4. Mark und Christian

Die Tachonadel steht jetzt bei Achtzig. Draußen sehe ich eine Baustelle, der Verkehr läuft nur auf einer Spur. Wir fahren an dampfenden Teermaschinen vorbei. Ich sehe Bauarbeiter in gelben Jacken mit Schaufeln in der Hand.

Auch Mark ist gerade beim Arbeiten. Er steht auf einer Baustelle, irgendwo in einer Stadt oder in einem Dorf. Ich stelle ihn mir oben auf einem neuen Hochhaus vor. Ich sehe ihn auf einem hohen Baugerüst. In seiner Hand hält er eine Maurerkelle. Mit ihr fährt er in den dreckigen, schwarzen Eimer. Er klatscht den nassen, grauen Putz an die Wand. Mit der Spachtel streicht er darüber. Die Wand muss glatt werden. Er klettert das Gerüst hinunter. Seine blaue Arbeitshose ist verspritzt mit grauem Mörtel. Unten hebt er einen schweren Betonsack von einem Stapel auf einer Palette. Er schleppt ihn auf dem Rücken zur Betonmischmaschine. Dort wirft er ihn zu Boden. Er reißt ihn auf. Das graue Pulver schaufelt er in die Maschine. Diese Arbeit macht Mark heute schon seit sieben Uhr.

Leider arbeitet er nicht in einer Reparaturwerkstatt für elektrische Geräte. Er studiert keinen Schaltplan für Fernsehgeräte oder Radios, so wie er es früher in seinem Zimmer im Kinderheim stundenlang getan hatte. Er hat keinen Lötkolben in der Hand, um defekte Bauteile von einer Platine zu lösen und durch neue zu ersetzen. Er hantiert nicht mit einem Messgerät und fahndet nach einem Fehler, den er in einem Kassettenrecorder vermutet. Ich glaube, ihm fehlt die Kraft und der Mut, nach allem, was beim Vater gewesen war, sich einfach eine Ausbildungsstelle in diesem Bereich zu suchen.

Der Vater hatte gelogen. Mark war nicht ins Erziehungsheim gekommen. Vielleicht hatte der Vater auch vorher schon oft gelogen. Vielleicht hätte Mark auch bei einer Lehrstelle im Elektronikbereich genügend Geld verdient, um seine Miete und das Mofa bezahlen zu können.

Hoffentlich hat Mark gleich eine Mittagspause. Nein, das ist noch zu früh, es ist erst halb zwölf Uhr.

Die Tachonadel zeigt jetzt wieder Einhundertzwanzig. Die Autobahnbaustelle ist vorüber. Draußen fällt Nieselregen. Herr Neumann schaltet den Scheibenwischer ein. In den Gischtwolken, draußen vor der Windschutzscheibe, sehe ich ein Meer aus roten Rückleuchten von den Autos, die uns überholen. Die Autobahn ist voll. Auch auf der Gegenfahrbahn ist viel Verkehr. Tausende Lampen fliegen zurück in die Richtung, aus der wir kommen. Die Lichter spiegeln sich im Regen. Sie spielen in den dichten Gischtwolken, welche die Autos aufwerfen. Sie tanzen und reflektieren auf der glänzenden Fahrbahn.

Jetzt stelle ich mir Christian vor. Er sitzt gerade in der Schule. Vielleicht sitzt er auf seinem Stuhl, hinten in der letzten Reihe und hört dem Lehrer zu. Vielleicht passt er heute genau auf, weil er wissen möchte, was in der nächsten Probe abgefragt wird. Oder er ist heute Vormittag noch sehr müde, weil er gestern sehr spät ins Bett gegangen ist. Dann sitzt er jetzt in der Schulbank und versucht, nicht einzuschlafen. Um ein Uhr mittags hat er Unterrichtsschluss. Er kann nach Hause fahren in sein Heim. Er bewohnt ein Zimmer, in demselben Heim wie Mark.

Er war einige Tage nachdem ich zur Oma geflohen war, auch vor dem Vater aus dem Dorf geflüchtet. Christian lief zum Jugendamt in der Stadt, dort hatte er sich nach Mark und mir erkundigt. Weil Christian nur noch ein Schuljahr vor sich hat, hatte das Jugendamt ihn in dasselbe Heim geschickt wie Mark.

Ob er sich selbst sein Mittagessen kocht? Oder gibt es für alle Jugendlichen ein Mittagessen in seinem Heim? Ich weiß es nicht. Vielleicht sitzt Christian jetzt gar nicht in der Schule. Vielleicht war er heute Morgen noch zu müde gewesen und blieb einfach in seinem Bett liegen. In der Schule wird er dem Lehrer Morgen sagen, dass er heute krank gewesen sei. Ob er so etwas machen kann, in seinem neuen Heim?