5. Ausflug

Am Morgen des zehnten Arbeitstages sitze ich schon um fünf Uhr am Frühstückstisch. Das tue ich, weil ich glaube, dass es die Stunde ist, in der ich am klarsten denken kann. Ich bin zwar noch sehr müde, aber ich bin noch nicht aufgearbeitet vom monotonen Fabriktag.

Ich will mich auf ein Experiment einlassen, denn ich bin überzeugt, dass ich gefunden habe, was mich hierher zurückgeführt hat. Etwas von meinem Leben, das vor Jahren an diesem Berg geschehen war, soll durch meinen Kopf wandern. Diesen Teil meines Lebens hält mein Kopf tief unten verborgen. Das soll jetzt ausgegraben werden. Es muss jetzt geschehen, bevor die Jahre meine Erinnerung mit neuen Erlebnissen derart überlagern, dass es mir unmöglich wird, die Erinnerungen festzuhalten.

Was verbindet mich mit diesem Berg und diesen Ort? Ich stamme nicht aus dieser Gegend, ich bin nicht einmal ein Bayer. Trotzdem verbringe ich viele Jahre hier im Ort und auf diesem Berg. Es ist in den siebziger Jahren. Ich bin Zwangsgast in den zwei Häusern, am Oberlehen, oben auf dem Obersalzberg. Dort verbringe ich meine Kindheit. Auf unbestimmte Zeit lebe ich dort. Vielleicht bleibe ich bis zu meiner Volljährigkeit, so sagt es mir die alte Heimleiterin.

Das Kinderheim am Oberlehen liegt etwa auf halber Höhe des Berges. Es besteht aus zwei alten Häusern und einen sauber gerechten Hof mit einer riesigen Eiche. Hinter dem Oberlehen gibt es steile Hänge und Wiesen, und oben den Wald, unseren riesigen Spielplatz. Das Oberlehen besteht aus zwei einstöckigen Gebäuden, dem Haupthaus und dem Nebenhaus. Große Teile meiner Kindheit lebe ich in diesen beiden Häusern. Heute gibt es die beiden alten Häuser nicht mehr. Stattdessen stehen dort zwei Neubauten.

Ich erreiche das neue Oberlehen über die steile Bergstraße. An der Station Erika lenke ich den Wagen nach rechts und fahre über die kleine Brücke, unter der die Rodelbahn hindurch führt. Ich erkenne die Gegend, doch alles sieht verändert aus. Nicht nur die Straße ist neu geteert, auch die wenigen alten Häuser am Straßenrand muss ich aufmerksamen Blickes suchen. Die Pension finde ich versteckt zwischen vielen Neubauten.

Die graue Mauer am Straßenrand ist noch da. Immer noch hält sie den Berg davon ab, auf die Straße zu stürzen. Am Ende der Mauer biege ich links ab. Jetzt sehe ich die beiden neuen Häuser, das neue Oberlehen. Ich fahre nicht bis vor das erste Haus. Den Wagen wende ich in einiger Entfernung der beiden Gebäude.

In diesem Moment verspüre ich Lust, den Wagen direkt auf dem Vorplatz am ersten Haus abzustellen, tue es aber nicht. Ich erinnere mich an mein Spiel vor etwa zwanzig Jahren auf diesem Vorplatz, vor dem alten Haupthaus. Dort hatte der Buchhalter seinen weißen Porsche und der Heimleiter seinen grünen Opel Rekord geparkt. Damals hatte ich sehr oft auf diesem Vorplatz zwischen deren Autos gespielt.

Ich bin elf oder zwölf Jahre alt. Ich sitze in einem roten Kettcar. In meiner Phantasie ist das Kettcar ein echtes Auto. Mit meinem Phantasieauto fahre ich vor meinem Kinderheim vor. Ich fahre rasant, mit laut brummendem Auspuff. Ich fahre, wie es der Buchhalter Birner, er ist Stellvertreter des Heimleiters, jeden Morgen tut. Meinen Sportwagen, das Kettcar, parke ich zwischen den Wagen des Heimleiters Helling und den des Buchhalters Birner. In meinem Phantasiespiel komme ich als Besucher in das Oberlehen. Ich wohne nicht dort, sondern ich reise aus der Stadt hinauf in das Kinderheim am Obersalzberg. Dort besuche ich meinen Sohn. Das ist selbstverständlich. Ich komme am Wochenende und in den Ferien, um meinen Sohn zu sehen.

In meinem Spiel tue ich das sehr oft, mindestens wöchentlich. Es ist selbstverständlich, dass ich meinen Sohn da oben wöchentlich besuche, denn damals weiß ich, dass er „für immer“ dort leben soll, weil er bei mir nicht mehr leben kann. Ich besuche ihn, um zu erfahren, wie es ihm geht, um sicherzustellen, dass es ihm gut geht. Wenn ich sehe, dass es ihm schlecht geht, spreche ich mit dem Leiter und dem Buchhalter darüber. Helling und Birner haben mir in meinem Phantasiespiel nichts zu befehlen, denn ich bin erwachsen. Deshalb grüße ich die beiden nur beiläufig. Ich sage: „Grüß Gott, die Herren!“

Dann betrete ich das Haupthaus, gehe hinauf in das Zimmer meines Sohnes. Der freut sich und lacht, weil ich schon wieder zu Besuch komme. Er zieht seine Jacke über, wir beide gehen die Treppe hinunter und verlassen das Haus. Wir steigen in mein Phantasieauto. Den Wagen wende ich schwungvoll und laut dröhnend. So, wie Birner es jeden Tag mit seinem Porsche tut, donnere ich in meinem Phantasiespiel im Kettcar, zusammen mit meinem Sohn, die abfallende Bergstraße hinunter. Mit meinem Sohn unternehme ich einen Ausflug in den Markt Berchtesgaden, anschließend gehen wir zusammen in die Berge.

