer lärmenden Abfüllmaschine und denke, dass mein Thema unproduktiv ist, denn es ist lange vergangen und spielt deshalb heute für niemanden eine Rolle, außer für mich.