In Berchtesgaden scheint es mir stets wichtig, zunächst genau zu suchen, ob nicht am Rand eines Grundstücks der Hinweis auf ein Privatgelände steht, der das Betreten verbietet. Ich bleibe deshalb im Wagen vor dem neuen Oberlehen sitzen. Durch die Windschutzscheibe sehe ich den Vorplatz meines ehemaligen Zuhauses. Ich suche ein Verbotsschild und finde keines. Deshalb steige ich aus. Ich gehe langsam einige Schritte, nähere mich dem Vorplatz am neuen Oberlehen. Auf dem geteerten Platz bleibe ich stehen. Ich betrachte die beiden neuen Häuser und die Wiesen hinter ihnen.

Der steile Hang hinter den beiden Häusern sieht nahezu unverändert aus. Es ist die Wiese, auf der wir täglich gespielt haben und im Winter Schlitten fuhren. Sie ist noch nicht mit neuen Häusern verbaut. Die beiden neuen Häuser interessieren mich nicht, denn es sind nicht mehr die, in denen wir Kinder gelebt hatten. Deshalb liegt mein Blick nur kurz bei ihnen. Sie sind modern und hässlich. Moderne, bayerische Rustikalität. Es ist die Bauweise der neunziger Jahre in Berchtesgaden. Das neue Haupthaus wirkt verschachtelt, vielleicht um keine Langeweile beim Anblick entstehen zu lassen. Die Fensterrahmen sind aus Aluminium.

Am Hang, hinter dem Haupthaus, steht die Holzhütte, in der die Ponys des Heimleiters standen. Sie wurde offenbar neu errichtet, steht an der selben Stelle auf der Wiese wie damals. Jetzt gehe ich einige Schritte in die Wiese. Ich halte an der Stelle, wo wir früher im Sandkasten gespielt haben. Von hier aus sehe ich, oberhalb auf der Wiese, die kleine Bretterhütte. Es ist der gleiche Bretterverschlag, der uns vor zwanzig Jahren als Ranch der Cowboys gedient hatte. Damals wurde der Verschlag regelmäßig von den Indianern überfallen. Das Gehege an dem steilen Hang, in dem der Heimleiter Rehe gehalten hatte, ist verschwunden. Beide Häuser beherbergen heute Berchtesgadener Familien. Ein Fenster öffnet sich. Eine Frau lehnt sich heraus. Sie ruft:
„Wos woins denn hier?“
Weil ich nicht recht weiß, was ich will, fällt mir nur der schöne Ausblick ein. Es ist die herrliche Sicht hinüber zum Untersberg, die ich aus meiner Kindheit kenne. Deshalb sage ich:
„Eigentlich gar nichts, es ist nur der wunderschöne Ausblick von hier oben!“
Mit meiner Antwort ist die Frau nicht zufrieden. Sie ignoriert sie einfach und fragt:
„Wen suachans denn?“
Ich verstehe, dass die Frau nicht versteht, dass ich nur den Ausblick genieße. Deshalb antworte ich:
„Ich suche niemanden, ich hab mich verfahren. Ich finde schon wieder runter nach Berchtesgaden. Danke schön, auf Wiedersehen!“

Weil ich einer fremden Frau nicht erklären möchte, dass ich mein ehemaliges zu Hause suche, laufe ich schnell die wenigen Schritte zurück zum Wagen. Ich steige ein, starte den Motor und rolle langsam an den Neubausiedlungen vorbei bis zur steilen Straße, die mich hinunter in den Markt führt.

Am nächsten Morgen sitze ich um fünf Uhr auf dem Stuhl vor meiner alten Schreibmaschine. Ich tippe meinen Besuch beim neuen Oberlehen. Die Erinnerung an das alte Oberlehen fällt mir dabei schwer. Ich hatte gehofft durch meinen Besuch am neuen Oberlehen, meine Erinnerung an mein Leben im alten Oberlehen zu beflügeln. Deshalb war ich abends, nach dem elften Arbeitstag, ungeachtet meiner Müdigkeit, der steilen Straße hinauf auf den Obersalzberg gefolgt. Auf die bayerische Frau, die das neue Aluminiumfenster geöffnet hat, war ich nicht vorbereitet. Jetzt denke ich, dass es nur verständlich war, dass ich diese Frau dort traf. Sie sei die Besitzerin, hatte sie noch gerufen, als ich in den Wagen stieg. Und dass das Betreten der Wiese verboten sei, weil es Privatgelände wäre.

Was habe ich anderes erwartet in Berchtesgaden? Hoffe ich, die Kinder wieder zu treffen, mit denen ich da oben gelebt habe? Da hätte ich zwanzig Jahre früher kommen müssen. Mit einer bayerischen Hausbesitzerin in einem Aluminiumfensterrahmen habe ich nicht gerechnet. Ganz schön naiv.